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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 296
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Das Volk übergibt Ludwig die Signorie und bestimmt seine Kaiserkrönung. Er nimmt die Krone durch das Volk im St. Peter. Krönungsedikte. Castruccio Senator. Plötzlicher Abzug Castruccios nach Lucca. Mißstimmung in Rom. Marsilius und Johann von Jandunum bearbeiten das Volk. Edikte des Kaisers vom 14. April. Absetzung des Papsts. Kühner Protest des Jakob Colonna. Dekret über die Residenz der Päpste in Rom. Der Mönch von Corvaro wird als Papst Nikolaus V. aufgestellt.

Der König nahm bald seine Residenz im Palast der S. Maria Maggiore; denn ungehindert konnte er ganz Rom durchziehen, was seit langer Zeit kein römischer König vermocht hatte. Er berief am 11. Januar ein Parlament auf das Kapitol. Aus Gegensatz zu den Ansichten der Kirche und aus Bedürfnis erschien er als Kandidat der Kaiserkrone vor dem Volk. Keine Gelöbnisse an den Papst fesselten ihn, wie seine Vorgänger bei Romzügen; dies gab ihm volle Freiheit zum Handeln. Die Zeit hatte sich gründlich verändert; das alte, erhabene Kaisertum demokratisierte sich. Ludwig und seine Gemahlin nahmen auf Thronsesseln vor der Versammlung ihren Sitz; der schismatische Bischof von Aleria in Korsika dankte für den ehrenvollen Empfang des Königs und begehrte in dessen Namen die Kaiserkrone durch das Volk. Man rief ihm stürmisch Beifall, ließ den Cäsar hochleben und übertrug Ludwig als Senator und Volkskapitän die Signorie Roms auf ein ganzes Jahr. Dasselbe Parlament erteilte ihm durch Plebiszit die Kaiserkrone und bestimmte die Krönung am folgenden Sonntag, wozu vier Syndici als Vertreter des Volks ernannt werden sollten. Denn auch Karl der Große, so erklärten die Römer, habe die Krone erst dann erhalten, nachdem ihm das römische Volk das Imperium erteilt hatte. Das alte Kaiserwahlrecht der Republik war in Rom nie vergessen worden, obwohl es die Päpste durch die Bestätigung, Krönung und Salbung des von den deutschen Ständen Gewählten beseitigt hatten. Seit der Wiederherstellung des Senats im Jahre 1143 hatte es das römische Volk durch die Akklamation des Königs der Römer, durch seine Einladung zur Krönung, bisweilen durch seine Nichtanerkennung geltend gemacht. Die kirchliche Ansicht von der Übertragung des Reichs hatte es stets bestritten und behauptet, daß der Kaiser allein aus der Vollmacht des Senats und Volks das Imperium empfange. Das Bewußtsein dieses Rechts wurde stärker, seitdem die Päpste in Avignon blieben und die Krönung nicht mehr persönlich vollzogen. Ihre Abwesenheit gab der Republik ein neues Verhältnis zum Kaisertum. Sie selbst war selbständiger als lange zuvor. Tivoli, Velletri, Cori, Civitavecchia, Viterbo, Corneto, viele andere Städte in Tuszien und der Sabina huldigten dem Kapitol. Mächtige Republiken und Fürsten, auch der König Deutschlands bewarben sich um die Gunst des römischen Volks, während das Amt des Senators, mit dem sich der Papst selbst bekleidete oder welches die Titel des Königs von Neapel vermehrte, in ganz Italien als die erhabenste republikanische Würde gefeiert war. Das Buch Dantes von der Monarchie trug unendlich viel dazu bei, den Begriff von der Majestät und den unveräußerlichen Rechten des römischen Volks zu erhöhen. Und hatte nicht auch Heinrich VII. in seinem Streit mit den Kardinälen über den Ort der Krönung an den Willen des Volks appelliert? Seinen Nachfolger Ludwig begleiteten keine Bevollmächtigten des Papsts, sondern er kam in dessen Bann nach Rom. Er konnte demnach die Kaiserkrone nur entweder unter dem Widerspruch der Römer sich selbst erteilen oder sie aus ihren Händen nehmen. Er entschloß sich ohne Bedenken, dem Papst zum Trotz, dieses Volk als die Quelle des Imperium anzuerkennen, und diese den Begriffen der Hohenstaufenzeit fremde Tatsache wurde ein Ereignis in der Geschichte der Stadt, welches auf die nächste Zukunft mächtig einwirkte. Der ghibellinische Adel drängte Ludwig zu solchem Schritt nicht minder, als seine gelehrten Publizisten Marsilius und Johann von Jandunum es taten. Denn diese hatten in ihren Traktaten nachgewiesen, daß die Krönung durch den Papst keinen höheren Wert für den rechtmäßig erwählten Kaiser habe als für den König von Frankreich der Segen, den ihm der Bischof von Reims zugeben pflegte; und daß nur durch Mißbrauch einer Zeremonie die Päpste sich ein Recht angeeignet hätten, welches ihnen nicht zukam. Sie forderten daher die Krönung durch das Volk als einen tatsächlichen Beweis, der die Ansprüche des Papsts niederschlug, und Ludwig überließ mit kühnem Entschluß den Römern die Entscheidung über das Kaisertum.

