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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 316
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Zweites Kapitel

1. Petrarca beglückwünscht Urban. Frankreich und Italien. Zustand Roms. Urban schafft die Banderesi ab und setzt Konservatoren ein. Karl IV. kommt nach Italien. Er und der Papst ziehen in Rom ein. Abzug des Kaisers aus Italien. Perugia trotzt dem Papst. Der Kaiser von Byzanz in Rom. Urban verkündet seinen Entschluß, nach Avignon zurückzukehren. Bestürzung der Römer. Die heilige Birgitta in Rom. Attest des Papsts von der guten Aufführung der Römer. Einschiffung in Corneto. Urbans Tod in Avignon 1370.

Die Rückkehr des Papsts nach Rom erschien der damaligen Welt als ein großes Ereignis und eine religiöse Tat. »Da Israel aus Ägypten zog, das Haus Jakobs aus dem fremden Volk«: so begann Petrarca mit dem 114. Psalm seinen Glückwunsch an Urban, der jetzt erst Statthalter Christi und Nachfolger St. Peters geworden sei und die Sünden von fünf Vorgängern und von sechzig Jahren an einem einzigen Tage getilgt habe. Der eifrige Italiener verteidigte nochmals sein Vaterland. Er sagte, daß es kindisch sei, Frankreich und Italien überhaupt nur vergleichen zu wollen; denn alles, was die Welt Herrliches besitze, die Kunst und das Wissen, sei Erfindung der Italiener; die größten Dichter, die Redner, die Philosophen und Kirchenväter seien lateinischen Stamms und das Kaisertum wie das Papsttum lateinisches Produkt. Die Franzosen nannten Italien schon damals das Land der Toten; aber wenn auch Petrarca bedauern mußte, daß Rom durch Kriege und die lange Abwesenheit von Kaisern und Päpsten zur Ruine geworden sei, so zeigte er doch voll Stolz auf die blühende Kraft von Florenz, Bologna, Venedig und Genua. Er ermahnte den Papst, Rom, das Schönste, was nach dem Ausspruche Virgils die Sonne bescheine, zu bevölkern und wiederherzustellen und auch die alten ehrwürdigen Sitten zurückzuführen.

Die Dichter jener Epoche hatten Rom im Bilde einer in Schutt und Asche wehklagenden Witwe dargestellt, und Urban V. trat der verwilderte Genius der Stadt vielleicht in einer noch düsterern Gestalt entgegen. Als er aus dem öden Vatikan einen Blick auf Rom warf, als er diese Stadt selbst in Prozession durchzog, mußte er sich erschreckt davon abwenden und die gehässigen Urteile seiner Höflinge bestätigen. Zu den Ruinen des Altertums gesellten sich hier auch die des Christentums, zu den zerstörten Tempeln die zerstörten Kirchen. St. Peter war verfallen, St. Paul lag schon jahrelang auf dem Boden; den Lateran hatte im Jahre 1360 ein neuer Brand verschlungen. Fast alle Basiliken und Klöster waren verrottet und kaum von wenigen Geistlichen bewohnt. Sümpfe und Schutt entstellten Plätze und Straßen, in denen zersplitterte Türme, niedergebrannte Häuser und Verwüstungen jeder Art die abschreckende Chronik aller Kriege darboten, welche die Stadt im XIV. Jahrhundert erlitten hatte. Freilich hatten manche berühmten Städte in jenem Zeitalter dasselbe Aussehen. Die Schilderung Petrarcas von dem Zustande Bolognas nach dem Frieden mit Bernabò oder von Paris nach der Rückkehr des Königs Johann aus der englischen Gefangenschaft zeigt ein so finstres Bild des Verfalles, wie es nur immer Rom darbieten konnte. Doch dies war die Hauptstadt der Welt, und die Größe des Altertums bot fortdauernd die Maßstäbe, nach denen das Elend der Gegenwart gemessen wurde. Wenn sich der Papst durch die engen, von Schmutz starrenden Gassen bewegte, so ängstigte ihn die Todesstille und noch mehr der Anblick eines Volks, dessen Aussehen und Art von moralischer Verwilderung und bettelhafter Armut Zeugnis gab. Die einst so zahlreiche Priesterschaft war zusammengeschwunden, der einst so glänzende Adel war es nicht minder. Die Barone bewohnten jetzt meist ihre Campagnaschlösser; die Colonna lebten in Palestrina, Genazzano, Paliano und Olevano; die Annibaldi in Cave und Molara; die Conti in Valmontone; die Orsini in Marino; die Gaëtani in Sermoneta und Fundi; die Savelli in Albano und Aricia.

