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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 312
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Zwölftes Buch

Geschichte der Stadt Rom vom Jahre 1355–1420

Erstes Kapitel

1. Florenz und Mailand. Wachsende Macht des Johann Visconti. Alle Parteien rufen Karl von Böhmen nach Italien. Seine Romfahrt. Seine Kaiserkrönung am Ostertag 1355. Sein schimpflicher Abzug aus der Stadt und aus Italien. Tiefste Herabwürdigung der Reichsgewalt. Die Goldene Bulle 1356.

Der von Albornoz wider die Mörder Colas eingeleitete Prozeß wurde vom Papste später niedergeschlagen und Amnestie erteilt. Die beiden städtischen Faktionen besetzten wiederum den Senat, und alles schien in die frühere Lage zurückgekehrt. Unterdes riefen die Zustände Italiens den Böhmenkönig Karl herbei.

Das politische Leben der Italiener in jener Zeit der Auflösung der bisherigen Machtverhältnisse bewegte sich um zwei Städte, um die guelfische Republik Florenz, die letzte Vertreterin nationaler und auch munizipaler Freiheit, und um das ghibellinische Mailand, dessen Gewaltherr, der Erzbischof Johann Visconti, den Übergang aus der Stadttyrannis zum Fürstentum machte. Selbst Genua hatte nach der schweren Niederlage durch die Venezianer am 29. August 1353 diesem großen Tyrannen die Signorie gegeben. Dies schreckte die Guelfen. Florenz hatte schon längst Toskana, die Romagna, Rom und Neapel zu einem Bunde unter der Autorität des Papsts zu vereinigen gesucht, um dem Visconti Schranken zu setzen und den Kaiser fernzuhalten. Ein Parlament war nach Arezzo ausgeschrieben worden, und Clemens VI. hatte diesen Plan anfangs mit Eifer unterstützt. Aber gegenseitiges Mißtrauen vereitelte ihn, so daß die Florentiner sich am Ende genötigt sahen, die Herbeikunft des Königs der Römer zu begehren, um sich von der drohenden Macht des Visconti zu befreien. Noch hofften sie einen Augenblick lang, den Nachfolger Clemens' VI. an der Spitze des Guelfenbundes zu sehen und Karl vom Romzuge abzuhalten; als sie sich getäuscht sahen, mußten sie mit diesem Könige widerwillig unterhandeln.

Ihn rief zunächst der venezianisch-lombardische Bund des Dogen, des Markgrafen Aldobrandini von Ferrara, der Gonzaga von Mantua und der Carrara von Padua. Diese Liga hatte sich im Jahre 1354 wider Johann Visconti vereinigt und die Kompanie Fra Monreales in Dienst genommen. Es rief ihn auch der Visconti selbst, bot ihm die eiserne Krone und hoffte, ihn auf seine Seite zu ziehen. So geschah es, daß der Enkel Heinrichs VII. von allen Parteien als Retter herbeigesehnt wurde. Karl versprach der Liga seinen Schutz und kam im Oktober 1354 nach Italien, wo der eben am 5. Oktober eingetretene Tod Johann Viscontis ihm die Wege zu öffnen schien. Der Papst selbst hoffte, daß die Romfahrt dem Kardinal Albornoz die völlige Unterwerfung des Kirchenstaats erleichtern werde, denn auch dazu mitwirken zu wollen hatte Karl feierlich gelobt.

