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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 300
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Fünftes Kapitel

1. Francesco Petrarca. Seine Verbindung mit dem Haus der Colonna. Seine Sehnsucht nach Rom und erste Ankunft in der Stadt. Eindruck Roms auf ihn. Seine Dichterkrönung auf dem Kapitol. Das Diplom des Senats.

Das Leben Petrarcas ist mit der Geschichte Italiens so innig verflochten, wie es dasjenige Dantes zuvor gewesen war. Seine Schriften und Briefe erläutern viele Ereignisse als Urkunden der Zeit. Durch ihn, seinen damals genialsten Vertreter, protestierte sein Vaterland gegen die französischen Päpste, und es begann mit ihm die Wiedergeburt klassischer Wissenschaft.

Petrarca war wie Dante Florentiner, doch in Arezzo (am 20. Juli 1304) geboren, wohin sich sein Vater in die Verbannung hatte begeben müssen. Im Jahre 1313 zog die Familie nach Avignon, denn dort suchten damals viele Italiener ihr Glück. Der junge Petrarca machte seine Studien in Carpentras, zu Montpellier und darauf in Bologna, von wo er nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1326 nach Avignon zurückkehrte. Hier schloß er mit den angesehensten Mitgliedern des Hauses Colonna dauernde Freundschaft. Von diesen befanden sich daselbst Johann von S. Vito, der Bruder, und Jakob und Johann, die Söhne des berühmten Stefan. Jakob Colonna, jener junge Kleriker, der sich durch sein kühnes Auftreten wider Ludwig den Bayern in Rom einen Namen gemacht hatte, jetzt Bischof von Lombes, war Petrarcas Studiengenosse; er empfahl den Freund seinem Bruder, dem Kardinal Johann, einem durch Bildung, Reichtum und den Glanz seines Hauses hoch angesehenen Manne, in dessen gastlichem Palast viele bedeutende Menschen sich versammelten. Petrarca wurde sein Vertrauter und durch ihn dem greisen Stefan empfohlen, als dieser im Jahre 1331 an den Hof Avignons kam, um dort wegen der Mittel zur Beruhigung Roms mit dem Papst sich zu verständigen.

Eine heiße Sehnsucht trieb Petrarca, Rom zu sehen, dessen Helden, Dichter und Denkmäler seit seiner Kindheit seine Seele mit so ungewöhnlicher Bewunderung erfüllten, daß ihm die eigene Gegenwart nur in den Formen der römischen Welt erschien. Er schrieb an Jakob von Lombes: »Es ist kaum zu glauben, wie sehr ich darnach verlange, jene Stadt zu schauen, obwohl sie verlassen und nur der Schatten der alten Roma ist. Mir scheint Seneca aufzujubeln, wenn er an Lucilius aus der Villa des Scipio Africanus schreibt, und es für ein Großes zu halten, daß er den Ort sah, wo jener berühmte Mann im Exil lebte und seine dem Vaterland versagte Asche zurückließ. Wenn dies einem Spanier widerfuhr, was glaubst du wohl, daß ich, ein Italiener, fühle? Nicht von der Villa zu Linternum handelt es sich, sondern von der Stadt Rom, wo Scipio geboren und erzogen ist, von jener Stadt, welcher keine gleich war, noch jemals gleich sein wird.« Er kam endlich nach Rom von Capranica, dem Schloß des Grafen Ursus von Anguillara, welcher mit Agnes Colonna, der Tochter Stefans, vermählt war. Unter dem Geleit seiner Freunde betrat er die Stadt in den ersten Tagen des Februar 1337. Der Kardinal Johann hatte ihm abgeraten, sie zu besuchen, weil der Anblick der trümmervollen Gegenwart das hohe Bild von ihr in der Phantasie des Dichters zerstören könne; aber Petrarca war von dem Eindrucke Roms so überwältigt, daß er dem Kardinal schrieb, ihm sei hier alles noch größer erschienen, als er es sich gedacht hatte. Er durchwanderte Rom, von den Colonna geführt, welche, wie namentlich Johann von S. Vito, mit dem Stolz, Römer zu sein, Liebe zu den Monumenten der Stadt verbanden, von deren Geschichte sie wohl mehr wissen mochten als ihre ungebildeten Mitbürger. Petrarca errötete über die tiefe Unwissenheit der Römer; er fand, daß Rom nirgend weniger gekannt werde als in Rom selbst, und bemerkte seinen Freunden, daß die Stadt sich aus ihrem Elend nimmer erheben werde, ehe sie nicht angefangen habe, sich selbst wieder zu kennen. Es ist nicht wenig anziehend, ihn in der Begleitung der berühmtesten Römer sich vorzustellen, deren Namen in der mittelalterlichen Geschichte so unauslöschlich sind wie jene der Scipionen im Altertum, und ihm auf seinen Wanderungen durch die Trümmer zu folgen, wo diese Männer, auf Säulenstümpfen niedersitzend, den Untergang der erlauchten Stadt beklagten. Auf solchen einsamen Gängen konnte der Blick Petrarcas auf einen jungen ärmlich gekleideten Römer von schwärmerischem Ausdruck und schöner Gestalt fallen, der mit patriotischer Leidenschaft die Ruinen durchstreifte, um ihre Inschriften zu entziffern. Der Jüngling mochte damals dem schon gefeierten Dichter nicht zu nahen wagen, aber nach nur zehn Jahren sollte Petrarca an ihn begeisterte Oden richten und der greise Held Stefan den Untergang seines erlauchten Hauses durch denselben Plebejer beweinen.