Seine demokratische Krönung war ein prächtiges, in Rom unerhörtes Schauspiel. Am Morgen des 17. Januar 1328 zog er mit seiner Gemahlin in weißem Atlasgewand, auf weißem Roß, in unabsehbarem Zug von S. Maria Maggiore nach dem St. Peter. Die Prozession eröffneten 52 Bannerträger zu Pferde und Scharen fremder Ritterschaft. Vor dem Könige trug ein Richter das Buch der Reichsgesetze und der Präfekt Manfred von Vico das entblößte Schwert. Sein Roß führten die Krönungssyndici Sciarra Colonna, Jakob Savelli, Petrus de Montenero von den Annibaldi und der Kanzler der Stadt, alle in goldschimmernde Gewänder gekleidet. Es folgten die Zweiundfünfzig-Männer, die Körperschaften Roms, die schismatischen Geistlichen, die Barone und die Städteboten. Der Geschichtschreiber Villani, welcher diesen Krönungszug geschildert hat, bemerkt nur flüchtig einige hergebrachte Feierlichkeiten im St. Peter, doch wurde der Ritus ohne Zweifel genau beobachtet und Ludwig auch zum Domherrn eingekleidet. Die üblichen Gebetformeln sagten Geistliche her. Nach dem Ritual sollte der Pfalzgraf des Lateran den Kaiser während der Salbung unterstützen und die Krone in die Hände nehmen, wenn er sie ablegte; da er nicht anwesend war, schlug Ludwig den Herzog Castruccio zum Ritter und ernannte ihn zum Pfalzgrafen des Lateran wie zum Bannerträger des Römischen Reichs. Die Salbung vollzog der Bischof Alberti von Venedig, der in Pisa zu Ludwig gekommen war, nebst dem Bischof Gerhard von Aleria, worauf ein römischer Edler dem Könige im Namen des Volks die Krone aufs Haupt setzte. Dies war der berühmte Sciarra Colonna, damals der erste Mann Roms, in dessen Geschichte er seit einem Menschenalter als Parteihaupt, Senator, Volkskapitän, Podestà und Feldhauptmann in vielen Städten unter merkwürdigen Schicksalen so bedeutend geworden war. Wer kannte diesen jetzt alternden Römer nicht aus den Tagen Bonifatius' VIII.? Vor 25 Jahren stand er im brennenden Palast zu Anagni, das Schwert auf die Brust eines Papsts gezückt, jetzt im St. Peter die Krone des Reichs haltend, um sie auf das Haupt eines deutschen Königs zu setzen, der zum erstenmal in der Geschichte dies heilige Diadem aus den Händen eines Abgesandten des Volks empfing. Während dieses Akts mußten viele strenge Ritter im Gefolge Ludwigs und der Kaiser selbst von manchem Zweifel beunruhigt werden. Doch bald bekannte er mit Entschiedenheit, daß er in Rom durch sein römisches Volk das Kaiserdiadem und das Zepter rechtmäßig empfangen habe. »Auf diese Weise«, so sagte der Zeitgenosse Villani voll Staunen, »ward Ludwig der Bayer durch das Volk Roms zum Kaiser gekrönt, zum großen Schimpf und Trutz des Papsts und der heiligen Kirche. Welche Anmaßung des verdammten Bayern! Nirgend findet sich in der Geschichte, daß ein Kaiser, und war er früher oder später dem Papst noch so sehr feind, sich von jemand anderem als von ihm oder seinen Legaten krönen ließ, mit alleiniger Ausnahme dieses Bayern; und diese Tatsache erregte große Verwunderung.«

