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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 317
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Gregor XI. Papst 1371. Die Römer bieten ihm zögernd die Gewalt. Das städtische Regiment wird wieder energisch. Letzte Apologie Italiens von Petrarca. Birgitta stirbt 1373. Katharina von Siena. Die Nationalerhebung Italiens gegen das französische Papsttum und die französischen Rektoren. Allgemeine Empörung des Kirchenstaats. Florenz fordert das römische Volk auf, an die Spitze des Nationalkampfs um die Unabhängigkeit Italiens zu treten. Haltung der Römer.

Pierre Roger, Sohn des Grafen Guillaume von Beaufort und Neffe Clemens' VI., wurde am 30. Dezember 1370 zu Avignon gewählt; er bestieg den Heiligen Stuhl am 5. Januar 1371 als Gregor XI. Schon mit siebzehn Jahren hatte ihn sein Oheim zum Kardinaldiaconus von S. Maria Nuova gemacht; er war kaum vierzig Jahre alt, als er die Tiara erhielt: ein edler Mann, sehr gelehrt, voll Eifer für die Kirche, doch unschlüssig und kränklich.

Die unwilligen Römer zauderten, dem siebenten französischen Papst das Dominium ihrer Stadt zu übertragen, welches nur der Lohn für seine Rückkehr sein sollte. Der Abzug Urbans hatte ihnen die Freiheit wiedergegeben; sie regierten wieder ihre Stadt unter dem volkstümlichen Magistrat, obwohl der Titel der Banderesen vertragsmäßig vermieden ward. Doch lag noch päpstliche Besatzung in der Engelsburg, welche das Volk seit dem Sturze des Adels den Orsini entrissen und später an Urban V. ausgeliefert hatte. Erst am Ende des Jahres 1371 übertrug das römische Parlament Gregor XI., als dem edlen Herrn Roger de Beaufort, die senatorische Gewalt auf Lebenszeit. Er verwahrte wie sein Vorgänger die Rechte der Kirche und befahl seinem Vikar Philipp de Cabassoles, Kardinalbischof der Sabina, einem Freunde Petrarcas, für ihn die Signorie unter den gebotenen Bedingungen anzunehmen. Die ihm angekündigte Gesandtschaft empfing er nicht; er ersparte den Römern die kostspielige Reise; alles ward schriftlich abgemacht. Hierauf ernannte Gregor XI. Johannes de Malavoltis aus Siena zum Senator. Ein einzelner Senator wechselte je nach den Umständen in der Stadtregierung mit den Konservatoren ab, und im Grunde blieb die römische Verfassung, wie sie seit Albornoz unter den Reformatoren gewesen war. Denn obwohl Urban V. diese Behörde abgeschafft hatte, so traten doch an ihre Stelle die oft gleich gewaltsamen Konservatoren, an die Stelle der Banderesi aber die Exekutoren der Justiz, während neben ihnen die vier Vorsteher der Schützengilde nach wie vor im regierenden Konsilium saßen.

