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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 309
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Volksaufstand in Rom. Bertold Orsini wird umgebracht. Francesco Baroncelli zweiter Volkstribun. Schicksale des Cola seit seiner Flucht. Sein Aufenthalt in den Abruzzen. Seine mystischen Träume und Pläne. Cola in Prag. Seine Mitteilungen an Karl IV. Petrarca und Karl IV. Cola in Raudnitz; in Avignon. Sein Prozeß. Innocenz IV. amnestiert ihn. Cola begleitet den Kardinal Albornoz nach Italien.

Bertoldo Orsini und Stefanello Colonna, vom Papst nicht bestätigt, regierten Rom unter fortdauernden Unruhen. Die Teuerung war groß. Das Volk beschuldigte die Senatoren, daß sie aus Habsucht die Getreideausfuhr von Corneto freigegeben hätten. Diese etrurische Stadt war das ganze Mittelalter hindurch die Kornkammer Roms, wie das im Altertum Afrika und Gallien gewesen waren. Auf dem Markt unter dem Kapitol, wo sich das Volk am 15. Februar 1353 versammelte, ward nur wenig und teures Korn gefunden. Man erhob den Aufstandsruf: Volk! Volk!, und alsbald wurde das Senatshaus gestürmt. Der junge Stefan ließ sich verkleidet aus einem Fenster herab und entfloh, aber der stolze Pfalzgraf Bertold trat gewappnet aus dem Portal, um sein Pferd zu besteigen. Ein Hagel von Steinen empfing ihn; er wankte noch bis zu dem Marienbilde am Fuße der Treppe des Kapitols, und in wenigen Augenblicken sah man nichts mehr als ein zwei Ellen hohes Steinmal, unter welchem ein toter Senator begraben lag. Als dies geschehen war, ertrug das Volk, so sagt Matteo Villani mit der naivsten Ruhe, die Hungersnot viel geduldiger.

Die Römer waren übrigens durch ihre eigene Tat so tief erschreckt, daß sie keine Neuerung unternahmen; ohne Widerstand teilten sich die Faktionen nochmals in den Senat, denn Johann Orsini und Petrus Sciarra bezogen als Senatoren das Kapitol. Dem Geschichtschreiber versagt fast die Geduld, so verwilderte Zustände darzustellen; überall nichts als Streit und Kampf; auf allen Straßen der Ruf »Popolo!« und das Parteigeschrei »Orsini, Colonna!« Luca Savelli sammelte Colonnesen und einen Teil der Orsini, den andern Teil dieses Geschlechts aus Rom zu treiben; man berannte die Burgen drinnen und draußen; man dachte sogar in der Verzweiflung daran, den Präfekten in die Stadt zu rufen. Mit heißem Verlangen erinnerte man sich jetzt an die glänzenden Zeiten unter Cola, und man hörte den Ruf: »Ein Tribun!« Im August war die ganze Stadt verschanzt; Orsini und Colonna schlugen sich um die Barrikaden. Da vereinigten sich die gutgesinnten Bürger nochmals zum Sturz des Adels wie im Mai 1347. Ein Römer, Francesco Baroncelli, ehedem Gesandter Colas in Florenz und jetzt Schreiber des Senats, ward zum Retter der Republik ausersehen. Das Volk erhob sich am 14. September 1353, verjagte die Barone vom Kapitol, und Baroncelli ergriff unter dem Titel des zweiten Tribuns die diktatorische Gewalt.

Seine Regierung war eine schwache Nachahmung jener Colas. Auch er zeigte den Florentinern seine Erhebung an und bat sie um einen gesetzeskundigen Mann als seinen Rat. Nach florentinischem Muster richtete er den Staat ein und ließ zumal die Mitglieder des Rats aus der Wahlurne durch das Los erwählen. Er übte strenge Justiz, ordnete die Finanzen, gab Amnestie und regierte einige Monate lang mit Glück und Erfolg. Jedoch der Papst anerkannte ihn nicht; vielmehr sollte der erste Tribun den zweiten vom Kapitol vertreiben.

