Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 292
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
Schließen

Navigation:

3. Die ghibellinischen Lager nach Heinrichs Tode. Macht des Königs Robert. Clemens V. erklärt sich zum Gebieter des vakanten Reichs. Sein Tod. Seine Unterwürfigkeit unter Frankreich. Aufopferung der Tempelherren. Der Prozeß Bonifatius' VIII. beendigt. Die Kardinäle, ihr internationaler Widerspruch, ihr zersprengtes Konklave in Carpentras. Johann XXII. Papst. Ludwig der Bayer und Friedrich der Schöne. König Robert regiert Rom. Folgen der Abwesenheit des Papsts für die Stadt.

Der Romzug Heinrichs VII. hatte dem Parteikampfe neue Nahrung gegeben und ihn unheilbar gemacht. Obwohl die Ghibellinen in eine sehr üble Lage geraten waren, so hielten sie dennoch an vier Punkten Italiens die kaiserliche Fahne aufrecht: auf Sizilien, wo Friedrich stark genug war, Robert abzuwehren; in Pisa, wo Uguccione della Faggiola sich mit Kraft behauptete und bald sogar Lucca unterwarf; und in der Lombardei, wo zu Mailand auf den Trümmern des Hauses della Torre der kluge Mattheus Visconti von Heinrich war erhoben worden, während in Verona durch die Gunst desselben Kaisers die Familie der Scaliger emporstieg und jetzt in dem jungen Cangrande della Scala, dem Beschützer Dantes, ein berühmtes Haupt gewann. Diese ghibellinischen Lager setzten dem Könige von Neapel noch eine Schranke und hinderten ihn, ganz Italien unter sein Zepter zu bringen; denn die guelfischen Städte anerkannten fast alle seine Oberherrlichkeit; selbst Florenz hatte ihm schon im Juni 1313, aus Furcht vor dem Kaiser, die Signorie gegeben, so daß diese Republik durch königliche Vikare regiert wurde.

Fern von Italien und vom Könige Frankreichs abhängig, warf sich Clemens V. in die Arme Roberts, dessen ehrgeizige Absichten er rückhaltlos unterstützte. Er überhäufte ihn mit Würden und Rechten. Er belieh ihn mit Ferrara und machte ihn im Herbst 1313 auch zum Senator in Rom. Hier aber geboten jetzt dieselben Orsini, welche bei der Ankündigung des zweiten Heerzugs Heinrichs sich bereits zur Flucht gerüstet hatten. Ihre Gegner hatten zum Teil die Stadt verlassen, und diese, ohne Widerspruch in der Gewalt der Guelfen, huldigte jetzt Robert und empfing als dessen Vikar Ponzello Orsini auf dem Kapitol. Rom wurde seither einige Jahre lang durch Stellvertreter des Königs von Neapel regiert, wie zur Zeit Karls von Anjou. Der Papst begnügte sich nicht mit diesen Gunstbezeugungen gegen seinen dienstbaren Vasallen. Als ob er der Gebieter des Reiches sei, erklärte er durch eine Bulle am 14. März 1314 die von Heinrich VII. über Robert verhängte Acht für nichtig. In bezug auf jene Weigerung des Kaisers, seine Gelöbnisse an die Kirche als einen Treueid anzuerkennen, hatte Clemens V. die Erklärung erlassen, daß der Schwur der römischen Könige in der Tat ein Vasallen- oder Treueid sei; woraus der Grundsatz folgte, daß der Papst als der wahre Oberherr des Reichs die Befugnis habe, dessen Verwaltung während der kaiserlichen Vakanz an sich zu nehmen. Clemens ernannte demnach den König Robert auch zum Reichsvikar Italiens unter der Bedingung, zwei Monate nach der Bestätigung des neuen Königs der Römer von diesem Vikariat zurückzutreten. Die clementinischen Dekrete erhoben zum kanonischen Recht, was frühere Päpste seit Innocenz III. nur als Ansichten ausgesprochen hatten. Sie waren der folgerichtige Abschluß aller bisherigen Eingriffe in die Reichsgewalt, und so war das Papsttum an einem Ziele angelangt, über welches es nur vorschreiten konnte, wenn es fortan auch den Kaiser ohne weiteres ernannte. Ein heftiger Widerstreit erhob sich unter allen Anhängern des Reichs in Deutschland wie in Italien und rief alsbald neue Kämpfe in den Sphären des Staatsrechts und der politischen Welt hervor.

