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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 332
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Siebentes Kapitel

Die Kultur im XIV. Jahrhundert. Das klassische Heidentum wird in den Prozeß der Bildung aufgenommen. Dante und Virgil. Petrarca und Cicero. Florenz und Rom.

Das XIV. Jahrhundert zersetzte das Mittelalter und erschütterte dessen Institute in ihrer einseitigen dogmatischen Gestalt, die alte Kirche, das alte Reich, die Feudalmonarchie, die Kommunalpolitie, die Schulmethode der Wissenschaft. Der Mensch trat als Persönlichkeit aus den Banden der Kaste, der Partei und des scholastischen Denksystems. Er zerriß auch die mystischen Schleier des Glaubens. Die Mächte, denen er sich bisher mit blinder Pietät unterworfen hatte, betrachtete er jetzt mit nüchternem und kritischem Blick. Er untersuchte ihre Gründe und ihre Geschichte; er zog sie von ihren mythischen Sphären in das menschliche Verhältnis herab und beurteilte sie nach geschichtlichem Maße. Das XIV. Jahrhundert profanisierte die mittelalterlichen Autoritäten des Kaisers wie des Papsts. Indem sich der Mensch von dem Jenseitigen abwendete, schritt er kühn in die Vergangenheit zurück, um mit dem klassischen Ideal das Christentum zu ergänzen, welches ihn nur für den Himmel hatte erziehen wollen. Er begann die Helden, die Dichter und die Philosophen des heidnischen Altertums mit derselben schwärmerischen Andacht zu verehren, mit der er früher die Märtyrer, die Apostel und die Kirchenväter verehrt hatte. Er entdeckte die verschüttete Kultur von Hellas und Rom wieder, stellte den unterbrochenen Zusammenhang mit der antiken Welt wieder her und nahm den heidnischen Geist vorurteilslos in seine Bildung auf. Die »Wiedergeburt« der klassischen Wissenschaften und Künste begann im XIV. Jahrhundert. Nachdem sich das XIII. mit Enthusiasmus für das römische Recht erfüllt und dessen Kenntnis erschöpft hatte, wandte sich jenes mit gleicher Begeisterung der schönen und philosophischen Literatur der Alten zu. Es zog deren Schätze hervor, worauf das XV. Jahrhundert sie mit erstaunlicher Schnelligkeit verbreitete und aus ihnen neue Schöpfungen entstehen ließ. Die Wiedereinsetzung des Altertums in seine Rechte als dauernde Bildungsmacht, nachdem die Menschheit ihre Erziehung durch die Kirche vollendet hatte, ist der stärkste Beweis für die Unzerstörlichkeit jeder wahren Kultur, aber auch für die Schranken des menschlichen Geistes überhaupt; denn die Menge der Ideen, mit welchen derselbe arbeitet, ist so wunderbar einfach an Zahl und Inhalt wie die Menge der Kräfte in der Natur. Neues wird nur geschaffen durch Verbindung solcher Kräfte überhaupt.

Die Vereinigung zweier durch das Prinzip der Religion feindlich getrennten Kulturen konnte naturgemäß nur das Werk der Italiener sein. Der im XIV. Jahrhundert bei ihnen entstehende Gedanke von der Einheit der menschlichen Zivilisation entsprach dem Begriff von der Einheit des Menschengeschlechts, welcher sich in Kirche und Reich dargestellt hatte, und dies waren lateinische Schöpfungen. Der Weltstreit von Kirche und Reich, von Guelfentum und Ghibellinentum ward daher in der neutralen Kulturreform durch den italienischen Geist aufgelöst. Diesen merkwürdigen Prozeß hat Dante begonnen. Der christliche Dichter schritt andachtsvoll neben dem heidnischen Virgil durch die Geisterwelt. Ihre Gestalten werden sie ewig durchschreiten, wenn man sie als typische Charaktere der beiden Weltkulturen gelten läßt. Aber der klassische Virgil gelangt nicht ans Ende der Danteschen Geisterbahn; er bleibt zurück; der christliche Mensch hat einen weiteren Kreis vor dem antiken voraus.