Mit dem Auftreten Petrarcas kommt in die Geschichte der Stadt Rom ein Zug persönlichen Lebens und schon völlig moderner Menschlichkeit, wodurch zum erstenmal handelnde Personen der Zeit in voller Leibhaftigkeit vor uns treten. Sein kurzer Aufenthalt begeisterte ihn zu einer poetischen Epistel an Benedikt XII., welchen er zur Rückkehr in die verödete Stadt aufforderte, deren grenzenloses Elend er mit eigenen Augen gesehen hatte. Als er noch vor dem Sommer 1337 Rom verließ, nahm er die verstärkte Sehnsucht mit sich, das höchste Ziel seiner Studien und seines Ehrgeizes, den Lorbeer des Dichters, zu erreichen; auch hatte er die kühne Idee gefaßt, durch eine epische Dichtung »Scipio Africanus« dem Ruhme Virgils gleichzukommen. Dies heute unlesbare und längst vergessene Gedicht begann er in seiner Einsamkeit zu Vaucluse im Jahre 1339. Es war noch nicht bekannt geworden, als ihm die höchste Dichterehre wirklich erteilt wurde. Seine lyrischen Verse, seine poetischen Briefe, seine Talente und Studien, endlich die ausgebreiteten Verbindungen mit den bedeutendsten Menschen der Zeit hatten Petrarca in Frankreich und Italien als ein Genie ersten Ranges berühmt gemacht. Die Meinung von seinem »göttlichen« Talent war in einer Zeit des leidenschaftlichen Eifers für Dichtkunst so groß, daß niemand fragte, ob er bereits durch wirkliche Taten den Lorbeer Virgils sich verdient habe. Wenn das strenge Urteil der Nachwelt dies überhaupt bezweifeln mag, so wird es doch anerkennen, daß in diesem außerordentlichen Menschen, dem Fürsten der Geister seiner Zeit, der wissenschaftliche Heros eben dieser neuen Zeit mit vollem Recht gekrönt worden ist. Am 30. August 1340 erhielt Petrarca in Vaucluse zugleich vom Kanzler der Pariser Universität und vom römischen Senat die Aufforderung, den Lorbeerkranz öffentlich zu empfangen. Der vom Glück trunkene Dichter schwankte zwischen jener berühmten Schule der Wissenschaften und dem von Unwissenheit starrenden Kapitol, aber er entschied sich, den Lorbeer in Rom »über der Asche der alten Sänger« zu nehmen, und der Kardinal Johann bestärkte ihn in diesem patriotischen Entschluß.

