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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 291
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Die Colonna besetzen den Vatikan. Die kaiserliche Besatzung abgerufen. Colonna und Orsini versöhnen sich. Flucht des Johann Savigny. Das Volk stürzt das Adelsregiment und macht Jakob Arlotti zum Kapitän. Dessen kraftvolles Regiment. Heinrich VII. wird vom Volk eingeladen, in Rom zu residieren. Clemens V. anerkennt die Demokratie in Rom. Velletri unterwirft sich dem Kapitol. Die Gaëtani in der Campagna. Sturz des Arlotti. Der Kaiser im Kampf mit Florenz. Seine Rüstung in Pisa wider Neapel. Drohende Bulle des Papsts. Heinrichs Auszug, sein Tod und dessen Folgen.

Der Fortgang des Kaisers brachte große Veränderungen in Rom hervor. Die toskanischen Guelfen verließen die Stadt gleichfalls am 20. August, um in ihr bedrohtes Vaterland heimzukehren, und auch der Prinz Johann zog nach Neapel ab, weil das die Boten des Papsts verlangt hatten. Der Parteikrieg hörte deshalb nicht auf: denn Colonna und Orsini maßen sich miteinander in täglichem Gefecht, und die Ghibellinen bekamen die Oberhand. Der Graf Hugo von Bucheck, welchen der Kaiser mit 300 Mann zurückgelassen hatte, und Stefan Colonna vermochten sogar in den Vatikan zu dringen, die Orsini daraus zu verjagen und den jetzt unwichtigen St. Peter zu besetzen, nach welchem der Kaiser so lange vergebens gestrebt hatte. Es lag indes keineswegs in den Wünschen des Papsts, daß die Ghibellinen in Rom herrschen sollten, noch wollte er überhaupt, daß in der Stadt eine kaiserliche Autorität zurückbleibe. Er verlangte vielmehr von Heinrich die Zurückziehung seiner Truppen, nachdem auch Robert die seinen abgerufen hatte. Ungern gab Heinrich nach, er rief Bucheck nach Toskana, und so sahen sich die Colonna vom Kaiser verlassen, während auch die Orsini murrten, daß sie Robert verlassen hatte.

Die Erkenntnis der Zwecklosigkeit ihres Parteikampfes machte jetzt Orsini und Colonna geneigt, sich miteinander zu vertragen. Die Großen ahnten ihr nahendes Schicksal: sie fürchteten, ihrer Privilegien durch das Volk verlustig zu gehen, welches während der Anwesenheit Heinrichs bereits so viel Beweise selbständigen Willens gegeben hatte. Die Aristokraten kamen überein, aller Fehde zu entsagen, durch wechselseitige Vermählungen sich zu verschwistern und endlich zu dem alten System zurückzukehren, wonach man zwei Senatoren aus beiden Parteien aufstellte. Johann von Savigny saß noch als Kapitän auf dem Kapitol, jetzt ohne jeden Schutz; die Colonna hinderten die Orsini nicht, diesen Vikar Heinrichs zu vertreiben, und Savigny brachte fliehend dem Kaiser, welcher im Lager zu S. Salvi bei Fiesole stand, die Kunde, daß Rom durch den Abfall seiner Anhänger für ihn verloren gegangen sei.