Seit seiner Flucht aus Rom hatte Cola ein seltsames Leben geführt. Er war in die Wildnisse des Monte Majella gegangen, eines majestätischen Berges in den Abruzzen bei Rocca Morice und Sulmona. Dort lebten Einsiedler von der Sekte der Fraticellen, die schwärmerischen Geisteskinder Cölestins V., die echten Söhne des Sankt Franziskus, wie sie sich nannten, in mystische Ekstase versenkt, welche die Ereignisse der Zeit, Pest, Erdbeben, die Verwirrung Italiens, die Entfernung der Päpste, das Jubiläum, noch gesteigert hatten. Die von der Kirche verdammte Lehre von der Armut Christi war ihr Dogma; die Prophezeiungen Merlins, Cyrills, Gilberts des Großen und des Abts Joachim von Fiore galten als Orakel für diese Heiligen, welche mit Abscheu auf Avignon blickten und die Wiederkunft des Franziskus oder einen Messias erwarteten, die ausgeartete Kirche zu reformieren, ein neues Jerusalem aufzubauen und das Reich des heiligen Geistes zu verwirklichen. Ein Zug innerer Verwandtschaft trieb den Kandidaten des heiligen Geistes unter jene Mystiker; der Volkstribun verwandelte sich jetzt ohne Mühe in einen Theologen. Cola di Rienzo auf dem Berg Majella glich als gefallene Größe jenem Cölestin V., der nach fünf Monaten des Glanzes in die Wildnisse des Morrone zurückgekehrt war. Zwei Jahre lang einsiedelte er dort, in ein Büßergewand gehüllt, jetzt als echter Sohn des Mittelalters, unter Anachoreten in Reue um seine glänzenden Sünden versenkt. Ein Eremit Fra Angelo kam eines Tages zu ihm, nannte ihn bei Namen und gab ihm geheimnisvolle Offenbarungen kund, nach denen die Erneuerung der Welt durch einen auserwählten Heiligen bevorstehe. Er bezeichnete ihn selbst als Werkzeug dazu und forderte ihn auf, den römischen König Karl zur Kaiserkrönung nach Rom zu holen, denn sowohl das Kaisertum als das Papsttum müsse unter Wundern und Zeichen in die Ewige Stadt zurückgeführt werden, da schon vierzig Jahre des Exils verflossen seien.

Der geniale Träumer und der mystische Heilige saßen in der Bergwildnis in tiefen Betrachtungen über die neue Weltepoche, und der verwitterte Anachoret entfaltete Pergamentrollen, worauf die Prophezeiungen Merlins zu lesen waren. Sie deuteten offenbar auf Cola und dessen vergangene wie kommende Laufbahn; er erkannte dies mit Entzücken; er sah ein, daß sein Exil nur die vorherbestimmte Pause der Prüfung und daß er noch immer der Gesandte des heiligen Geistes und zur Weltbefreiung berufen sei. In seiner Seele mischten sich tiefsinnige kirchliche Phantasien mit politischen Absichten. Der Gedanke, wieder als Gebieter Roms auf dem Kapitol zu sitzen, die purpurbeschuhten Füße auf den Nacken von Baronen gestellt, umhüllte sich mit einer Wolke von religiösen Vorstellungen, aber die Rückkehr nach Rom blieb darin der feste Kern. Er hatte sich vorgenommen, am 15. September 1350 dort gleichsam aufzuerstehen und in Santa Croce von Jerusalem sich zum Jerusalemiter-Ritter machen zu lassen; doch die Welt kam um dieses neue Schaugepränge. Die kühnen Pläne Colas waren nicht ganz verstandeslos. Vom Papst verworfen, wollte er sich jetzt dem Kaiser nähern und versuchen, ob er mit den Ideen der Monarchie auf ihn Eindruck machen könne. Zwischen ihm und diesem schienen sich als Vermittler jene Spiritualen darzubieten, deren Dogma sich eben erst zugunsten Ludwigs des Bayern mit dem ghibellinischen Prinzip verbunden und die Theorien vom römischen Imperium wider den Papst zur Geltung gebracht hatte. Furcht vor Auslieferung, die tiefe Verwirrung Neapels, die Unsicherheit jedes andern Aufenthalts und endlich seine Absichten bewogen Cola, verkleidet über die Alpen und geradezu an den Hof des römischen Königs zu gehen, obwohl er dessen wie der Reichsfürsten Zorn zu fürchten hatte.

