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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 331
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Zustände in Rom. Isolani und die Neapolitaner. Braccio wird Signor von Perugia und andern Städten des Kirchenstaats. Fall des Paul Orsini. Braccio siebzig Tage lang Herr von Rom 1417. Sforza vertreibt ihn. Martin und Johanna II. Schluß des Konzils in Konstanz. Hus. Martin V. geht nach Italien. Ende des Balthasar Cossa. Vertrag Martins mit Johanna II. Vertrag mit Braccio. Bologna unterwirft sich der Kirche. Martin V. zieht in Rom ein am 29. September 1420.

Während so wichtige Ereignisse im fernen Konstanz vor sich gingen, blieb Rom in Verlassenheit, nur Gegenstand für die Herrschbegier aller derer, die sich dort mit dem Schwert geltend machen konnten. Das Kollegium der Kardinäle regierte vom Konzil aus die Stadt und den Kirchenstaat in unvollkommenster Weise, während Jakob Isolani noch von Johann XXIII. her geistlicher und weltlicher Vikar in Rom war und blieb. Derselbe machte am 6. Oktober 1415 Riccardo Alidosi von Imola zum Senator. Noch behauptete sich die Engelsburg für die Königin Johanna, und die Römer, welche am 3. August Ponte Molle erobert hatten, vermochten nicht, jenes Kastell zu bezwingen. Es gab eine neapolitanische Partei in der Stadt, woraus Unruhen und politische Prozesse genug entstanden. Am 7. Oktober ward einer der angesehensten Bürger, Lello Capocci, hingerichtet. In jener Zeit vermählte sich Johanna mit Jakob Bourbon, Grafen der Mark, vom königlichen Hause Frankreich. Dieser Fürst riß alsbald die Staatsgewalt an sich, entfernte seine Gemahlin vom Regiment, warf ihren bisherigen Beschützer Sforza ins Gefängnis, befreite daraus Paul Orsini und schickte ihn im November nach Rom, um hier den neapolitanischen Einfluß herzustellen.

Isolani war zum Widerstand zu schwach. Man schloß eine Übereinkunft, wonach die Belagerung der Engelsburg aufgehoben ward. Das Kastell fuhr fort, der Stützpunkt der neapolitanischen Macht in Rom zu sein, wo sich demnach zwei Autoritäten nebeneinander behaupteten. So blieben die Dinge unentschieden, bis ein dritter Prätendent vor den Mauern erschien. Dies war ein kühner Bandengeneral, Braccio, bisher Kapitän im Dienste Johanns XXIII. und schon damals neben Sforza der erste Kriegsmann seiner Zeit. Er trug den wohlverdienten Zunamen Fortebraccio, das heißt »Starkarm«, wie einst der Normanne Wilhelm »Eisenarm« genannt wurde. Er war Graf von Montone, seiner väterlichen Burg bei Perugia, hatte zuerst unter Barbiano gedient, im Kriegszuge gegen Rom und Neapel unter dem Anjou sich ausgezeichnet, dann seine Vaterstadt Perugia, von wo er verbannt worden war, mehrmals bedrängt und sich in Cesena und vor Bologna durch Waffentaten hervorgetan. Bologna hatte sich infolge der Absetzung Johanns XXIII. am 5. Januar 1416 wieder als freie Republik erklärt. Braccio, welcher als päpstlicher Soldkapitän in der Nähe stand, hatte einen Vergleich mit dieser Stadt geschlossen, wonach er mit seinen Truppen abzog, um anderswo sein Glück zu suchen. Er suchte sich jetzt Perugias zu bemächtigen. Diese Stadt rief Karl Malatesta von Rimini und Paul Orsini zur Hilfe. Aber jener wurde aufs Haupt geschlagen und sogar gefangen, worauf der Sieger am 19. Juli seinen Einzug in Perugia hielt und dessen Signorie übernahm. Nun zog Paul heran. Ihn erschlugen die Unterfeldherren Braccios, Tartaglia di Lavello und Lodovico Colonna bei Colle Fiorito am 5. August; und so fiel durch den Degen eines Colonna dieser berühmte Orsini, welcher viele Jahre lang in den Geschichten Roms so bedeutend aufgetreten war.

