Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 324
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
Schließen

Navigation:

2. Jubiläum der Stadt 1400. Geißler-Kompanien. Krieg gegen den Stadtpräfekten. Die Nepoten. Ladislaus erobert Neapel. Ende des Honoratus von Fundi. Bonifatius IX. Herr des Kirchenstaats. Versuche der Colonna auf Rom und ihre Unterwerfung. Viterbo unterwirft sich. Versuche zur Beilegung des Schisma. Untätigkeit des Königs Wenzel. Gian Galeazzo erster Herzog von Mailand. Wenzel wird abgesetzt. Ruprecht König der Römer 1401. Sein ruhmloses Auftreten in Italien. Gian Galeazzo stirbt. Bologna und Perugia kommen wieder an die Kirche. Tod Bonifatius' IX. 1404.

Der Übergang des XIV. Säkulum in das XV. konnte weder in Rom noch in der vom Schisma zerrissenen Welt als ein der Menschheit würdiges Fest begangen werden, denn der neunte Bonifatius rief, wenn er sich auf die Jubeljahrsloge des achten Papsts dieses Namens stellte, um den Segen des Himmels auf die Gläubigen herabzurufen, nur den Fluch eines zweiten Papsts hervor. Trotz der schnellen Wiederholung des Ablasses zogen viele Pilger selbst aus Frankreich nach Rom. Auch die Geißler-Kompanien erschienen wieder, die in Haß und Streit versunkene Menschheit zur Buße aufzurufen. Sie erhoben sich zuerst in der Provence. Fünftausend an Zahl kamen sie nach Genua. Männer und Weiber, jung und alt, in weiße Kapuzen gehüllt, am Haupt ein rotes Kreuz, paarweise ziehend, während Chorführer den Gesang heiliger Hymnen leiteten. Man nannte sie die Weißen ( Bianchi). 25 000 Geißler wanderten von Modena nach Bologna. Hier legte das Volk am 6. September 1399 das weiße Gewand an, zog nach Imola und lagerte auf dem Felde, wo der Bischof die Messe sang. Bald war ganz Italien von diesem Phänomen ergriffen. 30 000 Weiße brachten selbst Rom in fanatische Bewegung. Falsche Propheten verkündeten den nahen Untergang der Welt; erfundene Wunder täuschten die Menge, und Unfug jeder Art ward verübt. Wie sich diese Flut verlief, blieb als ihr Bodensatz die Pest zurück. Der Papst verbot die Kompanien der Weißen. An diese Erscheinungen des Mittelalters erinnern noch heute in den Städten Italiens die vermummten Brüderschaften, welche prozessionenweise ihre Umzüge halten.

Die Zustände Roms zu jener Zeit bieten dem Geschichtschreiber nur einen unfruchtbaren Gegenstand dar. Der Anblick Bonifatius' IX. im verschanzten Vatikan, wo er wie ein weltlicher Fürst unter Lanzen, in Sturm und Not jeder Art ein peinvolles Leben hinbrachte, versetzt in weit entlegene Zeiten zurück. Er kämpfte als ein Mann seine Feinde nieder; aber diese Feinde waren nur kleine Rebellen und seine Siege des Papsttums nicht wert. Dessen großes kulturgeschichtliches Ideal lag kläglich in Trümmern.

Es galt jetzt, den Grafen von Fundi zu vertilgen, welcher noch Kampanien und die Maritima in seiner Gewalt hatte. Am 2. Mai 1399 bannte ihn der Papst und predigte wider ihn das Kreuz. Seine rechte Hand war sein kraftvoller Bruder Andreas Tomacelli, welcher jetzt die Stelle einnahm, die Francesco Prignano unter Urban VI. gehabt hatte. Neben den Päpsten standen wieder seit geraumer Zeit die Nepoten, welche sie mehr oder minder mit der weltlichen Gewalt im Kirchenstaat bekleideten. Der Nepotismus Bonifatius' IX. war so schrankenlos wie der seines Vorgängers. Er hatte Andreas zum Markgrafen Anconas, seinen andern Bruder Johann zum Rector des Patrimonium, des Herzogtums Spoleto und der Sabina gemacht und ihm das Lehen Sora übertragen lassen, womit der König Ladislaus seine Anerkennung auf dem Throne bezahlte. Andreas nun vereinigte ein Soldheer mit den Truppen des Kardinals Ludwig Fieschi, des Rectors von Kampanien, so daß sich Anagni schon im Mai unterwarf. Bald darauf machte der siegreiche Einzug in Neapel (am 9. Juli 1399) Ladislaus zum Herrn des Königreichs und trieb seinen Gegner Anjou nach der Provence zurück. Dies befestigte auch Bonifatius IX. in Rom und schwächte seine Feinde. Der Graf von Fundi suchte verzweifelnd den Frieden und starb, fast aller seiner Staaten beraubt, schon im April 1400. Honoratus war im Haus der Gaëtani ein Mann von hervorragender Charakterkraft; das Schisma, dessen erster Beschützer und hartnäckigster Förderer er gewesen war, gab ihm politische Wichtigkeit.