Clemens V. starb indes schon am 20. April 1314 zu Roquemaure in Languedoc, von niemand betrauert als von seinen Nepoten und Günstlingen, von der Mit- und Nachwelt als ein Papst angeklagt, welcher durch Simonie auf den Heiligen Stuhl kam, sich zum Diener des französischen Königs hergab, das Papsttum aus Rom, seinem geheiligten Sitz, in die französische Gefangenschaft verpflanzte und das Kardinalskollegium mit Franzosen anfüllte, wodurch der erste Grund zu dem späteren Schisma gelegt wurde. Es trifft ihn der noch härtere Vorwurf, daß er durch übermäßigen Nepotismus wie durch habgierige Anhäufung von Schätzen mit verwerflichen Mitteln jene Mißbräuche in der Kirche eingeführt hat, welche die Epoche Avignons so verrufen gemacht haben. Von allen Handlungen dieses Gascogners voll List und unredlicher Politik hat nichts einen so tiefen Eindruck in der Erinnerung der Menschheit zurückgelassen als die durch ihn auf dem Konzil zu Vienne gebotene Aufhebung des Ordens der Tempelherren. Clemens war gezwungen, der Habsucht des Königs Philipp diese reichen Ritter aufzuopfern, um für solchen Preis die Kirche von der öffentlichen Beschimpfung zu retten, welche das Urteil auf sie würde geworfen haben, daß Bonifatius VIII. ein Ketzer gewesen sei. Denn Philipp forderte das, und Clemens V., welcher sich beeilt hatte, die berüchtigte Bulle Unam Sanctam in bezug auf Frankreich aufzuheben, hatte in die Fortführung des geräuschvollen Prozesses gegen jenen Papst einwilligen müssen. Auf dem Vienner Konzil wurde anerkannt, daß Bonifatius VIII. katholisch gestorben sei, jedoch alle seine gegen Frankreich gerichteten Akte wurden vernichtet, und der König errang einen vollständigen Sieg. Die Aufhebung des Templerordens, einer der ruhmvollsten Gesellschaften geistlicher Natur, welche mit der vornehmsten Aristokratie Europas verzweigt war, hatte übrigens, von ihren Veranlassungen abgesehen, als Tatsache selbst eine sehr tiefe Bedeutung für die Richtung der Zeit; sie war ein Bruch mit den hierarchischen Einrichtungen des Mittelalters, wodurch eine neue Epoche verkündet wurde. Der Vergleich mit der in viel späteren Zeiten durch den Papst befohlenen Aufhebung des Ordens Jesu liegt nahe.

Dreiundzwanzig Kardinäle befanden sich in Carpentras, wo Clemens Hof gehalten hatte und demnach das Konklave stattfinden mußte; davon waren vierzehn Franzosen, die übrigen Italiener, nämlich Guglielmo Longhi von Bergamo, Nicolaus Alberti von Prato, Jacobus und Franciscus Gaëtani von Anagni, Lucas Fieschi, Petrus und Jacobus Colonna und Napoleon Orsini. Die letzten drei waren aus der Zeit Bonifatius' VIII. weltbekannt. Die Erbfehde ihrer Häuser wie der Streit um den Prozeß jenes Papsts teilte sich auch diesen Kardinälen mit, von denen die Colonna aus Dankbarkeit gegen König Philipp wie aus Haß gegen die Gaëtani ursprünglich französisch gesinnt waren. Aber die schwierige Lage, in welche das Konklave in Frankreich die Italiener überhaupt versetzte, machte sie in ihren nationalen Ansichten einig. Die Gascogner verlangten einen gascognischen, die Franzosen einen französischen Papst, welchen Philipp der Schöne um jeden Preis in seiner Abhängigkeit festhalten wollte, und die italienischen Kardinäle begehrten ihre Schuld an der Erhebung Clemens' V. durch die Wahl eines Mannes wiedergutzumachen, welcher das Papsttum aus den Banden Frankreichs befreite und seinen Sitz in Rom nahm. Alle Elemente zu einem nationalen Schisma waren bereits vorhanden. Der edle Dante erhob jetzt als Patriot seine Stimme; er forderte die Kardinäle auf, den Gascognern mit Einigkeit zu widerstehen und dem verwaisten Rom den Papst zurückzugeben, wie er einst die Italiener ermahnt hatte, der Stadt den Kaiser wiederzugeben. Er hielt Rom für den durch die göttliche Vorsehung bestimmten Sitz beider Gewalten und für möglich, daß Kaiser und Papst dort friedlich nebeneinander wohnen könnten – eine Ansicht, welche die Geschichte bis auf diesen Tag entweder geradezu verneint oder doch nicht zur Wirklichkeit hat werden lassen.