Der Enkel des edlen Heinrich besaß weder den Ehrgeiz noch die Schwärmerei seines Ahns noch irgendeinen politischen Plan in bezug auf Italien. Seine Romfahrt war eine Krönungsreise; das Kaisertum endete in einer inhaltslosen Formel. Der Böhmenkönig, ein für seine Zeit hochgebildeter, frommer und bescheidener Herr, ein schon ganz moderner Fürst, für welchen die Vergangenheit nur den Büchern angehörte, wollte sich in den Streit mit den Parteien Italiens nicht mehr einlassen. Er kam mit nur 300 Rittern am 14. Oktober nach Udine, zog in Begleitung seines natürlichen Bruders Nikolaus, des Patriarchen von Aquileja, am 3. November nach Padua und weiter nach Mantua, wo er überwinterte. Hier wollte er die Parteien der Lombardei versöhnen und mit den Toskanern wegen seines Weitermarsches unterhandeln. Nur die Pisaner boten ihm die Signorie; die übrigen Städte Toskanas mißachteten einen Fürsten, welcher in so niederer Gewöhnlichkeit auftrat, daß sie für einen künftigen Kaiser unglaublich erschien. Die venezianisch-lombardische Liga sah sich getäuscht; denn Karl hatte kein Heer, war verständig genug, jeder Partei zu entsagen und begehrte nichts als den Schmuck der eisernen Krone. Die Erben Viscontis bewog er, einen Waffenstillstand bis zum Mai abzuschließen. Er erbat von ihnen 50 000 Goldgulden für seine Romfahrt und ein angemessenes Geleite. Er verpflichtete sich, Mailand nicht zu betreten. Aber mit zuvorkommender Geringschätzung holten Matteo, Galeazzo und Bernabò, die Neffen Johanns, den kaiserlichen Reisenden ein; sie beschenkten seine böhmische Dürftigkeit, bewirteten ihn prachtvoll in Chiaravalle und nötigten den sich bescheiden Sträubenden, sie in Mailand selbst zu beehren. Die mächtigen Tyrannen erschreckten und beruhigten den Enkel Heinrichs mit kriegerischem Pomp und glänzenden Festen, und sie erlaubten ihm, in St. Ambrosius am 6. Januar 1355 die eiserne Krone zu nehmen, aus den Händen Roberto Viscontis, des erwählten Erzbischofs von Mailand.

Karl war froh, den prunkvollen Kerker dieser Stadt verlassen zu können. Er zog fort, nicht wie ein Kaiser, sondern, wie Matteo Villani sagt, gleich einem Kaufmann, der zur Messe reist. Die Vasallen der Visconti führten ihn von Stadt zu Stadt, und jede schloß die Tore hinter ihm zu. Er atmete wieder frei in Pisa, wo ihn die Gambacorta am 18. Januar mit Ehren aufnahmen. Seine Gemahlin Anna, viele böhmische und deutsche Barone, 4000 Ritter fanden sich hier ein. Dies gab ihm plötzlich Ansehen und schreckte Florenz wie Neapel. Vom Papste kam der Krönungskardinal, Petrus Bertrandi von Ostia, welchen dem Ritus gemäß auch die Bischöfe von Portus und Albano hätten begleiten sollen. Aber dies unterblieb, weil die Kirche ihre Reisekosten nicht bestreiten wollte, und selbst der von Ostia kam nur widerwillig, der Mißhandlungen des Kardinals Annibaldo eingedenk; auch mußte er die Reise aus eigenen Mitteln bestreiten. Nach des Papsts Befehl sollte ihm Albornoz behilflich sein, wenn dessen Geschäfte es erlaubten. Dies waren die Anstalten zur Krönung eines Kaisers in der Mitte des XIV. Jahrhunderts. Und trotzdem war die Tradition des Reichs noch eine Macht, welche Italien elektrisch ergriff, wenn sie ihm nahe kam. Die meisten Städte Toskanas huldigten Karl in Pisa. Florenz, vom Guelfenbund verlassen, von Mailand bedroht und in Furcht vor dem anwachsenden kaiserlichen Heer, verlor den Mut und huldigte dem Enkel seines Todfeindes am 21. März. Die Republik verpflichtete sich, ihm 100 000 Goldgulden zu zahlen; sie erhielt die Aufhebung der Reichsacht, welche Heinrich über sie verhängt hatte, die Bestätigung ihrer Freiheiten und anerkannte nach langer Zeit wieder die Oberhoheit des Kaisers. Der Abfall der bisher so standhaften Guelfenstadt von ihrem Prinzip verwundete den Stolz aller Patrioten und zeigte, wie allgemein die politische Auflösung in Italien war.

Der Friedensliebe Karls IV., seinem ruhigen, obwohl ganz unkaiserlichen Auftreten war demnach ein Werk gelungen, welches seine machtvollsten Vorgänger nicht hatten vollbringen können. Guelfen und Ghibellinen, ermüdet und abgeschwächt, die Lombardei, selbst Toskana anerkannten das Römische Reich deutscher Nation; Guelfen wie Ghibellinen zogen unter dem kaiserlichen Banner nach Rom. Florenz nicht zu betreten hatte Karl geloben müssen; er verließ Pisa am 22. März und kam am 23. nach Siena, wo sofort eine Umwälzung im Stadtregiment erfolgte. Am 28. brach er von dort auf und zog auf den Wegen seines Großvaters nach Rom. Die Grafen von Santa Fiora, von Anguillara und der Präfekt Johann von Vico verstärkten sein Heer bis zu 15 000 Reitern, worunter sich 5000 deutsche und meist böhmische Ritter befanden.

