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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 325
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Tumulte in Rom. Kampf der Colonna mit den Orsini. Innocenz VII. Papst 1404. Die Römer fordern von ihm die Entsagung der weltlichen Gewalt. Ladislaus kommt nach Rom. Die Oktoberkonstitution 1404. Ladislaus kehrt nach Neapel heim. Die Römer bedrängen den Papst. Er ernennt fünf Römer zu Kardinälen. Ermordung der Volksabgeordneten durch Lodovico Migliorati. Vertreibung der Kurie nach Viterbo. Anarchie in Rom. Die Neapolitaner rücken in den Vatikan. Das Volk bekämpft sie. Paul Orsini vertreibt sie. Innocenz VII. kehrt nach Rom zurück 1406. Er schließt Frieden mit Ladislaus. Er stirbt 1406.

Als die kraftvolle Hand Bonifatius' IX. erkaltet war, erhob sich die Stadt, um ihre Freiheit wiederzuerlangen. Die alten Parteien, Guelfen und Ghibellinen, Colonna und Orsini, kamen zum Vorschein; die Reste des Geschlechteradels strebten nach dem Falle der Demokratie wieder auf. Die Stadt verbarrikadierte sich. Der Senator Bente de Bentivoliis und ein Bruder des toten Papsts hielten das Kapitol, dessen Auslieferung das von Jordan, Johann und Nicolaus Colonna und von Battista Savelli geführte Volk verlangte. Die Orsini leiteten die Gegenpartei. Man kämpfte in den Straßen; den zum Entsatz des Kapitols herbeigekommenen Francesco Orsini schlugen die Colonna am Palast der Rossi, und sie riefen Ladislaus, die Sache des Volks zu unterstützen. Unter diesem Parteikampf zogen die Kardinäle ins Konklave. Ihrer waren neun in Rom, drei außerhalb. Sie unterzeichneten alle zuvor eine Schrift, worin sich jeder verpflichtete, wenn die Wahl auf ihn fiel, das Schisma tilgen und selbst abdanken zu wollen, sobald dies nötig sei. Die Furcht vor dem nahenden Ladislaus bewirkte am fünften Tage, am 17. Oktober, die Wahl Cosimos dei Migliorati zum Papst. Er war seit Gregor XI. der dritte Neapolitaner, der den Heiligen Stuhl bestieg; denn die Päpste im Schisma sahen in jenem Königreich ihren einzigen Halt, und dies erklärt es, daß man sie von dort zu nehmen gezwungen war. Cosimo stammte aus einer mittelmäßigen Familie Sulmonas; er war Doktor beider Rechte, Erzbischof von Ravenna, Bischof von Bologna und seit 1389 Kardinal von S. Croce gewesen: ein Mann von 65 Jahren, durch Erfahrung in allen Geschäften gereift und friedfertigsten Art.

Innocenz VII. begann seine Regierung unter schwierigen Verhältnissen. Die Stadt war ihm verschlossen. Er besaß nichts als den Vatikan und die Engelsburg, welche Antoniello Tomacelli hielt, während der Senator noch für die Kirche das belagerte Kapitol behauptete. Das Volk weigerte dem neuen Papst die Huldigung, wenn er nicht dem Dominium Temporale entsagte, und Ladislaus zog mit Heeresmacht gegen Rom. Er rückte durch das Tor St. Johann ein am 19. Oktober. Jubelnd empfing ihn das Volk. Man führte ihn unter einem purpurnen Baldachin nach dem Lateran, von wo er am 21. Oktober in prachtvollem Aufzuge über Ponte Molle und durch das Tor des Kastells nach dem Vatikan zog, den Papst zu begrüßen und ihm seine Dienste anzubieten.