Das Konklave war von so großer Wichtigkeit, daß diese überall anerkannt wurde. Es entschied eine ganze Zukunft. Es barg in sich das Schisma. Wenn ein Italiener als Papst hervorging, so würde er seinen Sitz in Rom genommen haben; wenn ein Franzose, so mußte sich das päpstliche Exil notwendig verlängern. Napoleon Orsini, Dekan des heiligen Kollegium, schrieb bald nach dem Tode Clemens' V. einen merkwürdigen Brief an König Philipp; er sprach darin offen die verzweifelte Stimmung der Italiener und ihren Haß gegen das Andenken des eben verstorbenen Papstes aus, durch den sie einst so gröblich waren getäuscht worden. Er stellte Clemens V. als einen der schlechtesten Päpste dar, welcher Würden und Kirchengüter für Geld verkauft oder seinen Nepoten hingegeben habe und durch dessen Schuld Rom, der Kirchenstaat und Italien in Ruin gesunken seien. Dieser Kardinal erhob bereits dieselben Klagen über die Mißhandlung Italiens durch den französischen Papst und das Mißregiment raubgieriger französischer Rektoren im Kirchenstaat, von denen fünfzig Jahre später das empörte Land widerhallte. Der König nahm auf diese Klagen keine Rücksicht; sie steigerten überhaupt nur den Nationalhaß der Gascogner und Franzosen.

Das erste förmliche Konklave, welches in Frankreich gehalten wurde, vermehrte die merkwürdige Geschichte der Papstwahlen mit Szenen wildester Gewalttätigkeit, und es befreite die Römer von dem Vorwurf, daß nur unter ihnen und durch ihre Schuld solche Frevel stattfänden. Am 24. Juli 1314 überfielen die Nepoten Clemens' V., Bertrand de Got und Raimund, mit einem Schwarm von Gascognern das Konklave in Carpentras; sie warfen Feuer in den Palast und die Stadt; die italienischen Kardinäle entrannen nur durch schnelle Flucht dem ihnen angedrohten Tode. Die Folge dieses Vorganges war die Zerstreuung der Wähler und das lange Verzögern der Neuwahl, welche Philipp der Schöne selbst nicht mehr erlebte, denn dieser König starb am 29. November 1314. Auch sein Sohn und Nachfolger, Ludwig X., bemühte sich fruchtlos, die Wahl zustande zu bringen; er selbst starb schon am 5. Juli 1316, während die hadernden Kardinäle durch seinen Bruder Philipp von Poitiers seit dem 28. Juni desselben Jahres zu Lyon gewaltsam im Konklave zusammengehalten wurden.

Am 7. August ging endlich ein neuer gascognischer Papst hervor. Es war Jacques Duèse aus Cahors, ein Mann von bürgerlicher Abkunft, eine kleine, unansehnliche und häßliche Greisengestalt, aber in allen Geschäften gewandt, unbeugsam, unermüdlich tätig, ein pedantischer Scholastiker. Er war der erklärte Günstling Roberts von Neapel, bei dessen Vater er bereits als Höfling und Kanzler sein Glück gemacht hatte. Durch Robert war er Bischof von Frejus, dann von Avignon geworden; und er war es hauptsächlich gewesen, welcher Philipp dem Schönen seine Hand zum Sturz der Templer geboten, aber auf dem Konzil zu Vienne die Schändung Bonifatius' VIII. voll Klugheit verhindert hatte. Seine Tätigkeit hatte darauf Clemens V. durch den Purpur belohnt, indem er ihn zum Kardinal von Portus machte. Robert ersah diesen listigen Prälaten zum Papst, in der Voraussicht, daß er gegen Friedrich von Sizilien, die Visconti in Mailand, die Pisaner und die Ghibellinen überhaupt kräftig einschreiten werde. Denn eben erst hatten diese durch den glänzenden Sieg Ugucciones della Faggiola bei Montecatini (am 29. August 1315) über die vereinigten Guelfen und Neapolitaner unter der Führung zweier königlicher Prinzen ihre Macht hergestellt. Die Partei des Reichs, dessen Adler von der deutschen Soldbande siegreich war einhergetragen worden, drohte von neuem gewaltig zu werden, wie nach dem Tage bei Montaperti zu Manfreds Zeit. Gold bestach die unschlüssigen Kardinäle, auch Napoleon Orsini ward gewonnen, die französische Partei überlistet, und Robert erreichte seinen Zweck: der zweiundsiebzigjährige Kardinal bestieg als Johann XXII. den päpstlichen Thron und nahm nach seiner Weihe am 5. September in Avignon seinen Sitz. Bald genug zog er durch seinen heftigen Streit mit dem neuen Oberhaupt des Reichs die Aufmerksamkeit der Welt auf sich.