Die schöne Sitte, gefeierte Dichter mit Lorbeer oder Eichenlaub zu krönen, war von den Griechen zu den Römern gekommen. Man weiß, daß auch bei den fünfjährigen kapitolischen Spielen, welche Nero eingerichtet und Domitian erneuert hatten, Dichter gekrönt wurden. Diese Spiele, die Dichtkunst selbst und ihr heiliger Lorbeerkranz verschwanden im Ruin des Römischen Reichs. Die Ehrenbildsäule Claudians war das letzte Monument des Genies in Rom. Aber der alte Gebrauch erneuerte sich seit dem Ende des XIII. Jahrhunderts in italischen Städten. Schon vor Petrarca finden sich Dichter, die man öffentlich krönte, in Padua der Geschichtschreiber und Poet Albertinus Mussatus und Bonatinus, in Prato des Petrarca Lehrer Convenevole, und auch Dante hoffte im Exil mit heißer Sehnsucht den Tag zu schauen, wo er diesen höchsten Lohn in der Kapelle St. Johann zu Florenz empfangen würde.

Petrarca wollte, nach Rom schmachtend, seiner Krönung das größte Aufsehen geben, indem er sich zuvor einer öffentlichen Prüfung seines Talents und Wissens unterwarf, und diese beschloß er vor dem Könige Robert von Neapel abzulegen, dem damals berühmtesten Fürsten Italiens, welcher in dem unverdienten Rufe stand, die Wissenschaften zu lieben, und selber langweilige Traktate über religiöse wie profane Fragen verfaßte. Petrarca, der mit diesem herz- und gemütlosen Despoten bereits in Beziehung getreten war, nannte ihn mit höfischer Schmeichelei den König der Philosophen und Dichter. Er schiffte sich im Februar 1341 nach Neapel ein, wo er mit Ehren empfangen ward. Das seltsame Examen, welches ein Poet vor einem Könige bestand, war pedantisch und abgeschmackt, galt aber damals für beide gleich ehrenvoll; es mußte die Aufmerksamkeit der ganzen wissenschaftlichen Welt auf sich ziehen. Nach mehrtägiger Prüfung erteilte der Feind Heinrichs VII. dem Kandidaten der Unsterblichkeit ein an den römischen Senat gerichtetes Diplom, worin der Wohlbestandene des Lorbeers durchaus würdig erklärt ward. Der König drang vergebens in den Dichter, zu Neapel selbst, wo Virgil in seinem fabelhaften Grabe unter einem Lorbeerbaum ruhte, diesen Ruhmeskranz von seiner Hand zu nehmen. Robert hatte mit Waffengewalt die Krönung eines Kaisers in Rom verhindert, aber er betrieb dort mit schauspielerischem Eifer die Krönung eines Dichters. Er beschenkte Petrarca mit seinem eigenen Gewande, dies auf dem Kapitol zu tragen, und entließ ihn in Begleitung zweier Ritter, seiner Stellvertreter bei der Festlichkeit. Am 6. April 1341 traf Petrarca in der Stadt ein.

