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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 304
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Unterwerfung des Stadtpräfekten. Dekret vom Heimfall aller Majestätsrechte an die Stadt Rom. Das nationale Programm Colas. Die Feste vom 1. und 2. August. Colas Erhebung zum Ritter. Edikt vom 1. August. Cola gibt allen Italienern das römische Bürgerrecht. Vorladung der Reichsfürsten. Theorien über die unveräußerliche Majestät Roms. Verbindungsfest Italiens am 2. August. Kaiser Ludwig und der Papst. Wahl Karls IV. Seine Erniedrigung unter den Papst.

Der Tribun hatte alle widerstrebenden Großen unterworfen; einige, namentlich vom Haus Orsini, nahmen sogar Dienste bei der Republik; nur der Stadtpräfekt und die Gaëtani huldigten nicht. Johann von Vico, Nachfolger seines Vaters in der Präfektur, welche bei diesem germanischen Geschlecht erblich war, hatte sich seit 1338 durch Brudermord zum Tyrannen Viterbos aufgeworfen und zum Gebieter in Tuszien gemacht. Cola ächtete ihn, entsetzte ihn der Präfektur, deren Titel er durch Parlamentsbeschluß sich selber beilegte, und rüstete den Krieg. Johann von Vico trotzte auf seine Macht, auf die heimliche Begünstigung durch den Rector im Patrimonium und auf lombardische Soldtruppen. Der Tribun wandte sich um Hilfe an Florenz, wo sein Gesandter Francesco Baroncelli bereitwilliges Gehör fand. Er beklagte sich beim Papst über die Rektoren des Patrimonium und der Campagna, welche dem Präfekten wie den Gaëtani Unterstützung gaben, doch bald konnte er von Siegen melden. Die Bundeshilfe von Florenz und Siena kam zu spät, aber Perugia, Todi, Narni und die Cornetaner unter ihrem Herrn Manfred von Vico verstärkten die römische Miliz bis auf 1000 Reiter und 6000 Mann zu Fuß. Dies Heer befehligte als Generalkapitän Nicolaus Orsini von S. Angelo. Es belagerte schon seit dem Ende Juni die Burg Vetralla und verwüstete die Landschaft Viterbos. Der Präfekt verlor den Mut, und der Tribun war aufrichtig froh, ihm zu bewilligen, was er verlangte. Nach einem am 16. Juli abgeschlossenen Vertrage kam Johann von Vico nach Rom, warf sich vor Cola demütig nieder, beschwor die Gesetze der Republik und nahm von ihr die Präfektur als Vasall; so wurde dies berühmte Amt augenblicklich ein Lehen des Volks, nachdem es erst vom Kaiser, dann vom Papst vergabt worden war. Der Anblick des mächtigen Tyrannen Tusziens zu seinen Füßen gab Cola ein Gefühl von königlicher Herrschermacht; er belobte das Heer, welches triumphierend auf das Kapitol zog, wie ein Imperator. Der Erfolg war groß, denn er dehnte die Autorität der Republik über das ganze römische Tuszien aus. Man erkannte die Wirkung davon in einem Edikt, mit welchem der Tribun nach überlegtem Plan die Reihe kühner Dekrete eröffnete, durch die er der Ewigen Stadt die alten Majestätsrechte wiederzugeben beschlossen hatte.