Wenn Ludwig der Bayer damals noch gelebt hätte, so wäre der römische Flüchtling guter Aufnahme sicher gewesen, aber der vom Volk gekrönte Kaiser war schon am 11. Oktober 1347 infolge eines Sturzes auf der Jagd gestorben. Ludwig war der letzte Kaiser, der mit dem Bann der Kirche ins Grab stieg, und der letzte deutsche König, in welchem die alte Tradition des Reichs noch fortgelebt hatte. Man darf ihn auch deren letztes Opfer nennen, aber leider beschloß er den alten Reichskampf nicht seiner Vorgänger würdig, nicht mit Größe und Standhaftigkeit. Karl IV. regierte jetzt in Deutschland unbestritten, ein Mann von streng katholischem Sinn, nüchternem Verstande und gelehrten Neigungen, ohne Ehrgeiz und ohne Ideen, seinem Großvater durchaus unähnlich. Als Cola im Juli 1350 mit einigen Begleitern in Prag zu erscheinen wagte, erst verkleidet, dann sich zu erkennen gebend, war Karl neugierig, den Römer zu sehen, welcher die ganze Welt von sich hatte reden machen und der ihn selbst vor sein Tribunal geladen hatte. Der Extribun erhielt bei ihm Audienz; er bewahrte eine ruhige Haltung, und sein Vertrauen verdiente die Gewähr der Straflosigkeit und Sicherheit. Der König hörte wiederholt, auch in einer Versammlung von Geistlichen, seine wunderbaren Reden mit Erstaunen an und begehrte, daß er seine Ideen niederschreibe. Der Flüchtling forderte ihn zum Romzuge auf, aber er bot ihm nur prophetische Träume statt der Mittel, mit denen sonst deutsche Könige über die Alpen gelockt wurden. Der Extribun war der seltsamste Abgesandte, welcher jemals aus Italien vor einem König der Römer erschien. Er hatte einst die Italiener mit dem Gedanken der Nationalunabhängigkeit bezaubert und sich, im Widerspruch zu Dante, mit Verachtung gegen die Usurpation des Römischen Reichs durch Barbaren ausgesprochen; jetzt entschuldigte er seine Edikte vom August, behauptete, daß er niemals ernstlich daran gedacht habe, das »legitim gewordene Reich« den Deutschen zu rauben, trat mit ghibellinischen Grundsätzen hervor, bekämpfte die weltlichen Ansprüche des Papsts, erklärte, daß er das Blutschwert den Händen der Pfaffen entreißen wolle, und er versprach, Italien dem deutschen Könige durch seinen Einfluß zu öffnen, denn kein anderer Italiener besäße die Macht dazu. Er stellte sich jetzt dar als Vorläufer des Kaisers, wie Johannes der Vorläufer Christi gewesen sei, und begehrte nur als kaiserlicher Vikar das Regiment in Rom zu führen. Wie Dante zum Großvater Heinrich VII., so sprach jetzt Cola zum Enkel Karl IV.

Ein Schimmer von den idealen Träumen des »hohen« Heinrich ruhte noch auf Italien, doch er blendete den besonnenen Enkel nicht. Die ketzerischen Ansichten des Tribuns erschreckten die Väter des Hus, Hieronymus und Ziska; der König fürchtete, den Papst zu reizen, wenn er einen solchen Mann frei ließ, er befahl daher, ihn gefangen zu setzen, und meldete dies dem Papst, welcher hierauf mit überschwenglichem Ausdrucke des Dankes dem Prager Erzbischof die Bewachung Colas in festem Gewahrsam anbefahl. Der Gefangene richtete eine seltsame Rechtfertigung an den König voll überspannter Mystik und Einbildung; er erfand sogar das dreiste Märchen, daß er ein Bastard Heinrichs VII. sei, welcher bei seiner Anwesenheit in Rom verkleidet seine Mutter besucht und einer Umarmung gewürdigt habe.