Ladislaus beutete alsbald seine günstige Lage mit Geschick aus. Glück und Talent hatten ihn zum Wiederhersteller seiner Dynastie gemacht und ihm den Einfluß gegeben, welchen die ersten Anjou besessen hatten. Er strebte nach großen Dingen; eine glänzende Zukunft lag vor ihm aufgetan, denn die Verhältnisse machten ihn zum Protektor Roms und der Kirche zugleich. Klug trat er zwischen beide Parteien, nicht um einen dauernden Zustand zu gründen, sondern um beiden notwendig zu bleiben. In der Stadt bereitete er die Elemente für seine Herrschaft vor, heimlich die Römer aufreizend und öffentlich vor dem Papst die Miene annehmend, sie mit ihm versöhnen zu wollen. Nach einigen Unterhandlungen zwischen Innocenz und dem Volk diktierte der König einen Vertrag, welcher die Grundlage ihres Verhältnisses zueinander bilden sollte. Demnach ward beschlossen: der Senator wird vom Papst erwählt; dagegen werden vom Volk zweimonatlich sieben Governatoren der städtischen Kammer eingesetzt, welche dem Papst den Treueid schwören; neben ihnen wählt er oder Ladislaus drei andere Offizialen desselben Amts; diesen Zehnmännern wird die Finanzverwaltung übertragen ohne jede andere Gerichtsbarkeit. Alle Magistrate werden von zwei Richtern syndiziert, von denen der eine durch den Papst, der andere durch jene Offizialen gewählt wird; die Kurie und die Bewohner der Leonina sind vom städtischen Rechtsforum frei; der Papst und die Kardinäle steuerfrei; von dem Salz, welches der Stadt gehört, erhält jener tausend Scheffel; kein Baron darf zum Dienste des Volks mit mehr als fünf Lanzen gezogen werden; die Bewachung aller Brücken und Tore gehört den Römern, außer Ponte Molle und der Leonina; Amnestie wird erlassen; niemand darf Boten des Gegenpapsts aufnehmen; Sutri und Civita Castellana dürfen nicht vom römischen Volk beansprucht werden; der König soll darüber Schiedsrichter sein; die Stadt sorgt für die Sicherheit aller Straßen in ihrem Gebiet; das Volk darf eigenmächtig keine neuen Gesetze erlassen; der Papst behält sich die Ernennung eines Appellrichters vor unter dem Titel Kapitän des römischen Volks in Appellationssachen; das Kapitel soll zur Form eines Gemeindepalasts und öffentlichen Gerichtshauses zurückgebracht werden; der König wird bestimmen, ob die Zehnmänner darin residieren sollen oder nicht; für die Aufrechterhaltung des Vertrags verpflichten sich je zwanzig Bürger aus allen Regionen der Stadt mit Hab und Gut; und ganz Trastevere überwacht dieselbe, indem es demjenigen der beiden Teile beisteht, welchem vom andern die Treue gebrochen ward.

Die Übereinkunft wurde am 27. Oktober 1404 im Vatikan geschlossen und später durch das Volksparlament bestätigt. An demselben Tage übergab der Kämmerer des Papsts das Kapitol dem Grafen von Troja, einem General des Königs, und dieser stellte es alsbald dem römischen Volk zurück. So gab dieser Vertrag den Römern die Freiheit wieder, welche sie unter Bonifatius IX. verloren hatten. Die Zehnmänner traten ihr Amt an, und Governatoren saßen wieder auf dem Kapitol wie die sieben Reformatoren in der Zeit des Cola. Der Papst setzte übrigens keinen neuen Senator ein, sondern Bente de Bentivoliis blieb im Amt.

Ladislaus war schon zuvor für seine Dienste vom bedrängten Papst gut bezahlt worden; denn dieser hatte ihn auf fünf Jahre zum Rector der Campania und Maritima gemacht: ein großes Zugeständnis, wodurch dem Könige der Schlüssel zu Rom in die Hand gegeben wurde. Viele Tage lang blieb er im Vatikan. Am 4. November hielt er, ein königliches Schaugepränge zu entfalten, einen festlichen Einzug durch die Porta del Popolo; die Via Lata entlang, durch das Viertel der Colonna und durch die Straße »Turm der Conti« zog er nach dem Lateran. Das Volk begleitete ihn mit Zuruf wie einen Cäsar; am Haus des Galeotto Normanni schlug er diesen Edlen zum Ritter, und derselbe nannte sich fortan »Kavalier der Freiheit«. Sodann kehrte Ladislaus am 5. November nach Neapel zurück. Was er gewollt hatte, dauernden Einfluß in Rom, war von ihm erreicht worden; außerdem hatte sich Innocenz VII. verpflichten müssen, die Union der Kirche nicht abzuschließen, ehe Ladislaus als König von Neapel allgemein anerkannt war; eine Bedingung, welche die Schwäche des Papsts offenbar machte und das große Friedenswerk sehr erschweren mußte. Erst nach dem Abzuge des Königs wurde Innocenz am 11. November in St. Peter gekrönt, worauf er seinen Zug zur Besitznahme des Lateran hielt.