Es kam bald die Zeit, wo diese tiefsinnige Anschauung Dantes nicht mehr begriffen wurde. Denn nachdem die göttliche Komödie, das Original-Monument der mittelalterlichen Welt, welches auf deren Grenzen errichtet ward, geschaffen war, erschienen diejenigen, welche sich mit einseitiger Leidenschaft in das antike Heidentum versenkten. Nach Dante kam Petrarca, durch die Höhe, auf welcher er stand, ganz einsam in seinem Zeitalter wie jener und daher in ihm überall sichtbar; in der Sphäre seiner Tätigkeit ein Columbus, wie man ihn passend genannt hat, weil der Wiedererwecker der klassischen Wissenschaft, welche Dante erst mit dem Blicke des Propheten geahnt hatte. Petrarca, das Genie und der Repräsentant des Kulturprozesses seines Jahrhunderts, hat der ganzen humanistischen Epoche die Richtung gegeben. Er riß eine tiefere Bresche in das Mittelalter, als sich mit Worten sagen läßt. Sein klassischer Gefährte war Cicero, wie Virgil der des Dante gewesen war, und dies Verhältnis drückt schon die Breite enzyklopädischer und prosaischer Wissenschaft aus, worin sich der menschliche Geist auszudehnen begann.

Seit Petrarca griff die Begeisterung für klassische Studien mit einer Gewalt um sich, die uns heute rätselhaft erscheint. Man darf den nationalen Trieb dabei nicht übersehen. Die Einheit und Nationalunabhängigkeit Italiens gab sich in dieser Wiedergeburt des Altertums Ausdruck, und dadurch errang die italienische Nation die geistige Hegemonie im Abendlande wieder. Europa hat Italien seine moderne Bildung zu verdanken, denn aus dieser Werkstätte der Kultur strahlte zwei Jahrhunderte lang das belebende und schöpferische Licht in das Abendland aus.

Neben Petrarca glänzten mit minderem, zum Teil von ihm erborgten Schein im XIV. und XV. Jahrhundert Boccaccio, Coluccio Salutato, Lionardo Bruni, Poggio Bracciolini. Sie leiteten die Ideen des großen Begründers des Humanismus in weiteren Kreisen des nationalen Lebens fort. Die hohen Verdienste dieser wie anderer Entdecker, Sammler, Übersetzer und Lehrer klassischer Literatur kennt jeder, der nur einen Blick in die Geschichte der modernen Wissenschaften geworfen hat. Hier haben wir nur von dem Verhältnis zu reden, welches im XIV. Jahrhundert Rom zu diesem Prozeß geistiger Wiedergeburt hatte.

Das passive und unschöpferische Wesen blieb die Eigenheit der Stadt zu jeder Zeit. Die große Schöpfung Roms waren die zwei zentralen Weltformen, das Reich und die Kirche; aber an der Erzeugung lebendigen Geistes hat sich die Stadt nicht beteiligen können. Die moderne Bildung fand ihren Mittelpunkt in Florenz, welches seit dem XIV. Jahrhundert im Abendlande die Stelle Athens einzunehmen begann. Seine Bedeutung für die Menschheit in jenen Zeiten ist die der ersten Werkstätte des modernen Geistes überhaupt. Diese Befähigung zur Hegemonie in diesem Sinne entsprang aus dem Zusammentreffen günstiger Bedingungen: guelfisch-republikanischer Freiheitssinn, welcher die Tyrannis nicht so bald aufkommen ließ wie Mailand; Freiheit vom Druck prinzipieller Weltmächte gleich dem Papsttum und dem Kaisertum; arbeitsamer und neuerungssüchtiger Bürgersinn, welcher die Stände ausglich und ein immer wechselndes Staatsleben kunstvoll erzeugte; ein moderner, von den Monumenten des Altertums nicht belasteter Boden; keine maritime Lage der Art, wie sie Genua, Pisa und Venedig in Handelszwecken aufgehen ließ; endlich ein geistreiches, forschendes, versuchendes Wesen in einem reinen und melodischen Sprachelement. Seit dem XIV. Jahrhundert war Florenz der italienische Musterstaat. Wir sahen, daß selbst Rom von dort politische Einrichtungen entlieh. Während nun diese toskanische Stadt der Inbegriff alles werdenden Lebens war, stand Rom als das ehrwürdige Monument der klassischen Welt da und hielt den Italienern fortdauernd deren Ruinen als Urkunden des großen Altertums entgegen. Im XIV. Jahrhundert wurde Rom zum Gegenstande philosophischer und geschichtlicher Betrachtung ganz neuer Art. Auch hier hat Dante den ersten Blick darauf geworfen und eine solche Anschauung begründet; denn für ihn war Rom auch in Ruinen der Weltspiegel, der ewige Mittelpunkt der allgemeinen Monarchie und die Geschichte dieser heiligen Stadt ein göttlicher Prozeß von ihrer Gründung an. Deshalb sagte er, daß ihm jeder Stein in den Mauern Aurelians und der Boden, worauf Rom stand, über alles Menschenwort ehrwürdig sei.

