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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 290
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Zweites Kapitel

1. Heinrich und Friedrich von Sizilien. Die Römer halten ihren Kaiser in der Stadt fest. Erstürmung des Grabmals der Caecilia Metella. Johann Savigny Kapitän des römischen Volkes. Der Kaiser in Tivoli. Ankunft der Briefe des Papsts. Dessen Forderungen an den Kaiser. Heinrich verwahrt die imperatorischen Rechte. Waffenstillstand in Rom. Abzug des Kaisers.

Heinrich VII. erhob sich indes unter der Krone zum vollen Bewußtsein der kaiserlichen Majestät; denn diese war nach langer Unterbrechung erst durch ihn hergestellt. Seine Ansichten über den göttlichen Ursprung der Reichsgewalt bewiesen den Guelfen, daß die Erneuerung des Kaisertums dieselben Kämpfe erzeugen werde, welche man durch den Sturz der Hohenstaufen beseitigt glaubte. Es ist zweifellos, daß Heinrich VII. mit stärkeren Verbündeten einen veralteten Zustand erneuert haben würde. Denn dies lag im Prinzip des Reichs, welches er vertrat. Der Widerstand der Guelfen in Rom, in Toskana, in der Romagna und der abtrünnigen Lombardei, die gründliche Aufklärung über die Absichten Roberts, kurz die Gewalt der Ereignisse hatten diesen wohlwollenden Kaiser bereits zum entschiedenen Ghibellinenhaupt gemacht. Wie seine großen Vorgänger sah auch er sich gezwungen, durch Parteimittel seine Gegner zu bestreiten, und wie jene mußte er endlich, von Deutschland fern und nicht unterstützt, im Kampfe mit den italienischen Parteien untergehen. Das Schicksal wiederholte sich mit der Regelmäßigkeit eines historischen Gesetzes.

Schon am 6. Juli schloß Heinrich ein Bündnis mit dem Könige Siziliens, jenem Friedrich aus Manfreds Geschlecht, welcher seine Krone wider die Päpste und die Könige Frankreichs und Neapels so glücklich behauptet hatte. Bereits zu der Zeit, als Heinrich aufrichtig und Robert heuchlerisch wegen einer Familienverbindung unterhandelten, hatte Friedrich durch Galvano Lancia bei Heinrich um die Hand der Prinzessin Beatrix für seinen Sohn Peter, doch vergebens, geworben. Jetzt wurde des Kaisers Tochter dem Sohne Friedrichs durch Vollmacht in Rom verlobt, und diese Verschwägerung verkündete den Krieg der alten Bundesgenossen, des Kaisers, Siziliens und Pisas, wider Robert und auch wider den Papst.

Unterdes ruhten die Waffen in Rom, aber die Guelfen behaupteten ihre Stellungen. Der Kaiser sehnte sich hinweg; noch mehr seine Großen, welche den Zweck des Romzugs mit der Krönung erfüllt glaubten. Noch einmal versuchte Heinrich den Prinzen Johann zu einem Vergleiche zu bewegen: doch dieser ließ die Abgeordneten nicht einmal vor sich. Hierauf versammelte Bonsignore das Volksparlament; er erklärte den Römern, daß die Verwirrung Italiens, der Trotz Toskanas, endlich die den Deutschen unerträgliche Hitze den Kaiser nötige, Rom zu verlassen. Das Volk erhob ein Geschrei: Rom dürfe nicht dem Feinde preisgegeben werden; erst sei die Hauptstadt des Reichs zu beruhigen; im nahen Tibur könne der Kaiser den Sommer hinbringen. Die Römer verlangten die Fortdauer des kaiserlichen Hofs in ihrer Stadt, welche sie wieder zum Sitze des Reichs machen wollten, da der Papst fern blieb; und Heinrich, der einen Aufstand fürchtete, erklärte sich zum Bleiben bereit, wogegen seine Großen protestierten. Er nahm wieder Wohnung im Milizenturm.

Die Ehre, den Kaiser in Rom zu haben, wurde schwer bezahlt; denn Heinrich legte eine Zwangsteuer auf das Volk. Aber während sich seine Streitkräfte täglich minderten, wuchsen die des Feindes durch Zuzug aus Toskana. Die römischen Guelfen streiften herausfordernd bis vor den Lateran. Johann Savelli, Annibaldus und Tebaldo von Campo di Fiore waren nach der Krönung auf ihre Landburgen entwichen, wo der letztere sich ruhig hielt, die andern einen kleinen Krieg begannen. Im Besitze des Grabmals der Caecilia Metella und der dort von den Gaëtani angelegten Festung belagerte Savelli die nahe Porta Appia. Der Kaiser ließ jenes Mausoleum erstürmen, wobei der Burgflecken Capo di Bove niedergebrannt wurde. Auch die Paläste der Saveller auf dem Aventin wurden zerstört.

