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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 303
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Sechstes Kapitel

1. Rom huldigt dem Tribun. Er beruft die Italiener zu einem Nationalparlament. Seine Einrichtungen in Rom, seine strenge Justiz, Finanzverwaltung und sonstige Ordnung des Gemeinwesens. Die Antworten auf seine Sendschreiben. Zauberische Macht der Idee von Rom. Petrarca und Cola di Rienzo.

Die Aristokraten waren durch die Ereignisse überrascht worden; zwar eilte Stefan Colonna von Corneto in die Stadt, doch er vermochte hier nichts, als seinem Zorn durch Worte Ausdruck zu geben. Der Tribun schickte ihm den Befehl, Rom zu verlassen; der greise Held zerriß das Schriftstück und rief: wenn dieser Narr mich noch mehr aufbringt, so will ich ihn aus den Fenstern des Kapitols werfen lassen. Die Glocke läutete Sturm; das Volk zog in Waffen heran, und Stefan floh, nur von einem Diener begleitet, nach Palestrina. Der Tribun verwies jetzt alle Großen auf ihre Güter, besetzte alle Burgen und Brücken der Stadt und verbreitete Schrecken durch die strengste Justiz. Als er sich im vollen Besitze der Gewalt wußte, entbot er den Adel zur Huldigung aufs Kapitol; furchtsam kamen die Magnaten, wie sie einst auf den Befehl des Arlotti gekommen waren; selbst der jüngere Stefan Colonna mit seinen Söhnen, selbst Rainald und Jordan Orsini, die Savelli, Annibaldi und Conti erschienen. Sie beschworen die Gesetze der Republik und stellten sich in deren Dienst. Auch die Richterkollegien, die Notare, die Zünfte huldigten dem Tribun; und so war sein Regiment von allen Ständen anerkannt.

In allen andern Umwälzungen war es den Häuptern der Stadt nie in den Sinn gekommen, ihren Regierungsantritt außerhalb der städtischen Sphäre durch Briefe kundzutun; doch Cola faßte Rom sogleich in bezug auf Italien und die Welt auf. Seine Boten trugen Briefe an alle Gemeinden, Fürsten und Gewaltherren Italiens: selbst an den Kaiser Ludwig und den König von Frankreich. In diesen Sendschreiben zeigte der Tribun den Städten der römischen Provinz an, daß Rom, durch ihn befreit, endlich Frieden und Recht gefunden habe: er forderte sie auf, Dankgebete an Gott zu richten, zur Ausrottung aller Tyrannen die Waffen zu ergreifen und zu festgesetzter Zeit zwei Syndici und einen Richter nach Rom zu schicken, wo ein allgemeines Parlament das Wohl der ganzen römischen Provinz beraten solle. Diese Briefe waren mit Verstand und Würde abgefaßt. Aus einem höheren Gesichtspunkt schrieb Cola an die Städte Italiens; er rief sie an, mit ihm vereint das Joch der Tyrannen abzuwerfen und eine nationale Verbrüderung zu schließen, denn die Befreiung der Ewigen Stadt sei auch die »des ganzen heiligen Italiens«. Er lud auch sie ein, Abgeordnete und Richter zum 1. August zu einem Nationalparlament nach Rom zu schicken. Der große, wahrhaft geniale Plan, aus Italien eine Konföderation mit dem Haupte Rom zu machen, wurde hier zum erstenmal ausgesprochen und seine Neuheit und Kühnheit riß alle Welt zum Staunen hin. So trat Cola di Rienzo gleich im Beginne seiner Regierung mit hohen nationalen Ideen vor sein ganzes Vaterland. An den Papst, auf dessen Anerkennung es zunächst am meisten ankommen mußte, mochte der Vikar Raimund gleich nach der Revolution eine Depesche geschickt haben; Cola selbst scheint ihm erst am Anfange des Juni seine Erhebung zur Gewalt gemeldet zu haben. Der einfältige Bischof von Orvieto machte neben dem Tribun nur eine stumme Figur, wie Lepidus neben Oktavian; alle Briefe sind von Cola allein ausgefertigt, und in keinem politischen Akt wird des Amtsgenossen auch nur mit einem Worte erwähnt.