Um seine Rechtgläubigkeit kundzutun, ließ Ludwig gleich nach der Krönung drei Edikte verlesen: über den katholischen Glauben, die Ehrfurcht gegen die Geistlichkeit und den Schutz der Witwen und Waisen. Nach der Messe hielt er den Krönungszug, nicht nach dem Lateran, sondern wie einem Kaiser von Gottes Gnaden geziemte, nach dem Kapitol. Die Römer begleiteten den ersten Kaiser, welchen sie selbst erwählt und gekrönt hatten, mit Freudengeschrei. Erst am Abend erreichte der Zug das Kapitol, wo im Palast und auf dem Platz ein Bankett für Adel und Volk gerüstet war. Das kaiserliche Paar blieb die Nacht im Senatorenpalast. Am folgenden Morgen ernannte Ludwig den Herzog Castruccio zum Senator und zog dann mit großem Gepränge nach dem Lateran, wo er seine Wohnung nahm.

Wenn der Kaiser sofort gegen Neapel aufgebrochen wäre, so hätte er dieses Land, nach dem Urteile Villanis, mit dem zahlreichen Heer, welches er damals besaß, ohne Mühe erobern können. Aber die leidenschaftlichen Maßregeln wider den Papst, wozu ihn seine Umgebung drängte, ließen ihn die kostbarste Zeit versäumen, und ein unglücklicher Zufall beraubte ihn seines tätigsten Generals. Denn Pistoja fiel am 28. Januar in die Gewalt des für Karl von Kalabrien in Florenz befehlenden Feldhauptmanns Philipp de Sangineto; und dies trieb Castruccio eilig nach Lucca zurück. Am Hof des Kaisers war er der angesehenste Mann, mit Ehren überhäuft, sein Feldherr und Ratgeber, die Seele seiner Unternehmungen und im Königreich Neapel mehr gefürchtet als das ganze Heer Ludwigs. Castruccio verließ Rom am 1. Februar mit 500 Reitern und 1000 Bogenschützen, auf den Kaiser grollend, weil er ihn aus Toskana entfernt hatte. Seine Abwesenheit minderte die Macht und lähmte auch die Entschlüsse Ludwigs. Er ernannte jetzt zu Senatoren Sciarra Colonna und Jakob Savelli.

Nach dem Abzuge des Herzogs schickte der Kaiser einen Reiterhaufen gegen das guelfische Orvieto. Dem Tyrannen Viterbos, der ihn bereitwillig aufgenommen hatte, erpreßte er durch die Folter 30 000 Goldgulden, worauf er ihn in die Engelsburg warf. Geldnot, die unausbleibliche Begleiterin und die Furie jedes Romzugs, trieb Ludwig zur Gewalttätigkeit. Die Römer klagten, daß er um Mord Gebannte für Geld in die Stadt aufnehme; daß seine Krieger Lebensmittel vom Markte nähmen, ohne sie zu bezahlen; denn die Teuerung war groß. Am 4. März kam es sogar zum offenen Aufstand; man kämpfte erbittert an der Inselbrücke; Barrikaden wurden aufgeworfen. Voll Argwohn verstärkte Ludwig die Besatzung der Engelsburg, rief die Truppen von Orvieto ab und ließ sie im Borgo lagern. Hinrichtungen vermehrten den Groll. Auch fehlte es nicht an Verrätern. Der Kanzler Angelo Malabranca zog sogar neapolitanisches Kriegsvolk nach Astura, worauf die Kaiserlichen seine Paläste in der Stadt zerstörten und Astura im Sturm nahmen. Das Schlimmste war, daß Ludwig sich wie Heinrich VII. gezwungen sah, eine Zwangsteuer auszuschreiben: 10 000 Goldgulden mußten die Juden, ebensoviel die Geistlichkeit, andere 10 000 die Laien aufbringen. Dies erbitterte das ganze Volk.