Von einer Volksversammlung ließ er am 26. Juli das Gesetz bestätigen, daß alle Jurisdiktionen, Ämter, Privilegien und Gewalten, welche das römische Volk irgend verliehen habe, an dasselbe zurückgefallen seien. Zuvor war einem Rat römischer Juristen und jenen Richtern, welche auf Colas Aufforderung italienische Städte geschickt hatten, die Frage vorgelegt worden, ob die römische Republik befugt sei, jene Rechte wieder an sich zu nehmen, und dies Konsilium hatte sie einstimmig bejaht. Der Tribun gab deshalb dem seltsamen Edikt den Charakter eines Urteilsspruchs der italienischen Nation durch ihre abgeordneten Rechtsgelehrten. Nichts konnte radikaler sein als ein solcher Beschluß: denn folgerichtig wendete er sich nicht allein gegen den Adel, sondern gegen die Kirche und das Reich; alle echten und unechten Privilegien des Heiligen Stuhls von der Schenkung Constantins bis zu Heinrich VII. herab, wie alle Titel und Rechte der imperatorischen Gewalt wurden dadurch für null und nichtig erklärt und das römische Volk allein als deren fortdauernde Machtquelle dargestellt. Wenn diese Römer vom Kapitol herab auf ihre in Schutt zerfallene Stadt, auf das bettelhafte Volk, welches sie bewohnte, oder auf sich selbst blickten, so mußten sie – man sollte es denken – bei der Verkündigung eines so pomphaften Dekrets in lautes Gelächter ausgebrochen sein; doch es gab nicht einen unter ihnen, der nicht mit ernster und feierlicher Miene der Billigung im Parlament dastand.

Weniger infolge dieses Dekrets als unter dem Eindrucke der Unterwerfung des Präfekten ergaben sich dem Tribun manche römischen Burgen; aber wenn das ferne Gaëta und Sora Huldigungsgeschenke schickten und den Schutz des Tribuns nachsuchten, so war dies nur die Wirkung des Zaubers eines alten noch die Welt erfüllenden Namens. Ein Traum ward wirkliche Macht. Alle Ortschaften des römischen Dukats bekannten sich zu Vasallen des römischen Volks; alle Gemeinden der Sabina verpflichteten sich, am 1. September der Republik zu huldigen.

Der 1. August nahte heran; schon waren aus 25 Städten glänzende Gesandtschaften angelangt. Als Cola die Italiener aufforderte, solche nach Rom zu schicken, war es seine Absicht, ein gesetzgebendes Parlament für ganz Italien auf dem Kapitol zu vereinigen. Der Gedanke war großartig, eines Staatsmannes vom ersten Range würdig und durchaus nicht unpraktisch, denn die Zeit war einer selbständigen Gestaltung Italiens günstig genug: der Papst fern, der Kaiser fern, das Reich fast aufgelöst, Neapel in Anarchie, der römische Adel darniedergeworfen, das Bürgertum in den meisten Republiken herrschend, die Begeisterung für die Freiheit, der Tyrannenhaß, das Gefühl des Vaterlandes und der Zauber Roms in weiten Kreisen verbreitet. Für die Völker Italiens erschien seit den Tagen des Tribuns ein halbes Jahrtausend lang nie mehr eine Verbindung geschichtlicher Verhältnisse, welche dem nationalen Gedanken gleich günstig gewesen wäre. Ein Mann von dem Genie Cromwells würde unter solchen Bedingungen eine große Umwälzung zustandegebracht haben, aber ein genialer Schauspieler vermochte das nicht. Cola di Rienzo war ein Mensch von bezauberndem Talent und glänzenden Ideen, doch ohne wahrhaft schöpferische Kraft, weder zum Gesetzgeber, noch Staatsmann, noch Helden geschaffen. Er lebte in allgemeinen Theorien; er verstand diese mit logischer Folgerichtigkeit zu einem großartigen scholastischen Gedankensystem zu machen, aber er wurde unpraktisch, mutlos und schwach, wenn ihm die reale Welt entgegentrat. Der Gipfel von Ruhm und Glanz verwirrte ihn; die Eitelkeit bemächtigte sich seines schwachen Verstandes, und eine unvergleichliche Phantasie, um welche ihn die größten Dichter aller Zeiten würden beneidet haben, löste vor seinem Blick die wirklichen Dinge in zauberischen Schein auf. Cola stand auch als Revolutionär unter dem Einfluß der Theologie; er war darin noch ganz der Zeitgenosse Dantes. Alle jene Messiashoffnungen Italiens und die Träume schwärmerischer Mönche vom Reich des heiligen Geistes bezog er auf sich selbst; er hielt sich, den geringen, so plötzlich zur Macht berufenen Menschen für den zweiten politischen Franziskus, der das fallende Reich wiederherzustellen habe, wie jener Heilige die fallende Kirche hergestellt hatte. Aber der Mann des Volks von Assisi wie jeder antike Volkstribun würde die Genossenschaft des eiteln Demagogen abgelehnt haben. Die Furcht vor dem Widerspruch, ja vor der wirklichen Tat selbst lähmte seine Willenskraft. Sein nationales Programm, ein einiges Italien mit dem Mittelpunkt Rom aufzustellen, war so kühn, daß er selbst davor erschrak. Man beschäftigte sich damit in Deutschland, in Italien und Avignon, doch ohne die ganze Bedeutung dieser Frage zu erfassen. War es für die Welt, den Papst und Kaiser, für die Republiken und Gewaltherren Italiens ersprießlich, daß die Weltstadt Rom sich mit Italien vereinigte? Am päpstlichen Hof begriff man damals kaum besser als in Italien selbst die Tiefe dieses Problems, doch man bekämpfte den Plan Colas alsbald. In den Städten regte sich munizipaler Widerspruch. Die geringe Zahl von 25 Republiken, welche Gesandte abschickten, zeigt, wie stark derselbe war. Die Florentiner nahmen Anstand, Machtboten nach Rom zu senden, aus Argwohn, daß ihre Autonomie geschmälert werden könnte, und Cola mußte sie durch die Versicherung beruhigen, daß dies nicht seine Absicht sei. Statt daß die Berufung des italienischen Parlaments in Rom ausschließlich einen nationalen Zweck haben sollte, erklärte er aus Furcht und Eitelkeit bereits als ihren ersten Zweck seine eigene Erhebung zur Ritterwürde und seine Krönung als Tribun.