Die lange Abwesenheit der Kurie war unleugbar die stärkste von allen Ursachen gewesen, die den so tiefen Verfall Roms herbeigeführt hatten. Doch muß man den Übertreibungen späterer Geschichtschreiber entgegentreten. Weder war Rom damals auf nur 17 000 Einwohner herabgekommen, noch war das römische Volk, so sehr es auch durch Fehden, Blutrache und Armut zerrüttet sein mußte, bis zu solchem Grade gesunken, daß es einer gesetzlosen Horde glich. Die Stadt war noch immer eine Republik, die ihr eigenes Heer zu bewaffnen und Städte zu bekriegen vermochte und deren Autorität bis zu den Grenzen des alten römischen Dukats Anerkennung fand. Ihre Verfassung unter Reformatoren und Bannerführern hatte sich sogar bewährt, den Adel bewältigt und den Familienkriegen Einhalt getan. Die geringe Macht der Römer und die Nichtigkeit ihres politischen Treibens erregte freilich die Ironie Florentiner Geschichtschreiber, aber das volksmäßige Regiment, welches sich die Stadt gab und lange Jahre hindurch erhielt, lieferte den Beweis, daß sie noch eines eigenen politischen Lebens fähig geblieben war.

Die Römer hatten Urban die Signorie übertragen und er ihnen den Ritter Blasius Fernandi de Belvisio zum Senator gegeben. Als er nun seinen Sitz wieder in Rom nahm, veränderte er die städtische Verfassung. Der Lohn der Rückkehr des Papsts war die ihm geopferte Freiheit des Volks. Die Siebenmänner und die Banderesi schaffte er ab und setzte neben den fremden Senator drei Konservatoren der städtischen Kammer, das heißt einen Stadtrat mit richterlicher und administrativer Befugnis, dessen Amt bis auf den heutigen Tag fortdauert. Wie die Gewalt der Aristokratie gebrochen war, so sollte jetzt auch das gleich gefährliche Volksregiment beseitigt und eine gleichgültige Magistratur geschaffen werden. Das ermüdete Volk fügte sich; seine politischen Triebe begannen abzusterben. Die höchste Behörde Roms setzte sich fortan zusammen aus dem Senator und den Konservatoren; doch wurden die dreizehn Regionenkapitäne und die Zunftkonsuln bei allen wichtigen Angelegenheiten hinzugezogen. Urkunden jener Zeit lehren, daß Urban V. gleich nach seiner Ankunft der wirkliche Gebieter der Stadt war, da er alle obersten Beamten einsetzte und Gesetze über die Justizverwaltung erließ, während er zugleich bemüht war, in der Campagna Frieden zu stiften.