Unterdes richtete Johann XXII. eine unglaubliche Menge von Prozessen gegen den Kaiser, der mit so unerhörter Kühnheit so beispiellose Erfolge errungen hatte. Er erklärte seine Krönung durch das Volk wie seine Ernennung zum Senator für null und nichtig, verhängte das Anathem über ihn und predigte wider ihn das Kreuz. Er erhob auch gegen die Römer Prozeß und forderte sie auf, sich bis zu einem bestimmten Termin der Kirche zu unterwerfen und den Bayern aus der Stadt zu treiben. Der Haß erreichte in beiden Lagern eine Höhe, wie nur immer in den Tagen Gregors IX. Schon seit dem Einzuge Ludwigs hatte eine förmliche Religionsverfolgung in Rom begonnen. Marsilius von Padua war, den Grundsätzen der Monarchisten gemäß, vom Kaiser zum geistlichen Vikar in der Stadt ernannt worden an Stelle des Bischofs von Viterbo; er hatte den Klerus Roms unter Syndici gestellt, sowohl um von den Priestern den Gottesdienst in den Kirchen zu erzwingen, als um die Erwählung eines Gegenpapsts vorzubereiten. Man quälte Geistliche, die sich weigerten, Messe zu lesen; man setzte einen Augustinerprior sogar in der kapitolischen Löwengrube aus. Marsilius und Johann von Jandunum schlugen Anklageschriften wider den Papst an die Kirchentüren. Die Minoriten predigten, daß Johann XXII. ein Ketzer sei, und es war nicht schwer, diese Ansicht beim Volk zur Geltung zu bringen. Man sagte sich in Rom, daß der Günstling Roberts durch Simonie die Tiara erlangt habe, daß er aus Streitsucht Italien in Krieg, durch Irrlehren die Kirche in Spaltung gestürzt habe; daß er wider Pflicht und Recht in Avignon verbleibe und das Reich auf Frankreich übertragen wolle. Ein Papst sei aufzustellen, welcher der Kirche den Frieden und der Stadt Rom den Heiligen Stuhl zurückgebe. Ludwig selbst überließ diese Sache dem Willen des Senats und Volks; und wie er dessen Recht auf die Kaiserkrönung anerkannt hatte, so gab er ihm auch das Urteil über den Papst frei.