Nach solchen Siegen öffnete sich dem kühnen Braccio eine glänzende Laufbahn. Orvieto, Todi und Rieti nahmen ihn als Gebieter auf, und der Plan, Rom zu erobern, konnte ihm nicht mehr zu großartig erscheinen. Die grenzenlose Zerrüttung Italiens ermunterte die Bandengenerale, aus ihr Vorteil zu ziehen. Nachdem fremde Freibeuter es versucht hatten, sich Staaten zu gründen, setzten dies Unternehmen italienische Condottieri mit besserem Erfolge fort. Von ihnen waren Braccio und Sforza die denkwürdigsten, beide die Stifter der neueren italienischen Kriegskunst, gleich groß in Waffen, doch nicht im Glück. Man kann dem männlichen Charakter und der Tatkraft dieser Menschen Bewunderung nicht versagen.

Die Fortschritte Braccios, dessen Hauptmann Tartaglia sich Rom näherte, brachten hier tiefe Bestürzung hervor. Am 26. August 1416 ernannte das Parlament unter dem Vorsitz des Senators Johann Alidosi drei Governatoren der Verteidigung der Stadt. Abgesandte des Kardinalvikars Isolani und des römischen Volks gingen nach Sutri in das Lager Tartaglias und schlossen hier am 16. September aus Furcht und Not mit diesem räuberischen Kapitän einen Vertrag, wonach er für reichen Sold als Rector des Patrimonium die Kirche und Rom verteidigen sollte. Alles war in Rom schwankend und machtlos; es gab eine Partei für Braccio; Verschwörungen wurden gemacht, enthüllt und bestraft; am 11. Dezember fiel das Haupt des bejahrten Johann Cenci, der seit geraumer Zeit als Senator und Kapitän des Volks eine angesehene Stellung eingenommen hatte. Er ward ins Kapitol gelockt und dort ohne Prozeß, ohne Wissen der Konservatoren und Regionenkapitäne enthauptet. Kaum war dies geschehen, so sah man den Kardinal Isolani aus seiner Wohnung in S. Lorenzo in Damaso nach dem Kapitol reiten unter dem Ruf: »Es lebe die Kirche!« Fast täglich fanden Hinrichtungen statt; dies schreckte Rom nur auf Augenblicke, denn nichts war in jener Zeit tumultuarischer Volksregierungen in allen Städten gewöhnlicher als solche Hinrichtungen in den Höfen der Gemeindepaläste.

Braccio erschien, nachdem er Umbrien und einen Teil der Sabina wie Tusziens bezwungen hatte, am 3. Juni 1417 vor Rom. Er lagerte erst beim Kastell Giubileo, dann zog er am 9. Juni nach S. Agnese vor dem Tor. Dem Kardinallegaten Isolani, welcher mutig zu ihm hinausging und nach dem Grunde seines Kommens fragte, antwortete der Bandengeneral: er habe seinen Grund mit den Päpsten gemein, die Herrschbegierde; er wolle außerdem die Stadt bewachen, solange die Vakanz des Heiligen Stuhls dauere und der Papst abwesend sei. Die Verteidigungsmittel der Römer waren dürftig, die Mauern schlecht versehen, die einzige Engelsburg widerstandsfähig; Mangel herrschte in der abgesperrten Stadt. Der Kardinal ermunterte die Bürger zur Ausdauer, und sie schworen, den verwegenen Perugianer nicht aufzunehmen. Aber Braccio zwang sie bald genug, dies sogar mit Festgepränge zu tun. Seine Anhänger in der Stadt, worunter sich Jakob Colonna, Battista Savelli und sogar der Kardinal Petrus Stefaneschi befanden, setzten den Beschluß im Parlament durch, den Feind unter Bedingungen einzulassen. Am 16. Juni ritt der Kardinal mit allen Magistraten nach der Porta Appia, um Braccio die Signorie Roms zu übertragen. Statt der Schwerter schwangen die Römer Palmen in den Händen; und sie zogen einher mit dem beschämenden Ruf: »Es lebe Braccio!« Der kühne Bandenführer hielt hierauf seinen Einzug in die Hauptstadt der Welt, die ihn aus Not und mit tiefer Beschämung als ihren Herrn anerkannte. Er nahm Wohnung in S. Maria auf dem Aventin, nachdem der Kardinallegat mit dem Senator zur neapolitanischen Besatzung in die Engelsburg geflohen war.