Dringende Mahnungen zur Rückkehr nach Rom ergingen an Gregor XI. Wenn der greise Petrarca schwieg, so verteidigte er doch sein Vaterland gegen die Angriffe, welche sein eigener Glückwunsch an Urban V. veranlaßt hatte. Ein französischer Mönch schrieb nach dem Tode jenes Papsts eine Schutzschrift für Frankreich gegen Petrarca. Er nahm dazu den für Rom nicht schmeichelhaften Text: »Ein Mann stieg von Jerusalem herab nach Jericho und fiel unter die Räuber.« Rom ist Jericho, wandelbar wie der Mond und so tief verkommen, daß ich es, so sagte der Mönch, nimmer würde geglaubt haben, wenn ichs nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Zur Zeit Gregors VII. entlockte der Anblick der von den Normannen verwüsteten Weltstadt einem französischen Bischof eine rührende Elegie von dichterischer Schönheit; dreihundert Jahre später trug die französische Nationaleitelkeit nur tiefe Verachtung gegen Rom zur Schau. Der Pamphletist schmähte die Italiener, wie die Römer; ihre Habgier, ihre tantalische Armut, ihre Verkommenheit; er warf ihnen selbst Feigheit vor, da sie den Tyrannen erlegen seien. Er erinnerte sich dessen, was der größte Kirchenvater Frankreichs einst vom Charakter der Römer gesagt hatte. Wenn er behauptete, daß Avignon für die Päpste ein ruhiges Asyl gewesen sei, so mochte dies schwer zu widerlegen sein, und außerdem hatte das Argument der Avignonisten, »wo der Papst, da ist Rom«, einen kosmopolitischen Grund; aber freilich sollte dieses Prinzip nur in Avignon selbst Geltung haben.. Petrarca gab seiner Nation noch den letzten Beweis einer bis zur Schwärmerei glühenden Vaterlandsliebe. Er antwortete jenem Angriff mit einer Apologie. Er häufte darin die maßlosesten Prädikate auf die »barbarische Weltkloake« Avignon. In seinem Eifer übersprang er wie immer die Zeiten und sah in Frankreich nur die kaum erst befreite rebellische Sklavin Roms, welche alsbald unter ihr altes Joch zurückkehren würde, wenn die Italiener einig wären. Denn daß Rom noch eine Macht sei, habe der Zauber, den ein geringer Römer erst vor wenig Jahren auf die Welt, und der Schrecken bewiesen, den er auf Frankreich ausübte. Er, verteidigte Rom gegen die Vorwürfe St. Bernhards; aber seine Beweise waren einzig dem Altertum entlehnt. Er suchte die Römer selbst von dem Vorwurf der Habsucht zu reinigen; denn keine große Stadt habe so wenig Kaufleute und Wucherer als Rom. Um die höhere Kultur Italiens und die glänzende Überlegenheit seines Genius über den von Frankreich auch in seinem Jahrhundert darzutun, hätte Petrarca nur die Namen Dante, Giotto, Niccolò Pisano, Thomas von Aquino, ja seinen eigenen zu nennen gebraucht und es ruhig der Zukunft überlassen können, durch eine seltene Fülle von Genies ersten Ranges zu beweisen, daß der Geist Italiens künstlerischer und schöpferischer sei als der Frankreichs. Petrarca starb am 18. Juli 1374, nur zwei Jahre vor der endlichen Rückkehr des Papsttums nach Rom. Dieses lichtvolle, umfassende und bahnbrechende Genie durchglänzte auf einsamer Höhe die ganze Periode Avignons, welcher er angehörte und worin er wie ein Prophet seiner Nation während des babylonischen Exils gewirkt hat.

Die Mahnungen der Römer an Gregor XI. unterstützte auch Birgitta, die noch unter ihnen lebte. Diese Heilige hatte ihm, als er noch Kardinal war, die Offenbarungen eröffnet, welche Urbans Tod verkündigten; sie ermahnte nun von Rom aus Gregor XI. heimzukehren, denn die Jungfrau Maria habe ihr gesagt, daß auch er sterben müsse, wenn er sich dessen weigere. Indes sie selbst starb am 23. Juli 1373. Man begrub sie feierlich im Kloster S. Lorenzo in Panisperna. Aber ihre fromme Tochter Katharina und ihr Sohn Birger führten die tote Mutter bald nach dem Kloster Wadstena in ihre Heimat. Wir lesen noch den Geleitsbrief, welchen der Senator Fortunatus Rainaldi, die Konservatoren, die Exekutoren der Justiz und die vier Räte der Schützengilde am 13. November 1373 den Kindern Birgittas mitgaben. Alle Städte und Obrigkeiten wurden darin aufgefordert, sie frei ziehen zu lassen mit Pferden und Gepäck, worunter ein Altar und heilige Geräte sich befänden.