Die wiedererrungene Freiheit regte noch einmal die Leidenschaften der Römer auf. Man hielt sich nicht mehr an die Oktoberkonstitution. Die Zehnmänner verwandelten sich, mit Ausschluß der vom Papst gewählten, in Septemvirn, legten sich den Titel Governatoren der Freiheit der römischen Republik bei und regierten nun eigenmächtig wie einst die Reformatoren und Banderesen. Sie verlangten immer mehr vom Papst, denn seine Schwäche forderte sie heraus. Er selbst blieb auf die Leostadt beschränkt, und hier schützten ihn nur die Waffen seines Condottiere Mustarda, unter welchem des Papsts Bruder Lodovico Migliorati diente. Neapolitanische Truppen standen in Kampanien, von wo aus sie Verkehr mit Rom unterhielten. Die Römer selbst zogen am 15. März 1405 unter Johann und Nicolaus Colonna gegen Molara, die Burg der Annibaldi im Lateinergebirg. Der Papst sandte ihnen den Johanniterprior von S. Maria auf dem Aventin als Vermittler nach, und man schloß Frieden mit den Annibaldi. Aber als das Heer am 25. März zurückkehrte, ließen die Septemvirn jenen Prior ergreifen und ohne Prozeß auf dem Kapitol enthaupten. Diese Gewalttat empörte Innocenz. Er drohte, seinen Sitz in Viterbo zu nehmen, und dies tat Wirkung; denn am 10. Mai stellten sich die Siebenmänner, von ihrem Haupt Laurentius de Macharanis geführt, im Bußgewande, brennende Kerzen in der Hand, dem Papste dar, der ihnen verzieh. Man schien sich zu versöhnen: am 15. bestätigten die Governatoren den Oktobervertrag, aber sie unterzeichneten ihn als die sieben Regierer der Freiheit der römischen Republik, woraus hervorgeht, daß Innocenz diese Abänderung seiner Konstitution hatte genehmigen müssen. Unterdes lief das Gerücht um, daß der Papst zu seinem Schutze Paul Orsini berufen habe, einen bereits namhaften Condottiere, welcher in seinem Dienst zu Bologna stand. Das Volk forderte, daß dieser Kapitän nicht während der Erntezeit nach Rom kommen dürfe, und Innocenz bewilligte auch dies. Seit seiner Thronbesteigung war er von den Römern mit Bittgesuchen jeder Art gequält worden; jeder forderte für seine Verwandten den Purpur oder andere Ehren und Pfründen. Um die Schreier zu befriedigen, machte Innocenz am 12. Juni fünf Römer zu Kardinälen, Jordan Orsini, Antonio Calvi, Antonio de Archionibus, Pietro Stefaneschi Annibaldi und Oddo Colonna. Indes die Mißstimmung dauerte fort; die Lage des Papsts war unerträglich.

