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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 31
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Zweites Kapitel

1. Stellung Theoderichs zu den Römern. Seine Ankunft in Rom im Jahre 500. Seine Rede vor dem Volk. Der Abt Fulgentius. Die Reskripte beim Cassiodor. Zustand der Monumente. Sorge Theoderichs um ihre Erhaltung. Kloaken. Aquädukte. Das Theater des Pompejus. Der Palast der Pincier. Der Cäsarenpalast. Das Forum Trajans. Das Kapitol.

Theoderich, ein Fremdling wie Odoaker, hatte sich durch seine weise Regierung bereits die Achtung, wenn auch nicht die Liebe der Römer erworben; seine Gerechtigkeit, noch mehr seine Nachgiebigkeit gegen die römischen Formen des Staatswesens gewannen ihm das Volk; auch war die Herrschaft der Germanen in Italien durch lange Gewöhnung schon zur Tatsache geworden.

Der Gotenkönig tastete keine der bestehenden Einrichtungen der Römischen Republik an, er schmeichelte vielmehr dem Volke durch ihre geräuschvolle Anerkennung. Nichts war in der Tat äußerlich am politischen und bürgerlichen Wesen des Römertums verändert worden; jede öffentliche und private Form des Lebens blieb unter Theoderich so gut römisch, wie sie es unter Theodosius oder Honorius gewesen war. Er selbst legte sich den Gentilnamen der Flavier bei. Mit ganz besonderer Auszeichnung behandelte er den Senat, obwohl diese erlauchten Väter keinen Anteil an der Reichsverwaltung mehr besaßen. Sie wurden nur als Zentrum aller hohen Staatswürden betrachtet, deren Inhaber mit diesen zugleich den Sitz im Senat erhielten. Es waren auch jetzt noch immer die anicischen Familien der Petronii, Probi, Fausti und Paulini, welche die höchsten Staatsämter bekleideten. Man übertrug Senatoren noch Gesandtschaften an den Hof in Konstantinopel, in der Stadt selbst übten sie einen Teil der Kriminalgerichtsbarkeit aus; sie besorgten alle das öffentliche Wohl betreffenden Angelegenheiten und hatten endlich eine bedeutende Stimme bei der Wahl des Papsts wie in kirchlichen Angelegenheiten. In den von Cassiodor gesammelten Registern gibt es siebzehn Schreiben Theoderichs an die Patres Conscripti in dem offiziellen Stil des Kaisertums, worin der König seine hohe Achtung vor der Würde des Senats und seine Absicht ausspricht, sie zu erhalten und zu mehren. Der Rat der Väter Roms erscheint darin als die ehrwürdigste Ruine der Stadt, welche die Pietät des Barbarenkönigs mit gleicher Sorgfalt zu bewahren suchte wie das Theater des Pompejus oder den Circus Maximus. Wenn er Männer von Verdienst aus seiner Umgebung oder aus den Provinzen zum Patriziat und Konsulat oder zu andern hohen Ämtern ernannte, so empfahl er diese Kandidaten in höflicher Form dem Senat und bat ihn, sie freundlich in seinen Schoß als Kollegen aufzunehmen. Aus den Titeln seiner Beamten, Magister Officiorum (Kanzler), Graf der Haustruppen, Präfekt der Stadt, Quaestor, Graf des Patrimonium (der Privatdomänen), Magister Scrinii (Direktor der Staatskanzlei), Comes Sacrarum Largitionum (Schatz- und Handelsminister), wie überhaupt aus den Bestallungsformularen beim Cassiodor ersieht man, daß Theoderich alle Ämter Constantins und seiner Nachfolger strenge beibehielt und sie wieder im Ansehen zu heben suchte. Er veränderte auch nichts in der römischen Gesetzgebung. Die Sicherheit seiner Stellung in Italien als Fremdling gebot es, die Militärherrschaft der eingedrungenen Goten mit den Titeln der Republik zu bedecken und den Römern ihre römischen Gesetze zu erhalten. Aber dieses inselartige Leben eines germanischen Stammes mitten unter den Lateinern und den römischen Institutionen brachte ihm selbst unvermeidlichen Untergang; die Unentschiedenheit der Staatsverfassung und die Leblosigkeit politischer Formen, welche künstlich gestützt wie Ruinen stehenblieben, machten auch die bürgerliche Erneuerung Italiens unmöglich; sie nutzten nur der aufwachsenden Kirche, die durch den Zerfall des Staates mächtiger wurde.

