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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 32
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Das Amphitheater des Titus. Schauspiele und Schauspielwut der Römer. Die Tierjagden. Der Circus, seine Spiele und Faktionen.

Länger verweilte Cassiodor beim Amphitheater des Titus und beim Circus Maximus. Denn diese weltberühmten Theater für die beliebtesten Spiele der Römer fuhren noch unter der Herrschaft der Goten fort, das Volk zum Schauspiel des Ringerkampfs, der Tierjagd und der Wagenrennen zu versammeln. Die dramatischen Vergnügungen der Römer, selbst in der Blütezeit ihres politischen Lebens unfähig, sich zum Adel der griechischen Bühne zu erheben, waren in der Epoche des Verfalls zur gemeinen Zote herabgesunken. Die Histrionen oder Schauspieler huldigten dem brutalen Geschmacke des Volks, und zu ihnen wurden selbst die Wagenlenker gezählt. Im Odeum des Domitian von mehr als zehntausend Sitzplätzen, vielleicht noch in den Theatern des Balbus, Marcellus und Pompejus bestürmten Sänger, Orgelspieler oder Tänzerinnen die Sinne der Römer, und die rezitierte Komödie oder Mime unterhielt die Üppigkeit durch die unsittlichsten Reden, während die Pantomime mit Chorgesang in stummer Gestikulation durch zügellose Darstellung obszöner Dinge sie noch überbot. Die Klagen Salvians über die Ausartung solcher Schauspiele in allen Städten sind nicht übertrieben. In den Theatern, so sagte dieser Bischof, werden so schändliche Dinge vorgestellt, daß die Scham unvermögend ist, sie nur beim Namen zu nennen, geschweige denn zu erklären: da wird die Seele durch die Begier der Wollust, das Auge durch den Anblick, das Ohr durch das Wort zu gleicher Zeit befleckt, und für die Nachahmungen der Unzucht, für die schändlichen Bewegungen und Gestikulationen fehlt jeder Ausdruck. Man hat an Szenen zu denken, wie sie das berüchtigte Spiel Majuma darbot. In Rom hatte es dem Eifer der Bischöfe einen langen Kampf gekostet, ehe sie die lächerlichen Feste des Lupercal beseitigten, aber ihr großer Einfluß auf die öffentlichen Sitten reichte nicht hin, die schändlichen Schauspiele zu verbannen, gegen welche die Kirchenväter schon dreihundert Jahre lang als gegen Werke des Teufels gepredigt hatten. Auch die Gesetze der byzantinischen Kaiser, unter denen noch Anastasius I. im Jahre 494 die unzüchtigen Komödien verbot, fruchteten nichts. Selbst Theoderich vermochte nur zu klagen, daß die Mime zu einer Lächerlichkeit herabgesunken, die feine Grazie des Vergnügens der Alten von dem entarteten Enkelgeschlecht in das gemeine Laster herabgezogen sei und die wohlanständige Erheiterung in den Kitzel körperlicher Wollust sich verkehrt habe. Das römische Volk konnte sie nicht missen; seine allerletzte Leidenschaft war das Vergnügen; es wollte lachend sterben. Es gibt unter den Formularen beim Cassiodor auch eins für den Tribunus Voluptatum, den Vorstand der öffentlichen Lustbarkeiten in Rom, welcher den gesamten Histrionen als Richter bestellt war und die Sittenpolizei über sie ausübte.

Die unzüchtige Roheit der Vergnügungen beklagend, sah sich der König gezwungen, die Römer mit ihnen zu unterhalten, weil sie eher den letzten Rest ihrer nationalen Selbständigkeit würden hingegeben als dem Spiele entsagt haben. Bei jeder feierlichen Gelegenheit, zumal beim Amtsantritt des Konsuls oder anderer hoher Staatsbeamten wurden noch immer öffentliche Lustbarkeiten veranstaltet; und die wenigen Geschichtschreiber jener Epoche haben nicht versäumt, wie ein wichtiges Ereignis aufzuzeichnen, daß Theoderich während seiner Anwesenheit in Rom dem Volk Spiele im Amphitheater und im Circus zum besten gab. Denn nur diese beiden Schauplätze werden noch als im Gebrauch erwähnt, während den Circus Flaminius und den des Maxentius schon tiefes Schweigen bedeckt.