Mit Erstaunen betrachten wir die klägliche Wandlung der Zeiten. Die größten Könige der Welt hatten Rom belagert und waren von den Mauern Aurelians zurückgewichen; von den vielen Kaisern, die zu ihrer Krönung gekommen waren, hatten nur die wenigsten Rom betreten dürfen, fast alle sich begnügen müssen, diese Zeremonie im Vatikan zu vollziehen, während die mutigen Bürger ihnen die Tore der Stadt verschlossen hielten. Was den Anstrengungen Barbarossas und Friedrichs II. nicht gelingen konnte, gelang jetzt in wenig Tagen einem Bandengeneral. Rom, für ganze Jahrhunderte uneinnehmbar, war in zehn Jahren dreimal mühelos erobert worden. Sein Fall unter das Schwert Fortebraccios besiegelte den Untergang jenes republikanischen Geistes, welcher den Römern während des Mittelalters eine ehrenvolle Unabhängigkeit gesichert hatte. Und so war derselbe Geist auch in andern Städten versunken: Mailand jetzt ein Herzogtum; Pisa Untertanin von Florenz; Genua schwankend zwischen Mailand und Frankreich; die kleineren Republiken Beute von Tyrannen und Bandenführern; nur Venedig stand unerschüttert als ein Fels im Meer, und nur auf Florenz ruhte noch das Abendrot der bürgerlichen Freiheit.

Braccio legte sich den Titel Defensor Urbis bei, vielmehr er begnügte sich mit diesem bescheidenen Prädikat seiner Herrngewalt. Was nur Kaisern, Päpsten oder den Königen von Neapel erlaubt gewesen war, stand jetzt einem Bandenkapitän zu; er ernannte einen Senator, Ruggiero Grafen von Antigliola, seinen Landsmann, während der Kardinal Stefaneschi sich das Amt eines Vikars für die Kirche anmaßte. Am 8. Juli bezog Braccio den Vatikan, um von hier aus die Belagerung der Engelsburg zu betreiben. Dies Kastell stand mit der Meta des Romulus in Verbindung, einem pyramidenförmigen Grabmal bei S. Maria Traspontina; sie war zur Festung eingerichtet und mit einer Besatzung versehen, welche ihren Proviant vermittelst eines Seils von der Engelsburg empfing. Die Meta ergab sich an Braccio am 21. Juli, nachdem er jenes Seil hatte verbrennen lassen. Doch hier stockte sein Glück.

Die Nachricht von dem großen Erfolge des Peruginers regte Neapel auf. Aus der bedrängten Engelsburg sendete Isolani Boten an die Königin um Entsatz. Es war hohe Zeit, denn am 23. Juli verstärkte der Zuzug Tartaglias die Truppen des Bandengenerals. Johanna hatte damals die Staatsgewalt wieder an sich genommen, ihrem Gemahl das Zepter entrissen, Sforza aus den Ketten befreit und zum Großkonnetabel gemacht; sie übertrug diesem persönlichen Feinde Braccios den Zug nach Rom, denn sie selbst hoffte sich durch die Vertreibung des Tyrannen den künftigen Papst zu verbinden. Sforza zog über Marino, wo die Orsini zu ihm stießen, und erschien am 10. August vor der Stadt, die nun, wie in alten Zeiten, der Gegenstand des eifersüchtigen Kampfs zweier großer Kriegskapitäne wurde. Ein rühmlicheres Theater, um ihre Kräfte darauf zu messen, konnte sich diesen Generalen nicht darbieten.

