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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 308
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Unruhen in Rom. Beratung in Avignon über die beste Verfassung der Stadt. Die Ansicht Petrarcas. Aufstand der Römer. Johann Cerroni Diktator. Krieg wider den Präfekten, Orvieto fällt in dessen Gewalt. Cerroni flieht aus Rom. Clemens VI. stirbt. Die Erwerbung Avignons. Der Kirchenstaat in Rebellion. Innocenz VI. Papst. Egidius Albornoz Legat in Italien.

Kaum war das Jubeljahr zu Ende gegangen, als Anarchie, furchtbarer denn je, über Rom hereinbrach. Die Regierung der neuen Senatoren Petrus Sciarra und Jordans, eines Sohnes des Poncellus, war kraftlos; der Adel achtete kein Gesetz, nahm Räuber und Bravi in Sold und erfüllte Stadt und Land mit Freveltaten. Jordan verließ das Kapitol, als eine seiner Burgen angegriffen wurde, und Luca Savelli bemächtigte sich der Gewalt, indem er den päpstlichen Vikar Ponzio Perotti verjagte. Es gab keine Regierung mehr; die Republik schien aufgelöst. Der Papst war ratlos. Am 2. November 1351 ernannte er zwar den Pfalzgrafen Bertold Orsini und Petrus, den Sohn Jordan Colonnas, zu Senatoren, aber er gab bald darauf den Dreizehnmännern, welche das Volk in seiner Not zu Regenten gemacht hatte, Erlaubnis, die städtische Regierung nach ihrem Gutdünken zu ordnen. Die Römer waren des Zweiregiments von Senatoren müde, welche, stets aus den beiden Faktionen gewählt, nur den Vorteil ihrer Parteien verfolgten. Sie hatten wiederholt Fremde zu Senatoren verlangt, wie solche seit Brancaleone Rom oftmals gerecht regiert hatten. Clemens VI. hörte ihre Klagen bereitwillig an; die Frage, wie man der Stadt eine dauerhafte Verfassung geben könne, ob das alte System umzustoßen, ob statt römischer Magnaten Fremde zu Senatoren zu machen seien, ob die kapitolische Republik eine Oligarchie oder Demokratie sein solle, wurde zu Avignon einer ernsten Prüfung unterworfen. Der Papst setzte eine Kongregation von vier Kardinälen nieder, um über diese Verfassungsfrage zu entscheiden. Einer derselben fragte Petrarca um Rat, und der römische Ehrenbürger und Freund Colas gab ihn in zwei Briefen, welche wir noch lesen. Seine Grundsätze hatten durch den Fall des Tribuns keine Veränderung erlitten; er sah vielmehr das Unheil in der fortdauernden Gewalt der regierenden Geschlechter und das einzige Heil in der Ausschließung des Adels von allen öffentlichen Ämtern, wie das in Florenz geschehen war. Er erinnerte an die Kämpfe der Plebejer mit den Patriziern im alten Rom; wie sich damals das Volk den Konsulat errungen hatte, so verlangte er auch für die Römer seiner Zeit dasselbe Recht, den Senat mit Popolanen zu besetzen. Er riet den Kardinälen, Rom demokratisch einzurichten. Entreißt, so sagte er ihnen, dem Adel diese alles verpestende Tyrannei; gebt der Plebs Romana nicht allein einen Teil der öffentlichen Würden, sondern entzieht diesen immer auf das schlechteste verwalteten Senat ganz und gar den unwürdigen Besitzern; denn wären sie selbst gute Männer und römische Bürger, was sie nicht sind, so würden sie nur ein halbes Recht darauf haben; jetzt aber sind ihre Taten von solcher Art, daß sie nicht allein der höchsten Magistratur, sondern auch der Stadt, welche sie zerstören, und der Genossenschaft der Bürger, welche sie unterdrücken, völlig unwürdig sind. Die Ansicht Petrarcas verdient ernste Aufmerksamkeit. Wenn er die römischen Edlen für eingewanderte Fremdlinge hielt, so sprach er damit eigentlich nur den geschichtlichen Ursprung und den Widerspruch der Feudalität zum lateinischen Wesen aus. Sie war in Wahrheit ein germanisches Institut, welches durch Invasion auf den lateinischen Boden verpflanzt worden war. Der Kampf des italienischen Bürgertums in den Republiken gegen den Lehnsadel, welcher fast überall germanischen Ursprung hatte, entsprang daher einem einheimischen und nationalen Widerspruch, und jene Demokratien leiteten noch immer ihre Freiheit von dem altrömischen Bürgerrecht her. Um die Zeit Petrarcas wurde der Sieg des lateinischen Prinzips über die germanische Feudalität fast überall erfochten, und noch heute ist Italien ein durchaus demokratisches Land, wo der Gegensatz zwischen Adel und Bürgertum nur leise bemerkbar ist.