Zwei ausgezeichnete Männer, beide Geschichtschreiber dieser Epoche, befanden sich damals als Sekretäre im päpstlichen Dienst, Dietrich von Niem und Leonardo Bruno von Arezzo; sie haben den damaligen Zustand in Rom lebhaft geschildert. Beide fällten das freilich durch ihre amtliche Stellung beeinflußte Urteil, daß die Römer ihre wiedererlangte Freiheit mißbrauchten und die Grenzen des durch Ladislaus vermittelten Vertrages überschritten. Vom Adel, so sagt Aretinus, waren damals allmächtig die Colonna und die Savelli, alte Ghibellinen; die Orsini dagegen herabgedrückt und als Anhänger des Papsts beargwöhnt; die Kurie war vollzählig und reich; der Kardinäle gab es viele und von hoher Würdigkeit; der Papst im Vatikan, nachgiebig und milde, sehnte sich nach Frieden, doch Rom war in stetem Aufruhr, welchen die Ränke des Königs zu nähren wußten. Dieser, nach der Signorie der Stadt begierig, bestach viele Bürger aus den Cavalerotti; das Volk verachtete sie deshalb und nannte sie die »Pensionäre«. Der unglückliche Papst wurde unablässig mit Forderungen bestürmt. »Habe ich euch nicht genug gegeben«, so sagte Innocenz eines Tags den Abgesandten der Römer, »wollt ihr mir auch noch diesen Mantel entreißen?«

Ein Grund des Streits war die Besetzung von Ponte Molle, welche vertragsmäßig dem Papst gehörte. Päpstliches Volk lag dort, um den Römern den Zugang zum Vatikan von dieser Seite zu versperren, während die Engelsburg ihn von der Stadtseite schloß. Die Römer forderten die Auslieferung der Brücke unter dem Vorwande, daß der Anzug des Königs Ladislaus zu befürchten sei. Am 2. August machten sie dort einen nächtlichen Überfall und wurden zurückgeworfen. Sie zogen lärmend aufs Kapitol; die Sturmglocke läutete; man stürzte gegen die Engelsburg; aber die Päpstlichen hielten stand, und man warf Schanzen auf. In den folgenden Tagen unterhandelte man. Der Papst willigte darein, daß die Milvische Brücke in der Mitte abgebrochen, also unzugänglich gemacht würde. Hierauf gingen am 6. August vierzehn angesehene Volksabgeordnete in den Vatikan; sie redeten stolz und heftig; sie tadelten den Papst, weil er nichts zur Beilegung des Schisma tue. Die Unterhandlung blieb erfolglos. Die Deputierten stiegen zu Pferde, um nach der Stadt zurückzureiten, aber bei S. Spirito überfiel sie der Neffe des Papsts. Dieser leidenschaftliche Mensch war über die unablässige Peinigung seines Oheims erbittert und von Rachelust außer sich. Er ergriff elf jener Gesandten, ließ sie ins Hospital von S. Spirito schleppen, überhäufte sie mit Schmähungen, hieb sie einen nach dem andern nieder und ließ die Ermordeten aus dem Fenster auf die Straße werfen. Es befanden sich darunter zwei Governatoren der römischen Republik, mehrere Regionenkapitäne, alle im Volk hochgeehrt, einige von anerkannt gemäßigter Gesinnung. Die Freveltat des Nepoten wirft ein gräßliches Licht auf die barbarische Verwilderung im damaligen Rom; die Annalen der Stadt haben in langer Zeit nichts Ähnliches aufzuweisen gehabt.

Als der Ruf erscholl, daß die Gesandten des Volks vom Neffen des Papsts ermordet seien, als man ihre Leichname auf der Straße liegen sah, erhob sich ganz Rom mit unsagbarem Wutgeschrei. So viele Kurialen in der Stadt waren, wurden gemißhandelt und eingekerkert; die Paläste der Kardinäle in Brand gesteckt; man läutete Sturm. Der Papst, an der Freveltat unschuldig, fühlte sie doch auf seinem Haupte lasten und war von Entsetzen gelähmt. Nur die Engelsburg und das Kriegsvolk im Borgo konnten ihn vor augenblicklichem Verderben schützen. Er war ratlos, was zu tun; seine Höflinge zitterten. Zwar das Kastell widerstand dem Volk, aber der Schloßvogt Antonio Tomacelli war zweifelhaft. Zwar konnte der Borgo sich eine Zeitlang halten, aber die Leonischen Mauern waren hie und da eingefallen, die Lebensmittel knapp, und jeden Augenblick konnten die Neapolitaner und die Colonna vor Rom erscheinen. Man riet zur Flucht. Gegen die Nacht des 6. August zog der Papst mit seinem blutschuldigen Neffen, seinem Hof und den Kardinälen von dannen. Es war wie ein hastiger Rückzug nach verlorener Schlacht, vorauf Reiterei, dann das Gepäck, dann der Papst mit den Priestern; Reiterei schloß den Zug. Man rastete bei Cesano, dann brach man auf nach Sutri; die wutentbrannten Römer auf den Fersen. Angst, Hitze und Anstrengung töteten dreißig vom Gefolge des Papsts, die auf dem Wege liegen blieben. Vor seinen Augen stach man einen Höfling nieder, und man erschlug den Abt des Klosters St. Peter von Perugia. Nach grenzenloser Pein erreichten die Entronnenen das sichere Viterbo.