Das Amphitheater des Titus bestand damals im ganzen unversehrt; aber es hatte im Jahre 422 wahrscheinlich durch ein großes Erdbeben gelitten, welches viele Monumente Roms beschädigte. Denn unter Valentinian III. mußte es restauriert werden, wovon eine Inschrift Kunde gibt. Restaurationen wurden sogar noch zwischen 467 und 472 gemacht. Das Colosseum scheint sodann am Anfange des VI. Jahrhunderts durch ein zweites Erdbeben beschädigt worden zu sein, infolgedessen es der Stadtpräfekt Decius Marius Venantius Basilius im Jahre 508 unter der Regierung Theoderichs herstellte.

Die Verarmung der Staatskassen und des Senats, endlich die christlich gewordene Moral der Zeit erlaubten weder mehr die imposanten, noch die grausamen Schauspiele des alten Rom. Die Gefechte der Gladiatoren waren seit Honorius von der Arena verschwunden, denn wären sie es nicht gewesen, so würde sie Cassiodor in dem merkwürdigen Reskript genannt haben, worin er von den Darstellungen im Amphitheater ausführlich redet Auch in Byzanz hatte sie das Edikt des Kaisers Anastasius I. im Jahre 494 für immer abgeschafft. Jedoch entbehrte der an Blut gewöhnte Sinn der Römer nicht ganz des angenehmen Schauspiels von Menschen, die kümmerlich besoldet wurden, um vor den Augen des Publikums sich zerfleischen zu lassen und mit römischem Anstande zu sterben. Dies waren die Venatores oder Tierjäger, welche mit den Ringkämpfern abwechselnd die Arena belebten. Bisweilen erinnerten diese Tierspiele sogar durch größeren Aufwand noch an die vergangene Zeit, so im Jahre 519, wo Eutharich, der Schwiegersohn Theoderichs, nach seinem festlichen Einzuge in Rom, den Antritt seines Konsulats durch reiche Geldgeschenke und durch Spiele im Amphitheater feierte, wozu Afrika wie in alten Zeiten Tiere gesendet hatte, deren fremde Gestalt, wie Cassiodor in seiner Chronik sagt, die Gegenwart anstaunte. Er beschreibt die Künste der Jäger, wie sie vor alters nicht anders geübt wurden; er schildert den Arenarius, der an einer hölzernen Lanze über den anrennenden Bären oder Löwen hinwegspringt, den Bestien auf Knien und Bauch entgegenkriecht oder in hölzerner Rollmaschine ihnen entgegenschwebt oder in einem Gehäuse von dünnem und nachgiebigem Rohr sich dem Igel gleich verschanzt hält. Er begleitet diese Schilderungen als Christ mit einer humanen Klage über das Schicksal jener Menschen, welche im Munde eines Ministers selbst zur Zeit Hadrians und der Antonine lächerlich und unerhört gewesen wäre. Wenn die besalbten Ringkämpf er, so sagt er, oder die Orgelspieler oder die Sängerinnen Ansprüche auf die Freigebigkeit der Konsuln haben, um wieviel mehr verdient sie nicht der Venator, der sein Leben für den Beifall der Zuschauer dahingibt. Mit seinem Blut unterhält er die Lust, und er bemüht sich, mit seinem unheilvollen Geschick das Volk zu ergötzen, welches sein Entrinnen nicht wünscht. Verabscheuungswürdiges Schauspiel, unseliger Kampf, mit wilden Tieren zu streiten, die er durch Kraft zu bewältigen nicht hoffen darf! Und am Schlusse: Wehe um die beklagenswerte Verblendung der Welt! Wenn es irgend Einsicht in das Recht gäbe, so würden ebensoviel Reichtümer zugunsten des Lebens der Menschen verwendet werden müssen, als man jetzt sie zu töten vergeudet! – ein edler Seufzer, welchen auch noch heute jeder Minister militärischer Staaten von nur einigem wohlwollenden Verstande dem Cassiodor nachzusprechen gezwungen ist.