Während die Boten, ein versilbertes Stäbchen in der Hand, Italien durchwanderten, richtete der Tribun sein Regiment im Kapitol ein. Die Verfassung wurde, mit Ausnahme der Abschaffung der Senatoren, nicht geändert; der große und kleine Rat, die Dreizehnmänner, die Richterkollegien blieben bestehen. Cola forderte sogar aus Klugheit für sich selbst eine nur dreimonatliche Amtsdauer, aber die Römer hörten ihn kaum von seinem Rücktritt reden, als sie schworen, eher untergehen als seine Regierung aufgeben zu wollen; und das hatte er vorausgesehen. Doch setzte er einen Syndikat für seine Amtsführung ein. Er prägte alsbald Münzen, wozu er die Stempelschneider aus Florenz kommen ließ. Er stellte eine ihm ergebene Waffenmacht auf, die erste Sorge der Tyrannen wie der Freiheitshelden, 390 Cavalerotti, prächtig gerüstete Bürger zu Roß, und eine Fußmiliz von dreizehn Fahnen zu je hundert Mann schienen ihm hinreichend, seine Regierung zu verteidigen. Außerdem schützte seine Person, wie ehemals die des Peisistratos, eine Leibwache, welche aus hundert Jünglingen seines Viertels Regola gebildet war und mit Lanzen voraufschritt, wenn der Sohn des Gastwirts vom Tiberufer, in goldbefranstem Gewande von weißer Seide, auf weißem Roß, ein königliches Banner über seinem Haupte wehend, die Stadt durchzog. Die bewaffnete Miliz gab der Gerechtigkeit Nachdruck, und diese war Colas bestes Verdienst. Er bestrafte ohne Ansehen der Person. Ein frevelhafter Zisterziensermönch wurde enthauptet; ein Baron vom Haus Annibaldi erlitt das gleiche Schicksal und ein Exsenator die schimpfliche Strafe des Stranges auf demselben Kapitol, wo er einst die Republik in Prunk und Glanz regiert hatte. Dies war Martin Stefaneschi, Herr von Portus, Neffe zweier Kardinäle, des Annibaldo von Ceccano und des berühmten Jakob Stefaneschi. Sein Verbrechen war die Plünderung eines gestrandeten Schiffs, welches mit den Einkünften der Provence nach Neapel hatte segeln wollen. Die Häscher des Tribuns holten den kranken Exsenator aus den Armen seines jungen Weibes, und die verzweifelnde Witwe konnte bald von der Loge ihres Palasts den Gemahl in den Lüften schweben sehen. Diese Hinrichtung verbreitete Todesschrecken unter dem Adel. Die Paläste in Rom waren damals, wie später diejenigen der fremden Gesandten, Asyle für Verbrecher jeder Art: aber der Tribun ließ einen Räuber mit Gewalt aus dem Hause Colonna holen und hinrichten. Barone büßten die geringste Unsicherheit auf ihren Gütern mit hohen Strafgeldern. Mehrere von ihnen saßen im Kerker des Kapitols; selbst der verjagte Senator Petrus Colonna wurde von Gerichtsdienern zu Fuß ins Gefängnis abgeführt. Falsche Richter sah man mit hohen Mitren, worauf ihr Frevel geschrieben stand, am Pranger ausgestellt. Ein Augiasstall von Mißbräuchen, von Bestechung, Meineid, Unterschleif, von Lug und Trug war zu reinigen, und niemand kannte den heillosen Zustand der römischen Verwaltung besser als der ehemalige Notar der städtischen Kammer. Die wohltätige Einrichtung eines Friedensgerichts hemmte die Feindschaften in der Stadt; denn Richter aus dem Volk versammelten sich in einem Palast, auf dessen Gipfel die Fahne Sankt Pauls wehte, und sie versöhnten die Parteien entweder durch Zuspruch oder durch das barbarische ius talionis. Cola konnte sich rühmen, daß er 1800 in Todfeindschaft entbrannte Bürger miteinander versöhnt habe. Die Verbannten wurden zurückgerufen, die Notleidenden freigebig unterstützt. Eine strenge Polizei bestrafte Ehebrecher und Spieler. Der knechtische Gebrauch des Titels Don oder Dominus, welchen man dem Adel gab, wurde untersagt; denn fortan dürfe nur der Papst allein »Herr« genannt werden. Es ward verboten, die Wappen der Barone an den Häusern zu haben, nur die des Papsts und des Senats blieben stehen. Die Palisaden, mit denen der Adel seine Häuser verschanzte, wurden fortgeräumt; aus diesem Holzwerk sollte der Senatspalast hergestellt werden, und jeder Exsenator wurde gezwungen, hundert Goldgulden zu diesem Neubau herzugeben.

