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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 310
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Albornoz kommt nach Italien. Er geht nach Montefiascone. Sturz des Baroncelli. Guido Jordani Senator. Unterwerfung des Stadtpräfekten. Erfolge und Ansehen des Albornoz. Cola in Perugia. Fra Monreale und dessen Brüder. Cola Senator. Sein Einzug in Rom. Seine zweite Regierung. Sein Verhältnis zum Adel. Krieg gegen Palestrina. Fra Monreale in Rom. Seine Hinrichtung. Cola als Tyrann. Gianni di Guccio. Fall Cola di Rienzos auf dem Kapitol.

Johann Visconti empfing den Kardinal in Mailand ehrenvoll, doch mit stolzer Zurückhaltung. Bologna verschloß ihm die Tore, aber Florenz holte ihn am 2. Oktober 1353 in feierlicher Prozession mit Glockengeläute ein und gab ihm Truppen und Geld. Der Legat begab sich nach Montefiascone, fast dem einzigen Ort im Kirchenstaat, welcher noch die Autorität des Papsts anerkannte. Von hier aus hatte bereits Jordan Orsini, päpstlicher Kapitän im Patrimonium, den Präfekten bekriegt und wider ihn den Provençalen Fra Monreale von Albarno in Sold genommen, einen fahrenden Johanniterprior, welcher unter den Fahnen des Ungarnkönigs in Neapel gedient hatte. Nicht hinreichend bezahlt, war Monreale sodann in das Lager desselben Präfekten gegangen und hatte mit ihm Todi angegriffen. Der Kardinal traf eben in Montefiascone ein, als die Belagerung jener Stadt aufgehoben wurde, und dies schwächte Johann von Vico, von dem sich Monreale trennte, um auf eigene Rechnung eine Kompanie zu stiften. Die Aufgabe für Albornoz war nun, Streitkräfte zu sammeln, um mit raschen Schlägen den Präfekten niederzuwerfen. Dies konnte nur durch die Mithilfe Roms geschehen, und hier war der Einfluß des Extribuns von Wichtigkeit.

Innocenz VI. schrieb am 16. September an die Römer: er wisse, daß sie die Rückkehr Colas mit Sehnsucht erwarteten, er habe ihren Mitbürger amnestiert und sende ihn nach Rom, wo er, wie zu hoffen sei, die Wunden der Stadt heilen und ihre Tyrannen bändigen werde; sie möchten ihn wohl aufnehmen. Jedoch Cola durfte noch nicht nach Rom abgehen, sowohl weil es der Kardinal, in dessen Gefolge er sich befand, nicht für passend hielt, als weil Francesco Baroncelli noch Herr der Stadt war. Das kurze Regiment und der Sturz dieses zweiten Tribuns ist dunkel, da ihn die Geschichtschreiber der Zeit kaum ihrer Aufmerksamkeit gewürdigt haben. In offener Feindschaft mit dem Papst suchte sich Baroncelli durch die ghibellinischen Parteien und im Einverständnis mit dem Präfekten zu behaupten. Aus Not verfiel er in die Fehler oder die Schwierigkeiten seines Vorgängers, und das Auftreten desselben neben dem Legaten in Montefiascone, wohin sich viele unzufriedene Römer begaben, beschleunigte seinen Fall. Baroncelli wurde in einem Aufstand, welchem Cola schwerlich fremd war, vom Kapitol verjagt und wahrscheinlich selbst erschlagen, am Ende des Jahrs 1353. Die Römer boten jetzt die Signorie dem Kardinal für den Papst, den sie zum Senator auf Lebenszeit ernannten mit der Vollmacht, seine Stellvertreter einzusetzen. Sie täuschten sich in ihrer Erwartung, denn Albornoz nahm auf Cola keine Rücksicht, sondern machte Guido Jordani de Patriciis zum Senator, und auch der Papst gedachte seiner mit keinem Worte mehr.

