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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 299
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Versunkenheit Roms. Krieg der Colonna und Orsini. Empörung der Romagna. Bologna befreit sich. Flucht des Kardinals Bertrand. Die Flagellanten. Fra Venturino in Rom. Johann XXII. stirbt. Wesen dieses Papsts. Benedikt XII. Die Römer laden ihn nach Rom ein. Krieg der Adelsfaktionen. Petrarca in Capranica und Rom. Die Römer geben dem Papst die Signorie. Friede zwischen den Colonna und Orsini. Das römische Volk richtet die Republik nach dem Muster von Florenz ein. Der Papst stellt seine Gewalt wieder her.

Die Stadt empfand die Abwesenheit des Papsts als ein immer schwereres Unglück. Auf dem finstern Hintergrunde der Leiden eines hungernden und gequälten Volks, welche kein Chronist ausreichend geschildert hat, mögen wir die pomphaften Umzüge der Senatoren und Magistrate oder die rohen Spiele auf dem Monte Testaccio bemerken, sonst aber nichts entdecken, was von achtunggebietendem Leben in der Metropole der Christenheit Kunde gab. Sie starrte in Armut und Dunkel, verrottet und zerschlagen wie ein Scherbenberg der Weltgeschichte, während im fernen Avignon der Papst, ihrer vergessend, Gold und Schätze aufhäufte. Die tiefe Schwermut, welche einen Grundzug Roms im Mittelalter bildet, steigerte sich noch in dieser Zeit, weil neben dem Anblick der Ruinen des Altertums die verlassenen und fallenden Kirchen auch den Untergang der christlichen Weltgröße verkündeten. Es gab für die menschlichen Leidenschaften kein Theater von so zermalmender Tragik als das damalige Rom; und dennoch rasten Tag und Nacht über Trümmern und Schutt die wilde Blutrache der Geschlechter und der Ehrgeiz von Baronen, welche sich um den Purpurfetzen des Senatormantels oder um einen Schatten und Namen stritten. Die feindlichen Häuser Colonna und Orsini zerrissen Rom wie die Guelfen und Ghibellinen andere Städte. Sie zählten gleich starke Anhänger, besaßen in allen römischen Landschaften Kastelle und Burgen und Verbündete oder Schutzverwandte in fernen Orten, selbst Umbriens und Toskanas. Die eine Partei konnte daher nicht durch die andere bewältigt werden.

Im Jahre 1332 wurden diese Fehden so heftig, daß der Papst zwei Nuntien nach Rom schickte, Philipp de Cambarlhac, seinen Rector in Viterbo, und Johann Orsini, der noch immer Kardinallegat von Tuszien und dem Patrimonium war. Johann XXII. nahm um diese Zeit sogar die Miene an, als ob er nach Italien kommen wollte. Um die Bolognesen seinem Nepoten zu unterwerfen, spiegelte er ihnen vor, daß er den Heiligen Stuhl in ihrer Stadt aufzustellen begehre. Bertrand baute gerade hier an einer Zwingburg, und die Bürger, voll Hoffnung auf die Ankunft des Papsts, welchem sie sofort das Dominium übertrugen, hinderten den Bau nicht. Zugleich beschwichtigte Johann auch die Römer mit der Aussicht seiner baldigen Heimkehr: seinem Nuntius befahl er, den Palast des Vatikans instand zu setzen. Der Schatten der verlassenen Roma erschreckte die Ruhe jedes Papsts im Palast zu Avignon, denn die Überzeugung, daß Rom das allein rechtmäßige Haupt der christlichen Welt sei, war in der Menschheit unzerstörbar fest gewurzelt. Die Römer schrieben verzweifelte Briefe an den Papst und übertrugen ihm noch einmal die volle städtische Gewalt. Da er nun Robert von Neapel wiederum zu seinem Stellvertreter ernannte, so muß der Senat des Königs im Jahre 1333 abgelaufen gewesen sein. Robert machte den Neapolitaner Simon de Sangro zu seinem Vikar. Doch Johann XXII. erschien nicht in Rom. Ohne Mühe hielt ihn König Philipp in Avignon fest, und schwerlich war sein Plan ernstlich gemeint. Die avignonesischen Päpste ängstigten von Zeit zu Zeit die französischen Könige mit der Absicht, nach Rom zurückzukehren, und die Drohung ihrer Flucht aus Frankreich war ihre einzige Waffe gegen Monarchen, deren dienstbare Gefangene sie blieben. Ein neuer wütender Krieg der Orsini und Colonna zeigte übrigens dem Papst, wie wenig einladend der Zustand Roms für ihn war. Am 6. Mai 1333 zogen die Häupter der Orsini, Bertold und ein Graf von Anguillara, mit starkem Gefolge durch die Campagna, ihre Feinde zu treffen; der junge Stefan Colonna überfiel sie bei S. Cesario, und jene beiden blieben tot auf dem Felde. Alsbald standen alle Orsini in Waffen, aber die Colonna erfochten trotz ihrer Minderzahl Siege. Jene richteten in der Stadt nichts aus: sie erwürgten nur ein schuldloses Kind des Agapito Colonna, welches Diener zufällig zur Kirche führten. In diesen Blutrachekrieg wurde auch der Kardinallegat Johann Orsini hineingezogen, der Oheim der Erschlagenen. Liebe zu seiner Familie und Rachsucht unterdrückten in diesem Prälaten die Stimme der Religion; er rief die Vasallen der Kirche zu den Waffen, vereinigte sich mit den Orsini, zerstörte die colonnische Burg Giove und rückte rachedürstend in die Stadt, wo er Stefan Colonna in seinem Viertel angriff. Dies zwang den Papst, gegen seinen Legaten einzuschreiten; er gebot dem Kardinal, die Waffen niederzulegen und sich auf seine geistlichen Pflichten in Tuszien zu beschränken.

