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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 33
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Sorge Theoderichs um die Verpflegung des Volks. Roma Felix. Toleranz gegen die katholische Kirche. Die Juden in Rom. Ihre älteste Synagoge. Aufstand des Volks gegen sie.

Mit nicht minderer Hingebung sorgte Theoderich für das Wohl der Römer, soviel dies die beschränkten Mittel erlaubten. Denn wir hüten uns, in die zu großen Lobeserhebungen über das goldene Zeitalter unter seiner Regierung einzustimmen. Es war nur golden im Vergleich zu dem Elend der jüngsten Vergangenheit. Die Erschöpfung war groß, und der Wunden gab es viele. Die hergebrachten Austeilungen von Öl und Fleisch wurden erneuert, und alljährlich maßen die Beamten dem hungrigen Pöbel der Stadt die freilich geringe Summe von 120 000 Modii Getreide zu, welche die mit den Ernten Kalabriens und Apuliens gefüllten Kornspeicher hergaben. Die Armen in den Hospitälern des St. Peter (und Procopius bemerkt diese ausdrücklich) erhielten noch eine besondere jährliche Austeilung von 3000 Medimnen Korn. Die Präfektur der Annona oder der öffentlichen Bedürfnisse sollte wieder zu einem ehrenvollen Amt erhoben werden; wenigstens schmeichelte der Minister Theoderichs diesem Beamten durch die Erinnerung an seinen großen Vorgänger Pompejus und durch den Hinweis auf die Auszeichnung, vor den Augen des Volks in der Kutsche des Stadtpräfekten fahren und neben seinem Sitz im Circus sich zeigen zu dürfen. Aber den Bestallungsformularen ist nicht zuviel zu trauen, und Boëthius sagt: »Wenn jemand früher die Verpflegung des Volks besorgte, war er hoch angesehen, doch was ist jetzt verächtlicher als diese Präfektur der Annona?« Und kurz vorher hatte er bemerkt: »Die Präfektur der Stadt war einst eine große Gewalt, jetzt ist sie ein leerer Name und eine große Last des senatorischen Census.«

Die Vorratshäuser am Aventin und die Schweinemärkte (forum suarium) in der Region Via Lata, denen seit alters ein eigener Tribun vorstand, suchte man stets versorgt zu halten. Das Brot war gut und von vollem Gewicht, die Billigkeit der Preise so groß, daß man zur Zeit Theoderichs 60 Modii Weizen für einen Solidus und für ebensoviel 30 Amphoren Wein kaufte. »Es wuchsen«, so sagt Ennodius in seinem Panegyricus auf den edlen König, »die öffentlichen Reichtümer mit dem Gewinne der Privaten, und weil der Hof ohne Habsucht ist, so ergießen sich die Quellen des Wohlstandes in jede Richtung.« Wenn dies auch insofern zu kühne Lobsprüche sein mögen, als die römischen Beamten des Hofs sich nicht urplötzlich in Heilige verwandeln noch auch die Goten selbst überall frei von Habsucht sein konnten, so erholte sich doch Rom nach so großen Verheerungen wieder zu einer Blüte des Glücks und der Sicherheit. Die Senatoren erfreuten sich wieder, wie zur Zeit des Augustus und des Titus, ihrer obwohl verfallenden Villen am Golf von Bajae oder in den Sabinischen Bergen oder in Lukanien am Adriatischen Meer. Das verringerte Volk, von keiner Furcht vor barbarischen Plünderungen geängstigt, genährt und durch Spiele unterhalten, durch römische Gesetze und Gerechtigkeitspflege geschützt, im Genuß einer gewissen nationalen Selbständigkeit, durfte keine Ironie darin sehen, daß die alte unglückliche Roma noch zum letztenmal den Titel Felix annahm.

Wenn dieser Zustand friedlicher Wohlfahrt (und es gibt keinen alten weder lateinischen noch griechischen, weder freundlichen noch feindlichen Schriftsteller, der ihn nicht als eine Segnung Theoderichs gepriesen hätte) in der Stadt getrübt wurde, so geschah dies nicht durch Schuld der aufgeklärten Regierung, sondern allein durch den kirchlichen Fanatismus. Der Arianer Theoderich hatte die römische Kirche bis gegen das Ende seiner Regierung mit vollkommener Achtung behandelt, und nicht einmal der Haß konnte ihm nachsagen, daß er auch nur einen Katholiken zum Übertritt gezwungen, nur einen Bischof je verfolgt habe. Nach seinem Einzuge in Rom betete er »Wie ein Katholik« am Grabe des Apostels, und unter den Weihgeschenken, welche schon die Herrscher jener Zeit dem Dome St. Peters darbrachten, finden sich auch zwei von ihm geschenkte silberne Kandelaber von 70 Pfund Gewicht verzeichnet. Die Auffindung einiger Ziegel in der Kirche St. Martina auf dem Forum und selbst auf den Dächern von Nebengebäuden des St. Peter mit dem Stempel »Regnante Theodorico Domino Nostro, Felix Roma« hat sogar die Meinung veranlaßt, der König habe für die Bedeckung jener Kirchen gesorgt, aber sie ist irrig; man hat diese Ziegel vielmehr von anderswoher und in späterer Zeit entnommen, oder sie stammten überhaupt aus der öffentlichen Ziegelfabrik. Die Kirche St. Martina war in jener Zeit noch nicht erbaut. Die Duldsamkeit Theoderichs eilte seinem Jahrhundert voraus, und sein Kanzler Cassiodorus trägt fast die Züge eines Ministers aus der späten Periode des philosophischen Humanismus. Die Verachtung der Christen gegen die Juden wurde gezögert, und die Edikte des Königs sprachen mit mildem Vorurteil nur eine mitleidige Geringschätzung gegen die Religion des Moses aus.