Theoderich kam nach Rom im Jahre 500. Der fremde König, welcher jetzt über Italien gebot, stellte sich zum erstenmal dem römischen Volk in der Hauptstadt dar, sowohl um dasselbe zu gewinnen, als die noch fortglühende Parteifurie wegen der Papstwahl zu stillen. Sein Einzug geschah mit kaiserlichen Ehren; römische Schmeichler begrüßten ihn wie einen andern Trajan. Vor der Stadt, sei es an der Aniobrücke oder am Fuße des Mons Marius, empfingen ihn Senat und Volk und an der Spitze der Geistlichkeit der Papst. Der arianische König begab sich aus Rücksichten der Klugheit sofort nach der Basilika des St. Peter und verrichtete daselbst »mit großer Andacht und wie ein Katholik« sein Gebet am Apostelgrabe, dann erst zog er im Triumphgepränge über die Hadrianische Brücke in Rom ein. So zogen die germanischen Nachfolger Theoderichs, welche in später Zeit den Kaisertitel trugen, während des ganzen Mittelalters zuerst zum St. Peter, wenn sie in Rom erschienen, und es ist merkwürdig genug, daß dieses Ritual des kaiserlichen Empfanges schon 300 Jahre vor Karl dem Großen bestand.

Der gotische König nahm seine Residenz in der öde gewordenen Kaiserburg des Palatin. Er erfreute sodann die Römer durch das lange Zeit vermißte Schauspiel, ihren Herrscher in der Kurie auftreten zu sehen, wo der edle Boëthius die Lobrede auf ihn hielt; denn im »Senatus«, jenem Gebäude, welches Domitian am Severusbogen und nahe bei dem Janus Geminus erbaut hatte, hielt er eine öffentliche Ansprache an das Volk. Der Ort wird auch ad Palmam oder Palma aurea genannt und muß eine Bühne am »Senatus« gewesen sein. Es lag in jenem Teile des Forum zwischen S. Adriano, S. Martino und dem Bogen des Septimius Severus, der lange Zeit während des Mittelalters tria Fata oder in tribus Fatis genannt wurde. Dort befand sich auch der Palast des Präfekten Anicius Glabrio Faustus, welcher im Jahre 438 vor dem Senat den Codex Theodosianus verkündigt hatte. Theoderich war ein Kriegsheld ohne Literatur und Bildung, nicht einmal des Schreibens kundig. Seine Rede im schlechtesten Latein, welches er eher im Lager als bei den Rhetoren erlernt hatte, wird kurz genug gewesen sein. Vielleicht sprach er sogar nur durch den Mund eines Sekretärs. Er erklärte den Römern, daß er alle früheren Verordnungen der Kaiser aufrecht halten wolle; zum Zeugnis dessen sollten seine Verordnungen in eherne Tafeln eingegraben werden.

Unter der beifallschreienden Menge dieser schon tief herabgekommenen Römer, welche am Fuße des geplünderten Kapitols, an den verstümmelten Standbildern ihrer Ahnen und in der Nähe der Rostren der Staatsrede eines Barbarenkönigs zuhörten und mit deren Togen sich die Kapuzen zahlreicher Mönche und Priester mischten, befand sich damals ein afrikanischer Abt Fulgentius, ein Flüchtling vandalischer Verfolgungen, der von Sizilien nach Rom gekommen war. Sein alter Biograph erzählt davon und versichert, daß Stadt, Senat und Volk durch die Anwesenheit des Königs zu hohem Jubel hingerissen worden seien. Als der fromme Fulgentius (dies sind die Worte des Lebensbeschreibers) die edle Haltung und den in ihrer Rangordnung entfalteten Glanz der römischen Kurie betrachtete und das Beifallsgeschrei eines freien Volks vernahm, da ward es ihm plötzlich klar, wie herrlich der Pomp dieser Welt sei. Der arme Flüchtling richtete jedoch, über sich selbst erschreckend, seine Blicke von der weltlichen Pracht Roms gen Himmel und überraschte einen Schwarm umstehender Römer mit dem plötzlichen Ausruf: »Wie schön muß nicht das himmlische Jerusalem sein, wenn schon das irdische Rom in solcher Herrlichkeit erstrahlt!« Dieser naive Ausdruck der Begeisterung eines fremden Abts kann immerhin beweisen, welchen überwältigenden Eindruck die altersgraue, schon in Trümmer gehende, aber noch in ihrem ganzen Wesen antike Roma selbst noch zu jener Zeit auf das Gemüt der Menschen machte.

