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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 288
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Heinrich VII. kündigt seinen Romzug an. Versammlung in Lausanne. Clemens V., Robert und Heinrich. Der Papst kündigt den Romzug des Königs an. Aufbruch. Erstes Auftreten Heinrichs in der Lombardei. Die Gesandtschaft der Römer. Ludwig von Savoyen Senator. Krönung in Mailand. Sturz der Torri. Abfall lombardischer Städte. Brescia. Heinrich in Genua. Zustände in Rom. Orsini und Colonna. Johann von Achaja. Die Liga der Guelfen. Üble Lage Ludwigs von Savoyen in Rom.

Darf man sich wundern, daß Heinrich darein willigte, als Held einer großen Idee eine ruhmvolle Aufnahme zu übernehmen und als Gesetzgeber in das klassische Land hinabzusteigen, welches seit den Hohenstaufen kein deutscher König mehr betreten hatte? Viele Italiener erschienen vor ihm, viele Lombarden, zumal verbannte Ghibellinen munterten ihn auf, als er am 30. August 1310 zu Speyer Hoftag hielt. Die Reichsfürsten stimmten für die Romfahrt, welche sie kräftig zu unterstützen versprachen. Selbst die Römer verlangten sie. Die Sendboten des Königs meldeten den italienischen Städten und Herren, daß er komme, »der Welt den Frieden wiederzugeben«. Den Erwartungen, welche die Rüstung Heinrichs hervorrief, hatte um diese Zeit auch Dante in einem Brief an die Fürsten und Völker Italiens Ausdruck gegeben. Der römische König hatte seinen jungen Sohn Johann mit der Krone Böhmens beliehen, und er verließ sein Vaterland, um wie so viele seiner Vorgänger seine nächste Pflicht als Regent dem Reichsideal aufzuopfern. Er traf im Herbst 1310 zu Lausanne ein; denn von hier aus sollte der Verabredung gemäß die Romfahrt angetreten werden. Machtboten aus fast allen italienischen Städten begrüßten ihn dort mit reichen Geschenken; nur die Florentiner erschienen nicht; ihre Republik hielt mit gleicher Beständigkeit die Fahne der Guelfen aufrecht wie Pisa die der Ghibellinen. Zu Lausanne beschwor Heinrich in die Hände von Legaten des Papsts die Schirmvogtei der Kirche, die Anerkennung aller Freibriefe der Kaiser und die Erhaltung des Kirchenstaats, worin er keinerlei Gerichtsbarkeit auszuüben gelobte.

Clemens V. befand sich jetzt in widerspruchsvoller Lage zwischen Neigung und Abneigung, zwischen Hoffnung und Furcht. Um sich aus den Fesseln Philipps zu befreien, welcher ihn mit dem Prozeß wider Bonifatius VIII. unablässig quälte und die Verdammung dieses toten Papsts forderte, hatte er sich beeilt, Heinrich auf dem Kaiserthron anzuerkennen; sollte er nun den römischen König in Italien zur Macht kommen lassen, während er selbst in Frankreich entfernt und machtlos blieb? Sollte er sich in die Arme des deutschen Kaisers werfen, für die Ghibellinen sich erklären und die ganze Partei der Guelfen, zumal den König Robert, preisgeben? Diesen Fürsten hatte er selbst auf den Thron Neapels gesetzt; um ihn scharten sich die Guelfen, und die Übergewalt, welche die Romfahrt den Ghibellinen versprach, konnte demnach durch Neapel eingeschränkt werden. Als sich nun Heinrich zum Zuge rüstete, eilte der Papst, denselben Robert zum Rector für die Kirche in der Romagna zu machen, voll Furcht, der Kaiser möchte in jenen unruhigen Provinzen, erst jüngst abgetretenen Reichsländern, die Gewalt an sich nehmen. Ehe jedoch Heinrich die Urkunde in Lausanne beschworen hatte, erließ auch Clemens Umlaufschreiben an die Herren und Städte Italiens, worin er sie ermahnte, den König der Römer willig aufzunehmen. Es ist wahrscheinlich, daß der Papst damals selbst an die Durchführung der Friedensmission Heinrichs in Italien glaubte. Die Ausdrücke der Freude, mit welchen er den Völkern die Ankunft dieses ersehnten Heilands ankündigte, waren sogar so überschwenglich, daß sie bei mißtrauischen Ghibellinen Zweifel über ihre Aufrichtigkeit hätten erwecken können. Die Sprache Dantes war nicht begeisterter als die des Papsts, welcher schrieb: »Es mögen die dem Römischen Reich unterworfenen Völker jauchzen, denn siehe, ihr friedebringender König, der mit der göttlichen Gnade erhöhte, dessen Angesicht die ganze Erde zu schauen begehrt, kommt ihnen daher mit Sanftmut, auf daß er, auf dem Stuhle der Majestät sitzend, mit seinem bloßen Wink alle Übel zerstreue und für seine Untertanen Gedanken des Friedens ausdenke.« Kein deutscher König war je zuvor zu seiner Romfahrt mit so begeistertem Gruß von der Kirche begrüßt worden; das Manifest des Papsts kündigte ihn, gleich den Ghibellinen, als einen Messias an; die Kirche und Italien umgaben ihn mit einem idealen Glanz erhabener Theorien, und das ganze Abendland, selbst die Griechen im Osten, blickten mit gespannter Aufmerksamkeit auf den Zug Heinrichs, von dem sie große Ereignisse erwarteten.