Im Reich hatte nach dem Tode Heinrichs die Luxemburger Partei dessen Sohn Johann von Böhmen zu erheben gehofft; als dies aber unmöglich geworden war, hatte sie Ludwig von Bayern aufgefordert, um die Krone zu werben, damit er sie dem Sohne Albrechts, Friedrich dem Schönen von Österreich, entziehe. Am 20. Oktober 1314 war Ludwig in einer Vorstadt Frankfurts von fünf Reichsfürsten zum König der Römer erwählt worden; doch einen Tag zuvor hatten die übrigen zwei Wahlherren, Köln und der Pfalzgraf vom Rhein, am andern Frankfurter Ufer Friedrich von Österreich gewählt. Die beiden Prätendenten kämpften seither jahrelang um die Krone, während Robert von Neapel seinen Einfluß auf den neuen Papst dazu benutzte, den deutschen Thronstreit in die Länge zu ziehen, um in dem gleich zerrissenen Italien Herr zu werden. Der König wie die Guelfen verlangten vom Papst, daß er entweder keinen Kaiser mehr anerkenne oder nur einen solchen bestätige, welcher für Italien unschädlich sei. Robert erklärte, daß das römisch-deutsche Reich überhaupt nur durch Gewalt und Unterdrückung entstanden sei und durch dieselben materiellen Ursachen untergehe. Er bestritt mit dieser Ansicht den ghibellinischen Grundsatz namentlich Dantes, welcher behauptete, das Römische Reich sei nicht durch irdische Gewalt, sondern durch einen Prozeß der göttlichen Vorsehung für alle Zeiten als Weltmonarchie eingesetzt. Er zeigte, daß der König Deutschlands, zum Könige der Römer erwählt, der naturgemäße Feind Frankreichs und Neapels werde und nur nach Italien komme, um die Ghibellinen aufzurichten; er protestierte überhaupt gegen den Gebrauch, die Könige der Römer aus den Deutschen zu wählen, welche Nationalität und Nationalhaß von Franzosen und Italienern unversöhnbar trenne.

Johann XXII. beeilte sich nicht, für den einen oder den andern deutschen Prätendenten sich auszusprechen, aber wohl das Reich für vakant zu erklären und die Bulle seines Vorgängers zu bestätigen, wodurch Robert zum Vikar in Italien ernannt worden war. Er begünstigte ausschließlich die Guelfen. Die Ghibellinen selbst spalteten sich; der deutsche Kronstreit wirkte nachteilig auf ihre Macht, denn einige anerkannten Ludwig, andere Friedrich, und beide Gegner wurden aufgefordert, nach Italien herabzukommen. Die Geschichte dieses Landes in jener Zeit ist tief verworren und unfruchtbar. Die Kämpfe zwischen beiden Parteien, die Unternehmungen Roberts in Sizilien und der Lombardei, der berühmte Krieg um Genua, die Taten des Matteo Visconti und des Cangrande oder jene des Castruccio Castracani, der nach dem Sturze Ugucciones della Faggiola Tyrann Luccas geworden war und die Florentiner in die äußerste Bedrängnis brachte, übten auf die Verhältnisse Roms kaum einen Einfluß aus. Hier sehnte sich das Volk, die Herrschaft Roberts abzuwerfen; doch selbst im Jahre 1315 und nach dem großen Ghibellinensiege bei Montecatini saß ein königlicher Vikar ruhig auf dem Kapitol. Die Erhebung Johanns XXII. sicherte dem Könige die Fortdauer des Senats, denn der neue Papst überließ ihm die Gewalt in Rom und machte ihn auch zum Generalkapitän des Kirchenstaats. Nach wie vor ernannte Robert seine Vikare auf dem Kapitol, in der Regel für sechs Monate. Sie waren teils Räte und Ritter seines Hofs, teils, und zwar in der größeren Mehrheit, römische Edle, welche dann bisweilen den Titel: »Senatoren der erlauchten Stadt« führten, ohne jedoch mehr als königliche Vikare zu sein. Boboni, Orsini, Annibaldi, Savelli, Conti, Stefaneschi und Colonna finden sich unter ihnen, und dies zeigt, daß Robert sich scheute, die städtische Aristokratie und das Nationalgefühl der Römer zu beleidigen. Die Stadt behauptete stets die freien Einrichtungen ihrer Republik, so daß sie in keinem andern Verhältnis zu Robert stand als Florenz, nachdem ihm dasselbe die Rectorgewalt übertragen hatte.