Damals waren Senatoren Jordan Orsini und Ursus von Anguillara, der Freund des Dichters, ein ausgezeichneter Mann, welcher auch mitten unter den Furien bluträcherischer Kämpfe die Musen pflegte. Man rüstete für den Ostertag, den 8. April, die friedlichste aller Krönungen, welche Rom sah, im großen Saale des Senats. Das öde Kapitol, bisher nur das Theater stürmischer Parlamente oder blutiger Kämpfe und sieben Jahre zuvor die Bühne für Fra Venturino und seine Brüder von der Taube, schmückte sich mit einer Szene, welche zum erstenmal nach mehr als tausend Jahren dem Kultus des Genies gewidmet war. Zu den Krönungen von Kaisern und Päpsten wurde die völlig neue eines Dichters hinzugefügt. Die Erinnerung an den schönsten Ruhm des Altertums erzeugte daher bei allen lebhafte Neugierde, bei vielen schwärmerische Begeisterung. Indem Petrarca den Dichterlorbeer nur auf dem Kapitol empfangen wollte, sprach er damit aus, daß dies von der Geschichte verlassene Rom der heilige Altar sei, von welchem das Abendland sich das Feuer seiner Kultur geholt habe. Die Zeremonien des Festes, die dabei handelnden oder zuschauenden Personen, Senatoren, Magistrate, Zünfte, Ritter und Volk, schöne Frauen, der Held des Tages, ein Poet im Gewande eines Königs, und der altertümliche, mit Teppichen und Blumen verzierte Saal im Kapitole Roms würden sich zu einem der glanzvollsten und seltsamsten Gemälde des Mittelalters vereinigen, wenn wir noch imstande wären, dasselbe getreu darzustellen. Die Krönung wurde mit den Formen einer Magisterpromotion auf Universitäten vollzogen. Es gibt nur einen für gleichzeitig geltenden Bericht von dieser Feierlichkeit, aber seine Echtheit ist verdächtig. Darnach eröffnete ein Zug in den großen Saal des Senatspalasts unter Trompetenschall den Akt; zwölf in Scharlach gekleidete Pagen, Söhne aus patrizischen Geschlechtern, traten hervor und deklamierten Verse Petrarcas zum Ruhm des römischen Volks. Hierauf kamen sechs grün gekleidete Bürger, Kränze von verschiedenen Farben tragend, sodann der Senator Ursus, einen Lorbeerkranz auf dem Haupt, von vielen Herren umgeben. Als er sich auf den Sessel niedergelassen hatte, rief ein Herold Petrarca auf; der Dichter hielt eine lateinische Ansprache an das römische Volk auf einen Textspruch aus dem Virgil. Er sprach von der Schwierigkeit der Dichtkunst und den Hindernissen, die sich ihm selbst entgegengestellt hatten; er sagte, daß er, zwar ruhmbegierig wie alle hochgesinnten Menschen, den Lorbeer doch nicht aus Ehrgeiz allein gesucht habe, sondern um die Geister überhaupt durch sein Beispiel zum eifrigen Studium der Wissenschaften anzuregen; obwohl auch von andern Städten, namentlich von Paris, eingeladen, habe er die erlauchte Roma aus Ehrfurcht vor ihren Erinnerungen und aus Vaterlandsliebe erwählt, um von ihr allein den Kranz des Dichters zu empfangen. Er schloß seine Rede mit der Bitte an den Senator, ihm diesen Kranz zu erteilen, da ihm dazu nach alter Sitte das römische Volk die Vollmacht gegeben habe. Er ließ sich sodann vor dem Grafen Ursus auf sein Knie nieder; der edle Senator redete einige Worte zu seinem Ruhm, nahm den Lorbeerkranz von seinem eigenen Haupt und krönte den Dichter. »Nimm den Kranz«, so sagte er, »er ist der Lohn der Tugend«. Petrarca dankte mit einem Sonett zu Ehren der Römer, und Stefan Colonna erwiderte dies mit einer Lobrede auf den Poeten. Das Volk akklamierte mit dem Ruf: »Es lebe das Kapitol und der Poet!«

Unter den Zuschauern der feierlichen Handlung kann unser Blick den von Erinnerungen trunkenen Cola di Rienzo gewahren, welcher dort Petrarca zum zweiten Male sah. Auf ihn machte diese Krönung vielleicht einen tieferen Eindruck als auf Petrarca selbst. Nur wenige Jahre vergingen, und der noch unbekannte Cola saß in eben diesem kapitolischen Saal auf dem Stuhle des Senators, phantastisch bekränzt, während Aristokraten aus den ältesten Geschlechtern Roms, ihre Barette in der Hand, vor ihm standen und das Volk ihm als seinem Befreier und Retter endlosen Jubel zurief; wenige Jahre vergingen, und der Held Stefan schritt in diesem Palast, in wüster Nacht, seine Hinrichtung erwartend, auf und ab, an den Türen rüttelnd und die Häscher jenes Jünglings anrufend, sie ihm zur Flucht aufzutun.