Als der König in Lausanne seine Waffenmacht musterte, konnte sie ihn nicht mit zu viel Zuversicht erfüllen. Nur 5000 Mann, meist Söldner und geringes Volk, machten sein Heer aus. Nicht wie bei früherer Romfahrten glänzten darunter große Reichsfürsten. Seine Brüder, Balduin, Erzbischof von Trier, und Walram, Graf von Luxemburg, die Dauphins Hugo und Guido von Vienne, der Bischof Theobald von Lüttich, Gerhard, Bischof von Basel, Leopold, Herzog von Österreich, der Herzog von Brabant bildeten seine vornehmste Umgebung, und seine kräftigsten Freunde fand er in den ihm selbst verschwägerten Grafen von Savoyen. Überhaupt hoffte er erst in Italien mehr Streitkräfte zu sammeln.

Der König zog am 23. Oktober 1310 über den Mont Cenis nach Susa; am 30. Oktober traf er in Turin ein. Sechzig lange Jahre voll Bürgerkrieg und Sturm, merkwürdig durch große Veränderungen im Reich, im Papsttum und in Italien waren hingegangen, seit die Lombardei den letzten Romzug gesehen hatte. Als nun wieder ein römischer König am Po erschien, die uralte Verbindung Italiens mit Deutschland zu erneuern, wurde das ganze Land in tiefe Unruhe versetzt. Nicht wie seine Vorgänger, sondern fast unbewaffnet kam dieser deutsche König, die Völker und Städte von den Tyrannen zu erlösen. Die überall umherirrenden Verbannten hofften jetzt Rückkehr, die Ghibellinen Herstellung, nur die Guelfen, unentschlossen und uneinig, waren voll Furcht. Aber so tief war das Bedürfnis der Lombardei nach Ruhe, so mächtig der Zauber der Erscheinung eines Kaisers und so groß die Hoffnung auf seine Unparteilichkeit, daß auch jene es nicht wagten, seinen Zug aufzuhalten, sondern sich ihm zu unterwerfen kamen. Guido della Torre, der Tyrann Mailands, dessen ghibellinischer Gegner Mattheus Visconti noch im Exil lebte, hielt sich voll Argwohn zurück, aber andere Guelfenhäupter, Filippone von Langusco, Herr Pavias, Antonius von Fisiraga, Tyrann von Lodi, Simon de Advocatis von Vercelli, die Markgrafen von Saluzzo und von Montferrat, viele Herren und Bischöfe lombardischer Städte eilten zu Heinrich nach Turin und stellten ihr Kriegsvolk unter seine Fahnen. In wenigen Tagen sammelte er 12 000 Reiter.