Die Natur scheint nichts Vereinzeltes, in keiner Richtung, zu dulden. Wie in derselben Epoche Franziskus und Dominikus erschienen, so lebten zu gleicher Zeit Birgitta und Katharina von Siena. Die Strömung von Geist und Macht in der innocentianischen Kirche hatte noch zwei große Ordensstifter von tiefgehender Wirksamkeit erzeugt; aus dem schwachen und lasterhaften Zeitalter Avignons traten dagegen nur zwei träumerische Frauen hervor, welche als Ideale der christlichen Tugend glänzten, aber auch die Reformationsbedürftigkeit der verderbten Kirche aussprachen. Die religiösen Heroinnen des Altertums, Mirjam, Deborah, Judith, Kassandra, würden als völlig fremde Wesen neben den körperlosen Prophetinnen des XIV. Jahrhunderts dastehen, von denen die eine als Pilgerin Almosen sammelt, die andere ihr Herz mit dem des Heilandes vertauscht hat. Aber die Entsagung des eigenen Selbst ist eine Heldentat, welche jede andere moralische Größe übertrifft. Katharina war die Tochter eines Färbers Benincasa aus Siena, in demselben Jahre geboren, als Cola di Rienzo die Revolution in Rom zustande brachte. Sie war ein prophetisches Gemüt, tiefsinnig und dichterisch wie der heilige Franziskus. Seit ihrer Kindheit lebte sie als Nonne im Anschluß an den Dominikanerorden. Sie wurde eine wirkliche Volksheilige. Nachdem die Stimme Petrarcas verstummt war, welcher als der größte damalige Weise, als Freund von Päpsten, Königen und Republiken und deren oftmaliger Gesandter in Staatsgeschäften mit Recht Italiens Vertreter heißen konnte, übernahm das geringe Mädchen von Siena seine Mission. Sie protestierte gegen Avignon. Sie ging als Friedensengel hin und her zwischen Italien und dem Papst. Sie ermahnte Gregor XI., die Kirche zu reformieren und nach Rom zurückzukehren. Aber weder die Weissagungen der schwedischen Seherin, noch die bezaubernden Briefe und Reden der toskanischen Priesterin würden diesen Papst erweicht haben, wenn nicht stärkere Gründe politischer Natur ihn aus Avignon fortzogen. Für Urban V. war ein Hauptgrund seiner Romfahrt gewesen die Beruhigung Italiens und die Unterwerfung des Kirchenstaats, für Gregor XI. war es der Abfall desselben Kirchenstaats.

Fast ganz Italien hatte Urban als Messias bewillkommnet, als er kam; fast ganz Italien erhob sich, als er ging, wider das französische Papsttum. Es stellten sich damals in diesem Lande drei politische Hauptrichtungen dar: die dynastische, die republikanische, die kirchenstaatliche. Aus der alten Ghibellinenpartei waren die Visconti in Mailand als mächtige Landesfürsten hervorgegangen; der guelfische Nationalgeist lebte noch in freien Städten fort, deren Mittelpunkt Florenz war; die Kirche endlich hatte ihr weltliches Dominium wiedererobert, und Neapel blieb ihr Vasall. Sie kämpfte mit den Dynasten, von denen die Visconti offenbar nach dem Königtum strebten; sie kämpfte auch mit der ausartenden Demokratie, welche in früheren Epochen oft ihre Retterin gewesen war. Die Kirche hatte eine große Aufgabe nicht zu leisten vermocht; denn Italien war weder von den Soldbanden befreit, noch von seiner politischen Verwirrung geheilt worden. Die Bemühungen der avignonesischen Päpste zur Ordnung des ganzen Landes waren nur auf die beiden Zwecke gerichtet: die Macht des Hauses Visconti zu brechen und den Kirchenstaat zu erhalten. Kurzsichtig und verblendet hatten sie dem Nationalgeist Italiens Gewalt angetan. Ihre Legaten waren fast nur Franzosen. Man sah kaum mehr einen italienisch redenden Kardinal. Der Kirchenstaat, ein so großer Bestandteil Italiens, wurde fast durchweg von Provençalen regiert. Das Eindringen der französischen Elemente in Italien ist seit der Gründung der Dynastie Anjou bemerkt worden; unter den Päpsten Avignons erreichte es den Höhepunkt. Den immer selbstbewußter werdenden Nationalsinn der Italiener empörten die fremdländischen Rektoren nicht minder, als die fremden Soldbanden es taten. Das Werk des Albornoz zerfiel nach seinem Tode, weil es kein nationales Prinzip in sich trug. Die Freiheit der Gemeinden, welche dieser weise Kardinal geschätzt hatte, war unklugerweise überall gehemmt. Schon Albornoz hatte in den wichtigsten Städten Festungen angelegt; sie wurden alsbald Zwingburgen, worin fremde Regierer von fremdem Kriegsvolk geschützt als Tyrannen schalteten und die durch unablässige Kriegssteuern ausgezogenen Provinzen durch Erpressungen, Käuflichkeit der Justiz und Ungerechtigkeit jeder Art zur Verzweiflung trieben.

