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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 330
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Ladislaus rückt über Rom nach Tuszien. Die Florentiner widersetzen sich seinem Vordringen. Er kehrt um. Er wird sterbend nach St. Paul getragen. Er stirbt in Neapel. Johanna II. Königin. Rom vertreibt die Neapolitaner. Sforza dringt in Rom ein und zieht wieder ab. Pietro di Matuzzo Haupt des römischen Volks. Rom unterwirft sich dem Kardinal Isolani. Johann XXIII. reist nach Konstanz. Das Konzil. Schicksale der drei Päpste. Wahl Martins V. Die Familie Colonna. Krönung Martins V. 1417.

Die Konferenzen in Lodi hatten Ladislaus aus seiner Ruhe gebracht. Er brach noch einmal auf, gegen Sigismund und den Papst zu Felde zu ziehen, ehe dieselben eine Liga gegen ihn vereinigten. Am 14. März 1414 rückte er in Rom ein. Das Volk empfing ihn am Lateran; die Türen der Basilika waren aufgetan; mit stolzer Geringschätzung der Heiligen blieb der König auf seinem Pferd und ritt in diese Mutterkirche der Christenheit hinein, wo ihm die Priester die Apostelhäupter zeigen mußten. Ladislaus blieb bis zum 25. April in Rom im Palast des Kardinals Petrus Stefaneschi Annibaldi zu Trastevere. Dann zog er, von Sforza begleitet, nach Viterbo, nachdem er dem Senator und dem Grafen von Belcastro befohlen hatte, den Neffen des Nicolaus Colonna, Jakob von Palestrina, zu bekriegen, der dem Frieden mit der Kirche getreu die Partei Johanns XXIII. hielt. Der König rückte weiter über Todi nach Perugia. Aber seinem Vordringen setzten die Florentiner Hindernisse entgegen; ihre Gesandten bewogen ihn am 22. Juni zu einem Vergleich, wonach er mit der Republik ein Bündnis schloß und versprach, das Gebiet Bolognas nicht zu überziehen. So schützte die Eifersucht der Florentiner dort Johann, und der unerwartete Tod räumte bald auch für das Konzil das letzte Hindernis hinweg.

Als der König nicht über die Apenninen vordringen konnte, beschloß er die Rückkehr nach Rom. In Perugia hatte er Paul Orsini und Orso von Monte Rotondo nebst andern römischen Großen zu sich gelockt und als Verräter gefangen gesetzt; er führte sie in Ketten mit sich, um sie später hinrichten zu lassen. Er selbst war tief erkrankt. Durch Ausschweifungen erschöpft (das Gerücht sagte, durch die schöne Tochter eines Apothekers in Perugia auf teuflische Weise vergiftet), brach er schon in Narni zusammen. Man trug ihn nach Passerano ins Römische und von dort auf einer Sänfte, welche man aus Rom hatte kommen lassen, am 30. Juli nach St. Paul vor der Stadt. Der machtvolle Monarch, zweimal Triumphator über Rom und Eroberer des Kirchenstaats, zog jetzt in St. Paul ein, von ekelhafter Krankheit zerstört, hingestreckt auf einer Bahre, welche robuste Campagnolen durch die schweigende Nacht forttrugen. Als er vor dem Kloster anlangte, konnte er der Zeit gedenken, wo er auf der Höhe seines Glücks hier zu seinem Einzuge in Rom sich geschmückt hatte, und sich zugleich erinnern, daß es eben dies Kloster war, welches seinen Ahnherrn, den Stifter der Dynastie Neapels, beherbergt hatte. Er selbst war der letzte dieses in Verbrechen untergehenden Hauses. So schloß jetzt dessen Geschichte einen Kreis; sein Anfangspunkt und sein Endpunkt, der Triumpheinzug des Ahnherrn und der klägliche Abzug des letzten Enkels trafen in St. Paul bei Rom zusammen.

Eine Galeere nahm dort den Sterbenden auf; er erreichte noch das Ufer Neapels und das Castel Nuovo, wo er unter schrecklichen Qualen seinen Geist aufgab, am 6. August 1414. Dies war das Ende eines Königs, welchen ritterliche Kraft, Großartigkeit der Entwürfe, kühnes Streben nach Ruhm hoch hervorragen ließen und der unter den Italienern seiner Zeit der bedeutendste Mann war. Die Krone Neapels erbte von ihm seine einzige Schwester Johanna, die kinderlose Witwe Wilhelms, eines Sohnes des Herzogs Leopold II. von Österreich, ein schönes und üppiges Weib, berühmt in der Geschichte Neapels durch Stürme von Schuld, Leidenschaft und Unglück, welche sie ihrer Vorgängerin gleichen Namens ähnlich machten.