Mit weniger Unwillen sträubte sich die Menschlichkeit Theoderichs gegen die althergebrachten zirzensischen Spiele, die nur durch die wahnsinnige Parteileidenschaft des Volkes zu blutigen Auftritten Veranlassung gaben. An dem Römischen Circus war jahrhundertelang gebaut worden; Trajan hatte ihn nach dem Neronischen Brande vollendet und Constantinus mit seinem letzten Schmucke geziert, mit jenem großen ägyptischen Obelisk, der seinen von Augustus aufgerichteten Nachbarn noch um vierzig Palm überragte. Beide dauern noch heute in Rom; aber die einst nahe zusammen auf der Spina des Circus standen, hat der Zufall weit voneinander getrennt; denn jener steht vor dem Lateran, dieser auf dem Platz del Popolo. Es erregt die lebhafteste Teilnahme, das Wunderwerk römischer Größe noch zum letztenmal in seiner unzerstörten Herrlichkeit preisen zu hören, wie es Cassiodor mit vielen allegorischen Erklärungen getan hat. Das verdünnte Volk Roms füllte die elliptischen Stockwerke lange nicht mehr aus, denn 150 000 oder 200 000 Sitzplätze konnten von den Bürgern jener Zeit nicht besetzt werden. Als Trajan dort seine Spiele gab, als der Riesenbau für die Bedürfnisse der Stadt nicht einmal hinreichte, würde kein Römer geglaubt haben, daß einst eine Zeit kommen werde, wo der Circus für die gesamte Bevölkerung Roms zu groß geworden war, ja wo das ganze Volk dieser Stadt auf dem vierten Teile der Sitzreihen sich bequem niederlassen konnte. Wohl waren um das Jahr 500 manche Marmorsitze bereits im Verfall, manche Teile des Porticus beschädigt, die Läden und Kaufgewölbe draußen verlassen; und von den Statuen, die einst Septimius Severus dort aufgestellt, hatten die Vandalen wahrscheinlich viele fortgeschleppt, und andere standen verstümmelt in den Nischen. Der Circus war alt und verwittert, und der ganze gigantische Bau, durch den Gebrauch von Jahrhunderten abgenutzt, wird in Farbe und Ansehen überhaupt den Charakter des Greisentums gehabt haben, ähnlich den nahen Kaiserpalästen, von denen ihn nur eine Straße trennte. Aber noch war er in völligem Gebrauch; das zwölffache Tor des Eingangs, die Spina mit beiden Obelisken, die sieben Spitzsäulen oder Meten, der Euripus oder der um die Arena gezogene Kanal, selbst die Mappa oder das Tuch, womit das Zeichen zum Wettfahren gegeben wurde, die desultores oder equi desultatorii, Kunstreiter, welche zum Beginn der Rennen sich hervortummelten, kurz vieles, was zum Wesen des Circus und der Spiele gehörte, wird von Cassiodor erwähnt. Jene Pompa Circensis freilich, die sich einst vom Kapitol unter Vortragung der Götter und mit den Opfertieren zum Circus bewegte, sah man nicht mehr; das Volk begnügte sich mit viel beschränkterer Lustbarkeit. Aber die Konsuln fuhren fort, bei ihrem Antritt die Spiele regelmäßig zu halten, und wir finden Distichen eines Konsuls, der sich ihrer rühmt.