Nach der Unterwerfung Roms konnte der Kardinal den Krieg gegen den Präfekten mit mehr Nachdruck betreiben; die Römer stellten ihm 10 000 Mann unter Johann Conti von Valmontone, die Liga von Florenz, Siena und Perugia vereinigte sich mit dem päpstlichen Heer, und Johann von Vico wurde hart bedrängt. Nach empfindlichen Verlusten und wiederholten Unterhandlungen unterwarf er sich; er verzichtete am 5. Juni 1354 zu Montefiascone auf seine Eroberungen, und Albornoz konnte am 9. Juni mit den vertriebenen Monaldeschi seinen Einzug in Orvieto halten. Hier blickte Cola mit träumerischer Erinnerung auf den Präfekten, als sich dieser mächtige Tyrann vor dem Kardinal niederwarf, Gehorsam schwor und die Absolution von den Bannflüchen empfing, welche drei Päpste nacheinander auf sein Haupt geschleudert hatten; so hatte auch er einst denselben Johann von Vico zu seinen Füßen gesehen. Albornoz ließ dem Tyrannen seine Erbgüter und machte ihn sogar zum Vikar der Kirche in Corneto, was indes der Papst nicht bestätigte. Die Ghibellinen Orvietos, jener kleinen, aber starken und freisinnigen Stadt, deren Dom damals schon von dem hohen Berge wie ein goldschimmernder Schild herabstrahlte, unterwarfen sich nur mit Widerwillen dem Papst. Die Gemeinde huldigte ihm und dem Kardinal am 24. Juni, doch sie übergab ihnen das Dominium nur mit der Bedingung, daß nach dem Tode Innocenz VI. und des Albornoz die Stadt zu ihrer vollen Freiheit zurückkehre.

Der Erfolg des Legaten veränderte die Verhältnisse in Italien zugunsten der Kirche. Umbrien, die Sabina, Tuszien, Rom gehorchten ihr; überall kehrten die verbannten Guelfen zurück, während der weise Kardinal den Gemeinden erlaubte, sich volksmäßig durch Konsuln und Podestaten zu regieren. Viterbo nahm wieder päpstliche Besatzung auf; Albornoz baute dort eine feste Burg. Die Tyrannen der Romagna fürchteten ihn, und Italien erscholl von dem Ruf eines Kardinals, welcher die Städte von den Gewaltherren befreite und jene Eigenschaften des Generals und Staatsmannes in sich vereinigte, die den Tribun Cola, wenn er sie besessen hätte, zum Manne des Jahrhunderts würden gemacht haben.

Die Römer, die im Heer vor Viterbo und Orvieto gedient, hatten Cola aufgesucht, mit Freuden begrüßt, nach Rom eingeladen und vom Kardinal zum Senator begehrt. Er befand sich mit dessen Willen in Perugia. Hier suchte er die Bürger zu bereden, ihn mit Geldmitteln auszurüsten. Die reichen Kaufleute weigerten sich dessen, aber sie verwandten sich für die Rückkehr Colas nach Rom beim Papst, und Innocenz VI. trug endlich Albornoz auf, denselben zum Senator zu machen, wenn er das für ersprießlich halte. Der Kardinal überließ es Cola, sich Geld und Truppen zu verschaffen, und der Extribun fand Rat. Er wußte, daß in den Banken Perugias große Summen lagen, welche der furchtbare Monreale den Städten Italiens abgepreßt hatte, und darauf rechnete er. Der Johanniterprior hatte nach seiner Trennung vom Präfekten eine eigene Bande gebildet; seiner Werbetrommel waren brotlose Söldner, Italiener, Ungarn, Burgunder und Deutsche, zumal Schweizer, begierig gefolgt, und aus diesem Schwarm hatte er nach dem Muster Werners die »große Kompanie« geschaffen, einen wandernden Raubstaat von einigen tausend trefflich gerüsteten Soldaten zu Fuß und zu Pferd. Albornoz hatte es mit Geld und Versprechungen durchgesetzt, daß Fra Monreale sich nicht mehr mit dem Präfekten verbündete, und er war froh, als der Raubritter seine Scharen nach Toskana und in die Mark führte. Fermo, Perugia, selbst Florenz, Siena, Arezzo und Pisa hatten Belagerung und Plünderung schimpflich abgekauft. Im Juli 1354 überließ Monreale seine Kompanie den Venezianern für 150 000 Goldgulden, um unter seinem Leutnant, dem Grafen von Landau, gegen die Visconti zu dienen; er selbst blieb zurück, Pläne aussinnend, wie er zu einer dauernden Herrschaft in Italien gelangen könne. Zwei seiner Brüder lebten in Perugia, der Ritter Brettone von Narba und Arimbald, Doktor des Rechts. Der Extribun erhitzte die Köpfe dieser jungen Provençalen mit Vorstellungen von seinen künftigen Taten in Rom, von dem Glanz der wiederhergestellten Republik und den Ehren, welche ihrer selbst dort warteten, wenn sie sein Unternehmen würden gefördert haben. Sie liehen ihm mehrere tausend Goldgulden dar und meldeten davon ihrem Bruder; Fra Monreale gab nur zögernd seine Einwilligung, doch verhieß er Unterstützung im Falle des Mißlingens von Colas Plan. Der beglückte Extribun warb jetzt ein paar hundert Soldknechte, Italiener, Burgunder und Deutsche. Er legte wieder ein scharlachenes Gewand an und zog nach Montefiascone zum Legaten, der ihn im Namen des Papsts zum Senator von Rom ernannte und ihm glückliche Reise wünschte.