In Rom herrschte auf die Kunde vom Untergange des Königs große Freude. Die nationale Partei raffte sich noch einmal zum Gedanken politischer Selbständigkeit empor, und die unseligen Römer ließen den Ruf erschallen: »Volk! Volk! und Freiheit! » Der Senator legte schon am 10. August seinen Amtsstab in die Hände der Konservatoren und verließ das Kapitol. An demselben Tage wurden alle Tore der Stadt dem Volk übergeben. Sie war wieder frei bis auf die Engelsburg und Ponte Molle, die sich noch für die Königin hielten. Man machte neue Magistrate. Die Faktionen stritten um Neapel, Kirche oder Republik.

Um der Erbin des Königs den Besitz Roms zu retten und für sich selbst eine günstige Gelegenheit auszubeuten, brach unterdes Sforza eilig von Todi auf. Die Colonna und Savelli waren für ihn, die Orsini jetzt seine Gegner, weil der berühmteste Mann ihres Hauses durch Ladislaus nach Neapel fortgeführt worden war. Der tapfere General erschien vor Rom am 9. September, hoffend, sich der Stadt zu bemächtigen. Freunde ließen ihn ein; die Nacht brachte er im Lateran zu und zog dann weiter in die Mitte Roms. Aber Barrikaden erhoben sich hier, und Sforza, welcher bis zum Vatikanischen Borgo gedrungen war, um sich mit der Engelsburg in Verbindung zu setzen, wurde zurückgeschlagen. Sein Versuch, vom Monte Mario herab einzudringen, mißglückte, so daß er mit seinem Genossen Battista Savelli und Jakob und Konradin Colonna am 11. September auf der Via Flaminia abziehen mußte. Tags zuvor hatte das Volk einen beliebten Bürger zum Diktator der Stadt gemacht, Pietro Matuzzo, einen der Konservatoren; man hatte ihn im Sturm aufs Kapitol geführt und ihm die Signorie aufgedrungen. Der würdige Bürger erinnerte noch einmal an die entschwundenen Zeiten des Arlotti und Cola di Rienzo. Mehrere Aristokraten, zuvor durch die neapolitanische Regierung verbannt, darunter Francesco Orsini, kehrten schon am 12. September zurück und huldigten dem neuen Volkshaupt auf dem Kapitol.

Sein Regiment war jedoch von kurzer Dauer. Denn schon näherte sich der Kardinallegat Isolani, um im Namen der Kirche Besitz von der Stadt zu nehmen. Johann XXIII. war der Tod des Königs als ein glückbringendes Ereignis erschienen, wodurch er wieder hoffen konnte, in Rom und dem Kirchenstaat eine feste Stellung zu nehmen und so dem Konzil zu entgehen. Doch er täuschte sich, obwohl es jenem Kardinal ohne Mühe gelang, das Volksregiment zu stürzen. Ein Aufstand wurde vorbereitet, und am 16. Oktober erhob man in Trastevere den Ruf: »Kirche und Volk!« Die Umwälzung vollzog sich ohne Kampf; ein Parlament in Aracoeli setzte dreizehn neue Rektoren ein, worauf Pietro Matuzzo vom Kapitol ruhig nach Hause ging. Boten des Volks riefen den Legaten von Toscanella herbei, und Isolani zog am 19. Oktober 1414 in Rom ein, wo er die Huldigung für die Kirche empfing und das Regiment der Konservatoren wiederherstellte.