Um den großen Schlag einzuleiten, versammelte er am 14. April ein Parlament auf dem St. Petersplatz. Hier ließ er drei Edikte verlesen: jeder der Ketzerei und der beleidigten Majestät schuldig Befundene ist ohne weitere Vorladung dem Gericht verfallen; kein Notariatsakt hat ohne die Bezeichnung der Epoche des Kaisers Ludwig Gültigkeit: alle, welche Rebellen wider den Kaiser Hilfe leisten, sind auf das strengste zu bestrafen. Unterdes untersuchte man in Zusammenkünften von Geistlichen und Laien die Rechtgläubigkeit Johanns XXII. und fand, daß dieser Papst ein Ketzer sei. Man setzte darüber Beschlüsse auf, welche die Syndici beider Stände an den Kaiser brachten, mit der dringenden Bitte, kraft seiner höchsten Rittergewalt gegen diesen Ketzer einzuschreiten. Ludwig versammelte hierauf am 18. April ein zweites Parlament. Rednerpulte standen auf hohen Bühnen über der Treppe des St. Peter; umgeben von seinen Großen, seinen Geistlichen und Scholastikern und von den Magistraten des Kapitols ließ sich dort der Kaiser auf dem Throne nieder, die Krone auf dem Haupt, Weltkugel und Zepter in den Händen. Nie war in Rom etwas gesehen worden, was diesem kaiserlich-demokratischen Schauspiele glich. Herolde geboten dem wogenden Volk Stille: ein Franziskanermönch bestieg die Rednerbühne und rief dreimal mit lauter Stimme wie im Turnier: »Ist hier ein Mann, welcher den Priester Jakob von Cahors, der sich Papst Johann XXII. nennen läßt, verteidigen will?« Alles schwieg. Sodann hielt ein deutscher Abt eine lateinische Rede an das Volk und verlas den kaiserlichen Spruch, welcher Jacques von Cahors als Ketzer und Antichrist aller seiner Würden für abgesetzt erklärte. Dies Aktenstück, die Erwiderung des Kaisers auf seine eigene Entsetzung durch den Papst, war das Werk des Marsilius und des Ubertinus von Casale. Ludwig, ein Kriegsherr ohne Bildung, begriff nichts von den theologischen Fragen der Kirche, aber er benutzte die Streitigkeiten der Mönche, um einen Grund für die Ketzerei und folglich für die Absetzung Johanns zu haben. Denn alle übrigen Anklagen (und deren gab es begründete genug, die Anmaßung beider Gewalten, die Verneinung der rechtmäßigen Wahl Ludwigs, die Beleidigung der kaiserlichen Majestät, die Aufhäufung unermeßlicher Schätze durch Plünderung der Kirchen und Verkauf geistlicher Stellen, der sträflichste Nepotismus, die Verwirrung Italiens durch Krieg, das Interdikt gegen Rom, die Residenz in Avignon) konnten die Absetzung nicht begründen. Ludwig sprach diese aus, indem er erklärte, daß er von den Syndici des Klerus und Volks bestürmt worden sei, gegen Jakob von Cahors als Ketzer einzuschreiten und nach dem Beispiele Ottos I. und anderer Kaiser Rom einen rechtmäßigen Papst zu geben. Er stellte sich demnach nur als Vollstrecker jener Urteile dar und sprach über Johann XXII. als einen der Ketzerei und beleidigten Majestät Schuldigen auf Grund der kaiserlichen Edikte auch ohne Vorladung die Absetzung aus. Dies Verfahren war die tatsächliche Durchführung der Theorien der Monarchisten und Reformatoren, welche den Grundsatz aufgestellt hatten, daß der Papst gerichtet und gestraft werden könne, daß sein Richter das Konzil und der Kaiser sei, als Schirmvogt der Kirche und als Inhaber der Richtergewalt überhaupt, und daß ein Papst, der, vom rechtmäßigen Glauben abgewichen, keine Schlüsselgewalt mehr habe, daher nicht allein von Geistlichen, sondern auch von Laien abgesetzt werden dürfe. Auch frühere Kaiser hatten Päpste ab- und eingesetzt, aber unter den Formen des Rechts und auf Grund förmlicher Konzilienbeschlüsse. Ludwig selbst hatte einige Jahre zuvor wider Johann XXII. an ein Generalkonzil appelliert; aber konnten das kapitolische Parlament und eine Anzahl von schismatischen Priestern die Tribunale bilden, den Papst zu richten? Die römische Geistlichkeit, die Domherren der großen Basiliken und so viele andere Kleriker waren nicht vertreten, weil sie Rom längst verlassen hatten. Die Absetzung erregte daher sofort Zweifel oder Unwillen bei allen Verständigen und nur Jubel bei den Maßlosen und dem neuerungssüchtigen Volk. Der Pöbel schleppte alsbald eine Strohpuppe durch die Straßen Roms und verbrannte in diesem Bilde den Ketzer Johann XXII. auf einem Scheiterhaufen. Es war indes nicht das Dogma der Armut Christi, sondern ein anderes, gegen welches sich der Papst in den Augen der Römer als Ketzer versündigt hatte: er blieb in Avignon und er verachtete Rom, die heilige Stadt, welche nach der Lehre der Ghibellinen das von Gott auserwählte Volk umschloß, in dessen Mitte das Priestertum und das Kaisertum ihren ewigen Sitz haben sollten.