Rom empfing den Böhmenkönig mit einmütiger Huldigung. Er lagerte am 1. April, Mittwoch vor Ostern, im Felde des Nero. Seinem schimpflichen Gelöbnis gemäß durfte er die Stadt nur am Krönungstage betreten. Der fromme Fürst ging jedoch, und zwar mit päpstlicher Erlaubnis, als Pilger verkleidet in die Stadt, wo er mehrere Tage lang die Kirchen besuchte. Zu dieser Gestalt war das slawisch gewordene Kaisertum herabgesunken! Am Ostertage empfing Karl IV. mit seiner Gemahlin die entwürdigte Krone von der Hand des Kardinals, unter dem Beistande des Stadtpräfekten. Hierauf hielt das kaiserliche Paar den Krönungszug zum Lateran, wobei der Kaiser mit Zepter und Weltkugel unter einem purpurnen Baldachin ritt, während die Senatoren sein Roß leiteten.

Ein Kaiser des XIV. Jahrhunderts durfte nur noch zur Minute der Krönung in der Hauptstadt seines Reichs erscheinen, nur einige Stunden lang als geduldeter Gast darin verweilen, denn so befahl es der Papst im fernen Avignon! Die Römer forderten von Karl, daß er in Rom bleibe und die Rechte des Imperium an sich nehme oder der Stadt ihre alte Freiheit zurückgebe. Er ermahnte sie, dem Papst gehorsam zu sein, und kaum hatte er sich von der lateranischen Festtafel erhoben, so kündigte er ihnen an, daß er Rom verlasse, um auf die Jagd zu ziehen. Er legte den Purpur ab, stieg aufs Pferd, ritt zum Tor hinaus, ersuchte die Mönche von S. Lorenzo um ein Nachtlager und begab sich folgenden Tags als Naturfreund nach Tivoli, den schönen Wasserfall zu sehen, während die meisten deutschen und italienischen Truppen abmarschierten. Der böhmische Cäsar war ein praktischer Mensch, der die veränderten Weltverhältnisse begriff. Man darf ihn rühmen, daß er davon abstand, das Kaiserschwert unter die Parteien Italiens zu werfen; weil er aber die Kaiserkrönung, statt sie als Mann der neuen Zeit im deutschen Frankfurt oder in Aachen zu nehmen, mit tiefster Erniedrigung noch als Vasall des Papsts in Rom suchte, so hat er sich der Geringschätzung der Mit- und Nachwelt preisgegeben.

Die Kaiserkrone gleichsam im Reisekoffer, eilte Karl IV. nach Siena zurück, wo er schon am 19. April 1355 anlangte. Albornoz bewog ihn hier, ihm deutsche Truppen zu leihen; die Ghibellinen, an ihrer Spitze der Stadtpräfekt, forderten ihn auf, seines Großvaters zu gedenken und Florenz, unter so günstigen Verhältnissen, zu bestrafen; doch Karl entgegnete ihnen, daß der Untergang Heinrichs VII. eher den schlechten Ratschlägen der Ghibellinen als den Florentinern zuzuschreiben sei, und er stellte ein Privilegium für deren Republik aus, wodurch er ihre Bannerherren zu kaiserlichen Vikaren erklärte für einen Jahreszins von 4000 Goldgulden. Nachdem er seinen Bruder Nikolaus zum Vikar in Siena bestellt hatte, verließ er diese Stadt am 5. Mai und ging nach Pisa. Hier rief das Gerücht, daß er das damals pisanische Lucca für Geld freizumachen vorhabe, am 20. Mai einen Aufstand hervor. Der Gemeindepalast, worin der Kaiser wohnte, ward in Flammen gesetzt; halb bekleidet entflohen Karl und seine Gemahlin. Der Aufruhr wurde erstickt, aber die Gambacorta, bisher Regierer Pisas und Freunde Karls, fielen als Opfer des Verrats ihrer Gegenpartei und der Schwäche des Kaisers, der sie enthaupten ließ. Zugleich hatte sich Siena erhoben und den kaiserlichen Vikar verjagt, so daß die Empörung dieser beiden Städte das Urteil Villanis bekräftigte, daß es von den Toskanern unklug war, sich der unerträglichen Fremdherrschaft der Deutschen von neuem zu unterwerfen.