Der Marsch Colas durch Tuszien an der Spitze von 5000 Landsknechten, welche verschiedenen Nationen angehören, und umgeben von Abenteurern, die sich im Geist als große Konsuln der Römer auf dem Kapitol sehen, ist die vollkommene Parodie eines Romzuges der Kaiser. Als er bei Orte am Tiber angelangt war, verbreitete sich das Gerücht seines Nahens, und Rom baute Ehrenpforten. Erinnerungen und Träume belebten sich im Augenblick. Die Cavalerotti zogen dem Kommenden bis zum Monte Mario entgegen, Ölzweige in den Händen; das Volk strömte aus dem Tor, seinen alten Befreier zu begrüßen und den wunderbaren Menschen wiederzusehen, der vor sieben Jahren das Kapitol verlassen hatte und seither so seltsame Schicksale als Flüchtling und Geächteter, als Einsiedler, als Gefangener im fernen Prag und in Avignon bei Kaiser und Papst erduldet hatte und der nun dennoch ehrenvoll wiederkam, als Senator im Namen der Kirche. Nicht Konradin war am Monte Mario mit gleichem Jubel empfangen worden. Cola zog am 1. August 1354, dem Jahrestag seiner Ritterschaft, durch das Tor des Kastells über die Engelsbrücke in die mit Teppichen und Blumen geschmückte Stadt, durch das dichtgedrängte Menschengewühl der Straßen, deren Häuser bis zu den Dächern hinauf jauchzendes Volk bedeckte. An den Stufen des Kapitols empfingen ihn ehrerbietig die Magistrate und übergab ihm der bisherige Senator Guido den Regentenstab. Cola hielt eine geistvolle Anrede an das Volk, in welcher er sich dem sieben Jahre lang verstoßenen und irrsinnigen Nebukadnezar verglich; die Römer jubelten ihm zu, doch sie fanden ihren Helden sehr verändert; denn statt des Erwählten des Volks und des jugendlichen Tribuns der Freiheit stand vor ihnen ein alternder, stark beleibter Beamter des französischen Papsts; nur hatten die Erfahrungen weder seinen Willen befestigt noch seinen Verstand aufgeklärt.