Die kühne Tat eines Colonna zeigte dem Kaiser, daß er in Rom selbst auf Widerstand stoßen würde; und hier war die guelfische Partei im Adel keineswegs ganz niedergebeugt. Jakob, ein Kanonikus des Lateran, erschien am 22. April, von vier maskierten Männern begleitet, vor S. Marcello, zog die Bannbulle Johanns XXII. hervor, las dies Aktenstück, welches bisher niemand zu veröffentlichen gewagt hatte, vor mehr als 1000 versammelten Menschen, protestierte gegen die Sentenz Ludwigs und die Beschlüsse der Syndici, erklärte sie für nichtig, erbot sich, dies mit seinem Schwert gegen jedermann zu erhärten, heftete hierauf die Bulle an die Türen der Kirche, bestieg sein Pferd und ritt durch die Stadt unaufgehalten nach Palestrina zurück. Der junge Colonna war ein Sohn Stefans und zur Zeit von dessen Verbannung in Frankreich geboren, mit einer Stiftstelle im Lateran ausgestattet wie viele Söhne des Adels und damals päpstlicher Kaplan. Sein Vater, einst so eifrig im Dienste Heinrichs, war nicht vor dem Angesicht Ludwigs erschienen. Während sein Bruder Sciarra der erste Mann an dessen Hofe war, blieb Stefan auf seinem neu erbauten Schloß zu Palestrina. Seine kluge Zurückhaltung sicherte ihm und seinem Hause eine glänzende Zukunft; er blieb mit dem Könige Robert und mit Johann XXII. in den freundlichsten Verhältnissen, zumal die meisten seiner Söhne die geistliche Laufbahn gewählt hatten.

Am 23. April berief der Kaiser die Vorsteher des Volks nach dem Vatikan. Diese Versammlung faßte den Beschluß, daß fortan jeder Papst in Rom wohnen und die Stadt nicht über drei Sommermonate, nicht über zwei Tagereisen hinaus und niemals ohne Erlaubnis der Römer verlassen dürfe; wenn er wider das Verbot handle und nach dreimaliger Aufforderung des Klerus und Volks nicht zurückgekehrt sei, so solle er seines Amts verlustig sein – ein sinnloses Dekret, welches das Oberhaupt der Kirche in die Stellung eines Podestà herabsetzte. So groß war die Erbitterung des Kaisers, daß er am 28. April sogar das Todesurteil über Johann XXII. als Ketzer und Majestätsverbrecher aussprach.

Den logischen Abschluß aller dieser Handlungen machte die Erhebung eines neuen Papstes. Die schismatischen Minoriten forderten dazu einen Mann aus ihrer Mitte, einen Bekenner der Armut, wie Cölestin V. es gewesen war, und zum zweitenmal sollte durch ein solches Ideal das prophetische Reich des St. Franziskus verwirklicht werden. Man bot die Tiara einem Ordensbruder, doch dieser entsetzte sich dessen und entfloh. Ein anderer zeigte sich minder gewissenhaft. Dies war Petrus Rainalducci aus Corvaro bei jenem Aquila, wo einst der Schauplatz des Heiligen vom Morrone gewesen war. Er lebte als Minorit im Kloster Aracoeli; man nannte ihn einen unbescholtenen Mann, doch seine Laufbahn zeigte, daß er zur schwierigen Aufgabe des Gegenpapsts unfähig war. Der einfältige Mönch wurde in einer Versammlung von Priestern und Laien zum Papst gewählt. Am 12. Mai versammelten sich die Römer auf dem St. Petersplatz, wo noch über der Treppe des Doms die Gerüste der früheren Szenen aufrecht standen. Der Kaiser ließ den Gewählten unter seinem Baldachin Platz nehmen, und Fra Nicolaus von Fabriano hielt eine Rede auf den Satz: »Petrus, zu sich zurückgekehrt, sprach: der Engel Gottes ist gekommen und hat uns aus der Hand des Herodes und aller Parteien der Juden befreit.« Hierauf fragte der Bischof von Venedig dreimal von der Bühne herab, ob das Volk Fra Pietro von Corvaro zum Papst annehmen wolle. Man antwortete mit Ja, obwohl man auf einen Römer gehofft hatte. Der Bischof las das kaiserliche Bestätigungsdekret; der Kaiser erhob sich, proklamierte Nikolaus V., steckte ihm den Fischerring an den Finger, bekleidete ihn mit dem Mantel und ließ ihn zu seiner Rechten niedersetzen. So saßen vor den erstaunten Römern ein Kaiser, den sie selbst gekrönt, und ein Papst, den sie selbst gemacht hatten. Man zog in den Dom, wo man einen feierlichen Gottesdienst veranstaltete. Der Bischof von Venedig salbte den Gegenpapst, und der Kaiser setzte ihm mit eigener Hand die päpstliche Krone aufs Haupt. Ein Bankett beschloß diese tumultuarische Festlichkeit.