Eine Gesandtschaft der Römer begrüßte ihn am 1. November. Colonna, Orsini, Annibaldi, die Führer der Faktionen Roms, erschienen mit 300 Reitern und strahlendem Gefolge. Sie waren vom Kapitol gesendet, sowohl an Heinrich, ihn zur Kaiserkrönung einzuladen, als an den Papst, ihn zur Rückkehr nach Rom aufzufordern, wo er, so hoffte man, den neuen Kaiser persönlich krönen würde. Heinrich schickte gleichfalls Gesandte an den Papst, seinen Bruder Balduin und den Bischof Nicolaus; diese sollten, wenn Clemens nicht selbst nach Rom kommen konnte, wegen der Bevollmächtigung stellvertretender Kardinäle unterhandeln. Die römischen Boten hatten sich damit einverstanden erklärt. Während ihrer Anwesenheit in Turin ward festgesetzt, daß Ludwig von Savoyen als Senator nach Rom gehen solle; denn dieser Graf war dazu schon ausersehen worden, ehe noch Heinrich die Romfahrt angetreten hatte. Es war für den König wichtig, einen seiner treuesten und ihm verwandten Anhänger als Regenten im Kapitol einzusetzen. Ludwig ging im Sommer 1310 nach Rom, wo er vom Volk als Senator auf ein Jahr angenommen und vom Papst bestätigt wurde.

Alle Städte der Lombardei huldigten dem Könige der Römer, welcher milde und arglos jeder Klage Gehör gab, nicht Guelfen noch Ghibellinen begünstigte, sondern Frieden gebot. Die Parteien versöhnten sich auf sein Geheiß. Er befahl, die Verbannten überall wieder aufzunehmen, was geschah. Als folgten sie der Stimme Dantes, legten die Städte ihr freies Regiment in Heinrichs Hand und empfingen kaiserliche Vikare. Er besaß Eigenschaften, welche auf Große und Geringe günstigen Eindruck machten: ein Mann in der Fülle seiner Kraft von 49 Jahren, von angenehmem Äußern, ein bedächtiger Redner, großmütig und tapfer, redlich, mäßig, fromm und von hoher Gerechtigkeitsliebe. Guelfen wie Ghibellinen bezeugten ihm gleiche Achtung; bis sich diese allmählich durch Mißgriffe oder Irrtümer, vor allem durch die unkaiserliche Armut (der schlimmste Vorwurf für Herrscher), verminderte. In Asti erschien das Haupt der Ghibellinen, der von den Torri vertriebene Mattheus Visconti, in dürftigem Aufzuge mit nur einem Begleiter und warf sich dem Könige zu Füßen. Heinrich führte ihn und die andern Verbannten am 23. Dezember nach Mailand zurück. Sein Einzug in diese große Stadt, vor dem ihm selbst gebangt hatte, war der erste wirkliche Triumph der sich erneuernden Kaisergewalt; denn Mailand hatte seit dem Welfen Otto IV. keinen Kaiser in seine Mauern aufgenommen. Während Scharen von Edlen unbewaffnet, wie er geboten hatte, dem Könige entgegenzogen und die Füße des Friedensfürsten küßten, war Guido della Torre voll Mißachtung ihm nur bis zur Vorstadt entgegengekommen; jedoch die Deutschen hatten seinen Trotz alsbald gebeugt. Zum letztenmal sah die Welt das Schauspiel Ehrfurcht gebietender Kaisermajestät in mittelalterlicher Form.

Die feindlichen Häuser der Torri und Visconti zwang Heinrich zur Versöhnung. Er forderte die Signorie, und Mailand gab sie ihm. Cremona, Como, Bergamo, Parma, Brescia, Pavia sandten, wie Verona, Mantua und Modena das bereits getan hatten, ihre Syndici zur Huldigung. Noch stand Heinrich hoch über den Parteien. Guelfen und Ghibellinen wollte er nicht einmal nennen hören, so daß jene sagten: er sieht nur Ghibellinen, und diese: er empfängt nur Guelfen. Aber seine Erfolge in Mailand und die Unterwerfung der ganzen Lombardei erregten doch Schrecken bei den Guelfen; die Florentiner eilten, ihre Stadt zu befestigen, Bologna, Lucca, Siena und Perugia zu einer Guelfenliga zu vereinigen und vom König Robert Hilfe zu fordern.