In Colas Vorstellung erschuf die Phantasie ein seltsames Gewebe von erfinderischem Trug und wirklicher Überzeugung. Nach seinen oder Fra Angelos Offenbarungen sollten der Papst und viele Kardinäle sterben, ein anderer Franziskus auferstehen, welcher mit dem Kaiser vereint den Erdkreis und die Kirche reformieren, dem Klerus die Reichtümer nehmen und daraus dem heiligen Geist einen Prachttempel bauen werde, zu dem selbst die Heiden aus Ägyptenland anbetend ziehen würden. Der neue Papst werde Karl IV. mit der goldenen Krone zum Kaiser, den Tribun mit der silbernen zum Herzog von Rom krönen; Papst, Kaiser und Tribun sollten die Dreieinigkeit auf Erden darstellen. Bald dachte der Kosmopolit Cola wieder sich selbst als Herrscher über das Morgenland, Karl IV. als Herrscher über das Abendland. Er setzte ausführliche Schriften an den Erzbischof von Prag, Ernst von Pardubitz, auf. Es gibt darin unumstößliche Wahrheiten über die Verhältnisse Italiens und Roms, über Colas eigene Regierungszeit, über das schlechte Regiment der Legaten, die Verweltlichung, Goldgier und Streitsucht des Klerus, über die vom Papst an sich gerissenen Reichsrechte, aber auch ebensoviel abenteuerliche Einbildungen eines kranken Gehirns. Dante, Marsilius und Wilhelm von Ockham haben nicht kräftigere Angriffe wider die unheilvolle Vermischung beider Gewalten im Papst erhoben, als es der gefangene Cola tat. Er klagte ihn und die Kurie beim Kaiser an, nicht allein weil sie Rom verlassen hätten, sondern weil ihrer Ohnmacht, Herrschbegier und Arglist die Zerrissenheit Italiens, dessen Fall unter Tyrannen und Auflösung des Reichs zuzuschreiben seien. Was Cola damals dem Könige auseinandersetzte, hat später Machiavelli wiederholt. Der Tribun in Ketten zu Prag war dem Papsttum gefährlicher, als er es in seiner Macht auf dem Kapitol gewesen war. Er sprach jetzt, wie die Monarchisten, die Bedürfnisse der Menschheit nach einer Reformation aus, und dies ist die ernste Bedeutung jenes wunderbaren Römers, die ihm seine geschichtliche Stelle sichert. Aber Karl IV. war nicht der Mann, vor dessen Richterstuhl so große Fragen zur Entscheidung kommen konnten.

Der König und der Erzbischof antworteten Cola auf seine Briefe; so groß war die Ehrfurcht vor dem Namen Rom und so mächtig noch der Eindruck vom Rufe des Tribuns, dessen Talent und Wissen diese böhmischen Herren in Erstaunen setzte. In dem barbarischen Prag regte sich schon ein humanistischer Sinn. Karl hatte dort eben erst die Universität gestiftet; es gab gelehrte oder wissensdurstige Männer an seinem Hof wie den hochangesehenen Erzbischof Ernst, welcher vierzehn Jahre lang in Italien studiert hatte, und Johann von Neumarkt, den späteren Kanzler Karls. Man feierte dort Petrarca und ahmte seinen, ja selbst des Cola Stil und Redeweise nach.