Ermutigt durch die günstige Stimmung des Papsts, nahm indes das römische Volk den Kampf mit dem Adel wieder auf und half sich selbst. Wohlmeinende Bürger versammelten sich am 26. Dezember 1351 in Santa Maria Maggiore und beschlossen hier, einem bejahrten und geachteten Popolanen die Gewalt zu geben. Man zog in Masse vor das Haus des Giovanni Cerroni und führte ihn auf das Kapitol. Luca Savelli entwich aus dem Senatspalast; die Glocke rief zum Parlament; die Bürger kamen waffenlos, in Waffen die Barone. Mit Geschrei verlangte das Volk Cerroni zum Rector der Stadt, und alsbald wurde derselbe im Kapitol eingesetzt und im Namen des Papsts vom Vikar investiert. So war auch diese Umwälzung das unblutige Werk eines Augenblicks. Clemens VI., ganz zufriedengestellt, wünschte den Römern Glück und schickte ihnen 14 000 Goldgulden zum Geschenk. Er bestätigte Cerroni als Senator und Kapitän, ja er verlängerte sein Regiment bis zur Weihnachtszeit 1353. Nie standen die Römer in einem freundschaftlicheren Verhältnis zu den Päpsten, als da diese in Avignon entfernt waren.

Die Ruhe kehrte wieder; die Regierung Cerronis konnte sogar an die erste Zeit des Tribuns erinnern, ohne dessen geniale Ideen und phantastische Handlungen. Auch jetzt war es wieder der Präfekt, der die Huldigung verweigerte und einen tuszischen Krieg veranlaßte, denn Johann von Vico hatte sich nach dem Falle Colas aufs neue zum Tyrannen Etruriens gemacht. Die Hilfstruppen der Florentiner, die Mannschaft des Patrimonium unter dem päpstlichen Kapitän Nicola della Serra und der Heerbann der Römer unter Jordan Orsini lagerten vor Viterbo. Doch sie richteten nichts aus, sondern gingen bald mit Unehren auseinander, und schon am 19. August 1352 hielt der Tyrann von Vico seinen Einzug in Orvieto, wo ihm das Volk auf Lebenszeit die Signorie übertrug.

Dieser Mißerfolg erschütterte das Ansehen des Giovanni Cerroni; Verschwörungen umgaben ihn; derselbe tätigste Feind des Tribuns, Luca Savelli, untergrub sein Regiment, und das Ende Colas erwartete auch dessen Nachfolger. Mutlos und ermüdet erklärte er am Anfange des September dem Parlament, daß die Last seines Amts ihm unerträglich sei; dies erzeugte Unruhe und Tumult, so daß Cerroni alsbald aus Rom entfloh. Der greise Popolane galt als einer der rechtschaffensten Männer, aber er machte sich kein Gewissen daraus, den öffentlichen Schatz mit sich zu nehmen. Wie Cola ging auch er in die Abruzzen, das Asyl für Banditen und Heilige; dort erwarb er ein Kastell, worin er sich verschloß. So fiel das Volksregiment zum zweitenmal. Unter dem Vorbehalt päpstlicher Bestätigung ließen sich jetzt der Pfalzgraf Bertold Orsini und Stefanello Colonna zu Senatoren ausrufen; doch der Papst anerkannte sie nicht, und sein Vikar bannte sie als Räuber von Kirchengut. Überdies trat die Vakanz des Heiligen Stuhles ein.