Man faßte damals die ganze Klasse dieser fremden Legaten und Rektoren in den Begriff »Pastoren der Kirche« zusammen. Die Kritik ihrer Mißverwaltung wurde zur Kritik des Prinzips der weltlichen Herrschaft der Kirche überhaupt. »Es sind nun mehr als tausend Jahre«, so sagte der Chronist von Piacenza mit unwiderleglicher Wahrheit, »daß diese Länder und Städte den Priestern gegeben sind, und seither haben sie um ihrer willen die heftigsten Kriege geführt, ohne sie auch heute friedlich zu besitzen, ohne sie jemals friedlich besitzen zu können. Es wäre in Wahrheit vor Gott und der Welt besser, wenn diese Pastoren das Dominium Temporale gänzlich niederlegten; denn seit Silvester sind die Folgen des weltlichen Besitzes zahllose Kriege und Untergang von Volk und Städten gewesen. Diese Kriege haben mehr Menschen verschlungen als heute in ganz Italien leben; und sie werden niemals aufhören, solange die Priester weltliche Rechte behalten. Wie ist es möglich, daß nicht irgendein guter Papst solchen Übeln abgeholfen hat, da um diese vorübergehenden Güter so viel Krieg geführt worden ist? Die Priester besitzen außer jenen weltlichen Herrschaften so zahllose große Benefizien, von denen sie fürstlich leben können, während ihr Dominium Temporale nur die Quelle des Verdrusses und eine Last für Seele und Leib geworden ist, sowohl für sie selbst, als für alle Christen und namentlich die Italiener. Sicherlich, man kann nicht Gott und dem Mammon zugleich dienen; nicht zugleich einen Fuß im Himmel und den andern auf der Erde halten.«

Die uralte Frage, welche einst ein »guter Papst«, Paschalis II., durch die Niederlegung der Kronlehen von seiten des Klerus hatte schlichten wollen, brach jetzt am Ende der avignonesischen Epoche mit neuer Gewalt hervor. Der Kampf wider das Dominium Temporale, in dessen langem Prozeß Alberich, Crescentius, die deutschen Heinriche, Arnold von Brescia, die Hohenstaufen, Otto IV., die Colonna, Dante, Ludwig der Bayer, Marsilius von Padua, die Minoriten, Cola di Rienzo eine zusammenhängende Reihe gebildet haben, wurde nach dem Jahre 1370 von den Italienern wiederaufgenommen, nicht aus einer staatsrechtlichen Theorie, sondern aus Nationalgefühl und auf Grund des unerträglichen Mißregiments der Regenten des Kirchenstaats.

Die Stimmung in jenen Provinzen fand den lautesten Widerhall bei der edlen Republik, welche die Beschirmerin der Freiheit und Nationalität Italiens geworden war. Florenz, das Haupt der Guelfen, war seit alten Zeiten die erklärte Feindin der Kaiser, die wärmste Freundin der Päpste. Ihr plötzlicher Abfall von ihrer eigenen Tradition ist daher die schwerste Verurteilung der avignonesischen Politik. Die hohe nationale Bedeutung der Florentiner Republik im allgemeinen und praktische Ursachen im besondern erklären diesen Umschwung zur Genüge.

Bernabò und Galeazzo, nach dem Tode Urbans V. sofort im Krieg mit der von ihm wider sie geschlossenen Liga, wurden auch von Gregor XI. als die schlimmsten Feinde der Kirche mit Bannbullen und Heeren bekämpft. Der lombardische Krieg, welcher unermeßliche Summen verschlang, war die Lebensaufgabe der französischen Päpste geworden; sie setzten dadurch ganz Italien in Verwirrung und konnten ihn doch nicht zu Ende führen. Den am 6. Juni 1374 für ein Jahr geschlossenen Waffenstillstand benutzten die päpstlichen Legaten, Toskana zu überwältigen und dort den Herd republikanischer Freiheit auszulöschen. In Perugia saß Gerard von Puy, Abt von Montmajeur, ein gewissenloser Despot. Die kraftvolle Stadt, seit dem November 1370 wieder der Kirche untertan, seufzte unter dem Joch dieses Legaten, welcher Festungen baute, Bürger verbannte, Geld erpreßte, Blut vergoß und die schamlosesten Frevel geschehen ließ. Er spann verräterische Pläne, Arezzo und Siena zu überwältigen. In Bologna war Legat der Kardinal Wilhelm Noellet. Er zettelte Ränke an, Prato den Florentinern zu entreißen. Eine neue Soldbande Hawkwoods, deren er sich im Krieg wider die Visconti bedient hatte, schickte er gegen Toskana aus, und er gab ihr den Namen der »heiligen Kompanie«. Florenz erriet diese Anschläge, klagte beim Papst, ließ sich durch keine Beschönigungen mehr zufriedenstellen und erhob sich zur Verteidigung der bedrohten Freiheit.