Eine geordnete Verwaltung mehrte die Einkünfte der städtischen Kammer aus der Herdsteuer ( focaticum), dem Lehnszins dienstbarer Orte, dem Jahreskanon, welchen einzelne Städte wie Tivoli, Toscanella, Velletri, Corneto in Geld oder Getreide zu zahlen hatten, den Zöllen von Brücken, Wegen, Flüssen und endlich aus dem Monopol der Salinen Ostias. Nach altem Satz betrug die Herdsteuer für jeden Kamin 26 Denare oder 1 Carlin und 4 Denare. Cola berechnete den Ertrag derselben für das ganze Stadtgebiet von Ceprano bis zum Fluß Paglia auf 100 000 Goldgulden, auf ebensoviel die Einnahme aus dem Salzmonopol, auf 100 000 Goldgulden endlich den Ertrag aus den Zöllen und Stadtburgen. Die Richtigkeit dieser Angaben ist freilich zweifelhaft, trotz der Größe des Stadtgebiets. Der Tribun hob die Wegzölle auf, welche die Barone bisher eingezogen hatten, und beschränkte die Verbrauchssteuer ( gabella), welche besonders in Florenz eine hohe Summe eintrug. Dagegen wurde die Herdsteuer strenge eingefordert. Alle Vasallen der Stadt leisteten sie bereitwillig, nur der Präfekt Johann von Vico nicht. Zugleich gewann Cola manche Orte durch Großmut; Toscanella durfte den Jahreszins von tausend Pfund Geld in hundert Pfund Wachs für die Kirche Aracoeli verwandeln, und Velletri erhielt die Selbständigkeit zurück. Weise Gesetze regelten die Marktpreise und füllten die Speicher; sogar aus Sizilien kam Getreide herbei, und selbst die verödete Campagna begann der Tribun anzubauen. Die gesicherten Straßen belebten sich durch Handel und Verkehr; der Landmann ackerte wieder unbewaffnet sein Feld, und der Pilger zog unbesorgt zu den Heiligtümern Roms. Ein religiöser Geist durchdrang das erlöste Volk wie das britische in der Zeit Cromwells; die in Verbrechen versunkene Bürgertugend erhob sich wieder bei diesem Lichtstrahl der Freiheit und des Friedens.

Der Ruf des Mannes, welcher in kurzer Zeit so Großes geleistet hatte, verbreitete sich in der Welt. Es war eine erheiternde Fabel, wenn Schiffer erzählten, daß selbst der ferne Sultan in Babylon Furcht vor dem Tribun empfand, aber vielleicht nicht Übertreibung, wenn einer der heimkehrenden Boten erzählte: »Ich habe diesen Botenstab öffentlich durch die Wälder und Straßen getragen; zahllose Menschen sind vor ihm niedergekniet und haben ihn mit Freudentränen geküßt, weil nun die Straßen von den Räubern frei geworden sind.« In den ersten Monaten seines Regiments verdiente Cola, der Abgott Roms zu sein und eine neue Ära der republikanischen Freiheit von ihm herzuleiten. Das Volk sah in ihm einen von Gott auserwählten Menschen. Noch tadelte niemand den eiteln Pomp, in welchem sich der Volkstribun darstellte, sooft er die Stadt durchritt. Als er am Fest St. Peter und Paul zum Dome zog, saß er auf hohem Streitroß, in grüngelbem Samtgewand, einen Zepter von blitzendem Stahl in der Hand, von fünfzig Speertragenden umgeben; ein Römer hielt die Fahne mit seinem Wappen über seinem Haupt; ein anderer trug das Schwert der Gerechtigkeit vor ihm her; ein Ritter streute Geld unter das Volk, während ein feierlicher Zug von Cavalerotti und Beamten des Kapitols, von Popolanen und Edlen voraufging oder nachfolgte, Trompeter aus silbernen Tuben bliesen und Musikanten silberne Handpauken ertönen ließen. Auf den Stufen des St. Peter begrüßten den Diktator Roms die Domherren sogar mit dem Gesange Veni Creator Spiritus.