Das senatorische Diplom, welches dem gekrönten Dichter überreicht wurde, ein kostbares Denkmal jener Zeit, ist in der offiziellen Sprache der römischen Republik mit rhetorischem Pomp abgefaßt, ganz von altem Römergeist durchdrungen und auch durch einige treffende Bemerkungen über das Wesen der Dichtkunst denkwürdig. Die Senatoren erklärten darin, daß Gott das Prinzip der Heldentugend und des Genies in der ruhmvollsten Stadt von Ewigkeit eingepflanzt habe, daher Rom zahllose Männer des Kriegs wie der Künste teils selbst erzeugt, teils ernährt und erzogen habe. In der römischen Republik seien Geschichtschreiber und besonders Poeten in Blüte gewesen, welche sich und denen, die sie verherrlichten, die Unsterblichkeit gegeben hätten. Ohne sie wären die Namen der Gründer der Stadt, des Reichs und aller andern berühmten Männer ewiger Vergessenheit anheimgefallen. Die Republik habe den Cäsaren wie den Dichtern dieselbe Ehre des Lorbeers zuerkannt; jene habe für die Mühe der Kriege, diese für die Mühe der Studien der immergrüne Zweig des Lorbeers belohnt, dessen Baum der Blitz verschone, wie der alles niederblitzende Ruhm der Cäsaren und der Dichter allein von dem Alter verschont bleibe. In dieser Gegenwart sei der Ruhm der Poeten so sehr dahingeschwunden, daß viele meinten, ihr Tun bestünde in nichts als in lügnerischen Erfindungen. Aber das Amt des Dichters sei ein ernstes und hohes, nämlich unter anmutigen Farben und dem Schatten der Dichtung die Wahrheit in tönenden Gesängen um so reizender kundzutun. Einst seien erlauchte Dichter auf dem Kapitol gekrönt, aber dieser Gebrauch sei seit 1300 Jahren nie mehr in Rom geübt worden. Indem nun der geniale und seit seiner Kindheit in solchen Studien eifrige Mann Franciscus Petrarca, Dichter und Geschichtschreiber von Florenz, dies erwägend, beschlossen habe, der Wissenschaft aufzuhelfen, habe er zur Anregung anderer den Lorbeer in der heiligen Stadt zu nehmen gewünscht, in Erinnerung an die alten Poeten und in ehrfürchtiger Liebe zu ihr. Auf Grund alles dessen und des Zeugnisses des erlauchten Königs von Sizilien und Jerusalem hätten sie, die Senatoren, Petrarca zu einem großen Dichter und Geschichtschreiber erklärt, ihm den Grad des Magisters verliehen, den Lorbeer auf sein Haupt gesetzt und durch Autorität jenes Königs und des römischen Volks ihm Vollmacht erteilt, in der poetischen wie historischen Kunst zu Rom, dem Haupt der Welt, und überall zu lehren, zu disputieren, neue und alte, fremde und eigene Schriften zu erklären und nach Wohlgefallen mit dem Lorbeer oder der Myrte oder dem Efeu bekränzt und im Poetengewande öffentlich aufzutreten. Sie hätten ihm außerdem alle Privilegien der Professoren seiner Kunst zuerkannt und, um sein Genie noch mehr zu ehren, ihm das römische Bürgerrecht erteilt. Alles dies habe das darum befragte römische Volk durch einstimmigen Zuruf gutgeheißen.

Der Dichter zog vom Kapitol in Prozession nach dem St. Peter, wo er seinen Lorbeerkranz auf den Altar des Apostelfürsten niederlegte. Stefan Colonna gab ihm zu Ehren ein glänzendes Festmahl in seinem Palast bei den Santi Apostoli. Und so ward eine Feierlichkeit beschlossen, welche, obwohl an sich bedeutungslos, dennoch durch die Stadt, in der sie vollzogen wurde, und durch die in ihr ruhenden Ideen, welchen sie Ausdruck gab, eine nachhaltige Wirkung zurückließ. Die Krönung Petrarcas eröffnete in Wahrheit ein neues Jahrhundert der Kultur. Mitten unter den Freveln der Parteikämpfe, in der düstern Verlassenheit Roms glänzte der Ehrentag eines Dichters von dem milden Licht reiner Menschlichkeit. Er rief vom klassischen Kapitol herab der in Haß und Aberglauben versunkenen Welt ins Bewußtsein zurück, daß die erlösende Arbeit des Geistes ihr ewiges Bedürfnis, ihr höchster Beruf und ihr schönster Triumph sei.

Petrarca widmete von diesem Tage an seine begeisterte Liebe der Stadt, deren Bürger er geworden war. Er entzog sich jedoch bald den Huldigungen oder dem satirischen Spott der Römer, womit sie von jeher alles Erhabene begleitet haben. Nach den idealsten Tagen seines Lebens stieß er schon vor den Toren Roms auf die gemeine Wirklichkeit: der lorbeergekrönte Dichter hatte kaum die Stadtmauern hinter sich, als er in die Hände bewaffneter Räuber fiel, welche ihn zwangen, flüchtig nach Rom zurückzukehren. Man gab ihm am folgenden Tage eine stärkere Bedeckung mit, so daß er sicher den Weg nach Pisa einschlagen konnte.

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