Sforza lagerte vor der Porta St. Johann. Mit ritterlichem Sinn schickte er seinem Gegner einen blutigen Handschuh als Zeichen der Ausforderung; doch Braccio wagte nicht, sie anzunehmen, er hielt seine Truppen auf dem Platz des Lateran zurück, worauf Sforza am 11. August über das Albanergebirge nach Ostia zog, auf einer Schiffbrücke über den Fluß ging und nun im weiten Bogen nach dem Monte Mario rückte, von hier aus die Engelsburg zu entsetzen. Das Volk in der Stadt begann unruhig zu werden; Braccio hatte mehrere hundert Römer eingekerkert, er gab ihnen jetzt die Freiheit wieder, versammelte im Vatikan die Notabeln Roms und erklärte diesen, daß er seinen Abzug beschlossen habe. Nachdem der Verbannte von Perugia sich mit dem Ruhm geschmückt hatte, die Ewige Stadt erobert zu haben, und nachdem er sie siebzig Tage lang wirklich beherrscht hatte (was schon hinreicht, einen Namen unsterblich zu machen), mußte er am 26. August von dannen ziehen.

Ein zweiter Bandengeneral hielt seinen Einzug in Rom. Der Bauer von Cotognola rückte jetzt mit Trompetengeschmetter durch das Tor des Kastells in den Vatikan, am 27. August 1417. Die Stadt huldigte ihm im Namen der Kirche und der Königin von Neapel. Er setzte Johann Spinelli von Siena zum Senator ein; den Kardinal Stefaneschi, welcher die Übergabe der Stadt an Braccio vermittelt hatte, ließ Isolani in die Engelsburg abführen, wo derselbe am 31. Oktober sein Ende fand. Er war einer der ausgezeichnetsten Männer im heiligen Kollegium gewesen, mehrmals Legat in der Stadt, die er bereits einmal dem Könige Ladislaus überliefert hatte. Nun übernahm Isolani für die Kirche wieder das Regiment, denn Sforza war zur Verfolgung des Feindes aufgebrochen. Zuerst zog er gegen Palestrina, wo sich Niccolò Piccinino, Unterbefehlshaber Braccios, nach dessen Flucht in Zagarolo festgesetzt hatte und Streifzüge bis nach Rom unternahm. Piccinino, später als Kriegsmann weit berühmt, ward gefangen, doch Palestrina leistete auch jetzt siegreichen Widerstand. Auch Tartaglia wurde bei Toscanella von Sforza geschlagen. Solches war der Zustand Roms, als Oddo Colonna am 11. November in Konstanz zum Papst erhoben ward.

Martin V. mußte die vollendeten Tatsachen hinnehmen; er schloß ein Bündnis mit der Königin Johanna, welcher er den Schutz Roms während seiner eignen Abwesenheit übertrug; er bestätigte Isolani als Vikar und Spinelli als Senator. Sforza selbst hielt Winterquartiere in Rom. Im Frühjahr 1418 nach Neapel abberufen, übertrug er den Oberbefehl der Truppen seinem Neffen Foschino.

Martin unterdes sehnte sich, nach Italien zurückzukehren. Er wünschte der Reformation der Kirche zu entgehen und dem Konzil ein Ende zu machen. Die Kirchenversammlung hielt am 22. April 1418 ihre letzte Sitzung, um nach fünf Jahren in Pavia wieder zusammenzutreten und sich dann von zehn zu zehn Jahren zu erneuern. Denn das Konzil war eine zu große Macht geworden, als daß es in Konstanz aufhören durfte; vielmehr trat es als ein konstitutives Element in die neue Kirchenverfassung ein. Das Parlament zu Konstanz hatte drei Päpste abgesetzt, einen Papst erhoben und zwei berühmte Ketzer verbrannt, aber dem tiefsten Bedürfnis der Völker nach der Reform der Kirche nicht entsprochen. Nur zeitweise Konkordate mit einzelnen Nationen waren gemacht worden, welche die Übelstände der kirchlichen Verwaltung nicht beseitigten. Der selbstsüchtige Martin, von der hierarchischen Partei eifrig unterstützt, trat in die Spuren seiner Vorgänger; er betrog die Welt, zum Unglück der Kirche selbst, um deren Reform, weil er die päpstliche Autorität nicht durch das Konzil mindern lassen wollte.