Kaum war Innocenz hinweg, so wälzte sich das Volk in den Vatikan. Das päpstliche Archiv wurde verwüstet; viele Urkunden fanden den Untergang. In der Stadt selbst tilgte man die Wappen des Papsts aus. Man sprach von seiner Absetzung und nannte lachend Johann Colonna, der jetzt im Vatikan Gebieter war, Johann XXIII. Die Colonna eilten indes, den König von Neapel zu rufen, welchem überdies eine Partei die Signorie der Stadt geben wollte. Hierauf rückte am 20. August der Graf von Troja mit Gentile de Monterano und zwei Governatoren in den Borgo ein, an der Spitze von 3000 Reitern. Dem verräterischen Plan der Großen widerstrebte jedoch die patriotische Bürgerschaft, welche die Freiheit, nicht die Despotie eines fremden Königs wollte. Der Graf wurde von der Engelsbrücke in den Borgo zurückgeworfen und mit Mut bekämpft. Barrikaden versperrten den Zugang in die Stadt, und obwohl das Kastell sich für Ladislaus erklärt hatte und die Stadt beschoß, hielten sich die Bürger mit rühmlicher Tapferkeit. Sie belagerten die neapolitanisch gesinnten Governatoren im Kapitol, welches sich am 23. August ergab. Das Volk riß die dortige Befestigung nieder und setzte drei »gute Männer« als Regenten ein. Man entließ viele gefangene Prälaten. Dies lehrte, daß man von der Unschuld des Papsts überzeugt war. Die Stimmung schlug zu dessen Gunsten um; Abgesandte des Volks gingen nach Viterbo und forderten Hilfe wider Ladislaus und die Barone.

Am 26. August kamen Paul Orsini und Mustarda mit päpstlichem Kriegsvolk. Dies entschied das Schicksal der Stadt. Während der Graf von Troja in die Campagna abgezogen war, suchte Johann Colonna vergebens, den Borgo zu behaupten. Er wurde auf den Wiesen des Nero in die Flucht geschlagen, und Paul Orsini zog im Namen des Papsts in den Vatikan. So waren es die Absichten des ehrgeizigen Ladislaus, welche Innocenz VII. unverhofft die Herrschaft in Rom zurückgaben. Zwei römische Kardinäle, Oddo Colonna und Petrus Stefaneschi, vergalten ihm jetzt ihre eigene Erhebung durch die eifrigsten Dienste, denn sie vermittelten den Frieden. Die Römer erklärten sich bereit, Innocenz wiederaufzunehmen; er ernannte am 30. Oktober Johann Franciscus de Panciaticis von Pistoja zum Senator, und dieser bestieg am 11. November das Kapitol. Sodann beschloß das Parlament im Januar 1406, dem Papst das Dominium zu geben. Unter Jubelruf wurde sein Vikar aufs Kapitol geführt. Neunzehn Bürger überbrachten Innocenz in Viterbo die Schlüssel der Stadt, und mit Erstaunen bekannte der Papst, daß eine so große Willfährigkeit der Römer in der Geschichte der Päpste ohne Beispiel sei. »Niemals habe ich«, so sagte er, »nach diesen weltlichen Dingen gestrebt, doch ich bin bereit, die Last der Herrschaft, ein päpstliches Recht, aber jetzt ein freiwilliges und ehrenvolles Geschenk der Römer, anzunehmen«.