Sommerhitze, Mangel und Unsicherheit, das Drängen der Deutschen und Franzosen nötigten indes den Kaiser wirklich, nach Tivoli zu gehen. Er lud noch einmal alle rebellischen Großen vor und ächtete sie; er ordnete das Stadtregiment; da der Senat Ludwigs abgelaufen war und die Neubesetzung nicht ohne den Papst geschehen durfte, so wählte das römische Volk zunächst einen Kapitän. Dies war Johann Savigny, ein burgundischer Ritter im Gefolge Heinrichs von Flandern. Der Kaiser übergab ihm das Kapitol und ließ zum Schutze der Stadt seinen Marschall mit 400 Rittern zurück.

Tivoli, schon seit mehr als fünfzig Jahren ein Kammergut des römischen Volks und durchaus ghibellinisch gesinnt, empfing Heinrich VII. am 21. Juli in seinen Mauern. Nie zuvor erschien dort ein Kaiser mit so geringem Gefolge und so ganz entblößt. Fast nur auf den Schutz des Stefan Colonna angewiesen, der ihn begleitete, sah sich Heinrich täglich mehr verlassen. Ludwig von Savoyen, die Dauphins von Vienne, der Kardinal von Ostia, der Herzog Rudolf von Bayern waren durch keine Bitten mehr zurückzuhalten; sie verabschiedeten sich nach vier Tagen und eilten nach Viterbo und Todi, mit Geleitsbriefen des Prinzen Johann. Es folgten ihnen heimlich andere Herren, selbst geringes Volk. Nur noch 900 Ritter waren mit den Grafen Amadeus, Johann von Fores und Robert von Flandern bei der Fahne des Kaisers geblieben. Sein Aufenthalt in Tivoli, wo er in dem ärmlichen Bischofspalast wohnte, war wie der eines Verbannten, drückend und beschämend. Denn vor den Toren des Orts erschienen bereits Annibaldus und Johann Savelli; sie forderten den Kaiser der Römer zum Kampf heraus, ohne daß er ihren Hohn bestrafen konnte. Wenn irgendwo, so war es in dieser melancholischen Einsamkeit zu Tivoli, wo Heinrich VII. erkannte, daß er nach Italien gekommen war, den Stein des Sisyphus zu wälzen.

Boten kamen mit des Papsts verspäteten Briefen, worin die an Heinrich zu stellenden Bedingungen in betreff der Krönung enthalten waren. Der Kardinallegat Arnold und Lucas Fieschi eilten, ihm den Inhalt dieser Schreiben mitzuteilen, wonach Clemens V. forderte, daß Heinrich sich verpflichte, Neapel niemals anzugreifen, Waffenstillstand auf ein Jahr mit Robert schließe, am Krönungstage Rom und in fortgesetzten Märschen den Kirchenstaat verlasse, um ohne Erlaubnis des Papsts nie mehr dahin zurückzukehren. Er verlangte ferner, daß Heinrich den Prinzen Johann und dessen Partei bei seinem Abzuge nicht belästige, alle Gefangenen freilasse und alle Burgen Roms ihren Eigentümern zurückgebe. Er forderte eine feierliche Erklärung, daß er durch seinen Einzug in Rom, die Gefangennahme römischer Bürger, die Besetzung von Festungen und andere Handlungen weder sich noch seinen Nachfolgern im Reich irgendein neues Recht erworben, irgend die Rechte des Papsts beeinträchtigt habe.

