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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 298
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Rom unterwirft sich dem Papst. Feierlicher Widerruf der Römer. Die Häupter der römischen Ghibellinen widerrufen. Der Kaiser bietet vergebens die Hand zur Versöhnung. Rätselhaftes Auftreten des Königs Johann von Böhmen in Italien.

Wenn Johann XXII. ein gleiches Sündenbekenntnis auch vom Kaiser und der Stadt Rom erlangte, so hatte er nichts mehr zu wünschen übrig. Die Stadt war, wie wir gesehen haben, über Nacht umgewandelt worden. Der wieder als Senator anerkannte König Robert hatte dort nach dem Einzuge seiner Truppen die vom Volk gewählten Senatoren Bertold Orsini und Stefan Colonna bestätigt und darauf Wilhelm von Eboli und Bertrandus del Balzo, Grafen von Monte Scabioso (Conte Novello genannt), zu seinen Statthaltern gemacht. Hungersnot und Frevel der Truppen Ebolis erzeugten jedoch so große Aufregung, daß die Römer am 4. Februar 1329 das Kapitol erstürmten, den Vikar Roberts herauswarfen und eine neue Regierung einsetzten. Sie machten zu Syndici und Rektoren die oft genannten Faktionshäupter Poncello Orsini und Stefan Colonna, welche durch besonnene Maßregeln das Volk beschwichtigten. König Robert anerkannte sie als seine Vikare, ernannte aber bald darauf im Juni 1329 zu ihren Nachfolgern Bertold Romani, Grafen von Nola, und Bertold, Sohn des Poncellus, beide vom guelfischen Haus Orsini, welche das folgende Jahr hindurch Prosenatoren blieben.

Die Unterwerfung der Stadt unter den Willen des Papsts wurde sehr bald erreicht. Unter dem Druck neapolitanischer Waffen suchten die Römer die Gnade der Kirche für die schwersten Vergehen, deren sie sich überhaupt in deren Augen schuldig machen konnten: für die Besitznahme der zwei uralten Volksrechte, der Papstwahl und der Kaiserwahl. Ein Parlament auf dem Kapitol für das Volk, und die Großen der Stadt für sich selbst schworen in die Hände des Kardinallegaten dem rechtmäßigen Papst Gehorsam, erklärten sich zur Sühne bereit und wählten Syndici, um ihre Bekenntnisse nach Avignon zu bringen. Drei bevollmächtigte Geistliche erklärten dort im öffentlichen Konsistorium im Namen des Volks, daß die Stadt Rom die Herrschaft Johanns XXII. für dessen Lebenszeit anerkenne. Sie schworen den Kaiser Ludwig und den Gegenpapst ab und bekannten sich in einer Reihe von Artikeln zu folgenden Grundsätzen: der Kaiser hat nicht das Recht, den Papst abzusetzen und einzusetzen; diese in den Traktaten des Marsilius aufgestellte Ansicht ist ketzerisch; nicht dem römischen Volk und Klerus, sondern dem Kardinalskollegium steht die Papstwahl zu; das römische Volk hat nicht das Recht, den Kaiser zu krönen. Nach diesem feierlichen Widerruf am 15. Februar 1330 absolvierte der Papst die Stadt, welche demnach allen jenen Majestätsrechten entsagte, die sie vorübergehend an sich genommen hatte. Johann XXII. verlangte auch eine von den Römern an die gesamte Christenheit und an einige Könige gerichtete Erklärung derselben Art. So viel kam es dem Papst darauf an, die Anerkennung der Rechte des Heiligen Stuhls von seiten des römischen Volks zur Kunde der ganzen Welt zu bringen. Die flüchtigen Ghibellinenhäupter mochten indes auf ihren Burgen vor der Rache des Siegers zittern. Ihr berühmter Führer Sciarra Colonna war vielleicht zu seinem Glück schon gestorben, und die andern neben ihm hervorragenden Demagogen Jakob Savelli und Tebaldo suchten die Gnade des Papsts. Ihr Prokurator brachte ihre Abschwörungen nach Avignon, worauf Johann auch diese Römer absolvierte; ihre einzige Strafe war die Verbannung auf ein Jahr. Wenn man die Geschichte der Majestätsprozesse nach verunglückten Umwälzungen durchsucht, so wird man meist nur schreckliche Ausbrüche der Rache entdecken, aber wenige Beispiele so großer Milde finden, wie sie damals die Kirche unter dem so jähzornigen Johann XXII. zu erkennen gab. Die radikalste aller Revolutionen gegen das Papsttum wurde durch Gnadenerlasse ausgelöscht, eine Schonung, welche weniger christlichen Grundsätzen als politischer Klugheit entsprang und der Kirche all den Gewinn brachte, den sie durch bewaffnete Gewalt nicht zu erlangen vermochte.