Jetzt wurde aus den Orsini Franciscus, Sohn des Mattheus vom Monte Giordano, aus den Colonna der tapfere Sciarra zum Senator gemacht, und die vom Kaiser verlassenen Bürger sahen sich wieder in der Gewalt jener übermütigen Großen, die nur ihren eigenen Vorteil im Auge hatten. Sie versammelten sich auf den Straßen, stifteten Frieden unter sich und erhoben im Gemeingefühl ihrer Not mutig die Waffen. Es zeigte sich, daß der Wille der Bürger unwiderstehlich war, so oft sie einmütig ein gleiches Ziel verfolgten. Eine Botschaft brachte die Forderung des Volks vor den Adel: Teilnahme am Regiment durch die selbstgewählten Obrigkeiten des Kapitäns und der Anzianen. Als dies abgelehnt wurde, griffen die Bürger das Kapitol mit solcher Wut an, daß die Senatoren widerstandslos entflohen. Demselben Volkssturm ergaben sich die wichtigsten Stadtburgen, das Kastell S. Angelo, die Milizen und die Tiberinsel. Unter jubelndem Freiheitsruf wurde Jakob, Sohn Johann Arlottis vom Haus der Stefaneschi aus Trastevere, zum Kapitän des Volks gemacht und auf das Kapitol geführt, wo man neben ihm den Gemeinderat von 26 Vertrauensmännern einsetzte. Arlotti bestieg sein Tribunal; er lud die Aristokraten vor sich, und sie erschienen. Die Häupter der Orsini, welche den Kaiser ungestraft hatten verhöhnen dürfen, standen jetzt zitternd vor dem Angesicht eines Volkskapitäns und nicht minder unterwürfig die berühmten Häupter der Colonna, die einst Bonifatius VIII. gestürzt und Heinrich VII. nach Rom geführt hatten. Gentilis, Poncellus, Poncelletus, der Exsenator Franciscus, der erlauchte Stefan, der gefürchtete Exsenator Sciarra, Jordan Colonna, die Saveller Johann und Petrus, Annibaldus Annibaldi und andere Edle wurden als Frevler am Volk in Ketten gelegt und in die Kerker des Kapitols geworfen. Nur durch vieles Flehen und gute Bürgschaft ließ sich Arlotti bewegen, diese Feinde der öffentlichen Wohlfahrt freizulassen, statt ihnen, wie er vielleicht besser würde getan haben, die Köpfe vor ihre Füße zu legen; er verwies sie aus der Stadt auf ihre Güter bei Todesstrafe, wenn sie ihren Bann überschreiten sollten.

Das Volk frohlockte über seinen ersten Sieg nach so langer und qualvoller Zeit. Ein anderer Brancaleone war auferstanden; und leicht mochte der neue Volkskapitän jenen berühmten Senator sich zum Beispiel nehmen. Ein gebildeter Geschichtschreiber dieser Zeit beklagte, daß Arlotti das Zerstörungsdekret gegen die Paläste wiederholte, welches einst der Graf von Andalò erlassen hatte, als er die Tyrannenmacht in der Stadt auszurotten beschloß. Das Volk stürmte die Burgen seiner Unterdrücker; es zerstörte den Turm Monzone am Ponte Rotto, und nur die Festigkeit der alten Quadersteine schützte die orsinische Engelsburg, das Grabmal Hadrians. Manches antike Monument, manche Zierde der Stadt fand damals den Untergang.

Die plötzliche Umwälzung in Rom glich durchaus jenen Aufständen, die sich in Florenz wiederholten, sooft dort das Volk den Adel vertrieb. Bürger und Handwerker herrschten jetzt als Wächter der Gesetze auf dem Kapitol; aber die junge Demokratie war sich ihrer Schwäche bewußt und eilte deshalb, sich unter den Schutz desselben Kaisers zu stellen, welchen der Adel nicht anerkannte. Durch ein Plebiszit ward Rom zur kaiserlichen Stadt erklärt und Heinrich aufgefordert, aufs Kapitol zurückzukehren und dort seinen Sitz für immer aufzuschlagen; nur sollte der römische Kaiser anerkennen, daß er seine Gewalt aus der Machtfülle des Volks empfangen habe. Dieser merkwürdige Beschluß entsprang sowohl der Verzweiflung der Bürgerschaft, welche für den Verlust des päpstlichen Hofs auf Ersatz durch den kaiserlichen und auf die Wiederherstellung des Friedens hoffte, als den ghibellinischen Ansichten vom Majestätsrecht der Stadt Rom. Er deutete auf Ereignisse in der nahen Zukunft, wo dieses munizipale Rechtsprinzip eine der seltsamsten Revolutionen hervorrief. Also lud das römische Volk den Kaiser ein, seinen Sitz in Rom zu nehmen; denn warum sollte er nicht hier seinen Thron aufstellen, da doch der Papst wider Recht und Pflicht aus der Stadt entfernt blieb? Was Heinrich den Römern antwortete, ist unbekannt: doch dies hatte ihn die Erfahrung gelehrt, daß den Kaiser in Rom nur das Schicksal der Päpste, und wohl ein schlimmeres, erwartete. Die lange Fortdauer des Exils in Avignon sah weder er noch irgendein Zeitgenosse voraus; man wußte wohl, daß der Papst über kurz oder lang zurückkehren müsse, denn nur als Bischof von Rom war er auch das Oberhaupt der Christenheit. Heinrich VII. hat nie im Ernst daran gedacht, Rom wieder zum politischen Haupt des Reichs zu machen. Wenn es ihm gelungen wäre, Toskana zu bewältigen, so würde er vielmehr dort, in Pisa oder in Florenz, seinen Kaisersitz genommen haben. Das scheint in der Tat seine Absicht gewesen zu sein. Aber die Anträge des römischen Volks waren ihm auch jetzt von Wichtigkeit; denn die Wiederherstellung seiner Autorität in Rom mußte ihm im Falle seines Kriegszuges gegen Neapel von hohem Werte sein.