Er richtete seine Regierung ein; die Brüder Brettone und Arimbald machte er zu Kriegshauptleuten und gab ihnen das Banner Roms; Cecco von Perugia wurde Ritter und sein Rat. Er machte allen Städten in Nähe und Ferne seine Rückkehr und Erhebung bekannt; aber seine Briefe und sein Geist hatten keine Schwingen mehr; sie verrieten nichts mehr von jenem hohen Gedankenfluge, mit dem er einst die Italiener bezaubert hatte. Die Vorstellungen des päpstlichen Senators blieben auf den engen Kreis des römischen Stadtregiments beschränkt. Wenn das Volk die Heimkehr Colas mit Freude begrüßte, so hielten sich die Aristokraten voll Unwillen fern. Ihre Häupter waren noch die Orsini von Marino und Stefanello in Palestrina, der letzte Sproß der Colonna dieses Zweiges. Am 5. August lud Cola den Adel zur Huldigung aufs Kapitol; doch außer den Orsini von S. Angelo, seinen alten Freunden, erschienen kaum einige. Stefanello antwortete auf die Vorladung durch die Mißhandlung der Boten, des Buccio di Giubileo und des Gianni Caffarello, und durch Raubzüge bis vor die Tore der Stadt. So kehrte der alte Zustand wieder: nach siebenjähriger Abwesenheit nahm Cola sein Regiment an demselben Punkte auf, wo er es abgebrochen hatte, als wäre nichts geschehen.

Er zog mit Heeresmacht gegen Palestrina, das Versäumte nachzuholen und diese Aristokratenburg endlich zu brechen. Seine Truppen forderten in Tivoli mit Ungestüm ihren rückständigen Lohn. »Ich finde in alten Geschichten«, so sagte der nie im Reden verlegene Senator zu seinen Kapitänen, »daß in ähnlicher Geldnot der Konsul die Barone Roms versammelte und sprach: wir, die wir die Ehrenstellen bekleiden, müssen die ersten sein, Geld herzugeben, um die Milizen zu löhnen«. Die jungen Brüder Fra Monreales gaben seufzend jeder 500 Goldgulden, und die Truppen wurden notdürftig bezahlt. Der Heerbann der Campagna und 1000 Römer rückten jetzt unter Colas Führung von Castiglione di Santa Prassede, wo einst Gabii lag, gegen Palestrina. Man diente mit Widerwillen im Heer; es gab täglich Streit; an Verrätern fehlte es nicht. Das Land und die niedere Stadt wurden zwar verwüstet, aber die Kyklopenburg spottete der Belagerung, und vor den Augen des schlechtesten aller Generale wurde ihr reichlicher Proviant zugeführt.