Es scheint, daß ausgezeichnete Wagenlenker aus dem Hippodrom in Konstantinopel zu Zeiten Gastrollen im Römischen Circus gaben, oder daß sie aus Gründen der Parteizerrüttung nach Rom kamen. Denn im Reskript Cassiodors, welches von den zirzensischen Spielen handelt, wird dazu von dem Wagenlenker Thomas Anlaß genommen, dem ein monatliches Gehalt ausgesetzt wird, da er, wie der Minister mit einer gewissen Achtung sich ausdrückt, der Erste in seiner Kunst sei und sein Vaterland aufgegeben habe, um den Sitz des westlichen Reichs zu begünstigen. Wie in Byzanz herrschte auch in Rom die Furie der Parteien des Circus, der Prasina oder Grünen, und der Veneta oder der Graublauen. Mit diesen Unterschieden wurden die Faktionen bezeichnet, obwohl es ursprünglich vier Circusfarben gab, welche Cassiodor nach den Jahreszeiten so erklärt: die Prasina bedeute den grünenden Lenz, den wolkigen Winter die Veneta, die rosenrote den flammenden Sommer, die weiße den bereiften Herbst. Seitdem niedrig gesinnte Kaiser Roms sich selbst zu Wagenlenkern herabgewürdigt und für die Grünen oder Blauen Partei ergriffen hatten, war diese Spaltung des Circus geblieben. Das Volk suchte darin Ersatz für die verlorene Teilnahme am Staatsleben, und seine politischen Meinungen fanden hier einen gewissen tumultuarischen Ausdruck. Wenn auch in Rom nicht so blutige Circuskämpfe entstehen konnten, wie sie in Byzanz häufig waren, wo im Jahre 501 mehr als 3000 Menschen bei Anlaß eines Streits der Blauen und der Grünen im Hippodrom niedergehauen wurden, so fehlte es doch auch dort nicht an Händeln. »Man muß erstaunen«, so sagt Cassiodor, »wie mehr als bei allen anderen Spielen die Gemüter von einer sinnlosen und ernsten Wut hingerissen werden. Ein Grüner siegt, gleich trauert ein Teil des Volks; ein Blauer rennt vor, und der größere Teil der Stadt jammert; indem sie nichts gewinnen, wachsen ihre Insulte, indem sie nichts verlieren, fühlen sie sich um so tiefer verletzt, und so sehr beschäftigt sie der nichtige Streit, als gälte es das Wohl des gefährdeten Vaterlands.«

Im Jahre 509 kam es im Circus zu einem Gefecht: Zwei Senatoren, Importunus und Theodoricus, Anhänger der Blauen, griffen die Faktion der Grünen an, und ein Mensch wurde im Tumult erschlagen. Das Volk der Prasina (dies ist der bezeichnende Ausdruck des Reskripts) würde in dem hitzigen Konstantinopel Augenblicks Feuer in die Stadt geworfen und sie mit Blut bedeckt haben, aber in Rom wandte es sich mit ruhiger Vernunft hilfesuchend an die Behörden, und Theoderich gebot, die beiden Patrizier vor die ordentlichen Gerichte zu stellen. Er erließ ein strenges Gesetz gegen jede tätliche Beleidigung eines freien Mannes durch Senatoren und eines Senators durch Menschen niedern Standes, und er suchte endlich die Wagenlenker der schwächeren Partei zu schützen. Zugleich ermahnte er die Senatoren, welche das beleidigende Hohngeschrei des Volks aus aristokratischem Hochmut nicht mit Humor ertragen hatten, nicht zu vergessen, an welchem Ort sie sich befänden, »denn im Circus suche man nicht Catonen«. Und überhaupt gesteht er, daß er im Grunde des Herzens ein Schauspiel verachte, welches alle ernsten Gesinnungen vertreibe, zum albernsten Hader anreize, den Anstand vertilge, welches einst im Altertum eine ehrwürdige Einrichtung, von den zanksüchtigen Nachkommen zu einem Fratzenspiel herabgesetzt sei, und er bekennt, daß er die zirzensischen Spiele nur aufrecht halte, weil er dem Drängen des kindlichen Volks nicht widerstehen könne, und weil auch manchmal töricht zu sein die Klugheit gebiete.

Dies war des großmütigen Goten Verhältnis zu den Monumenten Roms und zu den Gebräuchen des Volks, und dies der hohe Sinn seiner Regierung, welche, der menschlichsten Jahrhunderte völlig würdig und seiner Zeit voraneilend, beide gleich ehrte, den König, der ihn hegte, und den Minister, der ihm durch seine Bildung die Richtung und durch sein Talent den Ausdruck gab.

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