Unterdes reiste Johann XXIII. Konstanz entgegen. Er hatte nach Rom gehen wollen, war aber durch seine Kardinäle gezwungen worden, am 1. Oktober von Bologna zum Konzil aufzubrechen. Er ging dorthin mit großen Geldmitteln. In Tirol erkaufte er sich ein Bündnis mit dem Herzog Friedrich von Österreich, um für jeden Fall der Hilfe dieses Fürsten sicher zu sein. Er hielt am 28. Oktober unter traurigen Ahnungen seinen Einzug in die Stadt an den Ufern des Bodensees, wo man ihn mit Ehren als Papst empfing. Bischöfe und Prälaten, Herren und Boten vieler Länder erfüllten bereits den kleinen Ort, welcher solche Menge nicht zu fassen vermochte. Dies war ein Parlament der Nationen, wie es die Geschichte bisher nicht gesehen hatte, und eine Versammlung der glänzendsten Talente der Zeit, die als Abgeordnete der Universitäten auch die Wissenschaft vertraten. Das Konzil in jenem schwäbischen Konstanz, wo einst Barbarossa den italienischen Städten die Freiheit gegeben hatte, war ein europäischer Kongreß von epochemachender Bedeutung. Alle noch im katholischen Glauben einigen Völker blickten auf diese erlauchte Versammlung, welche ihre wichtigsten Angelegenheiten und den Geist des Jahrhunderts vertrat. Ein langer Prozeß der Menschheit, geführt in allen Kreisen des Staats, der Kirche, der Gesellschaft, der Wissenschaft, sollte jetzt seinen Abschluß finden und die Reform des kirchlichen Organismus, welche die Tyrannei des Papsttums notwendig gemacht hatte, als Neugestalt daraus hervorgehen. Der Bau großer Päpste seit Hildebrand sollte als verwittert abgebrochen, die Hierarchie Innocenz' III. auf ein zeitgemäßes Verhältnis zu Staat und Volk herabgesetzt, die absolute Monarchie der Kirche in eine beschränkte verwandelt und aus dem kanonischen Recht sollten alle die Grundsätze hinweggenommen werden, durch welche bisher die Bischöfe Roms sich die Könige und Landeskirchen unterworfen hatten. Das Pisaner Konzil hatte in jene Festung des Mittelalters die erste Bresche gerissen, das Konstanzer Konzil sollte diese Burg selbst erobern. Sie war schlecht verteidigt, weil durch dreifache Spaltung geschwächt. Wir bemerkten, wie das Reich infolge des Verfalls der Kirche plötzlich wieder zur Kraft kam, nicht als politische Macht, sondern als Prinzip internationaler Autorität. Die Fortdauer der Reichsidee bis in so späte Zeit ist eine der merkwürdigsten Tatsachen der Geschichte. Die Rechte, die Institutionen und die Provinzen des Reichs waren gefallen, aber der Begriff vom Kaiser als dem Schirmherrn und Haupt der europäischen Völkerfamilie dauerte fort und fand plötzlich wieder allgemeine Anerkennung. Das Völkerkonzil stellte sich unter diese Autorität Sigismunds. Der König der Römer kam gleichwohl nicht zur Eröffnung desselben, da sie unter dem Vorsitz des unwürdigen Johann XXIII. geschah, sondern traf erst zu Weihnacht in Konstanz ein, nachdem er sich am 8. November in Aachen hatte krönen lassen.

Wenn Deutschland im Jahre 1415 die Reichsautorität zu diesem Konzile herlieh, so stellte Frankreich dazu die geistvollsten Vertreter der reformierenden Wissenschaft. Die Namen Johann Gerson und Peter d'Ailly sind unzertrennlich mit der großen Kirchenversammlung verbunden, auf der sie mit soviel Freimut gewirkt haben. Jener war als Kanzler der Pariser Universität der Repräsentant der europäischen Wissenschaft, dieser als Kardinal der Vertreter der französischen, ihre Selbständigkeit behauptenden Kirche. Gerson als Verfechter der Unabhängigkeit der Reichsgewalt vom Papst und des Rechts des Kaisers, das Konzil zu berufen, endlich als Verfechter des Grundsatzes, daß das Konzil die allgemeine Kirche darstelle und daher über dem Papst stehe, war neben Sigismund ein mächtigerer Verbündeter, als es einst Marsilius oder Ockham neben Ludwig dem Bayern gewesen waren. Doch kamen nicht jetzt jene Grundsätze der Monarchisten, welche Johann XXII. als ketzerisch verdammt hatte, vor der ganzen Welt zur Anerkennung? Es ist in Wahrheit ein inniger Zusammenhang zwischen der Monarchie Dantes und den Grundsätzen des Gerson, d'Ailly, Dietrich von Niem, Theoderich Vrie, Heinrich von Langenstein und aller der andern französischen und deutschen Reformer aus der Zeit des Konstanzer Konzils.