Schon im August rief Cola die plötzliche Ankunft Fra Monreales nach Rom zurück. Er hätte sich der Talente dieses berühmten Kapitäns mit Erfolg bedienen können, doch das war nicht seine Absicht, noch war es der Zweck des Johanniterpriors, ihm seinen Degen darzubieten. Er war vielmehr von Perugia, welches den großen Räuber mit Ehren aufgenommen hatte, mit vierzig seiner Hauptleute nach Rom gekommen seiner Brüder wegen, die dem Senator große Summen dargeliehen und nichts dafür empfangen hatten; er ahnte den baldigen Untergang des Schwärmers und wollte zusehen, was für ihn selbst zu gewinnen sei. Wahrscheinlich faßte schon Monreale wie ein späterer Bandenführer aus demselben Perugia den kühnen Gedanken, sich zum Signor im herrenlosen Rom aufzuwerfen nach der Rückkehr seiner großen Kompanie. Er sprach unvorsichtig und verächtlich von Cola; die Rede ging, daß er von den Colonna zu dessen Sturz gerufen sei. Freundlich ließ ihn der Senator aufs Kapitol laden, die verhängnisvolle Falle der Arglosen, und Monreale war hier kaum erschienen, als er mit allen seinen Kapitänen in Ketten gelegt und nebst seinen Brüdern in das kapitolische Verließ geworfen ward. Cola machte ihm den Prozeß als einem öffentlichen Räuber, der Italien mit namenlosem Elend erfüllt habe, aber im Grunde hatte er es auf die Reichtümer des Johanniters abgesehen, deren er zu seiner Selbsterhaltung bedurfte. Der Prozeß, das Benehmen im Kerker und auf seinem letzten Gange, endlich der Tod Fra Monreales bilden eines der merkwürdigsten Kapitel der Biographie Colas in einer Schilderung von so lebendiger Natur, daß, wer sie liest, in die Aufregung des Augenzeugen versetzt wird. Der schreckliche Bandenführer ließ keine Spur von Reue über seine Frevel blicken, die er im Geist der Zeit für ruhmvolle Taten eines Kriegers hielt, welcher berechtigt sei, sein Glück in der falschen und elenden Welt mit dem Schwert zu suchen; er schämte sich nur vor dem Gedanken, daß er in das Garn eines Narren gegangen sei, und sein Ritterstolz schauderte vor der Erniedrigung durch Tortur oder gemeine Todesart zurück. Er sprach über den Unwert des Lebens wie ein Cato oder Seneca; er blickte verachtend auf die Römer, welche die Totenglocke auf dem Platz des Kapitols versammelte; und er erinnerte sich voll Stolz, daß Völker und Städte vor ihm gebebt hatten. »Römer«, so sagte dieser mit Blut bedeckte Räuber, »ich sterbe ungerecht; eure Armut und mein Reichtum sind schuld an meinem Tode; ich wollte eure Stadt aus dem Ruin erheben«. Man führte ihn an die Treppe des Senatspalastes, dort stand der Löwenkäfig und ein Madonnenbild, wo die armen Sünder vor ihrem Ende die Sentenz vernahmen. Er war köstlich gekleidet in braunem und goldverbrämtem Samt; er atmete auf, als man ihm sagte, er solle durch das Schwert gerichtet werden. Er kniete nieder; er stand wiederholt vom Block auf und richtete seine Lage besser ein; sein Chirurg zeigte dem Henker die Stelle, wo der Streich treffen müsse, und das Haupt Monreales fiel mit einem Schlag. Die Minoriten bestatteten ihn (es war der 20. August) in Aracoeli; dort liegen noch unter irgendeinem namenlosen Stein die Reste dieses schrecklichen Kriegsmannes, dessen Ruf so groß war, daß ihn seine Zeitgenossen mit Caesar verglichen haben.

Das gerechte Schicksal hatte einen Verbrecher ereilt; seine Frevel, Verwüstung von Ländern, Brand und Raub von Städten, Ermordung von zahllosen Menschen, verdienten dies schimpfliche Ende durch schimpflichen Verrat. Cola bebte einst davor zurück, den listig gefangenen Aristokraten das Leben zu nehmen; jetzt hatte er den Tyrannenmut gefunden, einem Monreale den Kopf herunterzuschlagen, und seine Tat würde nach dem Urteil der Zeitgenossen sogar lobenswert gewesen sein, wenn sie vom Gefühle der Gerechtigkeit ausgegangen wäre. Aber die gemeinen Motive ließen sie als feigen Verrat gegen die Brüder Monreales, seine Wohltäter, erscheinen. Er bemächtigte sich der Reichtümer, welche der Johanniter mitgebracht oder zuvor in Rom niedergelegt hatte; sie betrugen 100 000 Goldgulden, wovon er die Milizen löhnen konnte. Seither ward Cola ein verhaßter Tyrann. Die Edlen mieden ihn als Verräter an Freunden; doch Albornoz und der Papst waren froh, daß die furchtbare Geißel Italiens hinweggeräumt sei. Am 9. September schrieb Innocenz dem Kardinal, daß er es zum Heile der Stadt und Italiens und damit die Energie Colas nicht nachlasse, für nötig erachte, ihm die Senatsgewalt zu verlängern; er ermahnte Cola selbst zur Dankbarkeit gegen Gott, der ihn aus niederm Stande so hoch erhoben, aus so vielen Gefahren so gnädig gerettet habe, und er forderte ihn auf, sein Amt in demutsvoller Selbsterkenntnis mit Milde gegen die Schwachen, mit Strenge gegen die Bösen zu verwalten.