Die Hebräer, nicht erst seit Pompejus als Kriegssklaven nach Italien gekommen, sondern schon früher, gleich Syrern, teils als Gefangene, teils als freie Menschen aus Handelszwecken dort eingewandert, besaßen Synagogen in Genua und Neapel, in Mailand, in Ravenna und vor allem in der Weltstadt Rom. Hier waren sie unter Tiberius sogar auf mehr als 50 000 Menschen angewachsen. Ihr Talent und ihre rastlose Betriebsamkeit machten manche von ihnen reich, während die Masse selbst in dürftigen Verhältnissen lebte. Dem Widerwillen der Römer gegen dieses wunderbare Volk, welches jeden Sturz jedes Reiches der Erde mit zäher Lebenskraft überdauerte, begegnen wir bei Dichtern und Prosaikern seit Augustus, welcher übrigens wie Caesar ihre Kultusfreiheit und ihre bürgerlichen Rechte vollkommen geachtet hatte. Ihre allen andern Religionen feindliche Abgeschlossenheit war den kosmopolitischen Römern unbegreiflich, und Tacitus nannte sie deshalb ein den Göttern verhaßtes Menschengeschlecht. Die Römer staunten trotzdem den tief religiösen Charakter der Hebräer an, und nicht wenige gerieten in den moralischen Bann des Judentums. Denn dieses machte Proselyten selbst unter dem römischen Adel, namentlich bei den Frauen. Die frevelvolle Poppaea, die Gemahlin Neros, war zur Synagoge übergetreten, und als Jüdin wollte sie begraben sein. Sobald sich nun das Christentum ausbreitete, wurden seine Anhänger als Judensekte von den Heiden verabscheut. Noch Rutilius hat diesen Haß der Lateiner gegen das semitische Wesen in seinem Abschiedsgedicht ausgesprochen, indem er beklagte, daß Pompejus Judäa unterjocht und Titus Jerusalem zerstört habe, denn seitdem sei die Pest des Judentums verbreitet worden, und die unterjochte Nation habe ihre Besieger besiegt. Das Judentum erscheint demnach schon in jener Zeit als eine ernste soziale Frage.

Die älteste Synagoge zu Rom lag in dem seit Augustus von zahlreichen Juden bewohnten Trastevere. Die Nähe des Tiberhafens an der Ripa mochte die Veranlassung sein, daß Hebräer und Syrer in jenem Viertel sich ansiedelten. Das ganze Mittelalter hindurch blieben sie dort, und die Trasteveriner zeigten dem Verfasser dieser Geschichte noch heute in Vicolo delle palme den Ort, wo die erste Synagoge soll gestanden haben. Es ist möglich, daß die Hebräer in der vorchristlichen Zeit auch im Vatikan wohnten; noch im XIII. Jahrhundert wird die Hadriansbrücke, der Pons Aelius, im Buch der Mirabilien Pons Judaeorum genannt. Sie mochte indes deshalb so heißen, weil die Juden im Mittelalter auf dieser Brücke in Buden, mit denen sie besetzt war, Waren feilgeboten.

In ihrer Synagoge, welche den Libertinern oder den nach Pompeius' Zeit freigelassenen Judensklaven den Ursprung verdankte und neben der es während der Kaiserzeit noch andere Bethäuser gab, hatten die Hebräer ein Abbild des von Titus zerstörten Tempels dargestellt, und sie versammelten sich daselbst an ihren Sabbat- und Festtagen beim Licht einer nachgebildeten siebenarmigen Menora zu derselben Zeit, als der wahrhafte Lychnuchus und die Gefäße Jerusalems, ihr geschändetes heiliges Eigentum, noch im Friedenstempel aufbewahrt wurden. Ihr Bethaus in Rom war fast 300 Jahre älter als der St. Peter oder der Lateran, und schon die heidnischen Römer zur Zeit des Horaz und seines Freundes Fuscus Aristius oder des Juvenal hatten, als neugierige Gäste, denselben Mysterien des Moses zugesehen, denen noch heute Römer beim Passahfest mit verächtlichem Lächeln beiwohnen. Sicher war das alte Judenhaus in Trastevere prächtiger, als es die heutige Synagoge im Ghetto ist, ein auf Säulen ruhender Tempel und innen mit köstlichen Teppichen und goldnem Bildwerk von Granaten und Blumen ausgeziert. Aber mehrmals hatte das römische Volk die Synagoge verwüstet, zuletzt noch unter Theodosius verbrannt, und Goten und Vandalen hatten sie wohl allen Schmuckes beraubt. Unter der milden Regierung Theoderichs erholten sich die Hebräer wieder, bis sie im Jahre 521 durch den von Zeit zu Zeit ausbrechenden Fanatismus der Christen aufs neue mißhandelt wurden. Eines Tags verbrannte das Volk die Synagoge. Aus der Klage der Juden bei Aligern, dem Sendboten Theoderichs in Rom, scheint hervorzugehen, daß Christen im Dienste reicher Juden ihre Herren erschlagen hatten und daß infolge der Bestrafung der Täter das Volk sich an der Synagoge rächte. Auf diesen Tumult richtete der König ein Reskript an den Senat, worin er ihm auftrug, den Frevel mit äußerster Strenge zu bestrafen.

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