Die Akten der großen Kirchenversammlung gehören der Geschichte Europas an, und nur die Wiedervereinigung der zersplitterten Papstgewalt in der Hand eines Unionspapsts, welcher dann nach Rom kam, um unter durchaus neuen Verhältnissen seinen Sitz im Vatikan zu nehmen, war auf die Stadt und ihre weiteren Schicksale von Einfluß.

Johann XXIII. hatte, auf die Italiener gestützt, erhofft, das Konzil in Konstanz als die Fortsetzung jenes von Pisa darzustellen, aus welchem er doch selbst hervorgegangen war, und dadurch seine Tiara zu retten. Er hatte endlich gehofft, zur wichtigsten Angelegenheit des Parlaments den Prozeß gegen die Wiclifiten und die Lehre des Hus zu machen und dadurch die Aufmerksamkeit von sich selber abzulenken. Cossa, der Repräsentant der alten tyrannischen, in Verbrechen untergehenden Kirche bietet als Richter über den edlen, von einem sittlichen Ideal der Menschheit begeisterten Johann Hus einen Anblick, von dem man sich voll Scham hinwegwenden muß. Doch die Absicht gelang ihm nicht ganz. Das Übergewicht der italienischen Prälaten wurde durch den Beschluß vom 7. Februar beseitigt, daß nicht mehr nach Köpfen, sondern nach Nationen abgestimmt werden solle, und diese weise Änderung beraubte Johann seiner wichtigsten Hilfsmittel. Das Konzil forderte die Entsagung aller drei Päpste. Gregor XII., nebst Benedikt XIII. von Sigismund vorgeladen, hatte das Konzil als vom König der Römer berufen anerkannt und seine Boten dahin geschickt; er zeigte sich bereit, die Tiara abzulegen, wenn seine Gegner das gleiche taten. Der hart bedrängte Johann, gegen welchen namentlich die Franzosen mit schweren Anklagen auftraten, versprach dies endlich zur großen Freude aller Versammelten; dann aber entwich er am 20. März 1415 in Bauerntracht nach Schaffhausen, einer Friedrich von Österreich gehörenden Stadt, wo er sein Versprechen widerrief. Diese Flucht war sein Urteil und sein Fall. Sie hatte zunächst die Folge, daß in der denkwürdigen IV. und V. Session die Kirchenversammlung den Spruch fällte: das ökumenische Konzil habe, als die streitende katholische Kirche repräsentierend, die Gewalt unmittelbar von Christus und stehe demnach über dem Papst. Die Waffen Sigismunds zwangen Friedrich, den Flüchtling auszuliefern. Nachdem Johann in Laufenburg, Freiburg und Breisach umhergeirrt war, ward er von jenem Herzog nach Radolfzell bei Konstanz zurückgebracht, sodann durch das Konzil am 29. Mai für abgesetzt erklärt und zur Buße seiner Verbrechen ins Gefängnis verurteilt. Man brachte ihn vorläufig ins Schloß Gottlieben, und hier saß auch, sein Schicksal erwartend, Hus gefangen. Vergangenheit und Zukunft der Kirche begegneten einander in Fesseln; der eine dieser Gefangenen war der verbrecherische Steuerer der schiffbrüchigen Kirche des Mittelalters, der andere ein erster Columbus der Reformation, und doch wie ein Pirat zum Tode verurteilt.

Alsbald verzichtete Gregor XII., der einzige unter diesen Päpsten, in welchem das priesterliche Gewissen nicht ganz erloschen war. Sein treuer Beschützer Karl Malatesta erklärte am 4. Juli in dieses Greises Namen die feierliche Entsagung vor dem Konzil, und Gregor bestätigte sie darauf in Rimini. Zum Dank ließ man ihm den Purpur des Kardinals und übertrug ihm die Legation der Marken. Angelo Correr ward von der Welt erst dann geehrt, als er nicht mehr Papst war. Er starb nach einem an Wechsel, Haß und Qual überreichen Leben hochbetagt einen ruhigen Tod am 19. Oktober 1417 zu Recanati, wo er begraben liegt.