Der wichtigste Erfolg desselben war nur das Prinzip, daß die Kirchenversammlung über dem Papst stehe; außerdem hatte es zum erstenmal eine europäische Meinung als Macht geschaffen und der Wissenschaft als selbständigem Organ eine entscheidende Stellung in den höchsten, die Menschheit bewegenden Fragen gesichert. Es machte dem Schisma ein Ende. Aber dieser langen Spaltung war eine andere tiefere zur Seite gegangen, nicht zwar von jener erzeugt, doch mächtig gefördert: die evangelische Häresie, welche die verweigerte Reform, das Werk der Vernunft, des Wissens und Glaubens eines reiferen Zeitalters, dennoch, wenn auch erst nach einem Jahrhundert und durch Ausscheidung aus der katholischen Kirche errang. Die große Bewegung, welche die Lehre Wiclifs und der Lollharden in England hervorgerufen hatte, war die Fortsetzung der alten und neueren ghibellinischen Ideen des Arnold von Brescia, des Marsilius und Ockham; denn ihre Lehre bestritt die weltliche Jurisdiktion des Papsts, und sie erhob zugleich Protest gegen dessen geistliche Absolutie; sie verwarf die hierarchische Verfassung der Kirche und verwies in Glaubenssachen auf die heilige Schrift als die alleinige Quelle der Kenntnis christlicher Lehre. Das freigesinnte England schützte Wiclif vor dem Flammentode, aber seinen heldenmütigen Nachfolger Johann Hus nebst Hieronymus verschlang der Scheiterhaufen in Konstanz, welcher Sigismunds Andenken schändet. Die Hauptverbrechen des berühmten Magisters von Prag waren seine Verwerfung jeder weltlichen Jurisdiktion des Klerus, sein, Grundsatz von der Gleichheit der Geistlichen und die daraus folgende Behauptung, daß der Papst nicht das Oberhaupt der Kirche sei, daß diese überhaupt ohne ihn bestehen könne. Aber die tiefe Aufregung der Geister ward durch das Opfer, welches der kleinmütige Sigismund der römischen Hierarchie darbrachte, nicht gehemmt; die Funken vom Konstanzer Holzstoß wurden als Brände nach Böhmen und Deutschland getragen, und die rebellische Flamme, welche ein Jahrhundert später eine Bulle im deutschen Wittenberg verzehrte, war nicht minder dem Scheiterhaufen entsprungen, worauf Hus den Tod gefunden hatte.

Martin verließ mit glänzendem Gefolge, von Sigismund geleitet, Konstanz am 16. Mai 1418. Er ging über Genf nach Mailand, wo er am 12. Oktober eintraf. Diese berühmte Stadt beherrschte damals der zweite Sohn des Giovanni Galeazzo, der grausame Filippo Maria, Alleinherr und letzter Erbe des Hauses, seitdem sein gräßlicher Bruder Giovanni Maria am 16. Mai 1412 unter den Dolchen der Verschwörer gefallen war. Der Einzug Martins in Mailand war prachtvoll, doch nicht von jener gläubigen Begeisterung begleitet, mit der einst der von Lyon heimkehrende Innocenz IV. dort war empfangen worden. Er kam außerdem als ein Herr ohne Land nach Italien. Von dem ganzen Kirchenstaat konnte er kaum eine einzige Stadt sein nennen. Er brauchte noch zwei Jahre, ehe er seine weltliche Gewalt zur Anerkennung bringen und auch in den Vatikan einziehen konnte.