Am 20. Oktober 1399 wurde auch Johann von Vico zum Waffenstillstande gezwungen. Der Stadtpräfekt hatte im XIV. Jahrhundert eine sonderbare Stellung erlangt: sein im Hause Vico erbliches Amt war ein leerer Titel geworden; denn in der Stadt, von welcher er diesen trug, wohnte er nicht mehr, vielmehr blieb er als ihr Feind aus Rom ausgeschlossen; er selbst war jetzt ein so gewaltiger Territorialherr im Patrimonium St. Peters, daß die römische Republik und der Papst mit ihm Krieg führten oder Verträge schlossen.

Am längsten standen noch die Colonna in Waffen, Johann und Nicolaus, Söhne des Stefanellus, welcher die berühmte Linie von Palestrina fortgesetzt hatte, und der Sanzia Gaëtani. Als Verwandte des Grafen von Fundi und alte Ghibellinen hielten sie hartnäckig zum Gegenpapst. Die Mißvergnügten in der Stadt schlossen sich ihnen an. Man machte den Plan, die Herrschaft des Papsts umzustürzen und die alte aristokratische Verfassung wiederaufzurichten. Nicolaus Colonna, drang am 15. Januar 1400 nachts mit Truppen durch die Porta del Popolo und sprengte mit dem Ruf: »Volk! Volk! Tod dem Tyrannen Bonifatius!« nach dem Kapitol, wo er die Senatsburg bestürmte; der Papst floh in die Engelsburg. Aber der Senator Zaccaria Trevisano von Venedig leistete tapfern Widerstand im Kapitol; das Volk erhob sich nicht auf den Ruf der Barone, seiner alten Unterdrücker, und der getäuschte Colonna entwich nach vielem Verlust nach Palestrina. Ein Majestätsprozeß ward eingeleitet. Einunddreißig Gefangenen ließ der Papst die Köpfe herunterschlagen. Die Colonna tat er am 14. Mai in die Acht. In seiner langen Bannbulle erinnerte sich Bonifatius IX., daß es dasselbe Geschlecht sei, welches vor nun einem Jahrhundert um seiner Frevel willen Bonifatius VIII. hatte ausrotten wollen. Er sah sich in gleicher Lage, und er sollte nicht der letzte Papst sein, der mit diesem berühmten Hause Krieg zu führen hatte. Praeneste, Zagarolo, Castrum Novum, Gallese, Penna, Pozzaglia, St. Gregor, Gallicano und alle andern Güter der Colonna wurden mit Interdikt belegt und das Kreuz gegen sie gepredigt. Die Milizen Roms, 2000 Reiter des Papsts, Hilfstruppen des Königs Ladislaus vereinigten sich unter Teobaldo Annibaldi, einem kriegskundigen Führer, dessen altes Geschlecht in diesem Campagnakriege wieder aus dem Dunkel hervortrat. Manche Schlösser wurden gebrochen, doch das feste Palestrina hielt bis zum Winter aus. Sodann schlossen die Colonna Frieden mit dem Papst unter auffallend garstigen Bedingungen, denn sie behielten ihre Städte und erlangten dazu noch den Vikariat von andern. Das Friedensinstrument beweist, daß Bonifatius IX. ein unsicherer Herr im Kirchenstaat, aber ein einsichtiger Mann war. Vielleicht hatte ihn das Beispiel Bonifatius' VIII. belehrt.