Clemens V. eilte übrigens, die römische Umwälzung anzuerkennen, um das Volk nicht gegen sich aufzureizen. Zwar forderte er den Volkskapitän unter Androhung von Kirchenstrafen auf, Kastelle, die er im Patrimonium besetzt hatte, der Kirche zurückzugeben, aber er bestätigte ihn für ein ganzes Jahr als Senator und Kapitän am 10. Februar, nachdem ihn Boten der Römer darum ersucht hatten. Er sprach sogar offen seine Freude aus, daß durch die Bemühungen des Volks endlich ein friedlicher Zustand in Rom hergestellt sei. Clemens war klug und vorsichtig; er mischte sich nicht zu tief in die Angelegenheiten der Stadt; er erkannte hier vollendete Tatsachen, wenn nur das Prinzip der Oberhoheit der Kirche gewahrt wurde. Dies blieb die Politik der avignonesischen Päpste überhaupt, denen allen die Schwächung des Geschlechteradels willkommen war.

Arlotti regierte mit anerkennenswerter Kraft. Um die von den Orsini herbeigerufenen Neapolitaner fernzuhalten, setzte er sich mit den Ghibellinen der Campagna in Verbindung. Der Graf von Ceccano, dort das Haupt der kaiserlichen Partei, eroberte Ceprano am Liris, wo damals Kriegsvolk Roberts lag, und bekämpfte die Guelfen anfangs mit Erfolg. Velletri wurde in die Schutzverwandtschaft Roms aufgenommen und sogar zu einem Kammergut des Kapitols gemacht. Diese Stadt, stets kirchlich gesinnt, unter dem Schirm der Päpste und ihrer Bischöfe bisher sowohl von Baronen als vom Kapitol unabhängig, trat erst jetzt in dasselbe Verhältnis zu Rom, welches Tivoli seit Brancaleone eingegangen war. Die Velletraner empfingen fortan vom Kapitol ihren Podestà auf sechs Monate und einen andern Römer zu ihrem selbstgewählten Richter; sie schickten fortan Abgeordnete zu den öffentlichen Spielen Roms und brachten dem römischen Volk jährlich am Tage der Himmelfahrt Marias, einem der Heiligstenfeste der Stadt ( mezz' Agosto genannt), zwei Wachskerzen als Tribut dar; sie entzogen endlich, wie die Tivolesen, jedem Baron die Fähigkeit, im Bezirk ihrer Stadt ansässig zu sein. So wuchs die politische Macht des Kapitols durch die Entfernung des Papsts.