Es blieb nur noch der Abschluß des Prozesses gegen Benedikt XIII. übrig. Wenn die arglistige Flucht Johanns schimpflich, die aufrichtige Entsagung Gregors ehrenvoll war, so zwingt die Festigkeit Peters von Luna alle die Achtung ab, welche einem unbeugsamen Charakter gebührt. So viel Mut war sicherlich einer edleren Sache wert. Der unbezwingliche Spanier wollte als Papst sterben. Er saß, von einigen Kardinälen umgeben, in Perpignan, wohin er auf die Einladung Sigismunds gekommen war. Denn dieser hatte sich voll Eifer nach Narbonne begeben, um mit Frankreich und Aragon die Abdankung Benedikts durchzusetzen. Nicht der Kongreß dieser Fürsten und vieler Prälaten, nicht der persönliche Besuch Sigismunds, nicht Bitten und Drohen, noch der Abfall der Spanier, noch die Achtserklärung des Konzils beugten Petrus, einen mehr als 90jährigen Greis. Er floh nach dem festen Meereskastell Peniscola, wo er sich verschanzte und verschloß. Auf diese Felsenburg war sein päpstliches Reich beschränkt, und hier saß er, von Alfons von Aragon heimlich geschützt, noch einige Jahre, die Tiara auf dem Haupt, bis sie ihm der Tod im Jahre 1423 entriß. Dieser Unmensch galt bis 1871 als der einzige unter den Päpsten, der die bekannte Prophezeiung »non videbis annos Petri« zu Schanden machte, denn bis ins dreißigste Jahr war er Papst gewesen. Von so bronzener Dauer erschien seine Natur, daß man behauptete, nur beigebrachtes Gift habe ihn zu töten vermocht.

Unglücklicherweise setzte die romanisch-hierarchische Partei auf dem Konzil es durch, daß man eher zur Papstwahl schritt als die Reform der Kirche vollendete, welche die deutsche Nation dringend begehrte. Um den Unionspapst zu wählen, war das Abkommen getroffen, daß die fünf Nationen, in welche jetzt nach dem Zutritt der Spanier das Konzil gegliedert war, je sechs Mitwähler ernennen und den dreiundzwanzig Kardinälen beigeben sollten. Diese merkwürdige Kurie stand im grellsten Widerspruch zu dem hierarchischen Wahlsystem, denn noch nie war, solange die Kirche dauerte, ein Papst von einem Ausschuß der Nationen gewählt worden, obwohl diese Wahlreform dem Begriff des Oberhauptes der Christenheit vollkommen entsprach. Das Konklave von dreiundfünfzig Wahlherren versammelte sich am Montag, dem 8. November, in dem Kaufhaus zu Konstanz, einem unansehnlichen Gebäude, welches noch heute aufrecht steht. Man hatte sich auf eine lange und stürmische Wahl gefaßt gemacht; denn wie sollte man sie nicht bei einer Wahlversammlung so ungewöhnlicher Art und bei solchen Verhältnissen erwarten? Die Väter des Konzils zogen in feierlicher Prozession um das streng bewachte Haus, mit dem gedämpften Gesange veni creator spiritus die Inspiration des Himmels auf die eingesperrten Wähler herabzuziehen. Jedoch das Konklave zu Konstanz beschämte die früheren Kardinalskonklaven auf glänzende Weise: denn schon am dritten Tage, am 11. November 1417, dem Feste St. Martin, ging aus ihm einstimmig der neue Papst hervor: Oddo Colonna, Martin V.

Diese schnelle Wahl erzeugte unsagbare Freude. Der König Sigismund eilte ins Konklave und warf sich unter Tränen dem Neugewählten zu Füßen, ihn als den allgemeinen Papst, den glückverheißenden Morgenstern zu verehren, welcher endlich aus langem Dunkel über der Welt emporstieg. Das vierzig Jahre lange Schisma, eine der schrecklichsten Epochen, die das Abendland gesehen hatte, war nun beendigt, und frohe Boten eilten mit dieser großen Kunde in alle Länder der Christenheit.

Die Geschichte der Kirche zeigt unter allen ihren Spaltungen keine auf, welche so furchtbar und so verderblich gewesen ist. Jedes weltliche Reich würde darin untergegangen sein. Doch so wunderbar war die Organisation des geistlichen Reichs und so unzerstörlich die Idee des Papsttums selbst, daß diese tiefste der Spaltungen nur dessen Unteilbarkeit bewies. Die feindlichen Päpste und die feindlichen Obedienzen hielten alle an dem Begriff der Einheit der Kirche fest; denn in jedem Lager wurde der eine, wahre Papst geglaubt, das eine unteilbare Papsttum beansprucht, und dieses stellte sich demnach wieder her, als die streitenden Personen selbst überwunden waren.