Johann XXII. hatte noch mehr als die unbezähmbaren Unruhen Roms zu beklagen. Fast der ganze Kirchenstaat war in offener Empörung. Die Städte der Romagna warfen das Joch der Kirche ab, erbittert über die Gewalttätigkeit ihrer Rektoren und Kastellane. Während der avignonesischen Epoche sandten die Päpste fast durchweg nur Gascogner und Franzosen, meistens ihre Verwandten, als Regenten in die Provinzen des Kirchenstaats. Unbekannt mit dem italienischen Wesen und ohne Liebe zu Land und Volk, in der Regel zu ihrem wichtigen Amt ganz untauglich, benutzten diese Rektoren, wie die Prokonsuln im alten Rom, ihre Amtsdauer nur, um Reichtümer zu erpressen und ihre Macht fühlen zu lassen. Der Nepot Bertrand de Poggetto hatte während der langen Zeit, da er Bologna regierte, sich fast unabhängig gemacht. Die Italiener haßten diesen hochfahrenden Fremdling, den man für den natürlichen Sohn des Papsts hielt; Petrarca, welcher Johann XXII. wegen seiner unaufhörlichen Kriege in Italien verabscheute, sagte von ihm, daß er Bertrand nicht wie einen Geistlichen, sondern wie einen Räuber mit Legionen nach Italien als zweiten Hannibal geschickt habe. Endlich erhob sich Bologna am 17. März 1334 mit dem Ruf: »Volk! Volk! Tod dem Legaten und denen von Languedoc!« Man hieb alles nieder, was französisch sprach; man stürmte die Paläste der Kurie und belagerte den Legaten selbst in seiner neu erbauten Burg. Bertrand verdankte seine Rettung nur dem klugen Einschreiten der Florentiner, welche den fliehenden Kardinal durch das empörte Land geleiteten. Die Burg in Bologna ward bis zum letzten Stein abgetragen; die ganze Romagna pflanzte Freiheitsfahnen auf, und der einst so gewaltige Legat erschien als Flüchtling vor dem Thron des Papsts.