Der 1. August war im Altertum der Tag, wo man die Feriae Augusti beging, und im Mittelalter, wie noch heute, ein Volksfest, an dem die Ketten St. Peters gezeigt wurden. Der Tribun hatte ihn deshalb für seine eigenen Feste ausgewählt. Die Städteboten, die fremden Ritter, die Gemahlin Colas neben ihrer Mutter in glänzender Umgebung von Edelfrauen, hinter sich zwei Jünglinge, welche einen vergoldeten Zaum, vielleicht als Sinnbild der Mäßigung, trugen, die prächtigen Reiter von Perugia und Corneto, die zweimal ihre seidenen Gewänder unter das Volk warfen, der Tribun selbst in goldgesticktem Kleide von weißer Seide, den päpstlichen Vikar neben sich, vor sich den Schwertträger, hinter sich den Bannerträger und ein reiches Gefolge, erschienen unter schallender Musik auf dieser phantastischen Szene am Vorabend des Festtages im Lateran. Die sonderbare Feier der Ritterschaft Colas unter dem Beistande des höchsten städtischen Klerus und der Gemeindeboten Italiens bringt in die politische Geschichte der Stadt einen Zug aus den Ritterromanen des Amadis und Parzival. Doch will dies aus dem Wesen des Mittelalters beurteilt sein, wo nicht nur an den Höfen, sondern auch in den Republiken unter den seltsamsten Zeremonien Ritter gemacht wurden, vom Gastmahl, vom Bade, vom Banner, vom Schlachtfeld, vorn Schild und von der Ehre. Am Abend stieg der Tribun mit seinem Gefolge in die Taufkapelle des Lateran und tauchte dort kühn in die antike Badewanne hinab, wo der Legende nach der Kaiser Constantin sein Heidentum und seinen Aussatz verloren hatte. Hier reinigte er sich in duftendem Rosenwasser von allen Flecken der Sünde, während der Vikar des Papsts mit nachdenklichem Gesicht in das entweihte Taufbecken der Christenheit niederblickte. Dies Bad wurde Cola bald genug zu einem seiner größten Frevel angerechnet; aber der geistvolle Ritter warf die Frage auf, ob nicht dasselbe Bad, welches dem aussätzigen Heiden Constantin erlaubt gewesen war, um so mehr einem Christen gezieme, welcher Rom vom Aussatz der Tyrannei gereinigt habe; ob die steinerne Wanne heiliger sei als der Tempel, den der Fuß des Christen betrete, oder gar als der Leib des Herrn, den er genieße. Der Ritter vom Bade legte sich in weißen Gewändern auf ein Ruhebett nieder, welches im porphyrnen Säulenrund jener uralten Taufkapelle aufgeschlagen war, und entschlummerte dort, obwohl durch den vorbedeutenden Zusammensturz seines Lagers geängstigt. Er hüllte sich am Morgen in Scharlach und bestieg die Jubeljahresloge im Lateran; hier bekleideten ihn der Syndicus des Volks und andere Edle mit Schwert, Gürtel und goldenen Sporen, während feierliche Meßgesänge aus der Kirche ertönten. Von jetzt an nannte sich Cola Kandidat des heiligen Geistes, Ritter Nicolaus, der Gestrenge und Gnädige, der Befreier der Stadt, der Eiferer für Italien, der Freund des Erdkreises, der Tribunus Augustus.