Am 6. Januar 1311 nahm Heinrich die eiserne Krone in Sankt Ambrosius von der Hand Gastons della Torre, des von ihm zurückgeführten Erzbischofs von Mailand. Gesandte fast aller Städte Lombardiens und Italiens, auch Roms waren dabei anwesend, mit Ausnahme von Venedig, Genua und Florenz. So wurde auch das alte Königtum Italiens durch Heinrich erneuert, welcher jede Überlieferung des Reichs wiederherzustellen schien. Allein am glänzenden Himmel seiner Hoffnungen stieg schon drohendes Gewölk auf. In seiner Mittellosigkeit forderte er große Summen von Mailand als Beisteuer zur Kaiserkrönung und zum Unterhalt des Reichsverwesers. Man murrte auch über die Regierung unbrauchbarer kaiserlicher Vikare. Voll Argwohn oder um des Friedens willen verlangte Heinrich fünfzig Söhne edler Häuser von beiden Parteien zu Geiseln, unter dem Vorwande, daß sie ihn nach Rom begleiten sollten. Die Torri, von den Visconti in die Falle gelockt, erhoben einen Aufstand am 12. Januar; Deutsche und Lombarden kämpften in den Straßen, und Blut verdunkelte zum erstenmal die fleckenlose Majestät des edlen Heinrich. Die Torri flohen aus der Stadt; ihre Paläste wurden niedergebrannt, viele Mailänder nach Pisa, Genua oder nach Savoyen ins Exil geführt.

Das für die praktischen Verhältnisse der Welt zu hohe Ideal des Friedensfürsten sank bald genug zusammen, und Heinrich VII., welcher übrigens von seiner Herrschergewalt in Italien keine geringere Meinung hatte, als die der Hohenstaufenkaiser gewesen war, sah sich in kurzer Zeit auf den Wegen und in dem Labyrinth seiner Vorgänger im Reich.