In demselben Jahre unterwarf sich auch Viterbo, wo Parteikriege so heftige Umwälzungen erzeugt hatten, daß es Johann Tomacelli, dem Rector des Patrimonium, gelang, die Hoheit der Kirche herzustellen. Das Regiment jener Städte wurde vierzig Edlen übertragen, aber diese Oligarchie durch Zuziehung von Zunftrektoren beschränkt. Nachdem Bonifatius auch die Orsini durch Vertrag gewonnen und die Gaëtani mit sich versöhnt hatte, herrschte er »wie ein gestrenger Imperator« über Rom.

Nur des Schismas konnte er nicht Herr werden. Die christliche Welt forderte immer lauter ein Konzil; Könige, Bischöfe und Landessynoden drangen in beide Päpste, zum Wohl der Kirche abzudanken. Benedikt XIII., von dem sich der König von Frankreich infolge einer Zusammenkunft mit Wenzel im April 1398 zu Reims losgesagt hatte, suchte sich durch das Versprechen, abzudanken, wenn auch sein Gegner das Gleiche tue, von der Belagerung in Avignon zu befreien, wo ihn die Truppen jenes Königs umschlossen hielten. Der Tiara zu entsagen war aber keiner der Päpste aufrichtig bereit. Die Verwandten Bonifatius' IX. und eigener Egoismus hinderten ihn an seiner christlichen Pflicht. Wenn er ein wahrer Priester gewesen wäre, so würde er die Papstkrone von sich geworfen haben, ohne nur auf das Tun seines Gegners zu achten; er würde dann die dankbare Welt zu seinen Füßen und den Gegenpapst in ehrloser Einsamkeit gesehen haben. Doch Bonifatius war hoher Entschlüsse nicht fähig. Die öffentliche Meinung in Europa hatte noch nicht solche Macht erlangt, daß sie diese Päpste vor ihr Tribunal hätte zwingen können. In anderen Epochen war es der römische Kaiser gewesen, der als Haupt der Christenheit deren Spaltungen beseitigte. Aber der lasterhafte Trunkenbold Wenzel von Böhmen, welcher den Titel des römischen Königs trug, war nicht der Mann, der das Schisma tilgen konnte. Schon Urban VI. hatte ihn und die Reichsfürsten bestürmt, die Romfahrt zu unternehmen, dasselbe Bonifatius IX. getan. Wenzel hatte im Jahre 1390 den Krönungszug versprochen und deshalb seine Boten an den Papst geschickt. Doch nichts war geschehen. Vergebens blieben die von Bonifatius an ihn und die Reichsfürsten gerichteten Bitten, als sich Genua im November 1396 an Karl VI. von Frankreich ergab, wodurch die Franzosen festen Fuß in Italien gewannen. Wenzel hatte freilich jene Zusammenkunft zu Reims mit Karl gehalten, wo beide Könige übereingekommen waren, die Päpste ihrer Obedienzen zur Abdankung zu zwingen, allein dies sollte merkwürdigerweise eine Ursache der eigenen Abdankung Wenzels sein. Mehrere Gründe wirkten dabei zusammen, darunter auch die Erhöhung des Gian Galeazzo. Dieser Gemahl Isabellas von Frankreich war schon im Jahre 1378 seinem Vater Galeazzo in der Herrschaft über Pavia und die Hälfte Mailands gefolgt; im Jahre 1385 hatte er seinen Oheim Bernabò verräterisch umgebracht und sich so zum Alleinherrn aufgeworfen. Seine einzige Tochter Valentina hatte er Ludwig von Valois vermählt. Der großartige und frevelvolle Mann strebte nach dem Besitz der Romagna und Toskanas, und nur die Florentiner, welche seinem Feldhauptmann Jakob del Verme das Genie ihres Condottiere Hawkwood entgegensetzten und unermüdlich waren, Bündnisse gegen ihn zu vereinigen, machten seine Pläne scheitern. Als Gian Galeazzo am 11. Mai 1395 vom Könige Wenzel den Titel des Herzogs um 100 000 Goldgulden erkaufte, betrachtete er dies als den nächsten Schritt zum Königtum Italiens.