Die vertriebenen Großen sannen unterdes auf den Sturz der Demokratie, und ein Sieg der Guelfen verlieh ihnen unverhoffte Stärke. Denn Richard von Ceccano wurde von den Pfalzgrafen aus dem Hause Bonifatius' VIII, aufs Haupt geschlagen. Die Gaëtani waren seit dem Sturz jenes Papsts um ihren Einfluß in Rom gekommen; sie hatten sich auf ihre Lehen in Kampanien zurückgezogen, wo sie noch immer ihren Rachekrieg gegen die Colonna und andere Ghibellinen fortsetzten, obgleich der Papst, dem Willen des französischen Königs gehorchend, alle Prozesse gegen die Feinde Bonifatius' VIII. in der Campania niedergeschlagen hatte. Als Vasallen der Krone Neapels, als Grafen von Fundi und Caserta, dienten die Gaëtani in Roberts Heer, und sie begannen seit dieser Zeit viel Einfluß in Neapel zu gewinnen. Die Häupter ihres Geschlechts waren damals Roffred, erster Graf von Fundi, und sein Bruder Benedikt, Pfalzgraf in Toskana, wo er die Rechte auf den Besitz des Comitats der Aldobrandeschi beanspruchte, aber an die mächtige Stadt Orvieto überließ. Als sie den Grafen von Ceccano besiegt hatten, anerkannte ganz Latium nochmals die Autorität Roberts, dessen Truppen wiederum den Liris überschritten. Diese Niederlage zersprengte die kaiserliche Partei in der Campagna und wirkte nachteilig auf Rom. Mit derselben Schnelligkeit, mit welcher die demokratische Umwälzung stattgefunden hatte, warf die Gegenpartei das Volksregiment wieder um. Die Aristokraten führten mit Glück einen Handstreich aus; sie drangen während der Dämmerung in die Stadt und gegen das Kapitol; vergebens läutete die Glocke Sturm, die überraschten Bürger kamen zu spät und zerstreuten sich furchtsam in ihre Häuser, als die Trauerkunde Rom durcheilte, daß ihr mannhafter Senator und Kapitän in Ketten sei. Die im Oktober verjagten Senatoren Franciscus Orsini und Sciarra Colonna nahmen sofort ihren Sitz auf dem Kapitol ein, und nach kurzem Freiheitstraum trug das römische Volk wieder das Joch des rachedurstigen Adels.

So war die Hoffnung des Kaisers auch in Rom vereitelt worden. Heinrich VII. hatte in der Tat mehr Grund als viele seiner Vorgänger, mit dem Glück zu rechten, das ihm stets feindlich war. Nachdem er Rom verlassen hatte, war er über Viterbo, Todi und Cortona nach dem ghibellinischen Arezzo gezogen. Dort hatte er am 12. September 1312 den König Robert um Hochverrat geladen, binnen drei Monaten vor seinem Tribunal zu erscheinen. Unter rastlosem Kampf mit den guelfischen Kastellen Toskanas war er am 19. September, durch Zuzug ghibellinischer Städte verstärkt, vor Florenz erschienen, diese Republik, an deren Widerstande alle seine Pläne scheiterten, zu erobern. Die reiche und schöne Stadt am Arno, in ihrem Haß gegen das germanische Kaisertum nachhaltiger als Mailand, stand an der Spitze des großen Guelfenbundes, der sich von der Lombardei bis nach Rom erstreckte und dem Könige Robert die Hände reichte. Die feste Haltung dieser Guelfenrepublik von Wechslern, Kaufleuten und Tuchfabrikanten verdient die höchste Bewunderung. Seit jenen Tagen war Florenz würdig, die Unabhängigkeit Italiens zu vertreten. Die Stadt war wohlverwahrt, von eigenem Kriegsvolk und dem der Bundesgenossen erfüllt und zweimal dem Feind an Stärke überlegen. Sie spottete der Anstrengungen des Kaisers, welcher seine ersten Siege nicht zu benutzen verstand und bald von Unmut und Fieber verzehrt wurde.