Clemens VI. starb am 6. Dezember 1352 zu Avignon nach einem im fürstlichen Glanz hingebrachten Pontifikat von zehn Jahren, mit dem Ruf eines freigebigen, verschwenderischen, die Kunst und Wissenschaft liebenden Herrn, doch nicht eines Heiligen. Die Pracht seines Hofes in Avignon, wo er den päpstlichen Palast durch große Anlagen erweiterte, war königlich wie seine ganze Art, aber die Kurie von üppigen Lastern erfüllt, während die großen Verhältnisse des Papsttums unter dem Drucke Frankreichs zusammenschwanden. Clemens VI. erwarb den Päpsten Avignon, wonach sie trachteten, um dort als unabhängige Fürsten zu gebieten. Dieses Besitztum war die willkommene Frucht der Verwirrung in der neapolitanischen Monarchie. Die Kardinäle, welche die von der Welt für schuldig gehaltene Königin Johanna zu richten hatten, wurden von den beredten Tränen und dem Zauber der schönen Sünderin besiegt und sprachen sie frei. Sie verletzten die Pflicht der Gerechtigkeit und erfüllten die der Dankbarkeit gegen das Andenken an den Großvater der Königin, den wärmsten Freund, welchen die Kirche gehabt hatte. Johanna aber verkaufte am 12. Juni 1348 Avignon dem Papst schon vor ihrer endgültigen Freisprechung um den auffallend geringen Preis von 80 000 Goldgulden; der Verkauf konnte daher als ein dankbares Geschenk oder eine Bestechung des Richters erscheinen. Die charakterlose Königin protestierte zwar gegen sich selbst wiederholt, als sie gesichert auf ihrem Thron zu Neapel saß; sie nannte sich verführt durch Minorität, Schwäche des Geschlechts und verschiedenartige Ränke; ihre Nachfolger erhoben gleiche Proteste, aber die Päpste blieben im rechtmäßigen Besitze Avignons. Clemens VI. konnte in seiner ihm eigen zugehörenden Stadt als Herrscher wohnen, und er besaß in Wahrheit kein anderes Eigentum, worin er ein sicheres Asyl gefunden hätte. Er sah vor seinem Tode den ganzen Kirchenstaat in Empörung. Die Pepoli in Bologna, die Manfredi in Faenza, Francesco Ordelaffi in Forli, Giovanni Gabrielli in Gubbio standen in Waffen, während der Stadtpräfekt von Orvieto aus bis nach Rom gewaltig war. Bologna selbst hatte Pepoli, vom päpstlichen Grafen Astorgius da Duraforte hinterlistig gefangen, aus Rache und Not dem Erzbischof von Mailand verkauft, jenem Johann Visconti, welcher einst den Kardinalspurpur vom Gegenpapst Johanns XXII. angenommen hatte. Dem ehrgeizigen Gewaltherrn gehorchte die Lombardei und ein großer Teil Piemonts, und jetzt konnte er von Bologna aus, welches für ihn sein Neffe Galeazzo am 28. Oktober 1350 besetzte, verlangende Blicke auf Toskana werfen, zumal Clemens VI. genötigt wurde, seine Bannbulle in eine Investitur zu verwandeln und dem Visconti den Vikariat Bolognas um Jahreszins zu verkaufen. Dies geschah zu Avignon am 27. April 1352.

So standen die Dinge in Italien und dem Kirchenstaat, als der Kardinal von Ostia, Stefan Aubert, ein Limousiner aus Mont bei Beyssac, nach seiner Wahl zu Avignon am 18., am 30. Dezember 1352 den Heiligen Stuhl bestieg. Innocenz VI. war wiederum das Gegenteil seines Vorgängers, ein gerechter und strenger Mann von mönchischer Richtung. Er reinigte sofort die lasterhafte Kurie von allem ausschweifenden Luxus, widerrief viele Verleihungen seines Vorgängers, schickte die zuchtlosen Prälaten in ihre Sitze und reformierte die gesamte Verwaltung der Kirche. Zur Beruhigung Italiens und zur Wiederherstellung der päpstlichen Rechte im Kirchenstaat ersah er mit verständigem Blick einen außerordentlichen Mann; denn am 30. Juni 1353 ernannte er den Kardinal Albornoz mit ausgedehntester Vollmacht zu seinem Generalvikar in Italien und dem Kirchenstaat.

Egidius oder Gil d'Albornoz, ein kastilianischer Grande, war erst ein tapferer Krieger unter den Fahnen Alfonsos von Kastilien und vor Tarifa und Algeciras im Maurenkriege mit Ruhm genannt, dann Geistlicher, Erzbischof von Toledo, der würdigste Prälat in ganz Spanien. Der Landsmann des Dominikus vereinigte in seiner Natur ritterliche Tatkraft und glühenden Glaubenseifer, welcher jedoch niemals weder in schwächliche Religiosität noch in Fanatismus ausartete. Als nach Alfonsos Tode dessen Sohn, Peter der Grausame, den Thron bestieg, flüchtete Egidius nach Avignon, wo ihn Clemens VI. mit Ehren aufnahm, am 18. Dezember 1350 zum Kardinal von S. Clemente und bald darauf zum Bischof der Sabina machte. Sein Einfluß am päpstlichen Hofe wurde groß und sein Urteil entscheidend für Innocenz VI., dessen Mitwähler im Konklave er gewesen war und dessen vertrautester Ratgeber er nun wurde. Das also war der Mann, welcher Italien beruhigen und den Kirchenstaat wiederherstellen sollte. Ehe wir ihn dorthin begleiten, müssen wir nach Rom selbst zurückkehren, wo bald nach der Thronbesteigung des neuen Papsts eine Revolution ausbrach, die das abgebrochene Werk Colas wiederaufnahm und dem verschollenen Tribun eine neue Laufbahn eröffnete.

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