In Avignon gab es Schauspiele, welche den Papst mit Genugtuung erfüllten: das ganze Jahr 1330 hindurch erschienen bußfertige Abgesandte von Fürsten und Städten Italiens. Auch deutsche Boten kamen, weil Furcht dem Kaiser eine Aussöhnung sehr wünschenswert machte. Denn der Papst reizte alle Fürsten des Reiches auf, einen neuen König zu wählen; er setzte seine Hoffnung auf Otto, Herzog von Österreich, und den Böhmenkönig, aber es glückte Ludwig, sich im Reich zu behaupten, da er mit den österreichischen Herzögen einen Vertrag schloß und dem Könige Johann die italienische Statthalterschaft anbot. Auf Grund dieser Verträge wollte er sogar schon im Sommer 1330 nach Italien zurückkehren. Zu gleicher Zeit bot er dem Papst einen Vergleich; er wollte den Gegenpapst absetzen, seine Berufung auf ein Konzil zurücknehmen, alle seine Akte gegen die Kirche widerrufen, anerkennen, daß er den Bann auf sich geladen habe und sich der päpstlichen Gnade anheimgeben. Er verlangte dafür die Absolution und die Bestätigung als rechtmäßiger Kaiser. Johann XXII. konnte mit Grund entgegnen, daß Ludwig kein Recht habe, die Absetzung des Gegenpapsts auszusprechen, weil er keines besaß, ihn einzusetzen; auch hatte Petrus von Corvaro bereits in Pisa widerrufen. Doch die andern Gründe, mit denen er die Absolution und Anerkennung Ludwigs verwarf, zogen ihm den Vorwurf des Eigensinns zu. Wenn er den dargebotenen Vertrag angenommen hätte, so würde er Deutschland und Italien lange Verwirrungen erspart, seinen Einfluß im Reich herrschend gemacht und dieses an der Unabhängigkeits-Erklärung des Kaisertums durch die Beschlüsse in Rhens gehindert haben. Es war besonders Robert von Neapel, der den Papst vom Frieden mit dem Kaiser zurückhielt, und Frankreich förderte die Auflösung im Reich, welche sein Vorteil war.

