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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 328
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Alexander V. in Bologna. Die Römer bieten ihm die Gewalt. Er bestätigt ihre Autonomie. Er stirbt 1410. Johann XXIII. Papst. Seine Vergangenheit. König Ruprecht stirbt. Sigismund König der Römer 1411. Johann XXIII. und Ludwig von Anjou ziehen in Rom ein. Expedition gegen Ladislaus von Neapel. Ihr erster Erfolg, ihr kläglicher Ausgang. Bologna rebelliert. Sforza d'Attendolo. Der Papst schließt Frieden mit Ladislaus. Gregor XII. flieht nach Rimini.

Nichts hinderte jetzt Alexander, dem Ruf der Römer zu folgen und seinen Sitz im St. Peter einzunehmen. Er hatte ein neues Reformkonzil nach drei Jahren angesagt, Pisa verlassen und sich nach Pistoja begeben, willens, von dort nach Rom zu gehen. Aber der listige Cossa bewog ihn, in Bologna zu bleiben, und der willenlose Papst folgte dem Befehl des Kardinals, dem er die Tiara verdankte. Eine Gesandtschaft der Römer überreichte ihm dort am 12. Februar die Schlüssel und das Banner der Stadt mit der dringenden Bitte, in Rom als Gebieter einzuziehen; dies verlangten auch die Florentiner. Alexander V. übernahm das Dominium aus den Händen jener Boten und bestätigte ihnen am 1. März die Freiheiten der römischen Gemeinde durch ein Diplom. Es ergibt sich daraus die Form des damaligen Stadtregiments und der wichtigsten Magistrate, welche folgende waren: ein fremder, sechsmonatlicher Senator; ein fremder Kapitän und Appellationsrichter mit zwei Notaren; drei Konservatoren; ein Kämmerer; die 13 Regionenkapitäne; ein Stadtrat von 39 Männern; 60 Konstabler; ein Protonotar; vier Marschälle; zwei Kanzler; zwei Syndici des römischen Volks; zwei Senatsschreiber; zwei Steuereinnehmer ( gabellarii); ein Doganenoberst für das Salz ( dohanerius salis); zwei Syndici für alle Offizialen; zwei Aufseher der Bauten ( magistri edificiorum).

Der Papst hatte wirklich die Absicht, bald nach Rom zu gehen, doch der Tod überraschte ihn in Bologna am 3. Mai 1410. Wenn man dem boshaften Gerücht Glauben schenken darf, so war es Balthasar Cossa, welcher auch diesen Papst in die Ewigkeit beförderte. Nach dem Urteil der Zeitgenossen war Alexander V. ein freigebiger und gelehrter Mann, aber ein gutmütiger Schlemmer ohne selbständigen Geist. Auf dem Heiligen Stuhl fand er sich in so großer Dürftigkeit, daß sie ihn an seine eigenen Anfänge erinnerte; er selbst sagte von sich: als Bischof war ich reich, als Kardinal arm, als Papst ein Bettler.

Der mächtigste der Kardinäle durfte jetzt nur die Tiara begehren, um sie auch sein zu nennen. Er widerstrebte scheinbar seiner Wahl; aber wenn er die Stimmen des Konklave nicht durch Furcht und Gold gewonnen hätte, so würden sie ihm die Lanzen seiner Söldner erzwungen haben. Ludwig von Anjou, der sich zum Feldzuge wider Ladislaus rüstete, unterstützte außerdem die Erhebung Cossas, von dem er sich den Besitz Neapels versprach. Die achtzehn in Bologna versammelten Kardinäle wählten den gefürchteten Mann am 17. und krönten ihn am 25. Mai im Dom St. Petronius als Johann XXIII.

Balthasar Cossa stammte aus einem edlen Hause Neapels. In seiner Jugend soll er mit seinen Brüdern das einträgliche Geschäft eines Meerpiraten getrieben haben. Er war zuerst ein ausgezeichneter Soldat und ging dann nach Bologna auf die Universität, wo er sich einem ausschweifenden Leben ergab. Bonifatius IX. hatte ihn dort zum Archidiaconus gemacht und hierauf als seinen Kämmerer nach Rom gezogen. In der Kurie, wo das Glück in ungeheuerlicher Gestalt emportaucht, hatte er dies Amt benutzt, um mit Indulgenzen und anderem Wucher reich zu werden. Er war Kardinal von S. Eustachio geworden und endlich als Legat nach Bologna zurückgekehrt, wo er vor keiner Gewaltmaßregel zurückbebte, um sich die Herrschaft der Romagna zu erhalten. Seine Zeitgenossen nannten ihn mit Übereinstimmung einen in allen weltlichen Dingen ebenso großen Mann, als er in geistlichen unwissend und unbrauchbar war. Es fehlte nicht an Stimmen der Entrüstung über die Wahl eines solchen durch kein Verdienst, aber durch viele Frevel bekanntgewordenen Menschen zum Papst, dessen Vergangenheit, ja selbst der Verdacht, der Mörder zweier Päpste gewesen zu sein, die heilige Würde schändete, die man ihm verliehen hatte.