Er vereinigte das Fest, welches seiner eigenen Person galt, mit den von ihm vorbereiteten Akten seiner Politik. Nach einer kurzen Ansprache an das Volk ließ er auf jener Loge durch den Notar des Kapitols Egidius Angelerii ein Dekret verlesen. Dies seltsame Edikt sollte nach seiner ganz theologischen Ansicht von derselben Stelle herab, wo Bonifatius VIII. der Welt den Jubelsegen erteilt hatte, die Wirkung eines Römersegens für den Erdkreis haben – eine staunenswürdige Phantasie genialen Wahnsinns, wodurch die päpstliche Benediktion Urbi et Orbi nachgeäfft ward. Das Dekret besagte: daß Cola nach empfangenem Bade in der Wanne des glorreichen Kaisers Constantin, zu Ehren Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, des Apostelfürsten und St. Johannes', zur Ehre der Kirche und des Papsts, zum Frommen Roms, des heiligen Italiens und der Welt, wünschend, die Gabe des heiligen Geistes möge sich über die Stadt und Italien ergießen, und um die Großmut alter Kaiser nachzuahmen, erkläre wie folgt: Das römische Volk sei nach der schon ausgesprochenen richterlichen Erkenntnis noch im vollen Besitz der Jurisdiktion über den Erdkreis wie im Altertum; alle Privilegien, welche zur Schädigung dieser Gewalt gemacht worden, seien bereits aufgehoben; in Kraft der ihm verliehenen Diktatur erkläre er, um nicht mit dem Gnadengeschenk des heiligen Geistes zu kargen, die Stadt Rom zum Haupt der Welt, zur Grundlage des Christentums; zugleich spreche er alle Städte Italiens frei und beschenke sie mit dem römischen Bürgerrecht: ferner erkläre er, daß die Reichsmonarchie und die Wahl des Kaisers der Stadt, dem römischen und italienischen Volk gehöre; er lade demgemäß alle Prälaten, die erwählten Kaiser, die Kurfürsten, die Könige, Herzöge, Prinzen, Grafen, Markgrafen, Völker und Städte, welche ein Recht auf jene Wahl beanspruchten, bis zum kommenden Pfingstfest im heiligen Lateran vor ihm selbst und dem Bevollmächtigten des Papsts wie des römischen Volks mit ihren Rechtsbeweisen zu erscheinen, wo nicht, so werde er im Wege des Rechts und der Eingebung des heiligen Geistes wider sie verfahren; im besonderen aber lade er vor Ludwig, den Herzog von Bayern, und Karl, den König von Böhmen, als Erwählte, die Herzöge von Österreich und von Sachsen, den Markgrafen von Brandenburg, die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln.