Trotz der Wiederherstellung des päpstlichen Ansehens blieb auch Italien in tiefer Anarchie. Guelfen und Ghibellinen, Städte und Tyrannen befehdeten einander mit unablässiger Wut. Die Rektoren der Kirche schalteten in den Provinzen Satrapen gleich. Tiefe, verzweifelte Ermüdung ergriff die Italiener und machte ihr Land zur Beute des ersten besten Heerführers, wie nach dem Falle des Römischen Reichs. Das rätselhafte Auftreten des Königs Johann von Böhmen legt das deutlichste Zeugnis dieses Zustandes ab. Der ritterliche Sohn Heinrichs VII. kam am Ende 1330 nach Trient; das von den verbannten Ghibellinen und von Mastino della Scala bedrängte Brescia rief seine Hilfe an und bot ihm die Signorie. Kaum war er dort erschienen, so boten sich ihm verzweifelte Städte wie unter dem Einfluß eines Zaubers dar. Bergamo, Crema, Cremona, Pavia, Vercelli, Novara, Lucca, Parma, Reggio und Modena, alle von Parteien zerrissen und von Tyrannen geängstigt, gaben ihm nacheinander in kürzester Zeit das Dominium. Der Sohn Heinrichs VII., ein König im barbarischen Böhmen, mittellos, fast ohne Heer, durchzog schneller als sein edler Vater das Land im Triumph, ward als Heiland begrüßt, empfing die Huldigung von Republiken, denen er völlig fremd war, setzte, wie sein Vater, doch ohne Berechtigung dazu, Vikare in den Städten ein, führte Verbannte zurück und sah sich über Nacht zum Gebieter eines großen Teils von Italien werden. Johann war nur ein ritterlicher Abenteurer; seine Tapferkeit und seine Persönlichkeit übten viel Einfluß auf die Italiener aus, aber sie erklärten seine Erfolge nicht. Die Guelfen erstaunten. Niemand wußte, welche Bedeutung sein Erscheinen hatte, ob er von Ludwig oder vom Papst gesendet oder auf eigenes Glück gekommen war. Der Kaiser, dessen Rechte er so dreist an sich nahm, lehnte jedes Verhältnis zu ihm ab; die Florentiner, welche der König von Böhmen durch einen Heerhaufen zwang, von Lucca abzuziehen, sahen den Sohn ihres Feindes nahe vor ihren Toren und fragten tief verwundert den Papst, ob er ihn gesendet habe; Johann XXII. antwortete ihnen wie den Visconti verneinend. Aber die geheimnisvolle Zusammenkunft, welche der Böhmenkönig am 18. April 1331 zu Castelfranco mit dem Kardinallegaten Bertrand hatte, und ihr inniges Bündnis überzeugte die Guelfen, daß der Papst seinem Auftreten keineswegs fremd geblieben war. Der arglistige Johann XXII. erfuhr nicht so bald die Erfolge des Böhmen, als er beschloß, ihn zu seinem Werkzeuge zu machen. Er ließ ihn in der Lombardei zu Gewalt kommen, um die Visconti, die Este und andere Tyrannen durch ihn zu beseitigen und seinem Nepoten Bertrand in Bologna die Herrschaft zu sichern. Zugleich wollte er Johann von Ludwig dem Bayern trennen und dessen beabsichtigte Heerfahrt nach Italien durch ihn hindern. Sobald der Böhme diese Dienste getan, würde der Papst ihn selbst als einen Abenteurer beseitigt haben. Die wunderbar schnell anwachsende Macht des Königs brachte unterdes eine solche Verwirrung hervor, daß die bisher heftigsten Gegner sich miteinander verbündeten; die Este, Azzo Visconti, Mastino della Scala, der Gonzaga von Mantua schlossen eine Liga wider ihn und den Papst, in welche bald darauf auch die Florentiner und der König Robert eintraten. Die Welt erstaunte über diese Widersprüche und die ränkevolle gascognische Politik in Avignon. Der Böhme hatte den abenteuerlichen Plan gefaßt, sich zum König der Lombardei und Toskanas zu machen und dem Kaiser die Krone des Reichs zu rauben; aber die Liga stürzte ihn aus seinen Träumen. Er ging im Sommer 1331 nach Deutschland, im Januar 1332 nach Frankreich, im November nach Avignon, während sein junger Sohn Karl als sein Vikar in Italien zurückblieb und anfangs nicht unglücklich wider die Verbündeten zu Felde zog. Johann schloß ein Bündnis mit dem Könige Frankreichs und kam am Anfange des Jahrs 1333 mit französischen Truppen und einer Schar großer Herren aus Languedoc wieder. Dieser Einbruch erschreckte ganz Italien. Johann kämpfte jedoch ohne Glück mit den Visconti in der Lombardei, wo die meisten Städte von ihm abgefallen waren; er verschwand endlich »wie Rauch« im Herbst 1333 samt seinem Sohne Karl aus Italien, ohne irgendeinen praktischen Erfolg errungen zu haben. Vielmehr schändete er seinen Namen bei den Italienern dadurch, daß er Städte, die sich ihm vertrauensvoll hingegeben hatten, um Geld an Tyrannen verkaufte. Überhaupt trug seine Unternehmung viel dazu bei, den republikanischen Geist in den Städten zu schwächen und die Macht der Gewaltherrscher zu stärken. Obwohl die Geschichte der Stadt Rom von ihr nicht berührt ward, haben wir sie dennoch bemerkt, um den Zusammenhang der Dinge nicht zu verlieren und den allgemeinen Zustand Italiens deutlich zu machen.

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