Der Wechsel der Verhältnisse war in der Tat staunenswert; eine ruchlose Freveltat und deren gerechte Strafe, die Vertreibung der gesamten Kurie, hatte zum Resultat die Herrschaft des Papsts über Rom in vollster Ausdehnung. Das Kapitol wie alle Festungen in Stadt und Gebiet wurden seinem Vikar ausgeliefert. Am 13. März hielt sodann Innocenz seinen Einzug durch die Porta Portese, weil der andere Eingang in den Borgo wegen der feindlichen Engelsburg unmöglich war. Seine Kurialen zitterten bei dem Gedanken, sich zu den Römern zu begeben, welche sie so schwer beleidigt hatten. Aber der Nepot, dessen Blutschuld diese Revolution veranlaßt hatte, zog stolz zu Roß mit seinem Oheim in den Vatikan ein. Kein Richter hatte ihn bestraft, der Papst ihm nur eine geistliche Buße auferlegt, dann aber ihn zum Markgrafen von Ancona und Grafen von Fermo ernannt. Als ob nichts geschehen sei, war Lodovico Migliorati nach wie vor ein Gegenstand der Achtung und der Furcht. Wir suchen vergebens in den Geschichten aller Zeiten nach einem Beispiel, welches gleich grell wie dies den niedrigen Grad der Moral darstellte, zu welchem die menschliche Gesellschaft herabzusinken fähig ist. War ein Volk, welches den Mörder von elf seiner Abgesandten, deren Blut auf seinem Kleide kaum erst getrocknet war, wieder ehrenvoll aufnahm, noch der Freiheit und der Selbstachtung fähig? Rom war für die Zeiten der Borgia reif geworden.

Der Nepot leitete jetzt die Belagerung der Engelsburg neben Paul Orsini; zugleich wurde die neapolitanische Partei im Landgebiet bekriegt, Kastell Giubileo und Kastell Arcione bei Tivoli wurden erstürmt. Colonna, Savelli, Annibaldi, Poli, Jakob Orsini, Konradin von Antiochia und fast alle Landbarone hingen Ladislaus an, von dem sie ihre Wiederherstellung erwarteten. Sie hielten sich tapfer in ihren Burgen, unbekümmert um die Achtserklärungen des Papsts, welcher selbst den mächtigen Ladislaus des Throns entsetzte. Der König sah seine Krone in Gefahr und eilte, den Papst zu versöhnen. Ein Waffenstillstand war zu Tor' di Mezza Via am 28. Juni abgeschlossen. Paul Orsini und Migliorati gingen nach Neapel und brachten schon am 6. August den Friedensvertrag nach Rom zurück. Ladislaus übernahm jetzt den Schutz der Kirche als ihr Defensor und Bannerträger. Nur mit Widerwillen kann man die schmeichelhaften Titel lesen, mit welchen der Papst einen Fürsten überhäufte, den er eben erst als Sohn der Finsternis verflucht hatte. Konnte noch seine Schlüsselgewalt religiöse Kraft besitzen, wenn ein feierlicher Kirchenfluch sich in demselben Atemzuge in einen ebenso feierlichen Segen verwandelte? War es die hohe Moral des Christentums, die das Strafurteil des Papsts bestimmte? Oder war es nicht die gemeine Politik, welche dieses Urteil wie eine Fahne im Winde hin und her bewegte?

Schon am 9. August war die Engelsburg dem Papst überliefert worden, und so konnte sich Innocenz VII. in Frieden den Herrn Roms nennen. Zum Senator machte er Pier Francesco de Brancaleone von Kastell Durante. Die Unterwürfigkeit der Römer belohnte er durch Herstellung ihrer verfallenen Universität. Er starb bald darauf schon am 6. November 1406. Ein Mann ohne Geist, ohne Gewissen und Kraft; die Zeitgenossen rühmten ihn als friedfertig und von Habsucht frei, aber sie nannten ihn einen Heuchler, der um das Schisma und seine geistliche Pflicht unbekümmert blieb.

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