Der jähe Sturz des mächtigen Guelfenhauses regte das Land auf und zerstörte den Zauber des ersten Auftretens Heinrichs. Lodi, Cremona, Crema und Brescia sagten sich von ihm los. Dies zwang den König, wie seine Vorgänger Städte zu bekriegen, wodurch Zeit und Kraft verloren gingen und sein ganzer Plan verändert wurde. Cremona unterwarf sich zwar wieder, wie Lodi und Crema. Die Bürger jener Stadt erschienen Gnade flehend, barfuß und den Strick um den Hals, aber der aufgebrachte König zeigte sich zum erstenmal ohne Mitleid; er bestrafte selbst Schuldlose durch harte Gefangenschaft und ließ die Mauern Cremonas, welches geplündert ward, zu Boden werfen. Diese unerwartete Strenge, welche den Glauben an seine Sanftmut und Gerechtigkeit erschütterte, trieb Brescia zum äußersten Widerstande. Wenn Heinrich ohne Verzug nach Rom gezogen wäre, so würden Bologna, Florenz, Siena, Rom, selbst Neapel sich ihm ergeben haben; so meinten die Zeitgenossen. Die Florentiner Verbannten, und namentlich Dante, welcher den König bereits persönlich aufgesucht hatte, mahnten ihn voll Ungeduld, schnell gegen Florenz zu ziehen, doch er beschloß, erst Brescia um jeden Preis zu bewältigen, denn diese Stadt konnte leicht zum Haupt einer guelfischen Liga werden, und sie hatte sich bereits mit seinen Gegnern in Toskana in Verbindung gesetzt. Die schwierige Belagerung kostete Heinrich vier volle Monate, einen unverhältnismäßigen Aufwand von Geldmitteln, den Verlust seines Bruders Walram und mehr als die Hälfte seines Heeres. Sie bietet das furchtbarste Gemälde aller Schrecken des Kriegs um Städte dar, wie sie greller kaum zur Zeit Barbarossas erlebt wurden. Brescia, welches einst mit Heldenmut die Stürme Friedrichs II. abgeschlagen hatte, war eine der glanzvollsten Städte der Lombardei; ihre freien Bürger »gleich Königen«; ihre Waffenmacht wie die eines Königreichs. Ein verbannter Guelfe, Tebaldo de Brusatis, Verräter an Heinrich, der ihn ehedem mit Wohltaten überhäuft, zum Ritter gemacht und in seine Vaterstadt zurückgeführt hatte, leitete die Verteidigung mit wilder Kraft, bis er zum Tod verwundet in die Hände der Deutschen fiel, auf einer Kuhhaut um die Mauern Brescias geschleift und im Lager gevierteilt wurde. Die Erbitterung der Brescianer ward jetzt grenzenlos, aber ihren verzweifelten Widerstand brachen Hunger und Pest, so daß sie endlich den Vorstellungen der vom Papst zur Kaiserkrönung gesandten Kardinäle nachgaben und die Waffen streckten. Am 18. September kamen die unglücklichen Bürger, Schatten gleich, barfüßig, Stricke um den Hals, sich dem Gebieter zu Füßen zu werfen, wie in Jahrhunderten so oft besiegte Lombarden vor den Kaisern gekniet hatten. Er schenkte ihnen das Leben; er verschonte auch die Stadt; über die geebneten Gräben und den Schutt eingerissener Mauern hielt er dort am 24. September seinen düstern Einzug. Die Tore Brescias befahl er als Siegeszeichen nach Rom zu führen. So war der milde Heinrich durch die Gewalt ihn selbst bezwingender Ursachen in den Augen der Guelfen ein erobernder Despot geworden wie Barbarossa und Friedrich II.

Er hatte jetzt keinen lebhafteren Wunsch als diesen, schnell nach Rom zur Kaiserkrönung zu eilen, welche der Papst nach des Königs eigenem Wunsch auf den 15. August angesetzt, der Aufenthalt vor Brescia aber an diesem Tage unmöglich gemacht hatte. Clemens V. wurde durch seine Verwicklung mit Frankreich, durch das bevorstehende Konzil zu Vienne, sein chronisches Leiden und noch mehr Bedenken abgehalten, die Krönung zu vollziehen; aber er hatte dazu als Stellvertreter einige Kardinäle ernannt. In deren Begleitung zog jetzt Heinrich mit seinen zusammengeschmolzenen Truppen über Cremona, Piacenza und Pavia nach Genua, wo er schon am 21. Oktober 1311 seinen Einzug hielt, die hadernden Parteien der Doria und Spinola versöhnte und bald darauf die Signorie der Republik an sich nahm. Genua sollte der Sammelplatz für die Romfahrt sein; aber die Botschaften, die er dort empfing, belehrten ihn über die Hindernisse, welche sich während der Belagerung Brescias vor seinem Ziele aufgetürmt hatten.