Kurz vor der Erhebung Cossas starb am 18. Mai Ruprecht, der unsträfliche, aber ruhmlose König der Römer. Johann XXIII. eilte daher, seine Nuntien nach Deutschland zu schicken, um dort für die Wahl Sigismunds zu wirken, des Königs von Ungarn und Bruders des entthronten Wenzel. An ihm hoffte er einen Helfer gegen Ladislaus zu gewinnen. Sigismund wurde am 20. September in Frankfurt zum Könige der Römer gewählt. Zwar stellte eine andere Partei am 1. Oktober den greisen Markgrafen Jobst von Mähren aus demselben Hause Luxemburg auf; doch dieser starb schon am 8. Januar 1411, worauf Sigismund nochmals einmütig am 21. Juli zu Frankfurt erwählt wurde. Er anerkannte sofort Johann XXIII. als rechtmäßigen Papst.

Rom huldigte diesem ohne Widerspruch und nahm den von ihm ernannten Senator Ruggiero di Antigliola von Perugia auf. Unterdes hatte Paul Orsini als Kapitän der Kirche den Krieg gegen die Partei des Königs Ladislaus eifrig fortgesetzt. Mehrere Städte hatten sich ihm ergeben, selbst die Colonna Frieden geboten, auch Battista Savelli sich unterworfen. Demnach befand sich die Stadt und ihr Gebiet im ruhigen Besitze Johanns XXIII., während sein Gegner Gregor XII. unter dem Schutze des Königs Ladislaus in Fundi oder in Gaëta ein Asyl fand. Um nun den Kriegszug gegen Neapel zu betreiben, kam Ludwig von Anjou am 20. September nach Rom. Er ging von hier am 31. Dezember mit Paul Orsini nach Bologna zurück, wo er in Johann XXIII. drang, mit ihm nach Rom zu kommen. Auch die Römer luden den Papst zur Rückkehr ein.

Mit den Steuern der Provinzen und aufgehäuften Kirchenschätzen wurde das Heer ausgerüstet, und die berühmtesten Kapitäne der Zeit, Paul Orsini, Sforza, Gentile de Monterano, Braccio von Montone verbürgten Anjou den Sieg. Man brach am 1. April 1411 von Bologna auf. Johann XXIII. und alle Kardinäle wurden von Ludwig und vielen französischen wie italienischen Edlen geleitet, während das Hauptheer ihnen nachfolgte. Am 11. April langte man bei S. Pancrazio an; folgenden Tags hielt der Papst unter dem Jubel der nun gezähmten Römer seinen Einzug in den St. Peter, wo die Magistrate, Kerzen in der Hand, huldigend vor ihm erschienen. Am 23. April weihte er die Fahnen, die er dem Anjou und Orsini übergab, und wenige Tage später zog der Prätendent, vom Kardinallegaten Pietro Stefaneschi begleitet, mit 12 000 Reitern und vielem Fußvolk zur Eroberung Neapels auf derselben Straße ab, welche vor ihm Karl I., Karl von Durazzo und so mancher andere Eroberer genommen hatten.