Die Republik kaufte jene Soldbande mit 130 000 Goldgulden ab und rief dann Städte und Herren Italiens auf, das Joch der Priester abzuwerfen, die Nation aus der Gewalt der Fremden zu befreien und einen Freiheitsbund zu schließen. Ein rotes Banner, worauf mit silbernen Lettern Libertas geschrieben stand, ward umhergetragen, und bald erscholl ganz Toskana und der Kirchenstaat von dem bezaubernden Ruf: »Freiheit! Freiheit!« Im Sommer 1375 schloß Bernabò einen Bund mit Florenz. Achtzig Städte, darunter Pisa, Lucca, Siena und Arezzo, fast alle Kommunen Toskanas, selbst die Königin Johanna von Neapel traten dieser nationalen Liga wider die weltliche Gewalt des Papsts oder »die ungerechten Pastoren der Kirche« bei. Es war eine Nationalerhebung, die großartigste, welche Italien seit dem ersten Lombardenbunde gesehen hatte. Wie tief der Haß des Volks gegen den Klerus geworden war, zeigte der Charakter, welchen die Revolution in Florenz annahm. Das Inquisitionsgebäude wurde niedergerissen, der Geistlichkeit ihr Tribunal genommen, das Kirchengut eingezogen, die Priesterschaft mit Kerker und Strang verfolgt. Eine Kommission von acht Männern ward beauftragt, die eingezogenen Besitzungen des Klerus zu verkaufen; das Volk nannte sie aus Ironie die »Acht Heiligen«.

Es bedurfte nur eines Aufrufs von Florenz, um den Kirchenstaat in Flammen zu setzen. Eine Stadt erhob sich hier nach der andern, verjagte die päpstlichen Rektoren und brach die Zwingburgen. Im November 1375 taten das zuerst Città di Castello, Montefiascone und Narni. Der Präfekt Francesco von Vico, von den Florentinern angetrieben, das Patrimonium St. Peters zu befreien, rückte vor Viterbo, ward vom jubelnden Volk aufgenommen und erstürmte mit Florentiner Hilfe die von Albornoz erbaute Burg. In Perugia erscholl am 7. Dezember das Geschrei: »Volk! Volk! Tod dem Abt und den Pastoren!« Der verbrecherische Legat verschloß sich in der Burg; sie fiel mit Hilfe der herbeigeeilten Florentiner; der Abt kapitulierte und zog ab. Der Freiheitsenthusiasmus ergriff wie laufendes Feuer Spoleto, Assisi, Ascoli, Forli, Ravenna, die Marken, die Romagna, das Patrimonium und Kampanien. Fast über allen Burgen des Kirchenstaats wehte das blutrote Aufstandsbanner. In Bologna gärte es. Nur Rom war ruhig.