Er blieb den Winter über in Rom, wo er die Kirchen herzustellen unternahm. Im März 1368 empfing er den Besuch der Königin Johanna von Neapel. Auch der König von Cypern kam. Im Mai ging Urban der gesünderen Luft wegen nach Montefiascone. Er erwartete dort den Kaiser, welcher nun, seinem Versprechen gemäß, die Romfahrt antreten wollte. Ehe Karl IV. Deutschland verließ, bestätigte er zu Wien am 11. April 1368 alle Rechte der Kirche nach dem Wortlaut des Diploms Heinrichs VII., damit nicht aus den Neuerungen, welche während der langen Abwesenheit der Päpste durch Empörung von Städten und Tyrannen in Italien entstanden waren, der Kirche Nachteil erwachse; und so hielt es der Papst selbst noch in der Zeit tiefster Ohnmacht des Reichs für nötig, den neu gewonnenen Kirchenstaat durch die höchste weltliche Autorität anerkennen zu lassen. Die Ankunft des Kaisers war jetzt für Urban V. wünschenswert; denn jener sollte sich an die Spitze der großen Liga stellen, welche den wiederum gebannten Bernabò zu bekämpfen hatte. Die Truppen dieser Liga schlossen sich denen Karls an, als er am Anfang Mai 1368 nach Italien kam; aber die erwarteten Kriegstaten blieben auch diesmal aus. Der Kaiser ließ sich von den Visconti bestechen; nach tatenlos verschwendeter Zeit zog er über Modena und Bologna nach Lucca, Pisa und Siena und füllte überall seinen Säckel mit Gold. Den Papst traf er am 17. Oktober in Viterbo. Hier blieb er mehrere Tage und ging dann nach Rom. Den ihm mit 2000 Reitern nachfolgenden Urban empfing er am 21. Oktober an der Kirche S. Maria Maddalena auf dem Monte Mario und geleitete ihn, mit dem Grafen von Savoyen demutsvoll zu Fuß gehend und den Zügel des Zelters haltend, nach dem St. Peter.

Der seit 150 Jahren nicht mehr erlebte Anblick des Kaisers und Papsts, welche in friedlicher Eintracht ihren Einzug in Rom hielten, begeisterte die Menschen nicht mehr; denn was war ein Kaiser zu jener Zeit? Karl IV. diente als Diaconus bei der Messe im St. Peter am 1. November, wo der Papst Elisabeth, die Tochter Bogislaws von Pommern, die vierte Gemahlin des Kaisers, krönte. Dieser schlug Ritter am Altar St. Peters, und auch die Kaiserin solche auf der Engelsbrücke und als sie unter der Krone durch Rom zog. In seinem Königreich Böhmen ein mächtiger Fürst und ein trefflicher Regent, machte sich Karl IV. in Italien geradezu verächtlich. Als er aus Rom fortgezogen war, ward er im Januar 1369 von dem Volk Sienas im dortigen Palast belagert und schimpflich verjagt. Er verkaufte seine Rache um 15 000 Goldgulden und ging nach Lucca. Er ließ sich von Pisa und Florenz wie ein Bandenführer, doch ohne die Achtung eines Hawkwood zu genießen, für ein paar tausend Gulden abkaufen, die er, über die Einfältigkeit der Italiener lachend, ruhig einsteckte. Den Papst täuschte er mit derselben Ruhe; als Haupt der Liga unternahm er gegen die Visconti klüglich nichts; diese Dynasten erzwangen vielmehr am 13. Februar einen günstigen Frieden. Karl IV. kehrte im Juli nach Deutschland zurück, mit gefüllter Börse, von ganz Italien mißachtet, der unkaiserlichste aller romfahrenden Imperatoren, doch ein verständiger Mann. So tief das Ansehen der kaiserlichen Majestät gesunken war, so wenig höher stieg darum dasjenige des Papsts, obwohl ihm der politische Verfall der italienischen Mächte augenblicklich zugute kam. Die Städte im Kirchenstaat empfingen ohne Widerspruch die von ihm eingesetzten Magistrate. Nur Perugia trotzte noch. Diese eine Stadt, erzürnt wegen Assisis und anderer Orte, die ihr Albornoz entzogen hatte, erhob mit bewundernswertem Mut die Waffen gegen den heimgekehrten Papst. Der Kaiser Karl IV. nahm ihr am 13. Juni 1369 den Vikariat über mehrere Orte. Urban aber ließ die Prozesse gegen die Peruginer am 8. August verkünden und ging an demselben Tage von Montefiascone nach Viterbo; die Bande Hawkwoods, welche Perugia in Sold genommen hatte, streifte bis vor die Tore dieser Stadt.