Das Leben des vom Papst verlassenen Rom in jenen Jahren ist für die Geschichte wertlos. Der Adel lag in fortdauerndem Familienkrieg in Stadt und Land, während sich der Papst und König Robert fruchtlos bemühten, die Parteien zu versöhnen. Im Herbst 1326 wurde der Vikar Jakob Savelli, der Sohn des berühmten Pandulf, mißliebig; die Syndici, Stefan Colonna und Poncello oder Napoleon Orsini, drangen mit Reiterei aufs Kapitol, bewogen den Vikar abzutreten, setzten ihn aufs Pferd und führten ihn davon. Das Volk belohnte diese energische Handlung mit der Ehre der Ritterschaft. Beide edle Herren mußten in Aracoeli das Bad in Rosenwasser nehmen und wurden dann von 28 Deputierten der Republik mit ihrer neuen Würde bekleidet. Der stolze Aristokrat Stefan schämte sich ihrer; er entschuldigte seine bürgerliche Ritterwürde, welche übrigens damals in fast allen Städten Italiens durch die Gemeinden erteilt zu werden pflegte, beim Papst, worauf ihm dieser artig antwortete, daß sein neuer Ritterstand die Ehren seines alten Hauses nur vermehren könne. So zeigten sich im Jahre 1326 Colonna, Orsini und der Papst in einem freundlichen Verhältnis zueinander, während König Robert fortfuhr, das Regiment in der Stadt zu führen. Aber die lange Abwesenheit des Papsttums wurde hier immer fühlbarer. Die Quellen des Wohlstandes versiegten. Die Straßen, die Kirchen, die Paläste verödeten. Raubgierige Barone bemächtigten sich der leerstehenden Wohnungen der Kardinäle, was der Papst, wahrscheinlich fruchtlos, verbot. Die Verwilderung war grenzenlos, Meuchelmord um Blutrache und gewaltsamen Raub tägliche Erscheinung; bewaffnete Banden überfielen die Häuser und plünderten sie. Mit dem rohen Adel wetteiferten die jungen Kleriker, meistens Söhne aus edlen Geschlechtern. Diese geistlichen Herren schweiften, ihrem Gewand zum Hohne, mit dem Schwert in der Faust durch die Straßen; sie nahmen an allen Händeln teil und begingen ungestraft Verbrechen jeder Art, da ihr Privilegium sie dem weltlichen Richter entzog. Immer dringender verlangte das Volk die Rückkehr des Papsts. Wenn den Römern dessen Anwesenheit oft lästig gewesen war, so wurde ihnen seine Entfernung jetzt zur Qual. Die flehentlichen Rufe der »verwitweten« Roma nach ihrem geistlichen Gemahl, den sie vor den Toren suchte wie Sulamit den Bräutigam, konnten jetzt im fernen Avignon die Päpste mit Genugtuung vernehmen; denn rächten sie selbst nicht durch ihre Weigerung, nach Rom zurückzukehren, die Leiden, die Flucht, das Exil und den Tod so vieler ihrer Vorgänger?

 << Kapitel 291  Kapitel 293 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.