Der Senator Ludwig hatte sich in Rom bemüht, den Parteizwist zu beruhigen und die Stadt für Heinrich günstig zu stimmen. Unglücklicherweise war er vom Könige im Herbst nach Brescia abgerufen worden. Seinen Stellvertretern, Richard Orsini und Johann Annibaldi, hatte er den Turm der Milizen zum Sitz und das Kapitol überliefert, mit der Verpflichtung, beide Festen für Heinrich zu bewahren und bei seiner Ankunft ihm auszuliefern. Allein kaum war Ludwig aus Rom fern, so erhoben sich Orsini und Colonna im Streit, jene als Feinde Heinrichs, dessen Kaiserkrönung sie durch Robert von Neapel zu hindern hofften, diese als Ghibellinen. Das Haupt der Colonna war Sciarra, der berühmte Todfeind Bonifatius' VIII., während Stefan den König Heinrich auf seinen Zügen in der Lombardei begleitete. Die Orsini forderten alsbald Robert auf, nach Rom zu kommen oder doch Kriegsvolk dorthin zu senden. Der König von Neapel fürchtete den Romzug Heinrichs, weil er ihm als die Fortsetzung dessen Konradins erschien. Er sah voraus, daß der Kaiser die Ansprüche auf Neapel erneuern und versuchen würde, die Anjou vom usurpierten Thron zu stoßen. Dies war unvermeidlich, obwohl Heinrich noch nicht den Plan dazu gefaßt hatte, vielmehr einen Vertrag mit Robert wünschte. Dieser Krieg aber täuschte ihn. Denn während er um Familienverschwägerung mit ihm unterhandelte, betrieb er den Abschluß eines guelfischen Bundes zwischen Bologna und den Städten Toskanas. Schon im Frühjahr 1311 schickte er katalanische Söldner unter Diego de la Ratta nach Florenz und in die Romagna, deren Vikar für den Papst er war. Hier vertrieb er aus vielen Orten die Ghibellinen. Sein Kriegsvolk vereinigte sich mit Florentinern und Lucchesen, um die Pässe der Lunigiana für Heinrich zu verschließen. Während die Florentiner mit ihrem Golde am Hofe des Papsts wirkten, Heinrich fernzuhalten und die lombardischen Städte durch Bestechung zum Abfall reizten, bestürmten sie Robert, Rom zu besetzen, wie er es versprochen hatte. Als sie nun wahrnahmen, daß er mit Heinrich unterhandle, schrieben sie ihm in großer Aufregung, erinnerten ihn an sein Versprechen, mit dem deutschen Könige niemals ein Familienbündnis einzugehen, und sie drohten, in diesem Fall ihre Truppen von Rom abzurufen; denn dorthin hatten sie schon mehr als zweitausend Mann abgeschickt.

Noch in Genua hatte sich Heinrich durch Gesandtschaften Roberts täuschen lassen. Er erstaunte, als Sciarra Colonna vor ihm erschien, ihm meldete, was in Rom geschehen sei, dringend um Truppen bat und auf Beschleunigung der Romfahrt drang. Denn Robert war den Aufforderungen der Florentiner gefolgt und hatte seinen Bruder Johann, Grafen von Gravina, mit 400 Reitern nach Rom geschickt, wo er von den Orsini aufgenommen ward, den Vatikan, die Engelsburg und Trastevere besetzte und auch die übrigen Festungen zu gewinnen suchte. Die Stadt hatte sich daher in die Heerlager der Guelfen und Ghibellinen, der Kaiserlichen und Neapolitaner geteilt, welche sich straßenweise verschanzten und einander mit Erbitterung bekämpften. Diese Kunden bewogen Heinrich, den Senator Ludwig in Begleitung der Colonna nach Rom zurückgehen zu lassen; doch er gab ihm nur fünfzig deutsche Reiter mit. Über die wahre Bedeutung der Vorgänge nicht aufgeklärt, bildete er sich ein, daß dort durch kräftiges Einschreiten der Beamten alles könne geschlichtet werden, und sogar der Versicherung Roberts, daß der Prinz Johann in Rom nur eingerückt sei, um der Kaiserkrönung festlich beizuwohnen, scheint er den Glauben nicht versagt zu haben. Als nun Ludwig von Savoyen unter dem Schutz der Grafen von Santa Fiora und der Colonna in Rom eingezogen war, fand er die Orsini und den Prinzen im Besitz der meisten Festungen und seine eigenen Vikare widerspenstig. Sie weigerten sich, ihr Amt niederzulegen und wollten den Turm der Milizen wie das Kapitol nur für Geld herausgeben. Der Senator nahm seine Wohnung im Lateran; er versuchte ohne Erfolg, die Orsini zu beschwichtigen und Johann zur Rückkehr nach Neapel zu bewegen. Der friedliche Einzug seines Herrn zur Krönung war demnach nicht mehr wahrscheinlich.

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