Ein Triumph erwartete den Papst in Rom, als er am 13. Oktober in den Vatikan zurückkehrte. Johannes V. Paläologus, der byzantinische Kaiser, war als Schutzflehender angekommen, Hilfe gegen die immer machtvoller andrängenden Türken begehrend. Aus Not schwor er im Palast Santo Spirito seinen schismatischen Glauben ab, und Urban empfing ihn hierauf am 21. Oktober auf den Stufen des St. Peter. An demselben Tage, an welchem ein Jahr zuvor der Kaiser des Westens ihn zum Aposteldom geleitet hatte, ging er auch mit dem Kaiser des Ostens in diese heilige Basilika und zelebrierte vor ihm die Messe. So hatte Urban in Jahresfrist beide Kaiser zu seinen Füßen gesehen; aber diese Monarchen, einst die Gebieter der Welt, waren in der Mitte des XIV. Jahrhunderts nur machtlose Schatten, der eine, der Nachfolger Karls des Großen, nur noch ein geduldeter Gast in Rom, der andere, der Nachfolger Justinians, nur noch ein verzweifelter Bettler vor dem Abendlande.

Die Erfolge Urbans in Italien konnten einen scharf blickenden Geist nicht täuschen. Die Kirche war nicht mehr der politische Mittelpunkt, um den sich dieses Land bewegte. Ein plötzlicher Sturm konnte hier alles ändern und das mühsame Werk des Albornoz vernichten. Doch diese Bedenken waren es nicht allein, welche Urban antrieben, nach Frankreich zurückzukehren. Persönliche Neigungen und Abneigungen hatten daran großen Anteil. Sein Aufenthalt in Rom war ihm so unerträglich wie sein Herumziehen im Patrimonium, wo er den Sommer in der Burg zu Montefiascone oder in dem freudelosen Viterbo zubrachte. Zwar dem römischen Volk hatte er keine Vorwürfe zu machen, denn während seiner Abwesenheit ward von Freveln nichts gehört; aber diese augenblickliche Ruhe verdankte er nur der Klugheit der Römer, die den Papst festhalten wollten, oder der Truppenmacht von Franzosen, Burgundern, Engländern und Deutschen, die er mit sich gebracht hatte. Sein Entschluß stand fest, doch er verbarg ihn noch. Sein Abschied von der Stadt war die feierliche Niederlegung der Apostelhäupter im Lateran am 15. April 1370; denn für diese Reliquien hatte er silberne Büsten machen lassen, in welche sie eingeschlossen wurden. Am 17. April ging er aus Rom und zog am 19. nach Viterbo mit vielem Kriegsvolk, weil der Stadtpräfekt Vetralla belagerte. Francesco, Sohn Johanns von Vico, hatte im Angesicht des heiligen Vaters die Waffen erhoben und mit Perugia einen Bund gemacht; das Erscheinen des Papsts, welchem auch die Römer 200 Reiter geliehen hatten, nötigte ihn jedoch zur Vorsicht, und er unterwarf sich im Mai zu Montefiascone. Dies machte auch die Peruginer zu Unterhandlungen geneigt. Urban war dessen froh; denn so fielen die letzten Hindernisse seiner Rückkehr nach dem ersehnten Frankreich.

Die Vorstellung von der Pflicht, den Heiligen Stuhl in Rom wiederaufzurichten, war nicht mächtig genug in der Seele Urbans, um ihn zum Märtyrer in einem Lande zu machen, welchem er ewig fremd blieb. Seine Höflinge hatten niemals aufgehört, ihn um Rückkehr zu bestürmen, und er entschloß sich um so mehr dazu, als er den wieder ausgebrochenen Krieg zwischen England und Frankreich durch seine Gegenwart zu schlichten hoffte. Erst in Montefiascone machte er seinen Entschluß offenbar. Die tiefe Bestürzung der Italiener und der Jubelruf der Franzosen antworteten ihm; der Name Avignon elektrisierte die Kardinäle, welche die drei italienischen Jahre als eine endlose Zeit des bittersten Exils durchseufzt hatten. Aber eine Heilige erschien vor dem Papst und weissagte ihm unfehlbaren Tod, wenn er Avignon wieder betreten sollte.