Der frevelvolle Zustand Italiens erzeugte damals ähnliche Erscheinungen, wie sie nach dem Falle Ezzelins waren gesehen worden. Flagellanten erhoben sich diesseits wie jenseits der Alpen. Zur Weihnachtszeit 1333 predigte der Dominikaner Fra Venturino von Bergamo Buße in der Lombardei. Er zog Tausende hinter sich her. Man nannte diese Büßer »die Tauben«, von dem Abzeichen einer weißen Taube mit dem Ölzweige auf ihrer Brust. Venturino hatte ihnen eine Tracht nach Art der Dominikaner gegeben; in der rechten Hand trugen sie den Pilgerstab, in der linken den Rosenkranz. Schwärmer und Abenteurer, Schuldlose und Verbrecher folgten bereitwillig seiner Fahne, zumal die Disziplin der Geißelung nicht allzu streng war. Der Mönch führte seine Banden nach Florenz, wo man sie drei Tage lang bewirtete und sich viele Florentiner ihnen anschlossen; man wallfahrtete weiter über Perugia nach Rom, an den verlassenen Apostelgräbern zu beten und Frieden zu stiften. In diese Stadt rückte Fra Venturino in der Fastenzeit 1334 mit einem wandernden Heer von mehr als 10 000 Menschen, welche sich den sanftmütigen Namen »Tauben« gaben, aber eher wie Heuschrecken die Landschaften durchzogen. Es waren darunter Bergamasken, Brescianer, Mailänder, Mantuaner, Florentiner, Viterbesen, welche in Fähnlein von 25 Mann geordnet hinter Kreuzen einhergingen mit dem Gesange von Litaneien und dem Ruf: Friede und Erbarmen! Greise erinnerten sich noch, die Vorgänger dieser Büßenden in Rom gesehen zu haben, als der Kastellan von Andalò durch sie aus dem Kerker befreit wurde. Ein Chronist hat dies Geißlerphänomen und das Verhalten der damaligen Römer beschrieben. Die Brüder von der Taube waren Menschen, welche nicht Geld nach Rom brachten, sondern Verpflegung beanspruchten; man nahm sie jedoch willig auf, und Fra Venturino erhielt Wohnung im Dominikanerkloster St. Sixtus auf der Via Appia. Die Zucht seiner Scharen war gut; er predigte ihnen am Tage, abends sangen sie die Laudes. Sie stifteten zuerst in der Minerva eine Fahne mit dem Bilde der Jungfrau zwischen zwei violinespielenden Engeln; hierauf entbot der Mönch eine Volksversammlung aufs Kapitol, wo er Buße predigen wollte. Die Römer hörten in großer Stille auf die Rede des Bergamasken, aber sie kritisierten seine Fehler im Latein. Er pries Rom als die Stadt der Heiligen, deren Staub man nur mit nackten Füßen betreten dürfe; er sagte, daß ihre Toten heilig, aber ihre Lebenden gottlos seien, worüber die Römer lachten. Sie riefen ihm Beifall zu, als er erklärte, daß der Papst in Rom seinen Sitz haben müsse, aber als er sie aufforderte, ihm das Geld, welches sie für die gottlosen Karnevalspiele auf der Navona bestimmt hatten, zu frommen Zwecken darzugeben, fanden sie, daß er ein Narr sei. Der Prophet blieb allein auf dem Kapitol. Man fahndete auf ihn; er schüttelte den Staub seiner Sohlen über Rom aus und rief, daß er nie ein verderbteres Volk auf Erden gesehen habe. Er ging nach Avignon zum Papst, bei welchem er um Ketzerei angeklagt worden war. Denn die Kirche hatte schon früher die aufregenden Züge der Flagellanten verboten und verbot sie auch jetzt. Diese Mystiker kehrten sich von den gesetzmäßigen Heilanstalten ab und suchten die Erlösung in der Begeisterung ihres innern Gefühls; ihre Lehre war von Ketzerei gefärbt, und ihr ausschweifendes Wesen nahm die Gestalt einer freien Sekte an, welche sich gegen die bestehende Kirche feindlich verhielt. Fra Venturino, in Avignon heftig getadelt, weil er gepredigt hatte, daß nur in Rom das wahrhafte Oberhaupt der Kirche sein könne, wurde zwar von der Ketzerei freigesprochen, aber zur Haft in einem abgelegenen Ort verurteilt. Diesen Ausgang hatte der Versuch des Bußpredigers, das zerrüttete Rom von seinen Sünden zu bekehren.