Die unschätzbare Sammlung der Reskripte Theoderichs aus der Feder Cassiodors belehrt uns sowohl über den damaligen Zustand Roms als über die lebhafte Fürsorge des Gotenkönigs um die Erhaltung der Stadt, die zu beherrschen er würdiger war als viele Kaiser vor ihm. Jene Edikte in der überladenen Sprache seines Ministers sind ein Gemisch von pomphaftem Kanzleistil und pedantischer Redseligkeit, und die Bewunderung der alten Monumente wie das Bemühen, durch gelehrte Kenntnisse über Ursprung und Zweck der einzelnen Gebäude die barbarische Herkunft des Herrschers zu verbergen, endlich der häufige Begriff »Antiquität« verraten nur zu sehr, daß die Zeit der Barbarei wirklich angebrochen war. Die enthusiastische Liebe Cassiodors zu seiner Vaterstadt spricht aber auch in Akzenten des tiefen Schmerzes des Römers, welcher die Herrlichkeit des Altertums unrettbar verfallen sieht und von ihr den Abschied nimmt. Er sah das barbarische Zeitalter unabwendbar nahen. Er hielt dasselbe durch sein Talent noch für wenige Jahre auf, indem er Theoderichs Ratgeber war. Diese beiden Männer, der Römer und der Germane, der letzte Senator und der erste gotische König Italiens, der Repräsentant der antiken Kultur und der lernbegierige nordische Barbar bieten in ihrem Verein ein höchst anziehendes Schauspiel dar, aus welchem ein prophetisches Licht auf die erst nach einigen Jahrhunderten folgende Verbindung Italiens und Deutschlands wie auf dies ganze germanisch-römische Mittelalter zu fallen scheint.

Nachdem wir die Geschichte der bisherigen Plünderungen Roms durch die germanischen Eroberer vorurteilslos geprüft haben, kann es uns nicht befremden, wenn wir noch im Jahre 500 alle jene berühmten Bauwerke der alten Stadt erhalten finden, welche der Kaiser Honorius im Jahre 403 betrachtet hatte. Nur die große Menge der marmornen und ehernen Standbilder, die selbst damals noch die öffentlichen Plätze schmückten, darf uns in Erstaunen setzen. Denn Cassiodor spricht geradezu von einem sehr zahlreichen Volk der Bildsäulen und von einer übergroßen Herde von Rossen, das heißt Reiterstatuen. Weder der Abscheu der Christen vor den heidnischen Götterbildern, noch der Raub Constantins, noch die Plünderung durch die Westgoten, Vandalen und Söldner Rikimers hatten den unermeßlichen Schatz römischer Kunstwerke zu leeren vermocht. Waren ihrer auch nicht mehr so viele, daß ihre Zahl nach der übertriebenen Ansicht Cassiodors wie vor Zeiten jener der Bewohner gleichkam, so mußte doch immer die Menge der vorhandenen kaum zählbar sein. Eine eigene Behörde, mit dem Titel Comitiva Romana oder eines römischen Grafen ausgezeichnet und dem Präfekten der Stadt untergeben, hatte die Bildsäulen zu überwachen. Denn Theoderich oder sein Minister fand zu der Klage Grund, daß der Schmuck Roms in so entarteter Zeit nicht mehr dem Schutze des Schönheitsgefühls, sondern nur dem der Straßenwächter anvertraut werden konnte. Diese Vigiles waren dazu bestimmt, die Stadt bei Nacht zu durchstreifen, um die Räuber von Bildsäulen, welche man nicht mehr nach dem Werte der Kunst, sondern nach dem des Metalles schätzte, abzuschrecken oder festzunehmen, und man fand einen Trost darin, daß die ehernen Statuen durch ihren Klang das Brecheisen des Diebes selber zu verraten imstande seien. »Denn die Bildsäulen sind nicht gänzlich stumm, weil sie doch durch ihren Glockenklang die Wächter warnen, sobald sie von den Schlägen der Diebe getroffen werden.«

Theoderich hatte das wehrlose Volk von Erz und Marmor in seinen besonderen Schutz genommen, und er erstreckte diesen auf alle Provinzen außer Rom. Das beweist sein Edikt wegen des Raubes einer bronzenen Statue in Como, worin er einen Preis von hundert Goldstücken auf ihre Wiederauffindung und die Entdeckung des Täters setzte. Aber die Barbarei der Römer war schon so groß geworden, daß die Edikte des Gotenkönigs ihre Habgier nicht mehr zügeln konnten. Er klagte wiederholt über den Schimpf, welchen sie ihren Vorfahren antaten, indem sie die schönen Werke schmählich verstümmelten; denn die habgierigen Römer fuhren fort, ehernen Statuen, wenn sie dieselben nicht ganz entführen konnten, wenigstens die Glieder abzuschlagen und aus dem Gefüge der Marmor- und Travertinquadern an Theatern und Thermen die metallenen Klammern abzureißen. Die späten Enkel dieser Räuber betrachteten am Ende des Mittelalters mit Verwunderung die dadurch entstandenen Löcher in den Mauern der Ruinen und setzten sie in dreister Unwissenheit auf Rechnung derselben Goten, welche die Zierden ihrer Stadt mit Liebe gepflegt hatten.