Karl IV. schrieb dem Extribun in streng katholischem Sinn, tadelte seine Irrlehren wie seine Ausfälle gegen Papst und Geistlichkeit, wies seine Anerbietungen wie die Ehre seiner Verwandtschaft mit Ironie ab und ermahnte ihn zur Reue über seine Eitelkeit und zur Entsagung seiner »phantastischen« Träume. Auf den König hatten viele Wahrheiten in der Rechtfertigung Colas Eindruck gemacht; er wollte das Leben dieses merkwürdigen Menschen schonen und ihn von dem Scheiterhaufen retten, der ihn in Avignon unfehlbar zu erwarten schien. Trotz wiederholter Forderungen des Papsts, ihn auszuliefern, hielt er ihn ein ganzes Jahr hindurch im Schlosse Raudnitz an der Elbe verwahrt, zumal der Extribun in seinen Händen immerhin eine Figur blieb, die er gegen den Papst ausspielen konnte, wenn er selbst nach Italien zog, die Kaiserkrone zu nehmen. Denn Karl IV. vernahm bereits andere gewichtige Rufe dorthin. Die Selbständigkeit der Guelfenrepubliken Florenz, Siena und Perugia, der einzigen Städte, welche noch mit männlichem Freiheitssinn der Tyrannis widerstanden, war durch die Macht des Johann Visconti täglich mehr bedroht. Sie verzweifelten an ihrer Rettung durch den Papst, an dessen Hof mailändisches Gold unwiderstehlich war. Florenz wandte sich heimlich an Karl IV., und diese erbitterte Feindin Heinrichs VII. sah sich sogar bald gezwungen, dessen Enkel herbeizurufen.

Nichts spricht die Ironie eines ewigen Geschickes, welches Italien in demselben Kreise festhielt, so klar aus als der erste Brief, welchen der gefeierte Petrarca am 24. Februar 1351 aus Padua an Karl IV. schrieb. Der Freund Colas rief den König als »den von Gott gesandten Retter und Befreier« nach Italien, dem Sitz der Monarchie. Er sagte ihm, was Dante dem Großvater gesagt hatte und Cola dem Enkel erklärte, daß dort die Ankunft des Monarchen niemals sehnsüchtiger erwartet worden sei. Durchaus wie die Ghibellinen, welche den deutsch-römischen Kaiser nicht für einen Fremden hielten, sagte auch Petrarca dem Böhmen Karl voll Schmeichelei: »Mögen dich die Deutschen den ihren nennen, wir halten dich für einen Italiener; eile daher; dich allein fordern wir, daß dein Blick wie ein Stern auf uns niederstrahle.« Er stellte dem Könige die alternde Roma vor in dem nun ewigen Bilde einer trauernden Witwe mit zerrissenem Gewand, mit aufgelöstem greisem Haar; er rief ihm die Jahrhunderte des Ruhms der erleuchten Stadt ins Gedächtnis und ihren tiefen Fall; er zeigte ihm, daß niemand, zumal unter so günstigen Verhältnissen, gleich geeignet sei, der Heiland Roms und Italiens zu werden; er mahnte ihn endlich an das Beispiel seines Großvaters, dessen nur durch den Tod unterbrochenes ruhmvolles Werk der Enkel zu vollenden habe.

So begegneten einander beide Idealisten, Petrarca und Cola, in gleichen Ansichten auf dem Kapitol wie vor dem Throne zu Prag.