Am 4. Januar 1376 schrieben die Acht von Florenz an die Römer: »Erlauchte Herren, teuerste Brüder. Der gerechte Gott hat sich des erniedrigten Italiens erbarmt, welches unter dem Joch fluchwürdiger Knechtschaft seufzt; er hat den Geist der Völker erweckt und die Unterdrückten wider die schändliche Tyrannei der Barbaren aufgerichtet. Überall erhebt sich Ausonien und ruft nach Freiheit und erringt sich dieselbe mit dem Schwert. Ihr, die Väter und Gründer der öffentlichen Freiheit, habt, so glauben wir, ein Ereignis froh vernommen, welches die Majestät des römischen Volks und seine eignen Grundsätze so nah betrifft. Denn diese Liebe zur Freiheit hat einst das römische Volk angetrieben, die Tyrannei der Könige und der Decemvirn abzuwerfen. Sie allein bewirkte es, daß das römische Volk die Herrschaft der Welt errang. Wenn, teure Brüder, alle von Natur für Freiheit erglühen, so habt ihr im besondern das Recht und die Pflicht erprobt, ihr nachzueifern. Wie dürftet ihr länger zusehen, daß das edle Italien, welches von Rechts wegen allen anderen Nationen gebietet, in so grausamer Knechtschaft verdarb? Daß diese elenden Barbaren, nach der Beute und dem Blut der Lateiner lüstern, das unglückliche Latium grausam verheeren? Auf denn, erhebt auch ihr euch, Römer, erlauchtes Haupt nicht nur Italiens, sondern der ganzen Welt! Nehmt die Völker in Schutz, vertreibt den Fluch der Tyrannei von den Grenzen Italiens, schützt die geliebte Freiheit und hebt alle diejenigen empor, welche Mutlosigkeit oder zu hartes Joch darniederhält. Das ist das echte Werk der Römer. Duldet nicht, daß diese räuberischen Franzosen sich gewaltsam eures Italiens bemächtigen. Laßt euch nicht arglos von den Schmeicheleien der Priester bestricken; sie wollen euch bereden, die Herrschaft der Kirche festzuhalten; sie bieten euch die Rückkehr des Papsts und der Kurie nach Italien dar und spiegeln euch vor, daß ein glücklicher Zustand für eure Stadt daraus folgen werde. Doch alles dieses hat nur den einen Zweck, daß mit eurer Hilfe Italien in Knechtschaft falle und diese Franzosen darin Herren werden. Gibt es für euch einen Gewinn, welcher der Freiheit Italiens vorzuziehen wäre? Verdient die Leichtfertigkeit der Barbaren irgend Glauben? Wie große Hoffnung dauernden Bleibens der Kurie hat nicht Urban V. erregt? Und wie plötzlich hat er nicht, sei es aus eigener Unbeständigkeit oder Italiens überdrüssig oder aus Sehnsucht nach seinem Frankreich jenen festen Vorsatz umgewandelt? Bedenkt außerdem, daß den Papst nur Perugia nach Italien zog, wo er seinen Sitz aufschlagen wollte, so daß ihr nimmer Gewinn davon gehabt hättet. Nun bieten sie euch aus Verzweiflung dar, was sie niemals erfüllen werden. Erwägt, teure Brüder, ihre Handlungen, nicht ihre Reden. Nicht euer Wohl rief sie nach Italien, sondern die Begierde zu herrschen. Laßt euch nicht durch den Nektar ihrer Worte täuschen; duldet nicht, daß euer Italien, welches eure Ahnen mit ihrem Blute zur Herrin der Welt gemacht, Barbaren und Fremdlingen untertan sei. Erhebt zum öffentlichen Beschluß jenen Spruch des berühmten Cato: wir wollen frei sein, indem wir mit Freien leben.«

Am 1. Februar 1376 schrieben die Achtmänner wieder: »Wenn irgend sonst, so ist jetzt die Zeit gekommen, die alte Kraft des italienischen Bluts zu erwecken, aus so gerechtem und dringendem Grunde. Welcher Italiener, geschweige denn Römer, bei dem doch die Tugend und die Freiheitsliebe erblich ist, darf es dulden, daß so viel edle Städte den Barbaren dienen, welche durch das Papsttum nach Italien geschickt sind, sich an unserm Gut und Blut zu sättigen? Glaubt nur, ruhmvolle Männer, daß diese unmenschlicher sein werden als die Semnonen. Diesen Tyrannen, die unter dem Titel der Kirche Italien überschwemmen, ist nicht Treue, nicht Glauben noch Liebe mit den Italienern gemein. Die Reichtümer, die sie uns neiden, rauben sie mit Gewalt. Alles, was Italien Glänzendes besitzt, begehren, besitzen und mißbrauchen sie. Was also wollt ihr tun, erlauchte Männer, denen wegen der Majestät des Standes in der Gegenwart und wegen des Ruhms des alten Namens die Freiheit Italiens am Herzen liegen muß? Wollt ihr leiden, daß diese Tyrannengewalt sich befestige? Daß barbarische Völker euer Latium besitzen? Wo, wo ist jene altrömische Kraft, welche der Weltherrschaft würdig war? Bedenkt, daß der Ruhm der Befreiung Italiens euch durch Beschluß des Himmels und die Zustimmung der Menschen vorbehalten ist. Welch ein glorreicherer Ehrentitel kann in unserer Zeit für das römische Volk gefunden werden? Es bedarf dazu nicht großer Mühe noch Gefahr. Wir haben den Anfang gemacht, mit den Völkern und Herren italischen Bluts gegen die Fremden einen Bund zu errichten, zum Heil aller derer, welche die heißgeliebte Freiheit ersehnen. Wenn es euch gefallen wird, in diese Liga einzutreten, vielmehr um schicklicher zu reden, wenn ihr uns und andere in diesen Bund aufnehmen wollt, so wird diese Tyrannei ohne Mühe und Blutvergießen hinschwinden und Italien in alter Freiheit zu seiner Mutter zurückkehren.«