Es gibt hundert Stellen in den Reskripten des Gotenkönigs, die seine aufrichtige Ehrfurcht gegen Rom beweisen, die Stadt, »welche niemandem undankbar, da sie keinem fremd sei, die fruchtbare Mutter der Beredsamkeit, der unermeßliche Tempel aller Tugenden, und welche alle gepriesenen Wunder der Welt in sich selber zusammenfasse, so daß in Wahrheit gesagt werden könne, ganz Rom sei ein einziges Wunder«. Diese Pracht des Altertums zu bewahren und würdige Bauten ihr zuzugesellen, erklärte Theoderich als seine Pflicht, obwohl er niemals den Plan faßte, seine Residenz in Rom aufzuschlagen. Er ernannte einen städtischen Architekten, der unter dem Praefectus Urbis stand, und übertrug ihm die Sorge um die Erhaltung der Monumente, während er in betreff von Neubauten ihm befahl, den Stil der Alten fleißig zu studieren und von ihren Mustern nicht barbarisch abzuweichen. Nach dem Vorgange früherer Kaiser warf er für Restaurationen feste Einkünfte aus; für die Wiederherstellung der Stadtmauern bestimmte er die jährliche Abgabe von 25 000 Ziegeln aus der Ziegelfabrik des Staats und die Einnahme der Zölle der lucrinischen Häfen; mit Strenge hielt er darauf, daß die angewiesenen Gelder zu dem vorgeschriebenen Zweck verwendet wurden. Den nötigen Kalk beschaffte ein dazu bestellter Beamter, und indem die fluchwürdige Zerstörung von Tempeln oder Bildsäulen, um daraus Kalk zu brennen, bei Strafe untersagt blieb, durften nur solche Marmorblöcke zum Notbedarf verwendet werden, welche als nutzlose Trümmer schon am Boden lagen.

Die gleiche Sorgfalt erstreckte sich auf die Kloaken Roms, diese bewundernswerten Kanäle der Stadt, die »gleichsam in gewölbten Bergen eingeschlossen, durch ungeheure Teiche abflossen«; und aus ihnen kann allein, so ruft der Minister Theoderichs aus, o einziges Rom, begriffen werden, welcher Art deine Größe sei. Denn welche Stadt darf deine Gipfel zu erreichen wagen, wenn nicht einmal deine unterirdischen Tiefen ihresgleichen finden.

Die riesigen Aquädukte fanden nicht minder sorgfältige Beachtung. Alter und Vernachlässigung hatten diese ummauerten Wanderstraßen heller Flüsse mit Gestrüpp umzogen, aber die alten Wasserleitungen durchrauschten noch immer die öde Campagna Roms und versorgten die Thermen und Brunnen der Stadt. Cassiodorus beschreibt sie mit hochtönenden Worten:

»In den Wasserleitungen Roms ist sowohl der Bau bewundernswürdig als die Güte des Wassers einzig. Weil dorthin Flüsse wie auf gebauten Bergen geführt werden, möchte man die steinernen Kanäle für natürliche Flußbetten halten, da sie doch die große Wassergewalt so vieler Jahrhunderte zu ertragen vermochten. Die ausgehöhlten Berge stürzen meistens ein, die Kanäle der Flüsse verfallen, doch diese Werke der Alten bestehn, wenn ihnen die Sorgfalt zu Hilfe kommt. Beachten wir, welchen Schmuck die Fülle des Wassers der Stadt Rom verleiht; und außerdem, was wäre die Schönheit der Thermen ohne die Güte des Wassers? Es rauscht die Aqua Virgo rein und wonnig daher, und sie verdient ihren Namen durch ihre Unbeflecktheit. Denn während sich andere Aquädukte infolge des heftigen Regens mit Erde versetzen, scheint uns diese mit ihrer lauter fortgleitenden Welle einen immer heiteren Himmel vorzuspiegeln. Wer kann ferner davon passende Erklärung geben, wie die Claudia durch einen ungeheuern Aquädukt so zur Stirn des Aventin geleitet sei, daß sie, von der Höhe herabfallend, den hohen Gipfel wie ein tiefes Tal zu bewässern scheint.« Und Cassiodorus zieht endlich den kühnen Schluß, daß der Nil Ägyptens selber durch die römische Claudia überwunden sei. Diese Wasserleitungen waren auch während der Herrschaft Theoderichs noch immer einem eigenen Beamten anvertraut, dem Comes Formarum urbis oder Grafen der Aquädukte der Stadt, welcher eine zahlreiche Körperschaft von Aufsehern beschäftigte.