Unterdes starb Johann XXII. im Alter von 90 Jahren am 4. Dezember 1334 zu Avignon. Seine lange Regierung hatte er ohne andere Liebe als die zum Gold in unchristlichem Streit und Haß hingebracht und aus Herrschbegier die Welt mit Krieg erfüllt, eine abstoßende Greisengestalt auf dem Thron der Päpste. Sein prozeßsüchtiger Sinn, sein zugleich maßloser und beschränkter Geist hatte das Deutsche Reich zu einem gefährlichen Kampf mit dem Papsttum getrieben und eine Spaltung in der Kirche erzeugt. Trotz seiner Händel mit der Welt füllte er seine Tage und Nächte mit scholastischen Grübeleien über nichtige Gegenstände aus; denn er selbst war ein im Studium unermüdlicher Pedant. Noch in seiner letzten Zeit erregte er einen Sturm in der Kirche durch die Erfindung einer neuen Lehre über die Vision der abgeschiedenen Seelen, von denen er zu behaupten für gut fand, daß sie Gott nicht vollkommen schauen könnten vor dem jüngsten Gericht. Dies müßige Dogma über Zustände im Himmel rief auf Erden solchen Widerspruch hervor, daß Johann XXII. in Gefahr kam, zum Ketzer zu werden, und man in Frankreich ihn vor ein Konzil zu laden drohte. Eine Synode zu Vincennes erklärte die Ansicht des Papsts für ketzerisch. Er mußte sie kurz vor seinem Tode widerrufen, da er sich keineswegs für infallibel hielt. Die tiefe Bewegung endlich, die sein Streit mit den Franziskanern hervorbrachte, trug wesentlich dazu bei, die Elemente der Reformation, welche schon lange in der christlichen Gesellschaft gärten, aufzuregen und durch ganz Europa zu verbreiten. In dieser Hinsicht war seine Regierung von größerer Wichtigkeit für die Weltgeschichte als die mancher hochberühmter Päpste. Bonifatius VIII. und Johann XXII. haben durch ihre Maßlosigkeit die katholische Hierarchie tiefer erschüttert, als es irgendein Ketzertum bis zu ihrer Zeit getan hat; der eine forderte den weltlichen, der andere den evangelischen Geist des Widerspruchs gegen das Dogma Roms hervor. Im übrigen gab Johann seinem Grundsatz, daß Christus und die Apostel Eigentum besaßen, durch die Tat eine nur zu praktische Bestätigung, denn dieser Midas Avignons ist einer der reichsten Päpste überhaupt gewesen, obwohl er selbst ein durchaus nüchterner Greis war. Man fand in seiner Schatzkammer 18 Millionen Gulden in gemünztem Gold und 7 Millionen in Kostbarkeiten, Schätze, welche Geiz und Habsucht mit den verwerflichen Mitteln der neu eingeführten Annaten und Reservationen aller geistlichen Stellen in der Christenheit den Völkern abgepreßt hatte.

Den Päpstlichen Stuhl bestieg in Avignon nach seiner Wahl am 20. Dezember 1334 und seiner Weihe am 8. Januar 1335 der Kardinal von Santa Prisca. Jacques Fournier war eines Müllers Sohn aus Saverdun in Languedoc, Zisterziensermönch, Doktor der Theologie, Bischof von Pamiers, dann von Mirepoix, von Johann XXII. zum Kardinal erhoben, ein gelehrter Mann von der strengsten mönchischen Richtung, hart und rauh, aber gerecht, in vielen Dingen das gerade Gegenteil seines Vorgängers, dessen Mißbräuche in der Verwaltung der Kirche er mit rühmlichem Eifer abzuschaffen suchte. Auch er haßte die Minoriten und schwor den Ketzern den Tod: doch von Habsucht und Nepotismus, von weltlicher Herrschbegier, Streit- und Kriegslust war er frei. Er verachtete den irdischen Pomp, hielt jedoch streng auf die weltlichen Rechte des Papsttums.

Kaum war Benedikt XII. Papst geworden, als er eilte, Italien zu beruhigen, welches sein Vorgänger in vollen Flammen der Empörung zurückgelassen hatte, und Rom zu befriedigen, wo der Parteikrieg ein erschreckendes Elend verbreitete. Ein neuer Papst, eine neue Gesandtschaft der Römer; ein Verzweiflungsruf der alt und häßlich gewordenen Witwe Roma, welche nicht ermüdete, ihren untreuen Gemahl zur Rückkehr in ihre Arme einzuladen. Die Römer hatten gleich nach des neuen Papsts Erhebung ihn nach der Stadt feierlich gerufen und er mit billigem Sinn die Gerechtigkeit ihrer Wünsche anerkannt. Er war aufrichtig geneigt, ihre Bitte zu gewähren: aber kaum war seine Absicht laut geworden, so hintertrieb sie der französische König, und Benedikt XII. seufzte, daß der Heilige Stuhl in der Gefangenschaft Frankreichs verbleiben müsse.