Der Befreier Roms lebte unterdes in der Burg Raudnitz, vom ungewohnten Klima angegriffen in einer strengen, doch nicht unmenschlichen Haft. Die Gefangenschaft im Böhmenlande, wo seine tiefsinnigen Schwärmereien kein Echo fanden, hatte ihn entnüchtert; er mochte sich selbst mancher Torheiten schämen; er entschuldigte sie mit seiner schwierigen Lage in Rom, welche ihn gezwungen habe, vielerlei Masken zu tragen, bald den Einfältigen, bald den Begeisterten, den Narren, den Weisen, den Komödianten, den Furchtsamen und den Heuchler zu spielen. Seine unwahre Natur redete sich dies ein, und sein wunderbares Talent, Bezüge aufzufinden, fand sich dem närrisch tanzenden David, dem Brutus, der verstellten Judith und dem schlauen Jakob vergleichbar. Cola hatte vieles abzubüßen, doch sein Gewissen war mit keinem der Frevel belastet, welche jeder der gepriesenen Herrscher und Tyrannen seiner Zeit auf sich gehäuft hatte. Der Freiheitsschwärmer erwartete mit Ruhe sein Todesurteil. Auf Grund der von Avignon eingeschickten Prozeßakten verkündete der Erzbischof im Dom zu Prag, daß Cola der Ketzerei schuldig sei, und Karl IV. mußte ihn hierauf im Juli 1352 den päpstlichen Machtboten ausliefern. Der Gefangene selbst hatte seine Abführung nach Avignon verlangt, wo er seinen katholischen Glauben vor dem Papst verteidigen wollte und noch Freunde zu finden hoffte. Seine Haltung war in Ketten männlicher als auf dem Kapitol; seine Verteidigungsschriften aus Prag sind sein bestes Denkmal, denn sie zeigen einen Mann, der ein freimütiger und standhafter Held des Gedankens und von seiner Sendung überzeugt war.

Auf seiner Reise nach dem päpstlichen Hof strömte überall das Volk zusammen, den berühmten Römer zu sehen. Ritter boten ihm ihre Dienste zu seiner Rettung an, wie dies später Luther geschah. Als er um den 10. August 1352 in dem »Babel« Avignon in kläglichem Aufzuge zwischen Häschern des Gerichts erschien, erregte er Mitleid in der ganzen Stadt. Er fragte nach Petrarca. Der Dichter war in Vaucluse. Nicht mächtig genug, seinen Freund den Inquisitoren zu entreißen, war er doch edel genug, sein Los offen zu beklagen. Wenn er über die Schwäche seines Helden zürnte und ihm nicht vergeben konnte, daß er nicht unter den Trümmern der Freiheit auf dem Kapitol mit antiker Größe gefallen war, so entrüstete ihn noch mehr die Kurie, welche das bestrafen wollte, was in den Augen aller edel Denkenden nicht ein Verbrechen, sondern eine ruhmvolle Tugend sein mußte. Er beklagte das unwürdige Ende von Colas Regiment, aber er hörte nicht auf, dessen herrlichen Anfang zu preisen. Er betrachtete den Tribun als Märtyrer der Freiheit, dessen einzige Schuld in der Ansicht der Kirche sein hochherziger Plan war, das Vaterland zu befreien und den Glanz der römischen Republik wiederherzustellen. Ein Gericht von drei Kardinälen ward niedergesetzt. Man verweigerte Cola den Rechtsbeistand, doch ein endgültiges Urteil wurde nicht gefällt. Petrarca rief unterdes die Römer auf, ihren Bürger vom Papst zurückzufordern. In seinem merkwürdigen Brief, einer beredten Rechtfertigung der Ideen des Tribuns, behauptete er, daß das Römische Reich zur Stadt Rom gehöre, daß die Reichsautorität, ob sie gleich durch den Wechsel des Glücks tatsächlich an Spanier, Afrikaner, Griechen, Gallier und Deutsche gekommen sei, dennoch rechtlich an Rom gebunden bleibe, möge auch von der erlauchten Stadt nichts mehr übrig sein als der nackte Fels des Kapitols. Er ermahnte die Römer, Cola durch feierliche Gesandte zurückzufordern, »denn mag man Euch auch den Titel des Reichs zu entreißen wagen, so ist doch die wahnsinnige Anmaßung noch nicht so hoch gestiegen, daß man leugnen darf, Ihr besäßet ein Recht über Eure eigenen Bürger; wenn Euer Tribun in den Augen aller Ehrenmänner nicht Strafe, sondern Lohn verdient, so kann er ihn nirgend passender empfangen als dort, wo er durch sein kraftvolles Tun ihn erworben hat.«