In Rom herrschte tiefe Verwirrung, welche der Kardinal Isolani nicht beruhigen konnte. Battista Savelli und Karl Orsini führten daselbst die streitenden Faktionen, während die Königin Johanna noch im Besitz von Ostia, Civitavecchia und der Engelsburg blieb, ja durch ihre Truppenmacht Gebieterin der Stadt war. Bologna behauptete sich noch als freie Republik, und Braccio war noch der Tyrann Spoletos und eines Teils Umbriens wie Toskanas. Von Brescia und Mantua aus, wo er am Ende des Jahrs 1418 blieb, und in Florenz, wo er seit dem Februar 1419 seinen Sitz nahm, bemühte sich Martin V., diese Hindernisse durch Verträge zu beseitigen. Die Florentiner hatten ihn zu sich eingeladen und mit großer Pracht empfangen; doch sie spotteten seiner mit Sarkasmen, und sie blickten voll Mitleid auf Balthasar Cossa, als dieser Expapst in ärmlichem Aufzuge erschien, um sich der Gnade des neuen Papsts zu empfehlen. Martin hatte es nämlich für nötig gehalten, ihn in seiner Gewalt zu haben und ihn deshalb aus der Haft des Pfalzgrafen Ludwig zu Heidelberg nach Italien kommen zu lassen; Cossa war jedoch aus Furcht, das Schicksal Cölestins V. zu erleiden, entflohen, dann aber aus freiem Antriebe nach Florenz gegangen, wo er sich seinem Nachfolger zu Füßen warf. Dieser ließ ihm den Kardinalspurpur, doch die letzte Demütigung stürzte Cossa ins Grab. Er starb am 22. Dezember zu Florenz. Im Baptisterium St. Johann sieht man noch sein Grabmal, welches ihm Cosmus von Medici errichten ließ.

Von Florenz aus schickte Martin seinen Bruder Jordan und seinen Neffen Antonio nach Neapel; denn er erkannte wohl, daß nur mit Hilfe Johannas der Kirchenstaat herzustellen sei, während die Königin begriff, daß sie nur mit des Papsts Hilfe ihren wankenden Thron behaupten konnte; auf ihn aber begann gerade jetzt Ludwig von Anjou neue Ansprüche zu erheben, welche Martin selbst in Bewegung setzte oder klug benutzte. Das alte Vasallverhältnis Neapels sollte demnach erneuert werden. Die Königin versprach, Rom, die Campagna, Ostia und Civitavecchia den päpstlichen Bevollmächtigten auszuliefern, dem Papst Truppen zur Eroberung seines Staats zu leihen und das Haus Colonna mit Lehen auszustatten. Martin erkannte sie dafür als Königin, worauf Johanna am 28. Oktober 1419 durch den Kardinallegaten Morosini zu Neapel gekrönt wurde.

Um nun Braccio, den mächtigsten Widersacher, ohne dessen Einwilligung er nicht nach Rom gehen konnte, aus dem Kirchenstaat zu vertreiben, nahm Martin V. Sforza in seine Dienste. Dieser bekämpfte seinen Nebenbuhler von Viterbo aus, bis er einwilligte, mit der Kirche Frieden zu schließen, was am 8. Februar 1420 geschah. Der Tyrann Perugias erschien mit königlichem Glanz in dem ihm verbündeten Florenz. Die Bewunderung, die er dort fand, und die Satiren der Florentiner beleidigten Martin so tief, daß er schon damals beschloß, jene Stadt zu verlassen. Braccio stellte dem Papst einen Teil seines Raubes zurück, aber er empfing Perugia und andere Städte unter dem Titel eines Vikars. So demütigend für Martin der Vertrag mit dem verhaßten Condottiere sein mußte, so praktisch und vorteilhaft war er zugleich, denn nun nahm er den gefürchteten General in seinen Dienst, um ihm den Krieg wider Bologna zu übertragen. Dieser Stadt hatte er noch am 13. Mai 1419 ihre Selbstregierung und den Vikariat zugesagt, doch nur in der Absicht, sie bei günstiger Gelegenheit zu hintergehen. Als der sieggewohnte Bandengeneral in ihr Gebiet zog, unterwarf sie sich am 15. Juli, worauf der Kardinal Gabriel Condulmer dort im Namen der Kirche seinen Einzug hielt.