Cola warb neue Truppen, machte Riccardo Imprendente vom Haus Annibaldi, Herrn von Monte Compatri, zum Generalkapitän und ließ Palestrina nochmals belagern. Alles ging gut; die Colonna gerieten in die äußerste Not, und ihr Fall schien gewiß. Wenn Cola sich damals gemäßigt hätte, so würde er voraussichtlich jahrelang als Senator regiert haben; aber der Dämon der Herrschsucht und Geldnot trieben ihn zu gefährlichen Maßregeln. Er legte eine Zwangsteuer auf die Verbrauchsartikel. Er ließ (und dies war seine ruchloseste Tat) einen edlen und beliebten Bürger, Pandolfuccio, Sohn Guidos, einst seinen Gesandten in Florenz, aus Argwohn nach Tyrannenart enthaupten. Er nahm bald diesen, bald jenen fest und verkaufte Freiheit um Lösegeld. Niemand wagte mehr im Rat den Mund aufzutun. Cola selbst war unnatürlich aufgeregt; er lachte und weinte in demselben Augenblick. Die Stimmung des Volks belehrte ihn, daß man sich wider sein Leben verschwor. Er hob eine Leibwache aus, je fünfzig Mann aus jeder Region, ihm beim ersten Glockenruf zur Hand zu sein. Das Heer vor Palestrina verlangte Sold und murrte, da er ihn nicht zu geben hatte; mißtrauisch entsetzte er Imprendente und ernannte neue Kapitäne; dies entfremdete ihm auch jenen Edlen und dessen Anhang. Es war in dieser Zeit, daß vor Cola ein später in Europa bekannt gewordener Mann erschienen sein soll, Gianni di Guccio, ein verwechselter französischer Prinz und Prätendent der Krone Frankreichs, dessen Schicksale einen der wunderlichsten Romane des Mittelalters bilden und mit den letzten Tagen Colas verflochten worden sind. Als Gianni, dessen Sache der Senator unter seinen Schutz genommen haben soll, am 4. Oktober von Cola sich verabschiedete, um mit dessen Empfehlungsbriefen an den Legaten nach Montefiascone zu gehen, warnte ihn am Tor del Popolo ein sienesischer Soldat, ihm ratend, sich eilig davonzumachen, denn das Leben des Senators sei in Gefahr. Der verwechselte Prinz kehrte sofort um, Cola davon zu benachrichtigen, und dieser entließ ihn mit Briefen, worin er Albornoz aufforderte, ihm Hilfe zu schicken, denn ein Sturm drohe gegen ihn loszubrechen. Der Kardinal befahl sofort, die Reiter aufsitzen zu lassen; doch es war zu spät; so lautet die Erzählung, für welche keine Urkunden der Zeit irgend aufzuweisen sind.