Unaufgehalten drang er bei Ceprano ins Königreich. Sein glänzender Sieg bei Rocca Secca am 19. Mai 1411 würde Ladislaus seine Krone gekostet haben, wenn der Sieger ihn benutzt hätte. Mit Not entrann der König. Er sammelte seine Truppen in S. Germano, erstaunt, daß man ihm dazu Zeit ließ. Am ersten Tage nach meiner Niederlage, so sagte er, hatten die Feinde mich selbst in der Hand, am zweiten mein Reich, am dritten weder meine Person noch mein Reich. Vom Schlachtfelde schickte Ludwig die erbeuteten Fahnen des Königs und Gregors XII. als Trophäen nach Rom, und Johann XXIII. empfing sie mit maßloser Freude. Die Feierlichkeit, die er veranstaltete, bezeichnet den Geist des damaligen Papsttums, in welchem der priesterliche Charakter völlig entschwunden war. Johann ließ jene Fahnen auf dem St. Peter aufpflanzen, damit sie ganz Rom sichtbar seien; dann wurden sie herabgestürzt und, während der Papst in Prozession durch die Stadt zog, hinter ihm im Staube fortgeschleift. Dies war die Gestalt, in welcher sich das Haupt der heiligen Kirche vierzehn Jahrhunderte nach Christus bewundern ließ. Aber bald trafen Schreckenskunden ein; die Schlacht bei Rocca Secca war kein Tag von Benevent oder Tagliacozzo gewesen: denn der geschlagene König stand schon wieder mit einem neuen Heer im Feld und in so starken Stellungen, daß seine Feinde sie nicht zu stürmen wagten. Mangel herrschte in ihrem Lager; Zwist entzweite sie; der Anjou schalt Paul Orsini Verräter, weil er den König nicht verfolgt habe. Der unglückliche Prätendent kehrte schon am 12. Juli nach Rom zurück, mit einem siegreichen und doch zertrümmerten Heer. Er stieg beschämt am 3. August auf der Ripa Grande in ein Schiff, um nochmals ohne Krone nach der Provence heimzugehen; kein einziger der getäuschten römischen Barone gab ihm das Ehrengeleit.

Das Mißlingen der großen Unternehmung war für Johann XXIII. verhängnisvoll; denn die Macht des Königs Ladislaus blieb ungebrochen. Die Florentiner gewann derselbe durch den Verkauf Cortonas, so daß sie sich von der Liga mit dem Papst trennten, und diesen schwächte außerdem der Abfall Bolognas. Diese Stadt, welche Cossa so lange als Tyrann beherrscht hatte, sah ihn kaum als Papst aus ihren Mauern entfernt, als sie am 12. Mai den alten Ruf: »Volk! Volk!« erhob, den Kardinalvikar verjagte und ihre Freiheit wiederherstellte. Alle diese Vorgänge gaben Gregor XII. im festen Gaëta neuen Mut. Was half es seinem Gegner, daß er Ladislaus nochmals bannte und den Kreuzzug wider ihn predigte? Der König konnte ohne großen Widerstand vor Rom erscheinen, wo die Barone ihn erwarteten und das Volk durch unmäßige Steuern erbittert war. Den Soldtruppen war nicht zu trauen; die Kapitäne Sforza und Orsini lagen im Streit und konnten jeden Augenblick zu Verrätern werden. Der Papst verschanzte sich deshalb voll Argwohn im Vatikan und setzte diesen Palast durch einen gemauerten Gang mit der Engelsburg in Verbindung. Galgen und Henkerbeil straften auf dem Kapitol die Unruhigen, wo seit dem 27. August 1411 Riccardus de Alidosiis als Senator ein strenges Regiment führte. Rom blieb gehorsam, aber die Untreue der Soldkapitäne setzte Johann XXIII. bald in nicht geringe Verlegenheit.

Sforza d'Attendolo, jetzt in Diensten der Kirche, war der jüngere Nebenbuhler des Paul Orsini. Der berühmte Bandenführer, welcher von der Eigenschaft des Herkules, der Kraft, seinen Namen trug, stammte aus Cotognola in der Romagna, wo er um das Jahr 1369 geboren war. Aus dunkeln Anfängen hatte er einen schnellen Aufschwung genommen. Man erzählt, daß er als Jüngling mit der Hacke sein Brot erwarb und, angeekelt von diesem niedrigen Los, eines Tags das Werkzeug seiner Qual nach einer hohen Eiche warf; wenn die Hacke niederfiel, so wollte er Bauer bleiben, wenn sie im Baume stecken blieb, Dienste bei irgendeinem der Kapitäne nehmen, deren Ruf damals die Phantasie der Jugend entzündete. Der Bauernsohn stieg zu Pferd, und er ward mit der Zeit Großkonnetabel Neapels und Vater des Herzogs von Mailand. Die Kriege der Päpste in Neapel waren es, welche Sforza Gelegenheit gaben, sein soldatisches und politisches Genie zu entfalten. Als nun die Furcht vor Ladislaus Johann XXIII. mehr und mehr ängstigte, berief er seine beiden Kapitäne zum Kriegsrat nach Rom. Sie überwarfen sich hier; Sforza, welchen Ladislaus bereits für sich gewonnen hatte, verließ mit seiner Bande die Stadt und verschanzte sich auf dem Algidus im Juni 1412. Der Papst schickte an ihn einen Kardinal mit 36 000 Goldgulden, ihn zur Rückkehr zu bewegen; doch der trotzige Kapitän trat bald offen in die Dienste des Königs, rückte nach Ostia und nahm hier eine feindliche Haltung an. Der Papst ließ den Verräter an allen Toren und Brücken der Stadt im Bilde ausstellen, mit dem rechten Fuß am Galgen hängend, in der rechten Hand eine Bauernhacke, in der linken eine Schrift, welche sagte: »Ich bin Sforza, Bauer von Cotognola, ein Verräter, der zwölfmal wider seine Ehre der Kirche die Treue brach.«