Wenn sodann Petrarca den römischen Boden heilig nannte, weil er vom Blut der Märtyrer durchdrungen sei, so betonte er dies nur da, wo es galt, den Papst an die Rückkehr zu mahnen; aber im Grunde betrachtete auch er die Stadt aus dem Gesichtspunkte Dantes. Der Weltruhm des Kapitols bewog ihn, hier den Dichterlorbeer zu nehmen, und dann erst legte er ihn auf den Altar des Apostels nieder. So blieben Kapitol und St. Peter, der Cäsar und der Papst immer die beiden Pole der Weltmonarchie und Weltkultur. Wenn aber die Stadt im Mittelalter wesentlich das Ziel für die fromme Pilgersehnsucht der Christen gewesen war, so zog die Menschen jetzt mit immer größerer Kraft der historische und wissenschaftliche Trieb nach Rom. Wir haben über die Anziehungskraft der Stadt auch Bekenntnisse von schismatischen Griechen aus dem Ende desselben Jahrhunderts. Ein byzantinischer Sophist hatte sie besucht und seinem Kaiser mit Begeisterung geschrieben, daß »Rom nicht ein Stück Erde, sondern ein Stück des Himmels sei«. Manuel Chrysoloras, der erste Lehrer griechischer Literatur in Italien, bestätigte die Wahrheit dieses Ausdrucks in einem Brief an den Kaiser Johannes, welcher eine merkwürdige Vergleichung Roms mit Byzanz enthält. Er pries die römische Ruinenstadt als das Herrlichste auf der Welt. Er fand in ihr ein Kompendium des ganzen lateinischen und griechischen Altertums; er betrachtete die Trümmer als Philosoph und Geschichtsforscher; er las in ihnen die Macht, die Majestät, die Kunst, die Großartigkeit der alten Welt und urteilte, daß man aus der Anschauung der plastischen Werke, welche Rom noch bewahrte, Religion, Sitten und Gebräuche in Krieg und Frieden von der Mythe bis zur Kaisergeschichte herab begreifen könne. Wie Petrarca, so richtete auch Chrysoloras seine vollste Aufmerksamkeit auf das antike Rom; und dann erst wandte er sich zu der christlichen Stadt mit ihren zahllosen, zum Teil aus alten Tempeln entstandenen Kirchen, zu denen noch immer die Menschheit aus dem ganzen ehemaligen Römerreich wallfahre.

Überall sehen wir demnach, wie in der Anschauung der Menschen das antike Rom vor dem christlichen den Vorrang gewinnt. Die kirchliche Betrachtung mußte überhaupt während des Exils und Schismas der Päpste sinken und in demselben Maße die antikweltliche hervortreten. Aus allen diesen Ideen sahen wir Cola di Rienzo hervorgehen, den Totenbeschwörer des politischen Altertums, dessen Fall endlich ein Dogma des Mittelalters von Rom selbst zerstörte. Denn sein Wahn löste sich in die Wahrheit auf: daß nur die Ideen ewig sind, welche an der Menschheit geistig weiterbilden, daß aber die geschichtliche Form, wenn sie einmal in Ruinen ging, für immer gefallen ist. Die modernden Pergamente der Alten, worauf Homer, Platon und Cicero ihre Geister eingedrückt hatten, belebten sich unter einem moralischen Prozeß wieder, aber aus den kolossalen Monumenten, worauf die Römer ihre Namen und Taten eingemeißelt hatten, kamen weder Brutus noch Fabius, noch Caesar und Trajan mehr hervor. Das Problem der Wiederbelebung des Altertums wurde jetzt in derselben Stadt Florenz gelöst, welche sich mit ruhiger Erkenntnis von Cola di Rienzo abgewendet und seinem phantastischen Tun den Untergang vorausgesagt hatte. Aus den Verhältnissen Roms endlich ist es klar geworden, warum diese Stadt selbst passiv für jene geistige Reform blieb. Aber die neue Kultur, welche in Florenz zubereitet ward, hielt endlich im XV. Jahrhundert in Rom ihren Einzug, wie im Altertum die Bildung Athens hier eingezogen war. Humanistische Päpste bestiegen den Heiligen Stuhl; sie schufen ein zweites augusteisches Zeitalter, machten Rom wieder zur Schatzkammer der Wissenschaft und Kunst, vereinigten hier unter dem Schutz ihrer über die Welt sich erstreckenden Autorität die moderne Kultur und gaben ihr eine große römische Form.

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