Erst jetzt konnte Martin V. nach Rom gehen. Die Römer, welche seinem Bruder und Abgesandten Jordan die Stadt übergeben hatten, luden ihn dringend ein, und er verließ am 9. September 1420 Florenz. Er kam, von vielen Herren mit Truppenmacht geleitet, über Viterbo auf der Via Cassia. Sein Nahen regte die Stadt auf. Sie war es gewesen, welche durch ihr stürmisches Verlangen, einen Römer zum Papst zu haben, das Schisma tatsächlich veranlaßt hatte, und nun war dasselbe beendigt, indem wirklich ein Römer vom ersten ihrer Geschlechter Papst ward. Eine lange Geschichte unsagbarer Leiden schien ausgelöscht und eine neue Epoche des Glanzes, doch ohne Freiheit, aufgegangen. Am 28. September langte Martin vor Rom an, wohin jetzt der Heilige Stuhl wahrhaft und für immer zurückkehrte. Er übernachtete in S. Maria del Popolo, und erst am Sonntag, dem 29. September, führten ihn die Römer nach dem Vatikan. Er zog von der Porta del Popolo durch das wüste Marsfeld nach S. Marco und dann nach dem St. Peter. Römische Edle hielten einen purpurnen Baldachin über ihn, und Possenreißer tanzten vor ihm her. Am Abend durchzogen die Konservatoren und Regionenkapitäne zu Roß mit vielem Volk die Stadt, Fackeln in den Händen, mit dem Ruf: »Es lebe Papst Martin!«

Martin V. fand Rom im Frieden, aber durch Pest, Krieg und Hungersnot in so tiefes Elend herabgesunken, daß es kaum das Antlitz einer Stadt trug. Die Altertümer, die Häuser und die Kirchen waren verfallen, die Straßen von Sumpf und Schutt angefüllt und kaum noch wegbar. Die Menschen stellten sich dem bestürzten Papst dar nicht wie edle Bürger der Weltstadt, sondern wie ein Haufe verkommenen Gesindels. Auch wimmelte die Stadt von Dieben und Räubern. Ein englischer Chronist dieser Zeit war von ihrem Zustande so erschüttert, daß er diese Worte niederschrieb: »O Gott, wie ist Rom zu bejammern; einst war es von großen Herren und Palästen erfüllt, jetzt ist es voll von Hütten, von Dieben und Wölfen und Gewürm, von Wüsteneien, während die Römer selbst sich gegenseitig zerfleischen.« Als Urban V. und Gregor XI. zurückkehrten, erschreckte auch sie das furchtbare Aussehen Roms, aber die Stadt behauptete sich damals noch als eine Republik unter dem Regiment ihrer Zünfte; seither war fast ein halbes Jahrhundert verflossen, in welchem sie den äußersten Grad des Verfalles erreichte. Denn nun war nicht allein der Adel, sondern auch das Bürgertum aufgelöst und Rom nichts als ein wüster Scherbenberg. Das dürftige Fest des Einzuges Martins V. schloß die lange und denkwürdige Epoche der mittelalterlichen Stadt und eröffnete ein neues Zeitalter, worin sie aus den Trümmern in einer neuen Gestalt hervorging, die ihr die Päpste, jetzt erst ihre Herren, verliehen. Der Vatikan, das Schloß der Päpste, erstand, und sein Nebenbuhler, das republikanische Kapitol, sank zum Denkmal der Freiheit des Volks und einer zweiten Vergangenheit herab.

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