Karl, unsicher und mißachtet, verließ Pisa, in dessen Dom die Leiche seines Großvaters ruhte, und ging am 27. Mai nach Pietrasanta, wo er sich furchtsam in der Burg verschloß. Statt von den Pisanern seine Ehre zurückzufordern, verlangte er wie ein Kaufmann Schadenersatz und steckte 13 000 Goldgulden ein, welche sie ihm mit Verachtung darboten. Von seiner geängstigten Gemahlin und seinen Baronen angetrieben, verließ er am 11. Juni Pietrasanta mit 1200 Reitern. In der Lombardei fand er jedes Stadttor verschlossen und auf jeder Stadtmauer Bogenschützen stehen, welche nicht seine Waffen, sondern nur seine Habsucht abzuwehren schienen. Zwei Stunden lang bettelte er vor Cremona um Aufnahme, bis man ihm mit einigen Begleitern als einem Reisenden waffenlosen Einlaß gab. Als er den Rektoren dieser Stadt sagte, daß er Frieden unter den Lombarden schließen wolle, bemerkte man ihm kurz, er möge sich nicht bemühen. Der Enkel des von Dante gefeierten Heinrich durcheilte wie ein Flüchtling das Mailändische Gebiet und erschien, wie Villani sagte, ehrenlos in Deutschland »mit der Krone, die er ohne Schwertschlag erlangt, mit vollem Geldbeutel, den er leer nach Italien gebracht, mit wenig Ruhm männlicher Taten und mit viel Schande ob der erniedrigten kaiserlichen Majestät.«

Der enttäuschte Petrarca betrachtete die Gestalt dieses Cäsars, den er als Messias so oft herbeigerufen hatte, mit Beschämung. Er schmähte ihn, daß er Italien, welches Heinrich VII. und so viele Kaiser durch Heldenkraft sich erobert hatten, ohne Schwertschlag durchzogen und dennoch feig verlassen habe, um vom Römischen Reich nichts als das barbarische Böhmen und den leeren Kaisernamen zu besitzen. Er rief ihm zornig nach: »Was würden wohl dein Vater und dein Großvater zu dir sagen, wenn sie dir auf den Alpen begegneten?« Karl hätte dem Idealisten, dessen eitle Schwärmereien er belächelte, ruhig antworten können, daß sie ihm zu seiner Klugheit Glück wünschen würden, da Italien den meisten Kaisern den Untergang gebracht und die Nationalkraft Deutschlands verzehrt habe. Die klägliche Kaiserfahrt Karls bewies indes der ganzen Welt, daß das Römische Reich abgestorben, die weltgeschichtliche Verbindung Deutschlands und Italiens auf Grund eines theokratischen Dogmas vergangen war und die Messiasträume Dantes und Petrarcas keine geschichtliche Berechtigung mehr hatten; endlich, daß der sinnverstörte Volkstribun mit seinem Plan, ein lateinisches Nationalkaisertum zu errichten, die Zeitverhältnisse besser verstanden hatte als jener Dichter und die Ghibellinen. Petrarca klagte, daß Deutschland fortan keine andere Aufgabe in Italien verfolge, als Söldnerbanden zum Untergange der Republiken zu bewaffnen, aber er war gerecht genug zu bekennen, daß sein käufliches Vaterland dies Schicksal verschuldet habe. Aus dem alten Reichsverbande Deutschlands war um die Mitte des XIV. Jahrhunderts in Wahrheit in Italien kaum etwas anderes übrig geblieben als germanische Feudalgeschlechter, jetzt des Kaisers oder des Papsts Vikare, die Tyrannen von Städten und Provinzen, und als die schrecklichen Soldkompanien, die Nachzügler des zerstörten Reichs.

Die Mißhandlung, welche er erfahren hatte, konnte Karl IV. nicht rächen. Sein Vikar in Italien, Markward, Bischof von Augsburg, erhob Prozeß gegen die Visconti, lud sie vor sein Tribunal, fiel im Jahre 1356 mit der Bande Landaus und den Truppen der Este und Gonzaga in das Mailändische und geriet dabei in Gefangenschaft. Der Kaiser selbst widmete sich mit löblichem Eifer dem Wohle seines Landes Böhmen und der schönen Stadt Prag, wo er die Universität gestiftet hatte; er erließ im Jahre 1356 die Goldene Bulle oder die Reichsordnung, wodurch die Wahl der römischen Kaiser durch die bereits mit der Landeshoheit ausgestatteten Kurfürsten geregelt ward; ein berühmtes Gesetz, die Grundlage des Formelwesens, worin das entseelte Heilige Römische Reich deutscher Nation erstarrte; es sprach die Unabhängigkeit der deutschen Königswahl vom Papste aus, der deshalb gegen die Goldene Bulle Protest erhob.

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