Unter den Trümmern Roms saß damals, und schon seit langen Jahren, eine Seherin aus dem Norden, in tiefsten Enthusiasmus der Andacht versenkt, nicht gestört durch das Kampfgeschrei eines verwilderten Volks, welches die Straßen täglich mit seinem Blute rötete. Dies war Birgitta, die Witwe eines edlen Herrn Ulf Gudmarson, dem sie acht Kinder geboren hatte, eine Schwedin aus fürstlichem Geschlecht. In einem Kloster ihrer Heimat hatte sie Christus zu sehen und seine Stimme zu hören geglaubt: »Gehe nach Rom, wo die Straßen mit Gold und dem Blute der Märtyrer bedeckt sind; dort wirst du so lange bleiben, bis du den Papst und den Kaiser wirst gesehen haben, denen du meine Worte verkündigen sollst.« Sie kam zum erstenmal nach Rom im Jahre 1346, ein Jahr vor der Revolution des Cola di Rienzo, zum zweitenmal während des Jubiläums von 1350, und sie blieb hier bis an ihren Tod. Freunde begleiteten sie, und zwei ihrer Kinder, namentlich ihre fromme Tochter Katharina, folgten ihr nach. Sie erlernte die lateinische Sprache. Sie lebte in einem Hause auf dem heutigen Platz Farnese, wo in der ihr zu Ehren gebauten Kirche noch die Zimmer gezeigt werden, in denen sie gewohnt hat. Den Glanz ihrer Vergangenheit hatte sie mit dem Kleide der Demut vertauscht, aufrichtig fromm wie jene Angelsachsenkönige, die im VIII. Jahrhundert nach Rom gekommen waren. Sie wanderte von Kirche zu Kirche, von Hospital zu Hospital. Man sah diese edle Frau im Pilgermantel am Kloster S. Lorenzo in Panisperna sitzen, wo sie für die Armen bettelte; und sie küßte dankend die Gabe, die man in ihre Hand legte. Sie hätte Petrarca auf dem Schutte der Stadt wie der traurige Genius der verwitweten Roma erscheinen können, wenn sie nicht eine bleiche Gestalt des Nordens und eine Heilige gewesen wäre. Sie war trunken vom Geist der Offenbarung. Der Heiland und die Jungfrau oder deren Bilder in den Kirchen sprachen zu ihr, und ihre staunenden Freunde schrieben ihre Phantasien ehrfurchtsvoll in ein Buch nieder wie Weissagungen der Sibylle. Eine Stimme offenbarte ihr, daß Urban sterben müsse, wenn er nach Avignon zurückkehrte; sie eröffnete das dem Kardinal Roger Beaufort; da er sich weigerte, dem Papst die Weissagung kundzutun, ging sie selbst nach Montefiascone und verbot ihm unter Androhung des unfehlbaren Todes, Italien zu verlassen. Jedoch Urban V. blieb taub für die Mahnungen dieser nordischen Prophetin.

Die Bestürzung der Römer war groß. Sie hatten aus der dreijährigen Anwesenheit ihres Bischofs viele Vorteile gehabt: mehr Ruhe und Ordnung, Zufluß von Vermögen, Herstellung der Bedeutung der Stadt. Dies kaum begonnene Werk wollte nun der Papst verlassen, und wer konnte wissen, auf wie lange Zeit er seinen Sitz wieder in Avignon nahm? Am 22. Mai kamen römische Gesandte nach Montefiascone. Sie warfen sich dem Papst zu Füßen. »Seid willkommen, meine Söhne«, so antwortete ihnen Urban; »der heilige Geist hat mich nach Rom geführt, und er führt mich wieder hinweg, zur Ehre der Kirche.«

Am 26. Juni 1370 schrieb er den Römern einen Trostbrief: er glaube, daß sein Fortgang sie bekümmern werde, daß sie fürchten müßten, seine Nachfolger möchten nie mehr nach Rom zurückkehren. Er selbst sei tief betrübt; doch zu ihrem Trost und zur Kenntnisnahme für seine Nachfolger lasse er ihnen das Zeugnis zurück, daß er drei Jahre lang in Rom in großer Ruhe gelebt und von ihnen nur ehrerbietige Liebe erfahren habe; daß die Schuld seines Weggehens nicht in Rom, sondern in äußeren Verhältnissen liege. Er werde im Geist stets bei ihnen sein, solange als ihre eigene Devotion für den Heiligen Stuhl dauere; auch aus der Ferne wolle er väterlich für sie sorgen; als starke und besonnene Männer möchten sie seine Abreise ertragen und in friedlicher Eintracht verharren, damit kein schlimmer Zustand in der Stadt ihn oder seine Nachfolger von der einstigen Rückkehr abhalte.