Es ist peinlich, die erfolglosen Märsche Heinrichs VII., die Belagerungen und die gräßlichsten Verwüstungen von Kastellen und Äckern zu verfolgen. Sie vermehren nur die alten, immer neu wiederholten Schrecken dieser Art, ohne durch heroische Waffentaten zu glänzen. Heinrich war mit erhabenen Friedensträumen nach Italien gekommen und hatte sich selbst in der kurzen Zeit eines Jahrs bis zur Unkenntlichkeit verwandeln müssen; in die Parteileidenschaften herabgestiegen und genötigt, auf dem engen Theater Toskanas im kleinen Kriege sich zu erschöpfen, war er aus dem Messias des Friedens ein schonungsloser Zerstörer geworden, welchen der unglückliche Landmann mit gleich gerechtem Haß verfluchte wie einst Barbarossa oder Friedrich II. Die Ufer des Arno wurden nutzlos von Blut gerötet, und der Garten Toskanas von wildem Kriegsvolk in eine Wüste verwandelt. Nachdem er die Belagerung von Fiesole und Florenz abgebrochen hatte, blieb Heinrich die Wintermonate hindurch im nahen San Casciano; er zog am Anfange des Jahrs 1313 nach Poggibonsi, einem ghibellinischen Kastell, welches die Guelfen zerstört hatten und das er jetzt unter dem Namen Mons Imperialis neu erbauen ließ. Keine deutschen Kriegsfürsten waren mehr in seinem Lager; nur die Bischöfe Balduin und Nicolaus, sein tapferer Marschall Heinrich, Graf Hugo von Bucheck und einige andere Edle hielten treu bei ihm aus. Unter den Italienern waren seine eifrigsten Genossen Amadeus von Savoyen, Friedrich von Montefeltre, der Sohn des berühmten Guido, und Uguccione, Graf von Faggiola, ein kühner Ghibellinenkapitän, welcher damals eine glänzende Laufbahn begann. Obwohl durch 500 Reiter und 3000 Fußsoldaten von Pisa und durch 1000 genuesische Schützen verstärkt, vermochte der Kaiser doch nichts auszurichten; sein Heer zerschmolz; der Mangel im verwüsteten Lande wurde drückend. Am Anfang des März ging er in die treue Stadt Pisa, wo das durch Beisteuern erschöpfte Volk ihn nicht mehr so freudig aufnahm wie zuvor. Er blieb hier monatelang, mit Eifer den Krieg zu rüsten, dessen Grundlage die Pisanische Republik war, als Mittelpunkt des ganzen Ghibellinenbundes. Seine Achterklärung gegen die guelfischen Städte und die lange Proskriptionsliste ihrer Bürger machten so wenig Eindruck wie der Prozeß, den er wider Robert erhob. Er entsetzte diesen König durch kaiserlichen Spruch als Reichsfeind, Rebell und Verräter aller seiner Kronen und Würden und verurteilte ihn zum Tode durch Henkershand. Robert protestierte durch ein Manifest, worin er als Erbe »des unbesiegten Löwen« Karl von Anjou dem Nachfolger der Hohenstaufen Friedrich, Manfred und Konradin den Krieg erklärte.

Ein einziger Gedanke quälte jetzt die Seele Heinrichs: diesen König zu strafen und das Haus der Anjou zu vernichten. Hier war ein Blatt in den Annalen des Reichs mit einer glänzenden Tat der Gerechtigkeit zu erfüllen; hier konnte der edle Luxemburger als Rächer alter Blutschuld auf den Trümmern des Thrones Karls von Anjou sich ruhmvoll niederlassen. War dies Werk unmöglich? Sicherlich nicht; denn Pisa, Genua, Friedrich von Sizilien, die Ghibellinen Italiens rüsteten ihre Flotten und Heere, um nach einem gemeinsamen Plan Neapel mit Krieg zu überziehen; befreundete Städte lieferten Geld, und selbst das Deutsche Reich, wohin Balduin von Trier abgesendet worden war, erklärte sich mit Selbstverleugnung zur Unterstützung seines Kaisers bereit. Sein Sohn Johann von Böhmen war im Begriff, mit einem Hilfsheer die Alpen herabzukommen.