Indes begannen schon manche Gebäude aus den Fugen zu weichen und dem Druck ihrer Schwere zu erliegen, wie namentlich das Theater des Pompejus, jener berühmte Prachtbau, welcher um seiner Größe willen schon lange schlechtweg Theatrum oder Theatrum Romanum genannt wurde. Unter Honorius war dasselbe innerlich und äußerlich hergestellt worden. Theoderich fand es wieder verfallen und übertrug seine Herstellung dem ausgezeichnetsten der Senatoren, dem Patrizier Symmachus, welcher sich durch einige glänzende Neubauten in den Vorstädten in des Königs Augen ein nicht geringes Verdienst erworben hatte. Es ist bei Gelegenheit dieses Theaters, daß Cassiodorus ausruft: »Was lösest du nicht auf, o Alter, da du so Gewaltiges zu erschüttern vermochtest!« Es schien, so sagt er, daß eher die Berge auseinanderbrechen als dieser Koloß, der so ganz aus Stein gebaut war, daß er abgesehen von den Zutaten der Kunst selber ein natürlicher Fels zu sein schien. Er preist nun die gewölbten Galerien, die, mit unsichtbaren Verbindungen zusammenpassend, als Grotten eines Berges sich darstellten; er spricht im Namen Theoderichs von dem Ursprunge des Theaters überhaupt und aller dramatischen Gattungen wie ein Archäolog von heute, und nachdem er in seiner antiquarischen Begeisterung behauptet hat, Pompejus habe eher von diesem Bau als von seinen Taten den Namen des Großen erhalten, trägt er dem edlen Symmachus auf, dieses wankende Theater durch Strebepfeiler und sonst nötige Reparaturen zu stützen, und er weist ihn wegen der Kosten auf das königliche Cubiculum an.

Weniger Einzelheiten bemerkt Cassiodor von dem Zustande anderer Gebäude des alten Rom, und nur einige werden in den Reskripten durch namentliche Nennung ausgezeichnet, wie der Palast der Pincier, welcher bereits sehr schadhaft geworden sein mußte, weil Theoderich, wider sein eigenes Verbot, Marmorblöcke oder Säulen von ihm nach Ravenna zu schaffen befahl, wo er seinen königlichen Palast baute. Indes, wir werden Belisar noch in ihm wohnen sehen. Der von den Vandalen ausgeplünderte Cäsarenpalast diente dagegen noch Theoderich selbst zur Residenz, als er in Rom war, aber dieses gigantische Kaiserschloß, in dessen Marmorhallen einst die Gebieter des Reichs die Welt verpraßt, geknechtet oder weise regiert hatten, war schon längst ausgestorben und leer und begann bereits an seiner eigenen Größe unterzugehen. Für die Restauration des Palatium zusammen mit der Erneuerung der Mauern hatte Theoderich jährlich 200 Pfund Gold aus der Weinsteuer ausgesetzt.

Vor allen Monumenten herrlich, und als nach und nach die Bauwerke Roms verfielen, noch im Mittelalter das prächtigste Denkmal der Stadt, stand das Forum Trajans da. »Das Forum Trajans«, so ruft Cassiodorus begeistert aus, »ist ein Mirakel, mag man es noch so lange betrachten, und wer zum erhabenen Kapitol hinansteigt, sieht ein Werk, welches über das menschliche Genie erhaben ist.« Diese merkwürdige Stelle beweist, daß sich trotz der vandalischen Plünderung sowohl jenes Forum als sogar noch das Kapitol in seiner Pracht erhalten hatten. Denn lagen beide in Ruinen, wie würde dann Cassiodor in solcher Weise von ihnen geredet haben? Aber er sagt kein Wort von der Verlassenheit des Tempels des Kapitolischen Jupiter, dessen Dach die Vandalen beraubt hatten und wo nun durch die nackt emporstarrenden Gebälke die Sonne in grauenvoll wüste Räume schien.

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