In Martin V. erhob das uralte Ghibellinenhaus der Colonna, dessen Taten die Annalen der Stadt drei Jahrhunderte hindurch erfüllt hatten, jetzt erst einen Papst, und dieser, der einzige dieses Geschlechts überhaupt, ging aus dem Konklave in Konstanz zu einer Zeit hervor, wo die Welt in heftigem Widerspruch gegen die päpstliche Autorität lag und deren absolute Monarchie in eine konstitutionelle verwandelt werden sollte. Die Familie Colonna galt mit Recht für eine der erlauchtesten Italiens; mächtige Fürsten rechneten es sich bereits zur Ehre, durch fabelhaften Ursprung ihr verwandt zu sein. Ihre Zierde war damals Oddo, Sohn des Agapito von Genazzano und der Caterina Conti, Enkel des Petrus Colonna di Giordano, welcher zwischen den Jahren 1350 und 1357 mehrmals Senator gewesen war. Es ist wahrscheinlich, daß Oddo selbst in Genazzano geboren wurde. Auf der Universität Perugia gebildet, war er unter Urban VI. Protonotar geworden, von Bonifatius IX. in mehreren Legationen verwendet und endlich von Innocenz VII. im Jahre 1405 zum Kardinaldiaconus von St. Georg in Velabro gemacht worden. Gregor XII. hatte er nur verlassen, um seiner Pflicht auf dem Konzil von Pisa zu genügen. Während der Zweig der Colonnesen von Palestrina dem Könige Ladislaus angehangen hatte, war die Linie von Genazzano demokratisch gesinnt gewesen; die Brüder Oddos, Jordan und Rentius, hatten sich als Kämpfer für die Freiheit Roms unmittelbar nach dem Tode Bonifatius' IX. hervorgetan. Beide Zweige erhoben sich zu größerer Macht seit dem Frieden von 1410, wonach die Güter der Colonna durch Verleihungen Johanns XXIII. vermehrt wurden. Denn dieser suchte das noch immer einflußreiche Geschlecht sich zu befreunden. Die Colonna verdankten sehr viel gerade dem Papst, dessen Nachfolger Martin V. werden sollte, und er war es auch, welcher den Kardinal Oddo zum Rector des Patrimonium, Spoletos und Umbriens gemacht hatte. Oddo war deshalb sein Anhänger geblieben und auch einer der ersten unter den italienischen Kardinälen, die ihm nach seiner Flucht aus Konstanz folgten. Mit schöner Gestalt, Klugheit und edlem Anstande begabt, hatte er sich auf dem Konzil durch seine schiedsrichterliche Haltung sowohl bei Sigismund als den Prälaten und Herren beliebt gemacht. Die einzelnen Nationen beanspruchten im Konklave jede den Papst. Erst der Verzicht der Deutschen und Engländer, welche sich mit den Italienern vereinigten, zwang auch die andern nachzugeben, und so ward Oddo einstimmig gewählt. Die Furcht vor der Wahl eines französischen Papsts verschaffte Rom diesen unverhofften Sieg, und vielleicht hat es die Menschheit noch heute zu beklagen, daß nicht aus dem Konzil in Konstanz ein germanischer reformfreundlicher Papst hervorging wie in den Zeiten Heinrichs III. Die Persönlichkeit Oddos war bestechend. Man fällte das Urteil, daß nur dieser edle Römer alle Eigenschaften vereinige, durch welche der Unionspapst die allgemeine Kirche wieder mit Würde vertreten konnte. Der fürstliche Colonna vermochte dies in der Tat, aber er stellte alsbald auch das römische Papsttum als Römer wieder her. Es war schon an sich ein unberechenbarer Vorteil für ihn, daß er nach diesem schrecklichen Schisma als ein Heiland der Versöhnung erscheinen konnte, dem sich die Hoffnung des Menschengeschlechts von vornherein entgegenwenden mußte.

Martin V. wurde im Dom zu Konstanz am 21. November 1417 gekrönt, in Gegenwart des Königs Sigismund und vor den Tausenden von Repräsentanten Europas. Dies war eine Feier, wie sie großartiger nie zuvor ein Papst erlebt hatte. Sie erhob das Papsttum aus seinem tiefen Fall zu einer neuen Höhe und zeigte der Welt, daß es noch immer aus dem mystischen Glauben der Völker so viel Abglanz empfing, um seinen erloschenen Nimbus, wenn auch mit schwächerem Schein, wiederherzustellen.

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