Clemens V., vor dem Gedanken bebend, daß die Dynastie Anjou, die Stütze der Kirche in Italien, umgestürzt werden könnte, eilte, vom Könige Robert dies Verderben abzuhalten. Am 12. Juni erließ er eine Bulle, worin er über alle diejenigen, welche wider den König von Neapel Krieg beginnen und dies Vasallenland der Kirche angreifen würden, die Exkommunikation verhängte. Als diese Schrift dem Kaiser übergeben wurde, beklagte er sich, daß sie das Werk seiner Feinde, zumal des Königs von Frankreich, sei; er berief ein Parlament; er erklärte, daß seine Rüstungen nicht dem Besitze der Kirche gälten, welchen er vielmehr verteidigen wolle, wohl aber den Rechten des Reichs. Er bestritt zugleich die Ansprüche der Kirche auf Neapel und Sizilien; der Kaiser sei von Rechts wegen Herr der Welt, also gehöre auch jenes Land dem Reich. So fand die idealistische Ansicht der Ghibellinen von der die Erde umfassenden Kaisergewalt zum letztenmal ihren geschichtlichen Ausdruck in dem hochgesinnten, doch machtlosen Luxemburger, und dieser Kaiser würde das imperatorische Recht in langen Kriegen wider das Papsttum und Italien verfochten haben, wenn sein Leben ihm dazu die Zeit gegeben hätte. Um jedoch den Papst freundlicher zu stimmen, schickte er die Bischöfe von Trient und Butrinto nach Avignon. Sein Entschluß, Neapel mit aller Macht anzugreifen, brachte ihn zum Papst in die schwierige Lage Ottos IV., als dieser Guelfenkaiser den Schützling Innocenz' III. zu entthronen unternahm; es gab daher auch für ihn keinen Weg der Versöhnung mehr, sondern die Bannbulle schwebte unfehlbar über seinem Haupt. Als nun Robert die Rüstungen des Kaisers und die Vereinigung so vieler Feinde sah, erkannte er, daß dies Unternehmen ernsthafter sei, als der Zug Konradins gewesen war; er geriet in solche Furcht, daß er bereits daran dachte, dem Sturm durch schnelle Flucht nach Avignon auszuweichen. Belehrt durch seine eigenen Fehler, wollte Heinrich sich nicht mehr bei Städtebelagerungen abmühen, sondern rasch auf das Herz Neapels vorgehen. Die Eroberung dieses Königreichs würde ihn zum Gebieter ganz Italiens gemacht haben. Er hatte in Pisa schon 2500 meist deutsche und 1500 italienische Reiter beisammen, außerdem große Scharen von Fußvolk. Dies bewog ihn, auf das angekündigte Reichsheer nicht mehr zu warten. Siebzig Galeeren hatten die Genuesen unter Lamba Doria nach dem Pisaner Hafen abgeschickt, und mit ihnen gingen zwanzig pisanische Schiffe nach der Insel Ponza, während Friedrich von Sizilien am festgesetzten Tage mit fünfzig Galeeren von Messina aufbrach und Reggio in Kalabrien wegnahm. Der Kaiser schickte Briefe an die ghibellinischen Städte Umbriens und Toskanas, zeigte ihnen an, daß er mit Macht zu Wasser und zu Lande gegen Rom ziehe, wo er um den 15. August zu sein gedenke, und forderte sie auf, ihm Truppen zu senden. Er rückte aus am 8. August 1313. Seine Absicht war, durch Tuszien nach Rom zu gehen, wohin er Heinrich von Blankenburg geschickt hatte, die Ghibellinen zu versammeln und ihm im Vatikan Wohnung zu bereiten und dann in Terracina mit den Sizilianern und Genuesen sich zu vereinigen. Der Plan war tadellos, der Erfolg wahrscheinlich, weil das Zusammenwirken der seemächtigen Republiken Pisa und Genua mit Sizilien und des Kaisers Landheer so glänzende Mittel darbot, wie sie zu einem Angriff wider Neapel sich selten vereinigt hatten. Die Ghibellinen erfüllte daher die froheste Zuversicht. Nur eins war nicht vorausgesehen: der Kaiser war tief krank, als er zu Pferde stieg. Die Anstrengung der Feldzüge, die Maremmenluft, Aufregung und Enttäuschung, so viele Bekümmernisse hatten die Kräfte des edlen Heinrich aufgezehrt. Sie brachen plötzlich zusammen, als er in die Nähe Sienas gelangt war, welche Stadt er berennen ließ.