Unterdes kamen die Antworten auf die Sendschreiben Colas. Der anfangs erschreckte Papst war beruhigt oder stellte sich doch, es zu sein. Er beklagte sich zwar, daß man die Verfassung ohne ihn geändert habe, aber er billigte die Umwälzung durchaus und bestätigte Nicolaus und Raimund als Rektoren der Stadt. Der von Avignon heimkehrende Bote brachte sogar Cola zum Geschenk ein mit Silber ausgelegtes Kästchen, auf dessen Deckel die Wappen Roms, des Tribuns und des Papsts abgebildet waren. Die wohlwollenden Briefe des letzteren erzeugten eine freudige Stimmung. Täglich trafen jetzt zum Nationalparlament abgeordnete Städteboten ein. Ihr Anblick erfüllte die Römer mit Selbstbewußtsein, während er Cola im Glauben an seine Mission und Macht bestärkte. Das Kapitol schien in Wahrheit zum politischen Mittelpunkt Italiens zu werden. Zwar nahmen mehrere Gewaltherren der Lombardei die Einladungsschreiben des Tribuns zuerst mit Verachtung auf, doch sie erklärten sich bald bereit, das Nationalparlament zu beschicken. Lucchino, der Tyrann von Mailand, ermunterte Cola, die neue Verfassung aufrechtzuerhalten, aber gegen die Barone mit Vorsicht zu verfahren; der Doge Andreas Dandolo und die Genuesen boten in ehrerbietigen Schreiben ihre Dienste dar; Lucca und Florenz, Siena, Arezzo, Todi, Terni, Pistoja und Foligno, Assisi, Spoleto, Rieti und Amelia nannten den Tribun ihren erlauchten Fürsten und Vater und sprachen die Hoffnung aus, daß die Umgestaltung Roms Italien zum Heile gereichen werde. Alle Städte der Campania und Maritima, der Sabina und des römischen Tuszien huldigten dem Kapitol durch feierliche Gesandtschaften, während streitende Parteien aus weiter Ferne vor den Richterstuhl des Tribuns kamen, sein Urteil zu suchen.

Nichts gibt ein deutlicheres Zeugnis von der Macht, die noch immer der ehrwürdige Name Roms ausübte, als die Anerkennung, welche Cola di Rienzo bei fast allen Herren und Städten Italiens fand, deren Gemeinden nicht Schwärmer, sondern ernste Staatsmänner lenkten. Man glaubte weit und breit an die Möglichkeit, daß die römische Republik in ihrem alten Glanz erstehen könne, und schon dämmerte ein magischer Schein aus dem längst vergangenen Heidentum hervor, dessen Geister das Zauberwort zu erwarten schienen, um ihre Gräber zu sprengen. Es gab außerdem keinen aufrichtigen Christen, der nicht das Bleiben der Päpste in Avignon als Frevel an der heiligen Stadt betrachtete. Ihre Befreiung aus der Gewalt der Tyrannen und die Sicherung der Pilgerfahrten zu ihr galt als eine allgemeine Angelegenheit. Die so glücklich vollbrachte Revolution erschien daher als ein großes Ereignis, welches die Rückkehr des Papsttums und die Erneuerung des Reichs zur Folge haben konnte. Es ist nur gerecht, anzuerkennen, daß Cola di Rienzo die Ideen seiner Zeit mit Genialität erfaßte und aussprach. Dante würde in ihm unzweifelhaft den neuen Heiland Italiens unter dem mystischen Bilde des »Veltro« begrüßt haben. Die Vorstellungen des Tribuns von der Lex Regia, von der unveräußerlichen Majestät Roms, auf welcher das Reich beruhe, stimmten mit den Grundsätzen der »Monarchie« überein, in welcher der große Dichter erklärt hatte, daß das römische Volk als das edelste der Erde von Gott durch Wunder und Taten der Geschichte zur Weltregierung ausersehen sei. Cola kannte sicherlich den Traktat Dantes, obwohl er sich nie auf ihn berief. Aber die ghibellinische Idee selbst hatte sich in Heinrich VII. und Ludwig dem Bayern als unpraktisch erwiesen; denn kein fremder Kaiser hatte das zerrissene Italien zu heilen vermocht. Jetzt erhob sich in der verlassenen Stadt selbst ein genialer Römer, er stellte die Republik wieder her und bot den Italiern, nicht als Guelfe noch als Ghibelline, sondern als römischer Tribun das Heil, welches die Ghibellinen fruchtlos beim deutschen Kaiser, die Guelfen vergebens beim Papst gesucht hatten. Eine dritte Idee trat jetzt ins Leben, die vom Bunde Italiens unter der Führung der heiligen Mutterstadt Rom; der Gedanke der Einheit der Nation wurde zum erstenmal entschieden ausgesprochen, und Italien faßte die Hoffnung, sich durch sich selbst zu erretten und wiederherzustellen.