Wenzel aber wurde von den rheinischen Kurfürsten, unter Mitwirkung des Papsts, am 20. August 1400 abgesetzt, auf Grund seiner Unfähigkeit und Barbarei überhaupt und weil er nichts getan, das Schisma beizulegen, endlich, weil er das Reich durch die Preisgabe Mailands geschmälert habe. Unter heftigen Parteikämpfen wurde am 21. August der ritterliche Pfalzgraf Ruprecht zum römischen Könige gewählt und am 6. Januar 1401 zu Köln gekrönt. So spiegelte sich auch im Reich die Spaltung der Kirche ab. Den neuen König riefen alsbald die Florentiner dringend nach Italien, um der Übermacht des Visconti Schranken zu setzen. Denn Gian Galeazzo war bereits Herr von Pisa und Siena geworden, hatte im Januar 1400 die Signorie Perugias erlangt, Assisi, Spoleto und andere Städte bewältigt und drohte auch Lucca und ganz Toskana zu unterwerfen. Mit Florenz vereinigte sich Bonifatius IX., Ruprecht zur Fahrt zu bewegen. Er kam im Oktober 1401 nach Trient; er kündigte seinen Zug zur Krönung nach Mailand an, und der machtvolle Visconti spottete seiner. Sein Unternehmen war unglücklich. Am 21. Oktober am Gardasee geschlagen, ging er nach Trient zurück, zog dann wieder in Padua ein, ging im Dezember nach Venedig und kehrte bald ruhmlos nach Deutschland heim.

Kaum war Gian Galeazzo Ruprecht losgeworden, so warf er sich mit aller Macht auf Bologna. Johann Bentivoglio, damals Herr dieser Stadt, verlor eine Schlacht gegen Alberigo von Barbiano, Viscontis General, und bald nachher in einer Empörung das Leben, worauf jener am 10. Juli 1402 zum Signor Bolognas ausgerufen wurde. Dies war der Gipfel der Macht des ersten Herzogs von Mailand. Aber während sein General Florenz belagerte, machte der Tod seinem Ehrgeiz ein Ende; er starb, erst 55 Jahre alt, am 3. September 1402 im Schloß zu Marignano. Mit königlicher Pracht wurde er in Mailand bestattet. Dort steht als sein ewiges Denkmal das schönste, welches sich die Visconti überhaupt errichtet haben, der von ihm begonnene Dom. Mit Gian Galeazzo ging das Glück und die Größe dieses berühmten Hauses unter.

Florenz und der Papst atmeten auf; sie schlossen ein Bündnis zu Rom am 19. Oktober. Alberigo verließ die Söhne des toten Herzogs, Gian Maria und Filippo Maria, und nahm Dienste beim Papst, welcher den Kardinal von S. Eustachio, Balthasar Cossa, als Legaten nach der Romagna schickte. Das Bundesheer erschien unter Nicolaus von Este vor Bologna, und ein Friedensschluß mit Mailand am 25. August 1403 war die Folge der Energie des Papsts. Cossa hielt am 2. September im Namen der Kirche seinen Einzug in Bologna, und bald ergab sich auch Perugia. So war Bonifatius IX. in allen seinen weltlichen Unternehmungen vom Glück begünstigt. Er starb als Herr des ganzen Kirchenstaats im Oktober 1404 ruhig im Vatikan: ein Mann von schöner Gestalt, groß und stark, ohne Bildung, zum Herrscher geboren. Noch im Sterben quälte ihn Durst nach Gold. Und so ganz war in jenem Zeitalter das priesterliche Ideal erloschen, daß man das Lob der Großherzigkeit, welches man ihm erteilte, nur an den Ruhm knüpfte, der Hersteller der weltlichen Papstgewalt gewesen zu sein. Die Kirche selbst war durch ihn in namenlose Zerrüttung gestürzt. Seine und seiner Verwandten Habsucht, die Konfirmationen und Annaten, der schamlose Verkauf der Indulgenzen und hundert andere Mißbräuche häuften den Stoff für die Reformation immer höher auf, und sie minderten die Autorität des Papsts.

 << Kapitel 323  Kapitel 325 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.