Die wutentbrannten Parteien in Rom waren durch kein Mittel zu versöhnen, Geschlechter kämpften gegen Geschlechter, das Volk mit den Großen, die Plebejer untereinander. Abwechselnd schloß man Waffenstillstand, dann griff man wieder zu den Waffen. Vergebens waren alle Mahnungen Benedikts XII. Die Faktionen verschanzten sich in Rom, wo sie eine der andern die Zugänge versperrten. Stefan Colonna hatte vier Brücken, die übrigen Jakob Savelli und sein Anhang besetzt; am 3. September 1335 zerstörten die Orsini Ponte Molle. Bis nach Tivoli, wo sich Stefan Colonna zum Signor aufgeworfen hatte, zog sich der Krieg hin. Am 13. Januar 1336 machte man Waffenstillstand unter Vermittlung des Erzbischofs Bertrand von Embrun, den das römische Volk zu diesem Zweck zum Syndicus und Defensor der Republik ernannt hatte. Napoleon und dessen Söhne, Jordan und der Pfalzgraf Bertold und dessen Brüder, Johann von Anguillara, Angelus Malabranca, der Kanzler der Stadt, Jakob Savelli und die übrigen Verwandten des Hauses Orsini auf der einen Seite, auf der andern Stefan Colonna, dessen Söhne Stefanuccio und Enrico mit den übrigen Sippen des Hauses kamen im Kloster Aracoeli zusammen; diese wilden Bluträcher reichten sich hier mit zurückgehaltenem Groll, die Augen von Haß und Mordgedanken funkelnd, die Hände und beschworen einen zweijährigen Frieden.

Es war am Ende desselben Jahres 1336, als sich Petrarca auf den Gütern seines Freundes, des Grafen Ursus von Anguillara, in Capranica bei Sutri aufhielt; er blickte mit Entsetzen auf den heillosen Zustand des schönsten Landes, welches von feindlichen Banden und Räubern schwärmte, wo der Hirt im Buschwalde bewaffnet die Herden hütete, der Ackersmann mit Schwert und Lanze hinter dem Pfluge herging und alles nur Haß und Krieg atmete. Als er von Capranica nach Rom reisen wollte, holten ihn die Colonna mit hundert Reitern ab, um ihn sicher durch die feindlichen Scharen der Orsini zu geleiten. Durfte man sich wundern, daß Benedikt XII. den flehentlichen Bitten der Römer um Rückkehr sein Ohr verschloß?