Petrarca, welcher damals als Vertreter des italienischen Nationalgeistes die Stelle Dantes einnahm, gibt das beste Zeugnis von der bezaubernden Wirkung Colas auf seine Zeit und von dem Strom antiker Ideen, welche sie durchdrang. Als dieser eine Römer vom dunkelsten Ursprung, so schrieb er später, sich erhob, als er seine schwachen Schultern der Republik darzubieten und das wankende Reich zu stützen wagte, da richtete sich wie durch Zauberschlag Italien auf, und der Schrecken und Ruhm des römischen Namens drang bis ans Ende der Welt. Der gekrönte römische Bürger, der Erwecker der klassischen Wissenschaft, dessen Geist nur von Scipio und Brutus träumte, teilte mit Dante die Grundsätze seiner Monarchie; er sah selbst noch in dem verkommenen römischen Volk die alleinige Quelle der Weltherrschaft und im Schutthaufen Roms den rechtmäßigen Sitz des Kaisers wie des Papsts. Diese Ansichten wurden durch den italienischen Widerspruch gegen den Aufenthalt der Päpste in Avignon bis zum äußersten gesteigert. Als nun der wunderbare Tribun auf dem Kapitol erstand, begrüßte ihn Petrarca wie den Mann, den er längst gesucht und endlich gefunden hatte, wie die politische Tat seines eigenen Gedankens, wie einen Helden, der aus seinem eigenen Haupt geharnischt entsprungen war. Er richtete von Avignon begeisterte Glückwünsche an Cola und das römische Volk. Er opferte seine Liebe zum Haus der Colonna der Freiheit und dem Vaterlande. Alle diese Magnaten, aus deren Reihen in Jahrhunderten Päpste, Kardinäle, Senatoren und Feldherren hervorgegangen waren, erschienen ihm nur als Fremdlinge, als Abkömmlinge ehemaliger Kriegssklaven Roms, als Vandalen, welche die Herrlichkeit der Stadt zerstörten, als Usurpatoren, welche die Denkmäler und die Rechte der Republik an sich gerissen hatten, kurz als eine eingewanderte Kaste von Räubern, die dort wie in einer eroberten Stadt schalteten und die wahren römischen Bürger als ihre Sklaven mißhandelten. Klugheit und Mut, so rief Petrarca aus, seien mit euch, denn die Kraft wird euch nicht fehlen, nicht allein, um die Freiheit zu behaupten, sondern auch um das Reich wiederzuerlangen. Jeder Mensch müsse Rom glücklichen Erfolg wünschen. Eine so gerechte Sache sei des Beifalls bei Gott und der Welt gewiß. Er rief Cola Heil zu, nannte ihn den neuen Camillus, Brutus und Romulus, die Römer selbst erst jetzt wahre Bürger und ermahnte sie, ihren Befreier als einen Gottgesandten zu ehren.

Der begeisterte Beifall eines in der ganzen Welt gefeierten Genies entflammte die Phantasie Colas und bestärkte ihn in allen seinen Träumen. Er ließ den Brief Petrarcas im Parlament vorlesen, wo er eine tiefe Wirkung hervorbrachte. Er selbst lud ihn ein, Avignon zu verlassen und die Stadt durch seine Gegenwart zu zieren, wie ein Edelstein den Ring verziere. Statt Petrarcas kam dessen versprochene Fest-Ode. Er weihte sein schönstes Gedicht der Freiheit Roms und ihrem neuen Helden. Die römische Revolution fand an ihm ihren Dichter, wie seither alle andern Revolutionen ihre Freiheitsdichter gefunden haben. Dies war die glücklichste Zeit Colas, wo er glänzend auf dem Kapitol der Welt sichtbar wurde. Wir werden nun sehen, welche reale Gestalt er seinen kühnen Ideen zu geben wußte.

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