Die Römer, an alle Schauspiele der Weltgeschichte gewöhnt, abgestumpft für die Unterschiede des Erhabenen vom Lächerlichen, von Ahnenstolz erfüllt, vom Dogma der ewigen Weltherrschaft Roms durchdrungen, in dogmatischer Luft lebend und atmend, lachten weder über dies Edikt noch über die Gestalt des kranken Tribuns, der mit bloßem Schwert nach drei Seiten in die Lüfte hieb und rief: »Dies ist mein!«, sondern sie jauchzten ihm stürmischen Beifall zu. Die unsinnige Proklamation erschien als die letzte Folge der Ansprüche der Stadt auf die imperatorische Majestät, mit denen sie einst dem ersten Hohenstaufen Konrad entgegengetreten war. Die Erinnerung war das Fatum der Römer. Der Gedanke an die alte Weltmonarchie, welchen die Schriften und Denkmäler der Vergangenheit wach erhielten, und der Riesenschatten des antiken Reichs, der auf Rom lag, wurde von den Enkeln für ein wirkliches Wesen gehalten, und man darf sagen, daß die Geschichte der Stadt im Mittelalter oft nichts mehr war als eine fortgesetzte Leichenrede auf die Herrlichkeit des antiken Rom. Die Irrtümer und Theorien Dantes und Petrarcas in ihrer theologischen Zeit erklären oder mildern die wahnsinnigen Träume des Tribuns; denn sie priesen die Römer als das von Gott auserwählte politische Volk der Monarchie, gleichwie die Hebräer das auserwählte religiöse Volk des Monotheismus gewesen waren; und die Römer wie Hebräer erkannten diesen historischen Prozeß nicht als vollendet, sondern als ewig fortdauernd an. Es bedurfte noch einer langen Arbeit der Geschichte, ehe sich die Menschheit von den Dogmen der Vergangenheit befreite, und selbst bis in die jüngste Zeit herab hat sie sich noch ab und zu immer wieder in die mystische Badewanne Constantins getaucht.

Der Vikar des Papsts war überrascht worden. Als er das Edikt vernahm, stand der bestürzte Bischof, wie der naive Biograph Colas sagt, gleich einem Mann von Holz da. Er ließ jedoch einen Protest im Namen des Papsts aufsetzen, aber ein Paukenwirbel übertönte die Stimme des protestierenden Notars, wie Trommeln die Worte von Verurteilten auf dem Schaffot übertönen.

Die Feier des Tags beschloß ein verschwenderisches Festmahl im Lateran, wo der Bischof Raimund neben demselben Tribun, gegen dessen Narrheit er eben erst protestiert hatte, schmausend die päpstliche Marmortafel entweihte. Die fremden Gesandten, die Großen und Bürger, die Frauen speisten an anderen Tischen, und das Volk jubelte vor dem Lateran, wo sich aus den Nasenlöchern des bronzenen Pferdes Marc Aurels Wein und Wasser ergoß. Volksspiele und Turniere verherrlichten diesen wie den folgenden Tag, so daß Rom seit alten Zeiten kein ähnliches Fest erlebt hatte. Die Gesandten brachten dem Tribun kostbare Gaben, selbst die römischen Barone und Bürger boten ihm Geschenke: nur die Colonna ließen sich nicht blicken; gegen die Gaëtani wurde die Acht ausgesprochen, und Petrucius Frangipane ward von Civita Lavinia in den Kerker abgeholt.

Am 2. August feierte Cola das Einheitsfest Italiens oder die Verbrüderung der Städte auf dem Kapitol. Er übergab deren Boten große und kleine Fahnen mit Sinnbildern und steckte ihnen zum Zeichen der Vermählung mit Rom goldene Ringe an die Finger. Die Florentiner, welche er durch das Banner Italiens mit dem Bilde der Roma zwischen der Italia und der Fides auszeichnen wollte, weigerten sich, dasselbe anzunehmen, aus Furcht, daß es wie ein Fahnenlehen betrachtet werden könnte. Auch andere Städteboten nahmen die Symbole nur unter Verwahrung der Rechte ihrer Republiken an. Pisa hatte gar keine Gesandten abgeschickt.