Der Kaiser sah jetzt in Clemens V. einen Feind vor sich stehen. Er konnte schwere Anklagen gegen diesen Papst erheben, der ihn zum Gespötte der Welt hatte werden lassen. Welches Recht besaß Robert von Neapel, Rom zu besetzen und die Krönung im St. Peter zu hindern, wodurch er doch den Kardinallegaten, ja der Kirche selbst einen Schimpf antat? Warum hatte Clemens nicht einmal eine Drohung erhoben, um jenen anmaßenden Vasallen der Kirche aus dem Vatikan zu entfernen? Nachdem er nichts getan, um den Kaiser aus einer unwürdigen Lage zu befreien, legte er ihm wie einem Untergebenen einen entehrenden Waffenstillstand auf. Heinrich machte den anmaßenden Brief sofort zum Gegenstand einer staatsrechtlichen Untersuchung; er rief seine Räte und römischen Juristen zusammen, hörte ihr Urteil und protestierte gegen die Ansicht, daß der Papst befugt sei, dem römischen Kaiser einen Waffenstillstand zu gebieten, zumal mit einem des Majestätsverbrechens schuldigen Vasallen, einem Könige, mit dem er nicht einmal im Kriege sei. Er protestierte endlich gegen den Grundsatz, daß der Kaiser dem Papst vor der Krönung den Eid der Treue zu schwören habe und verwahrte mit Entschiedenheit die Unabhängigkeit der Reichsgewalt. So standen sich Kirche und Reich wieder drohend gegenüber. Die maßlosen Forderungen des Papsts, welcher den Geboten des Königs von Frankreich gehorchte, aber dem Kaiser desto gebieterischer entgegentrat und unter dem Einfluß Roberts die Reichsgewalt bis zur tiefsten Stufe erniedrigen wollte, zwangen den hochgesinnten Heinrich, die Grundsätze der Hohenstaufen gegen Clemens V. zu richten. Er leugnete die Berechtigung des Papsts, in die weltliche Sphäre einzugreifen, behauptete, daß der Kaiser allein durch die Wahl der Reichsfürsten in den vollen Besitz seiner Gewalt gesetzt sei, bestritt die Befugnis des Papsts, ihm den Abzug von Rom zu gebieten, welches das Haupt des Reichs und eine kaiserliche Stadt sei, und er berief sich auf Karl den Großen, dessen Untertanen die Römer gewesen seien. Aber die Ohnmacht Heinrichs war so groß, daß er sich bereit erklärte, den König Robert für jetzt nicht zu bekriegen. Ein einjähriger Waffenstillstand, ihm selbst höchst erwünscht, wurde eingeleitet. Am 19. August verließ Heinrich deshalb Tivoli, um über Rom, wo er auch ohne die Aufforderung des Papsts nicht würde geblieben sein, nach Toskana zu gehen. Er ließ sich durch den Argwohn seiner Großen, die Römer möchten ihn gewaltsam festhalten, nicht vom Besuche der Stadt abschrecken, welche er nicht heimlich und unehrenvoll verlassen wollte. Er fand hier seine Sache in unverändert schlimmer Lage: zwar hatte Johann Annibaldi, Graf von Ceccano, der Oheim Stefan Colonnas, einen neapolitanischen Heerhaufen in der Campagna zerstreut, aber die Übermacht der Guelfen war deshalb nicht gemindert worden. Der Kaiser hätte ohne Gefahr Rom weder betreten, noch verlassen können, wenn nicht jener Waffenstillstand ihm Sicherheit gab. Er nahm Wohnung im Lateran, wo Abgesandte Siziliens erschienen und ihm Hilfsgelder brachten. Boten von Florenz hatten ihn schon in Tivoli aufgesucht und ihm trügerische Hoffnung auf einen Vertrag mit ihrer Republik gemacht. Dies täuschte Heinrich mit freudigen Erwartungen; und überhaupt, er wollte Toskana, welches noch zum Reich gehörte, diesem auch wieder unterwerfen.

Der Kaiser versammelte die Häupter des Volks, erklärte ihnen, daß die Stadt durch die baldige Verwandlung des Waffenstillstandes in den Frieden beruhigt werden solle, daß er für jeden Fall eine hinlängliche Truppenzahl zu ihrem Schurze zurücklasse, und so nahm er Abschied von Rom. Er ging, von niemand zurückgehalten, schon am 20. auf demselben Wege hinweg, den er gekommen war. Mit ihm waren noch Balduin von Trier, Amadeus von Savoyen, Johann von Fores, Robert von Flandern, Nicolaus von Butrinto, der Marschall Heinrich, Gottfried von Leiningen, Gerhard, Bischof von Konstanz. Als er mit seiner kleinen Schar über Ponte Molle fortzog, sah er die Feinde auf dem nahen Monte Mario sich aufstellen. Sie würden den Kaiser ohne Mühe nach Rom zurückgeworfen haben, doch sie riefen ihm nur ein höhnisches Lebewohl nach. So entschwand mit dem Abzuge Heinrichs der erste günstige Augenblick während des päpstlichen Exils, in welchem das Kaisertum seinen Sitz in Rom selbst nehmen konnte, wie das die Ansicht und die Hoffnung Dantes gewesen war.

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