Zwei deutsche Meilen vor ihr, in dem kleinen Ort Buonconvento legte sich Heinrich VII. zum Sterben nieder. Er empfing das Abendmahl aus der Hand eines Dominikanermönchs, nahm von seinen Kriegern bewegten Abschied und starb in frommer Ergebung am 24. August 1313, 51 Jahre alt. Sein Ende war tief tragisch. An der Spitze eines großen Heeres, schon auf dem Marsch, im Beginn einer neuen und voraussichtlich ruhmvollen Bahn, von Hoffnungen erhoben, die zum erstenmal begründet waren, raffte Heinrich der Tod hinweg. Um den Toten standen die Freunde, die Genossen seiner Kämpfe, Edle Deutschlands und Ghibellinen Italiens in tiefstem Schmerz. Die Wiederherstellung des Reichs, die Rache der Hohenstaufen, die Eroberung Neapels, der Sieg und die Macht der Ghibellinenpartei, alles war jetzt ein Traum. Wilde Verzweiflung erfaßte das Heer. Ein Gerücht ging, daß der Kaiser in der Hostie vergiftet worden sei. Die Deutschen stürzten nach dem Kloster und stachen die Mönche nieder. Das Heer begann sich aufzulösen. Die Ghibellinen von Arezzo, den Marken und der Romagna verließen voll Furcht das Lager, nur die Pisaner und die Deutschen blieben. Ihre Scharen brachen in finstrer Trauer auf, unter der Führung des Marschalls Heinrich; man trug den toten Kaiser auf einer Bahre durch die Maremmen nach Pisa zurück. Die Pisaner, welche so große Geldsummen an das Unternehmen Heinrichs gewendet und so große Hoffnungen für ihre Macht daran geknüpft hatten, empfingen den Toten mit jammernder Verzweiflung. Die ganze Stadt erscholl von Wehgeschrei. Um einen deutschen Kaiser hat nie eine italienische Stadt so geklagt. Die Leiche ward in einer Marmorurne im Dom beigesetzt, und stets hat Pisa das Mausoleum Heinrichs als einen heiligen Schatz geehrt. Diese edle Ghibellinenstadt überkam darin das Vermächtnis des Deutschen Reichs und das Denkmal ihrer ehrenvollen Treue. Der Sarkophag steht jetzt im Campo Santo, dem weltberühmten Friedhof, welchen die Meisterwerke großer Maler und die Grabmäler alter und neuer Zeit zu einem der schönsten Tempel geschichtlicher Erinnerung machen. Dort ruhte Heinrich von Luxemburg als das letzte kaiserliche Opfer, welches unser Vaterland der welschen Erde dargebracht hat, mit der es Jahrhunderte einer blutigen, aber großen Geschichte verbunden haben. An seinem Grabe versammeln sich die Gestalten vieler und gewaltiger Kaiser, die ein und derselbe Ideenstrom über die Alpen getragen hat. Ihre Wege von Deutschland bis nach Rom waren ewig dieselben Spuren der Jahrhunderte; ihre Gräber die Meilensteine derselben mit epischer Langsamkeit vorwärtsschreitenden Geschichte. Die Erscheinung des siebenten Heinrich, des letzten Vertreters jenes die Welt umfassenden Kaiserideals, wirft in die Geschichte Italiens einen elektrischen Schein, der nicht verlöschen kann, solange die Dichtung Dantes dauert. Die schwärmerische Huldigung, die ihm der erhabenste Geist dieses Landes darbrachte, ist zugleich der stärkste Beweis von der geschichtlichen Notwendigkeit der Reichsidee im Mittelalter, welches dieser Dichter selbst und dieser Kaiser beschlossen haben. Dante, dessen politische Hoffnungen mit Heinrich VII. starben, weihte ihm eine ergreifende Totenklage im »Paradiese«, wo er die Krone auf dem Thron liegen sah, der für die Seele des »hohen Heinrich« im Himmel bestimmt war. Wenn nun dem großen Dichter des Kaisers Tod als brutaler Zufall und verfrüht erschien, so wird doch das ruhige Urteil anerkennen, daß, was Heinrich wollte, praktisch unmöglich, weil von der Zeit verurteilt und ein Traum der Ideologen war. Nicht ein Karl der Große hätte es mehr durchgeführt. Alle Zeitgenossen haben den Luxemburger als einen Fürsten von der großherzigsten Gesinnung gepriesen, und vielleicht stieg nie ein Kaiser die Alpen herab mit gleich hoher und reiner Absicht. Allein die Übel Italiens waren zu tief gewurzelt, als daß er sie heilen konnte. Nur diese freilich zweifelvolle Anerkennung hat ihm Mit- und Nachwelt gezollt, daß, wenn jene überhaupt heilbar waren, kein anderer Mann geeigneter sein konnte, Italiens Retter zu werden. Heinrich VII. starb zur rechten Zeit, um die Welt von einem Irrtum und sich selbst vielleicht von ihrem Hasse zu befreien, ein verunglückter Messias Italiens ohne Tatenspur.