So tief ruhen Vorstellungen, Meinungen und Formen in der menschlichen Natur, daß sie sich in langen Zeiträumen wiederholen und die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpfen. Die Verbrüderungsfeste der französischen Revolution in Paris erscheinen in Wahrheit wie eine Nachahmung der Augustusfeste des Volkstribuns von Rom. Nun gingen Boten in die Welt, an den Papst und die Könige, ihnen die großen Ereignisse zu melden, den deutschen Fürsten ihre Ladung zu überbringen, die Herrscher Frankreichs und Englands, deren erbitterte Feindschaft damals die Christenheit tief beschädigte, zur Versöhnung zu ermahnen und überhaupt allen Ländern zu verkündigen, daß der erlauchte Tribun entschlossen sei, die Welt neu und friedlich zu ordnen. Dies war der seltsame Verlauf, welchen die mißglückte Berufung des ersten Nationalparlaments Italiens nahm. Nichts Praktisches war erreicht und geschaffen worden; ein politischer Gedanke von der höchsten nationalen Berechtigung war durch die phantastische Verbindung mit dem Begriff der Weltmonarchie zerstört worden und hatte sich selbst nur in symbolischen und theatralischen Szenen dargestellt.

Aber Cola di Rienzo hatte schon mehr als genug getan, um das Papsttum herauszufordern, und mußte nun die Folgen davon fürchten. Er hatte auch die Reichsgewalt herausgefordert, doch deren Widerspruch ängstigte ihn nicht.

Die dreiste Vorladung des Kaisers war nur die Folge der Herabwürdigung der Krone Karls des Großen, welche Ludwig der Bayer erst vom Römervolk genommen hatte und dann aus Furcht vor dem Papst nicht zu tragen wagte. In Wahrheit, das Auftreten jenes demokratischen Kaisers in Rom war mit eine Voraussetzung für die sinnlosen Edikte des Volkstribuns. Von Clemens VI. durch die Wiederholung der Prozesse Johanns XXII. erschreckt, hatte Ludwig auch diesem Papst, trotz der Rhenser Beschlüsse, demütige Unterwerfung angeboten. Die Versöhnung mißlang, und der Papst vermochte in Deutschland, wo manche Rechtsverletzungen den Sinn der Reichsfürsten von dem Bayern abgewendet hatten, einen Gegenkönig aufzustellen. Dies war Karl von Mähren, der Sohn des Böhmenkönigs Johann und Enkel Heinrichs VII. Schon vor seiner Wahl am 22. April 1346 hatte er sich in Avignon dem Papst als dessen untertäniges Geschöpf verpflichtet, ohne von der Erklärung der Unabhängigkeit des Reichs, welche die böhmische Stimme in Voraussicht der Kaiserkrone nicht anerkannt hatte, Nutzen zu ziehen. Am 11. Juli 1346 war er von seiner Partei unter Leitung seines Großonkels Balduin von Trier zu Rhens gewählt worden, zur Freude seines Vaters, jenes ruhelosen Böhmenkönigs, welcher blind noch ein Held war und am 26. August 1346 in der Schlacht bei Crécy den Tod fand. Karl war sodann am 25. November 1346 in Bonn gekrönt und bald darauf vom Papst anerkannt worden, dem er am 27. April 1347 die Gelöbnisse erneuerte. Die tiefste Entwürdigung der Reichsautorität zu einem leeren Titel durch die Zusagen ihres Haupts, vor seinem Eintritt in Italien die Billigung seiner Person durch den Papst nachzusuchen, in Rom nur einen Tag lang zur Krönung zu erscheinen, dann aber die Stadt zu verlassen und kein Land der Kirche jemals wieder zu betreten, erregte die Verachtung aller noch großdenkenden Menschen; sie erklärt zum Teil auch die tollkühnen Handlungen Colas, die als Satiren auf ein so herabgesunkenes Reich erscheinen. In der Tat zeigte der Kandidat des heiligen Geistes mehr Mut als der Kandidat der Kaiserkrone, wenn er bei so kläglichem Verfall des Reichs erklärte, daß dessen Hoheitsrechte zu ihrer Quelle, dem römischen und italienischen Volk, zurückgekehrt seien.

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