Der Abfall Sforzas, die Empörung des Präfekten von Vico, welcher Civitavecchia mit Hilfe der Neapolitaner behauptete, der Abfall anderer Barone und die gereizte Stimmung der Römer zwangen endlich Johann, seine Politik zu ändern und mit diplomatischer Kunst den König in das Netz von Verträgen zu ziehen. Schon im Juni vermittelten päpstliche Boten den Frieden. Derselbe Cossa, welcher der eifrigste Beförderer der neapolitanischen Eroberung gewesen war, erklärte sich jetzt bereit, den Anjou zu verraten, wenn Ladislaus Gregor XII. verriet. Er erbot sich, ihn als König anzuerkennen, ihn zum Bannerträger der Kirche zu machen, ihm für die Freilassung der Cossa, seiner Verwandten, große Summen zu zahlen und Ascoli, Viterbo, Perugia und Benevent als Pfänder zu überliefern. Dafür sollte Ladislaus ihn selbst als Papst anerkennen, tausend Lanzen in den Dienst der Kirche stellen und Gregor XII. zur Abdankung bewegen oder doch aus dem Königreich verbannen. Ladislaus fürchtete offenbar die Wiederholung der Unternehmung Anjous; der König von Frankreich ermahnte ihn, sich von Gregor abzuwenden; der römische König Sigismund, den er als Prätendent von Ungarn sich zum Feinde gemacht hatte und welcher als ein kräftiger Mann daran dachte, die Rechte des Reichs in Italien zur Geltung zu bringen, bedrohte ihn; und so beschloß er, mit Johann XXIII. einen Vergleich einzugehen. Der unerwartete Friedensvertrag wurde schon im Juni 1412 zu Neapel abgeschlossen und am 19. Oktober in Rom ausgerufen. Er war unehrenhaft für beide Teile. Um den Schein zu retten, vereinigte der König eine Synode von Bischöfen und Magistern in Neapel; diese Versammlung fand alsbald, daß Gregor XII. unrechtmäßig sich Papst nenne und ein offenbarer Ketzer sei. Ladislaus würde sich jetzt kein Gewissen gemacht haben, seinen Schützling zu verkaufen, und nur die Flucht des verratenen Papsts ersparte ihm diese äußerste Schande. Nachdem der greise Gregor eines Tags zu seinem tiefen Erstaunen den Befehl erhalten hatte, in kürzester Frist das Königreich zu verlassen, war er ganz ratlos; die zufällige Ankunft zweier venezianischer Handelsschiffe im Hafen Gaëtas half ihm aus der Not. Er bestieg am 31. Oktober eines dieser Fahrzeuge mit seinen wenigen Freunden oder Verwandten, worunter sein Neffe, der Kardinal Condulmer, nachmals Eugen IV., sich befand, und segelte in Todesfurcht vor Piraten und Feinden durch beide Meere Italiens, bis er die Küste Slawoniens erreichte. Von dort brachte ihn eine Barke nach Cesena, wo Karl Malatesta erschien und ihm ein ehrenvolles Geleit und Asyl in Rimini gab. Der Nachkomme der berühmten Signoren dieser Stadt war der einzige, aber machtlose Dynast, der noch die Sache Gregors verfocht. Seine unerschütterte Treue, wie immer man ihre Gründe beurteilen mag, gebietet Achtung und glänzt um so heller durch den schimpflichen Vertrag des Königs Ladislaus.

Der Vertrag mit Johann war übrigens ein sehr wichtiger Schritt weiter zur Beilegung des Schisma; denn Gregor XII. hatte dadurch seinen letzten Anhalt von politischer Bedeutung eingebüßt, und bald folgten Ereignisse, die auch Johann XXIII. zwangen, vor dem Tribunal zu erscheinen, welches alle drei Päpste richten sollte.

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