Die Römer, an welche auch der Tribun aus Avignon vorwurfsvolle Briefe schrieb, begehrten wiederholt Colas Rückkehr nach der Stadt. Sein Leben schützte indes die öffentliche Meinung, welche sich immer lauter für ihn aussprach, die Furcht der Kurie, sie oder die Römer zu tief zu verletzen, und wohl auch die Fürsprache Karls IV., welcher alle erschwerenden Aussagen des Gefangenen verschwiegen zu haben scheint. Der bewunderte Befreier Roms vor dem Tribunal der Kardinäle erweckte mehr Mitleid unter den Menschen als die Königin Johanna vor demselben Richterstuhl. Nachdem diese fürstliche Sünderin freigesprochen war, würde der Anblick des hochherzigen Römers auf einem Scheiterhaufen den tiefsten Widerspruch hervorgerufen haben. Sein Tod hätte ein weit größeres Aufsehen in der Welt gemacht als einst der Arnolds von Brescia, und ohne Zweifel würde er die gefährlichen Angriffe der Monarchisten gegen das Papsttum von neuem entzündet haben. Die großartigen Ideen Colas waren seine besten Verbündeten in der Meinung der Zeit, und der Umstand, daß ihr Zauber vermögend war, dreifache Kerker in Prag, Raudnitz und Avignon aufzuschließen, beweist mehr als alles andere die Macht des Genies in diesem wunderbaren Menschen. Man fabelte, daß sein Leben durch das Gerücht gerettet worden sei, er sei ein großer Dichter, und daß man in Avignon, wo alles Verse machte, den Gedanken nicht ertragen konnte, ein göttliches Talent durch Henkershand vernichtet zu sehen. Es ist nicht bekannt, daß Cola jemals Verse schrieb, aber sein ganzes Leben war ein Gedicht und er selbst nur der in die Politik verirrte größte Poet seiner Zeit. Die Nerven freilich von Inquisitionsrichtern sind niemals durch Gründe ästhetischer Natur erschüttert worden, und noch in vorgeschrittenen Zeitaltern gab manches göttliche Talent den Brennstoff für die Flammen eines Scheiterhaufens ab. Cola, dessen Tod auch der Papst, einst ein aufrichtiger Gönner und ein Mann von liberaler Art, nicht wollte, lebte in anständigem Gewahrsam, doch mit dem Todesurteil über seinem Haupt. Er tröstete sich in seiner düstern Einsamkeit mit den Büchern des Titus Livius und der Heiligen Schrift, und so würde er im Turm zu Avignon oder Villeneuve den Rest seines Lebens vertrauen haben, wenn ihn nicht das launenhafte Schicksal plötzlich wieder ans Licht zog.

Clemens VI. starb, und Innocenz VI. bestieg den Heiligen Stuhl. Entschlossen, den Kirchenstaat wieder aufzurichten, übertrug der neue Papst, wie wir gesehen haben, diese schwierige Aufgabe dem Kardinal Albornoz. Sein Blick fiel auch auf Cola. Der Gefangene begrüßte den Thronwechsel als eine Wendung seines eigenen Schicksals, und er mochte darin die Erfüllung der Prophezeiungen Fra Angelos erkennen. Sein beweglicher, in Erfindungen unermüdlicher Geist faßte sofort neue Ideen auf; er wurde jetzt zum Guelfen; er richtete Bittgesuche an den neuen Papst und bot sich diesem als Werkzeug dar, Italien von allen Tyrannen zu befreien und ihm die naturgemäße Einheit unter der Autorität des Heiligen Stuhles wiederzugeben. Innocenz VI. glaubte, daß Cola der Kirche nützlich werden könne; er sprach ihn mit großem Sinn von allen Zensuren frei, amnestierte ihn, zog ihn aus dem Kerker hervor und übergab ihn dem Legaten Albornoz, sich seiner Einsicht in die Verhältnisse Italiens und seines Einflusses auf die Römer zu bedienen. So gingen ein großer Staatsmann und ein genialer Träumer als Tyrannenbändiger von Avignon nach Italien ab.

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