Friedrich II., nach dem Geständnis der Kirche ihr furchtbarster Feind, durfte jetzt in ihren Augen als ein sehr gemäßigter Mann erscheinen, verglich sie ihn mit Ludwig dem Bayern; denn dieser wagte, was jener große Kaiser nicht gewagt hatte: er bedrängte die Kirche mit dem Schisma, welches sie seit 150 Jahren nicht mehr erfahren hatte. Mit unglaublicher Kühnheit gab er dem Streit zwischen Kaisertum und Papsttum eine demokratische Wendung. Er verneinte alle jene kanonischen Artikel von der Oberhoheit des Papsts, welche die Habsburger anerkannt hatten. Wie sich einst die Päpste mit der Demokratie verbunden hatten, um die Kaiser zu bekämpfen, so berief sich Ludwig (und das ist für Rom die wichtigste Tatsache seiner Geschichte) auf das demokratische Prinzip von der Majestät des römischen Volks. Er nahm die Krone aus dessen Händen; er gab ihm auch das Recht der Papstwahl wieder. Nachdem er alle Kardinäle für Ketzer erklärt hatte, ließ er den Papst von Geistlichen und Laien »nach altem Gebrauch« erwählen und bestätigte und krönte ihn dann aus kaiserlicher Macht. Nach dem Tode Clemens' V. hatte Dante in seinem Mahnbrief an die Kardinäle zu Avignon ausdrücklich anerkannt, daß sie allein das Recht der Papstwahl besäßen, und keine Stimme hatte sich damals in dem papstlosen Rom vernehmen lassen, daran zu erinnern, daß diese Wahl ehemals beim römischen Volke gewesen war. Erst durch die Revolution unter Ludwig wurde diese Erinnerung, doch nur gewaltsam, wachgerufen.

Diese gründliche Umwälzung war die Folge des Verbleibens der Päpste in Avignon, die Wirkung des durch Johann XXII. so sinnlos heraufbeschworenen Streites mit dem Reich und der reformatorischen Grundsätze von der Monarchie, mit denen sich das Schisma der Franziskaner verbunden hatte. Die gewaltsamen Handlungen Johanns und Ludwigs, ihre langwierigen Prozesse, die weitläufigen Untersuchungen über die kaiserliche und päpstliche Gewalt bildeten den Schluß jenes mittelalterlichen Kampfes, der sich in ein geistigeres Gebiet hinüberzog. Das Zeitalter der Reformation begann; die kirchliche Trennung Deutschlands von Italien kündigte sich in der Ferne an, und sie wurde unausbleiblich, sobald sich die politische vollzogen hatte. Beide Gewalten, die weltgeschichtlichen Ordnungen des Mittelalters, die sich noch zum letztenmal miteinander maßen, waren indes nur noch die Schatten ihrer eigenen Vergangenheit. Nach dem Sturze Bonifatius' VIII., nach der Niederlage durch die französische Monarchie, nach der Flucht in einen Winkel der Provence hatte das Papsttum seine weltgebietende Majestät für immer eingebüßt. Nach dem Falle der Hohenstaufen, nach der Preisgabe des Reichs durch die Habsburger, nach dem verunglückten Zuge Heinrichs VII. war auch das Kaisertum hingeschwunden, und Ludwig der Bayer, der es zu einer Investitur des Kapitols erniedrigt hatte, raubte der Krone Karls des Großen in den Augen aller derer, die noch an die alte Reichshierarchie glaubten, den letzten Schimmer ihrer Herrlichkeit. Es ist sehr merkwürdig, daß bald nach der Zeit, wo Dante das römische Kaisertum in seiner höchsten Idealität verherrlicht hatte, eben dieses Kaisertum unter Ludwig und dessen Nachfolgern tatsächlich zum tiefsten Grade seiner Entheiligung heruntersank.

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