Das Zeugnis Urbans von der guten Aufführung seiner Kinder, der Römer, welche ihn drei Jahre mit Achtung behandelt hatten, ist eine der seltsamsten Urkunden aus der Geschichte des Papsttums; es beleuchtet das Dunkel langer Jahrhunderte voll Pein und Not, welche die Päpste in Rom dahingelebt hatten. Was sagten die Römer, als ihr Senator Bertrand de Monaldensibus ihnen dies Lebewohl des scheidenden Papsts im Parlament zu hören gab? Die Persönlichkeit Urbans hatte ihm aufrichtige Freunde in Italien erworben. Er haßte den weltlichen Pomp und die Mißbräuche in Kirche und Kurie; er duldete nicht Nepotismus noch Simonie; er häufte nicht Schätze auf; er gab gern; er war ein sittlich reiner, ernster und demütiger Mann. Man würde ihn mit Freuden in Italien festgehalten haben.

Urban ließ den Bischof Jakob von Arezzo als seinen Vikar im Geistlichen zurück und übertrug den Konservatoren die weltliche Regierung bis zum Amtsantritt des neuen Senators. Schon vorher hatte er unter Androhung der schwersten Kirchenstrafen geboten, die neue Verfassung nicht umzuändern, das abgeschaffte Regiment der Banderesi nie wieder aufzurichten.

Schiffe der Pisaner, Neapels, der Könige von Frankreich und Aragon sammelten sich in Corneto. Bischöfe und Herren des Kirchenstaats, Gesandte von Republiken, bewaffnete Kriegerscharen geleiteten den Papst nach demselben Hafen, wo er drei Jahre zuvor ans Land gestiegen war. Die Szene war nun die Kehrseite jener und der Augenblick nicht minder ergreifend, als Urban V. am 5. September 1370 traurig, leidend, tief aufgeregt, vom Bord der Galeere seinen Segen über das zahllose Volk sprach, welches die Ufer Cornetos bedeckte. Die Segel verschwanden am Horizont, das Papsttum wieder aus dem Angesicht des schönen, aber unglücklichen Landes, dem es zu eigen gehörte und welches die Kardinäle froh verließen als eine Wüste Babylons. So war die Heimkehr Urbans nichts als ein Gastbesuch gewesen.

Wir folgen ihm nicht über Meer. Wir sehen nur diesen Papst wenige Monate später nach Avignon zurückgekehrt, wo ihn alsbald eine tödliche Krankheit ergriffen hatte. Er liegt im Palast seines als Legat in Bologna zurückgebliebenen Bruders, des Kardinals Angelic Grimoard, auf einem dürftigen Lager, gehüllt in die Kutte St. Benedikts, das Kreuzbild in den Händen; durch die auf sein Geheiß geöffneten Türen strömen Menschen herein, hohe und niedrige, Höflinge und Arme; er will, daß die Welt sehe, wie nichtig ihre erhabenste Größe sei. Er stirbt. Die Seherin Birgitta hatte wahrgesagt.

Als der edle Urban am 19. Dezember 1370 verschieden war, sah die Welt in seinem Tode die strafende Hand des Himmels. Durfte ein Papst in der kleinen Kirche auf dem Rocher des Dômes zu Avignon wieder ruhig beten, nachdem er eben erst am Altar St. Peters zu Rom gebetet hatte? Mußte nicht vor seinem aufgeregten Geist der Schatten des Apostels immer sichtbar sein? »Ewig unter die ruhmvollsten Menschen würde Papst Urban gezählt werden, wenn er sterbend sein Lager vor den Altar St. Peters hätte tragen lassen und wenn er dort mit ruhigem Gewissen entschlafen wäre, Gott und die Welt zu Zeugen anrufend, daß wenn irgendeinmal der Papst diesen Ort verließ, es nicht seine, sondern die Schuld der Urheber so schimpflicher Flucht war.« So schrieb Petrarca, als er in Padua den Tod Urbans erfahren hatte.

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