Am 8. Oktober weckte Cola das Geschrei »Volk! Volk!«; die Regionen S. Angelo, Ripa, Colonna und Trevi, wo Savelli und Colonna wohnten, zogen aufs Kapitol, dessen Glocke nicht läutete. Cola verkannte anfangs die Bedeutung des Aufstandes; als er aber das Geschrei vernahm: »Tod dem Verräter, der die Steuern eingeführt hat!«, begriff er die Gefahr. Er rief seine Leute zu sich; sie entflohen; Richter, Notare, Wachen, Freunde, alle suchten ihr Heil in der Flucht; nur zwei Personen und sein Verwandter Luciolo, ein Pelzhändler, blieben bei ihm. Ganz gewaffnet, das Banner Roms in der Hand, trat Cola auf den Balkon des oberen Saales des Palasts, um zum Volk zu reden. Er winkte Schweigen; man überschrie ihn aus Furcht vor dem Zauber seiner Stimme; man warf mit Steinen und Geschossen nach ihm; ein Pfeil durchbohrte seine Hand. Er entfaltete das Banner Roms und wies stumm auf die goldenen Buchstaben Senatus Populusque Romanus, die für ihn reden sollten – ein Zug von wahrhafter Größe, wohl der schönste im Leben des Tribuns. Man antwortete mit dem Geschrei: »Tod dem Verräter!« Während nun das Volk Feuer an die hölzerne Wehr legte, welche den Palast wie mit Palisaden umgab, und einzudringen suchte, ließ sich Cola aus dem Saal in den Hof unter dem Gefängnis herab. Vom Saale her gab Luciolo verräterische Winke dem Volk. Noch war nicht alles verloren; der Saal brannte, die Treppe stürzte ein; die Stürmenden konnten daher nicht leicht ins Innere dringen; die Mannschaft der Regola hätte Zeit gehabt, heranzuziehen, und die Stimmung des Volks möchte sich gewendet haben. Die erste Eingangstür brannte, das Dach der Loggia stürzte ein. Wenn Cola jetzt mit hohem Sinn unter dies rasende Volk getreten wäre, von den Händen seiner Römer auf dem Kapitol den Tod zu empfangen, so würde er sein Leben antiker Helden würdig geendet haben. Die klägliche Gestalt, in welcher er aus dem Kapitol wankte, hat seine eigenen Zeitgenossen beschämt und beschämt noch jeden männlichen Sinn. Der Tribun warf die Rüstung und seine Amtstracht ab; mit abgeschnittenem Bart, das Gesicht geschwärzt, in einen schlechten Hirtenmantel gehüllt, ein Bettkissen auf sein Haupt gelegt, so hoffte er durch die Menge sich fortzuschleichen. Begegnenden rief er in verstellter Mundart zu: »Hinauf! an den Verräter!« Als er das letzte Tor erreicht hatte, faßte ihn einer aus dem Volk mit dem Ruf: »Das ist der Tribun!« Goldene Armspangen verrieten ihn. Man führte ihn die Stufen des Palasts herab zum Löwenkäfig und jenem Marienbilde, wo einst der Senator Bertoldo gesteinigt worden war, wo Fra Monreale, Pandolfuccio und andere ihr Todesurteil empfangen hatten. Dort stand der Tribun vom Volk umringt; alles schwieg; niemand wagte Hand an den Mann zu legen, welcher einst Rom befreit und die Welt zur Bewunderung hingerissen hatte. Die Arme auf die Brust gekreuzt, so blickte er hin und her und schwieg. Cecco del Vecchio stieß ihm den Degen in den Leib. Den zerrissenen und hauptlosen Körper schleifte man das Kapitol herab bis ins Viertel der Colonna. Man hing ihn neben S. Marcello an einem Hause auf. Zwei Tage lang blieb dort die Schreckensgestalt ausgestellt, einst im Leben das Idol von Rom, jetzt das Ziel für die Steinwürfe der Gassenbuben. Auf Befehl des Jugurta und Sciarretta Colonna verbrannten am dritten Tage auf einem Haufen trockener Disteln Juden die Reste des Tribunus Augustus im Mausoleum des Augustus. Dies war die letzte, aus Ironie gegen die pomphaften, antiken Ideen Colas gewählte Szene für das seltsame Trauerspiel. Die Asche ward zerstreut wie jene Arnolds von Brescia.