Was der Fall eines hervorragenden Mannes in den menschlichen Verhältnissen bedeutet, wurde selten so tief empfunden als damals, wo die Todesbotschaft die einen mit erhobenem Schwerte plötzlich versteinerte, die andern aus Furcht in Freudentaumel stürzte. Der Papst und der König Robert atmeten auf. Alle Guelfenlager erschollen von Jubelruf, alle Guelfenstädte beleuchteten sich. Man bestimmte dem Apostel Bartholomäus eine Jahresfeier, weil Heinrich VII. an demselben Tage des August hinweggerafft ward, an welchem Konradin bei Tagliacozzo seine Krone verloren hatte. So groß dort die Freude, so tief die Niedergeschlagenheit im Ghibellinenlager. Friedrich von Sizilien, Roberts Todfeind, war voll Siegeshoffnung mit seiner Flotte nach Gaëta gelangt, wo er den Kaiser erwarten wollte. Als er hier die Schreckenskunde vernahm, eilte er nach Pisa; der Graf von Savoyen, die andern deutschen Großen und die Häupter der Republik geleiteten ihn in diese Stadt. Erschüttert stand der Enkel Manfreds am Sarge des Kaisers, der sein dauernder Verbündeter und sein Schwiegervater hätte sein sollen und mit dessen Hilfe er den Thron Neapels einzunehmen gehofft hatte. Er forderte jetzt die Deutschen auf, dem Kriegsplan treu zu bleiben, das große Unternehmen mit ihm fortzusetzen; aber sie weigerten sich dessen voll Mißmut und Zweifel, sie eilten in ihr Vaterland zurück, wo das Reichsheer unter Johann von Böhmen, begleitet von des Kaisers Mutter Beatrix, sich bereits in Marsch gesetzt hatte, nun aber in Schwaben haltmachte und auseinanderging. Nur 1000 Mann vom Heere Heinrichs blieben im Solde der Pisaner, und sie bildeten, was Toskana tief zu beklagen hatte, die erste jener »Banden« fremder Söldner, welche bald die Plage Italiens wurden. In ihrer Verzweiflung flehten die Pisaner Friedrich von Sizilien an, die Signorie ihrer Republik zu übernehmen. Der Enkel Manfreds stellte große Forderungen, namentlich in bezug auf Sardinien, worüber man nicht einig wurde, und da er erkannte, daß die Sache der Ghibellinen verloren sei, kehrte er nach Sizilien heim. Nun bot Pisa den Oberbefehl dem Grafen von Savoyen, dann dem Marschall von Flandern; auch diese kehrten heim. Aber ein mutiger Mann nahm die dargebotene Gewalt, Graf Uguccione della Faggiola. Die Pisaner riefen ihn von Genua, wo er für den Kaiser Vikar gewesen war. Uguccione wurde Herr von Pisa, Führer der deutschen Soldbande und bald das berühmte Haupt der Ghibellinen Toskanas, welche in diesem vielerfahrenen Kapitän ihre einzige Rettung sahen.

Die Unternehmung wider Neapel war demnach zerronnen: die Ghibellinen, auf der Flucht oder zaghaft in ihren Städten, sanken in ihre frühere Ohnmacht zurück, und König Robert, das mächtige Oberhaupt aller Guelfen, erhob sich plötzlich durch das Glück, nicht durch seine eigene Tatkraft zu einem größeren Einfluß in Italien, als ihn selbst sein Großvater Karl nach dem Falle Konradins gewonnen hatte.

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