Mit seiner Thronbesteigung war die städtische Gewalt des Königs Robert erloschen; eine Volksvertretung von Dreizehnmännern, den Regionenkapitänen, war eingesetzt worden, abwechselnd mit Rektoren aus beiden streitenden Parteien. So groß war die Verwirrung, daß auch Robert noch am Anfange des Jahres 1337 Vikare ernennen durfte. Der ganze Zustand war augenblicklich und unsicher; man schwankte fortdauernd zwischen Volksregierung und Aristokratie. Noch hatte man dem Papst nicht das Dominium übertragen; man hielt mit diesem kostbaren Geschenk zurück, bis endlich das gequälte Volk im Juli 1337 den Beschluß durchsetzte, Benedikt XII. persönlich die Signorie zu geben. Die Römer ernannten ihn zum Senator und Kapitän, zum Syndicus und Defensor der Republik auf Lebenszeit. Sie hofften ihn dadurch zur Rückkehr zu bewegen, denn so hoch war ihre Meinung von dem unermeßlichen Wert ihrer Freiheit und der Herrschaft über den Trümmerhaufen Rom, daß sie im Ernste glaubten, den Papst damit herbeilocken zu können. Es zeigte sich übrigens klar, daß die römische Republik den Päpsten gegenüber vollkommen frei blieb und daß diese in ihrer Eigenschaft als Signoren der Stadt kein anderes Verhältnis zu ihr beanspruchen konnten als das eines Schutzherrn und höchsten Beamten auf Lebenszeit, gleich wie andere freie Städte Fürsten oder Tyrannen vorübergehend die Signorie zu geben pflegten. Benedikt nahm die ihm angebotene Gewalt dankbar an; er übertrug sie nicht auf den König Robert, sondern ernannte zuerst die Rektoren des Patrimonium und der Campagna zu Verwaltern des Senats und setzte sodann am 15. Oktober 1337 zwei Ritter aus Gubbio, Jacobus Canti de Gabrielis und Boso Novello Rafaelli, einen alten Ghibellinen, Anhänger Heinrichs VII. und ein Freund Dantes, für ein Jahr als Senatoren ein. Das bewies, daß er den Guelfen und namentlich dem Könige Robert gegenüber eine selbständige Haltung behaupten wollte. Der Familienkrieg erhob sich indes mit neuer Wut; Jakob Savelli stürmte die Kirche S. Angelo, von welcher Johann Colonna Kardinal war, mit Maschinen und zerstörte dessen Palast. Der Papst befahl hierauf, den Frieden im August 1337 für drei Jahre zu erneuern. Auch brachten fromme Männer zwischen Volk und Adel eine Aussöhnung zustande, und dies Friedenswerk erschien bei dem unauslöschlichen Haß der Parteien als die Wirkung eines Wunders von himmlischen Erscheinungen. Benedikt XII. war über die Beruhigung Roms hoch erfreut, aber da er ihrer Dauer nicht traute, befahl er den umliegenden Städten, keine Truppen nach Rom zu schicken und sich nicht in das Parteiwesen einzumischen. Am 2. Oktober 1338 ernannte er zu Senatoren Mattheus Orsini und Petrus, Sohn des Agapitus Colonna, auf ein Jahr. Sie erließen Amnestie, beruhigten aber die Stadt nicht, denn das Volk stürmte im Juli 1339 das Kapitol, verjagte den einen Senator, warf den andern ins Gefängnis und machte Jordan Poncello Orsini und Stefan Colonna zu Rektoren der Stadt. Auf Bitten der Römer, welche jetzt die Ordnung ihrer Republik durch demokratische Einrichtungen zu erreichen hofften, schickte das blühende Florenz bereitwillig zwei erfahrene Staatsmänner, um ihre alte Mutterstadt über die Kunst volkstümlicher Regierung zu belehren, und mancher Mann staunte dabei über die Umwandlung der Zeiten und Verhältnisse. Nach florentinischem Muster wurden die Steuern eingerichtet und dreizehn Prioren aus den Zünften, ein Bannerträger der Justiz und Kapitän ernannt. Aber der Papst protestierte gegen diese Neuerungen, befahl den Rektoren, ihre Gewalt niederzulegen, ernannte erst Vikare und dann am 1. März 1340 Tebaldo von S. Eustachio und Martinus Stefaneschi zu Senatoren auf sechs Monate. Um das hungernde Volk zu gewinnen, schickte er 5000 Goldgulden zur Verteilung, und in der Tat zeigte sich die Stadt bald wieder zur Anerkennung seiner Herrschaft bereit. Denn Benedikt XII. war ein strenger und gerechter Mann voll Friedensliebe; er wollte der Tyrannei des Erbadels ernstlich Schranken setzen; er schützte auch die gedrückten Provinzen der Kirche gegen die räuberische Willkür ihrer Rektoren. Die neuen Senatoren schritten jetzt mit Kraft gegen einige Große ein, wie Franciscus de Albertescis von Caere und Annibaldo von Monte Campatri; aber Bertold Orsini und Jakob Savelli entrissen die Schuldigen der Justiz, drangen in Rom ein und bemächtigten sich der Kirche Aracoeli. Die Senatoren wichen vom Kapitol, worauf sich Bertold und Paul Conti zu Volkskapitänen aufwarfen. Als jedoch der Papst einen Nuntius schickte, mit geistlichen Zensuren einzuschreiten, wurden diese Kapitäne vom Volk vertrieben, und die Ordnung ward wiederhergestellt. Ursus von Anguillara und Jordan Orsini übernahmen hierauf den Senat.

Dies waren die Zustände Roms während so langer Abwesenheit des Papsts. Das unglückliche Volk sah alle Versuche, den Frieden zu erringen und die Barone einzuschränken, scheitern und suchte nach einem Befreier aus diesem unerträglichen Elend. Ein merkwürdiges Fest, die Krönung eines Dichters auf dem Kapitol, fiel gerade in diese schreckliche Zeit und trug dazu bei, alte Erinnerungen wachzurufen und seltsame Vorgänge aus ihnen zu gestalten.

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