Die lange Reihe derer, die vom Zauber der Ewigen Stadt ergriffen und vom Dogma der römischen Monarchie beherrscht für die Wiederherstellung eines vergangenen Ideals gekämpft haben, schließt mit Cola di Rienzo. Die Geschichten der Stadt haben den Zusammenhang dieser Männer dargestellt und die Ideen der Zeit die notwendige Erscheinung des letzten Tribuns erklärt. Auf der Grenze zweier Zeitalter, in der aufregenden Dämmerung, welche der Wiedergeburt des klassischen Altertums voranging, steht Cola di Rienzo da als das geschichtliche Erzeugnis des Widerspruches Roms mit sich selbst und mit der Zeit, worüber er wahnsinnig wurde. Seine Mitschuldigen sind in der Tat Rom, Dante, Petrarca, Heinrich VII., die Kaiser, die Päpste in Avignon und das Jahrhundert selbst. Sein träumerischer Plan, während der Abwesenheit des Papsttums die Völker wieder um das alte Kapitol zu versammeln und das lateinische Weltreich wiederaufzurichten, erweckte für einen Augenblick noch einmal den schwärmerischen Glauben an die weltbürgerliche Idee Roms, und er war auch der Abschied der Menschheit von dieser antiken Tradition. Eine Realität trat jedoch lebenerzeugend an die Stelle jenes Wahns: der durch die römisch-griechische Wissenschaft und Kunst sich vom Mittelalter befreiende Geist. Dies ist die ernste Bedeutung der Freundschaft zwischen Petrarca und Cola di Rienzo; denn jener weckte das klassische Altertum in dem Reich der Intelligenz wieder auf, nachdem seine Erneuerung in der politischen Sphäre als Traum mit diesem vergangen war. Es gibt wie in der Natur so in der Geschichte Luftspiegelungen aus entlegenen Zonen der Vergangenheit; eine solche und die wunderbarste war die Erscheinung des Volkstribuns. Die Vermischung von Tiefsinn und Narrheit, von Wahrheit und Lüge, Kenntnis und Unkenntnis der Zeit, von großartiger Phantasie und tatsächlicher Erbärmlichkeit macht Cola di Rienzo, den Heldenspieler im zerlumpten Purpur des Altertums, zu dem wahren Charakter und Abbild Roms in seinem tiefsten Verfall. Seine Geschichte hat einen unvergeßlichen Zauber phantastischer Dichtung über das öde Rom ausgebreitet, und seine Erfolge erschienen so rätselhaft, daß man sie einem helfenden Dämon zuschrieb. Noch Rainaldus, der Annalist der Kirche, glaubte an die Teufelskünste des Tribuns, und jeder Verständige, der an die Macht der Ideen unter Menschen glaubt, weiß durch diese die Wirkung Colas zu erklären. Die Genialität seiner Persönlichkeit war vermögend, die ersten Männer seiner Zeit in ihren Bann zu ziehen; der Papst selbst und der Kaiser, Könige, Volk und Städte und Rom wurden von ihm magisch umstrickt. Der Zauber, welchen Menschen auf ihre Welt ausüben, ist zugleich ein Geheimnis der Zeit, das sie verstehen. Der dunkle Wahn allein kann nicht bezaubern, wenn nicht ein realer, plötzlich aufleuchtender Gedanke aus seiner Hülle hervorbricht und in eine empfängliche Stimmung fällt, worin er die Begeisterung erweckt, die sich dann mit demselben Wahn umhüllen muß.

Die Zeit, in welcher Cola di Rienzo erschien, trug, von Befreiungsdrang und Messiashoffnung erfüllt, die Geburt eines neuen Geistes in ihrem Schoß. Es war kein Wunder, daß Italien diesen genialen Römer für seinen Heros und Heiland hielt, als er seine Fahne kühn auf dem Kapitol entfaltete. In der Tat war er der Prophet der lateinischen Renaissance.

Die befremdende Erscheinung Colas hat so weite Perspektiven in Vergangenheit und Zukunft und so ernste Züge tragischer Notwendigkeit, daß sie der Betrachtung des Philosophen mehr Stoff zum Nachdenken bietet als lange und geräuschvolle Regierungen von hundert Königen. Seine großartigen Ideen von der Unabhängigkeit und Einheit Italiens, von der Reform der Kirche und des Menschengeschlechts waren hinreichend, seine politischen Torheiten zu überstrahlen und sein Gedächtnis für immer dem Dunkel zu entreißen. Kein Jahrhundert wird es vergessen, daß es dieser wahnsinnige, mit Blumen bekränzte Plebejer auf den Trümmern Roms war, welcher den ersten Strahl der Freiheit in die Finsternis seiner Zeit fallen ließ und mit prophetischem Blick seinem Vaterlande das Ziel zeigte, welches dasselbe erst fünf Jahrhunderte nach ihm zu erreichen vermocht hat.

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