Die Römer lasen die Briefe der Florentiner mit Befriedigung. Ihre eigenen Theorien von der ewigen Majestät des römischen Volks waren darin anerkannt. Wer sieht nicht in diesen bewunderungswürdigen Schreiben die Grundsätze der Monarchie Dantes, die Ideen des Cola di Rienzo, den Geist Petrarcas, selbst den oratorischen Stil der wiedererstehenden römischen Literatur, für welche eben jenes Florenz die moderne Nationalschule geworden war? Der geistvolle Mann, der diese Briefe verfaßte, war Coluccio Salutati, ein glühender Verehrer Petrarcas und Boccaccios, Kanzler der Florentiner Republik seit dem April 1375. Die Gewalt der Ereignisse hatte eine erstaunliche Umwandlung herbeigeführt: unter Cola war es Rom, welches Florenz und die übrigen Städte zur Freiheit und Einheit Italiens aufgerufen hatte; jetzt ging dieser Ruf von den Florentinern aus. Der Kirche hat kaum je ein größerer Sturm gedroht; denn das Papsttum kam in Gefahr, seine geschichtliche Stellung in Italien zu verlieren, ja von den Italienern selbst dauernd nach Avignon verbannt zu sein. Die Folge davon wäre die Einigung dieses Landes gewesen, deren hauptsächliches Hindernis zu sein Cola di Rienzo und Machiavelli das Papsttum beschuldigt haben. Zum Unglück Italiens scheiterte die große Aufgabe der nationalen Wiedergeburt, welche Florenz übernahm, an denselben Hindernissen, wodurch sie zur Zeit des Volkstribuns in Rom gescheitert war. Wie sich damals Florenz ablehnend verhielt, ganz so verhielt sich jetzt Rom. Die Rückkehr des Papsttums, welche die Einheit und Freiheit Italiens unmöglich machen mußte, erschien als eine Lebensbedingung für die damaligen Römer, und Gregor XI. eilte, sie ihnen feierlich zuzusagen. Das verhinderte den Abfall Roms. Wenn er erfolgte, so konnte der Papst nicht zurückkehren.

Die Eroberung Viterbos durch den Präfekten machte die Römer gegen Florenz mißtrauisch; sie erhoben Einspruch gegen die Unternehmungen Francescos von Vico und des Städtebundes und erklärten, daß sie nichts wider die Kirche tun wollten. Die Florentiner antworteten ihnen, daß sie diese verehrten, aber ihre frevelvollen Rektoren bekämpften, und sie warfen den Römern vor, die Tyrannei der Franzosen in dem gemeinsamen Vaterlande zu begünstigen. Die Ereignisse erzeugten indes auch in Rom tiefe Aufregung. Eine nationalgesinnte Partei verlangte den Beitritt zur Florentiner Liga. Am 9. Februar 1376 ernannte das Parlament den Kanzler Johann Cenci zum Generalkapitän des Volks und übertrug ihm den Oberbefehl im Patrimonium und der Sabina. Cenci zog ins Patrimonium, den Übergriffen des Präfekten Einhalt zu tun, und lagerte im März bei Montalto und Toscanella voll Argwohn gegen die Florentiner, die ihm wiederholt erklärten, daß sie das römische Gebiet nicht angreifen würden, daß sie Rom als Haupt Italiens betrachteten, aber Viterbo, den Präfekten und alle anderen Bundesgenossen gegen jeden Angriff zu verteidigen entschlossen seien.

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