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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 283
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Kirchenbauten. St. Peter und der Vatikan. St. Paul. Lateran. Die Kapelle Sancta Sanctorum. S. Lorenzo. S. Sabina. Hospitäler. S. Spirito. St. Thomas in Formis. Das Hospital am Lateran. San Antonio Abbate. Das gotische Kunstprinzip. S. Maria sopra Minerva. Casamari, Fossanova. Gotische Tabernakel. Die Künstlerfamilie der Cosmaten. Vassaletus. Grabmäler. Charakter der römischen Monumentalschrift.

Auch unter den Päpsten jenes Zeitalters gab es Förderer der Kunst. Keiner war freigebiger als Innocenz III. In dem langen Register seiner Weihgeschenke fehlt kaum eine römische Kirche, und überhaupt nahm er eine allgemeine Wiederherstellung der Basiliken vor. Im St. Peter schmückte er die Tribune mit Mosaiken, welche erst mit der alten Basilika untergegangen sind, auch stellte er den durch Barbarossa verwüsteten Vorhof wieder her. Seine Restauration vollendeten Honorius III. und Gregor IX. Dieser zierte die Fassade des Doms mit einem Mosaikgemälde, welches Christus zwischen der Madonna und St. Petrus, die vier Evangelisten und ihn selbst zu Füßen des Heilands darstellte. Diese Mosaiken erhielten sich bis auf die Zeit Pauls V. Am Vatikanischen Palast setzte Innocenz III. die Anlagen seiner Vorgänger fort, errichtete einen größeren Bau und umgab ihn mit Mauern und Eingangstürmen. Da die Unruhen in Rom, wo der Lateran Schauplatz wütender Stadtkriege wurde, eine befestigte Wohnung der Päpste am St. Peter zum Bedürfnis machten, richteten sie sich dort seit dem XIII. Jahrhundert eine Residenz ein. Nach seiner Rückkehr aus Lyon baute erst Innocenz IV. am Vatikanischen Palast weiter, und dann setzte ihn der prachtliebende Nikolaus III. seit 1278 fort, wozu er die Baumeister Fra Sisto und Fra Ristoro aus Florenz in seine Dienste nahm. Er machte den Zugang zum Vatikan frei und legte die dortigen Gärten an, die er mit Mauern und Türmen umgeben ließ. Man nannte sie das viridarium novum, und davon erhielt das Tor bei St. Peter den Namen Porta viridaria. So erwachte auch der Natursinn wieder; zum erstenmal nach Jahrhunderten sah Rom die Anlage eines Parks. Nikolaus III. ist der erste Gründer der vatikanischen Residenz in ihrer geschichtlichen Gestalt.

Auch die Basilika St. Paul wurde wiederholt restauriert und ausgeschmückt. In der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts entstand dort der herrliche Klosterhof, der schönste Bau dieser Art in Rom, wohl ein Werk der Cosmaten. Ihm ähnlich und noch schöner ist der Hof im Lateran aus derselben Zeit.

Die lateranische Mutterkirche wurde bald nach der Verlegung des Papsttums nach Avignon von einem Brande verzehrt und enthält demnach heute nur wenige Denkmäler des XIII. Jahrhunderts. Nikolaus III. restaurierte sie wie den dortigen Palast, wo er die Kapelle Sancta Sanctorum neu erbauen ließ. Der Leser dieser Geschichten weiß, daß sie die Hauskapelle der Päpste war, worin die feierlichsten Handlungen, zumal am Osterfest, vollzogen wurden. Sie verwahrte die angesehensten Reliquien, das »nicht von Händen gemachte« Bildnis des Salvator und die Häupter der Apostelfürsten. Der anmutige Neubau Nikolaus' III., innen mit Marmor bekleidet, mit gewundenen Säulen unter gotischen Giebeln verziert und mit Mosaiken und Malereien ausgeschmückt, besteht noch als der einzige Überrest des alten Lateranischen Palasts. Dieser selbst war schon von Gregor IX. neu ausgebaut und befestigt worden. Nach ihm aber führte Nikolaus III. den Bau fort. Die Päpste begnügten sich indes nicht mehr mit den Residenzen im Vatikan und Lateran; Honorius IV. baute sich eine bei der S. Sabina, Nikolaus IV. eine andere bei S. Maria Maggiore. Selbst draußen, zu Montefiascone, Terni, Viterbo, Soriano, legten die Päpste Villen und Paläste an, und diese steigende Prachtliebe zog ihnen von mancher Seite Tadel zu, weil man darin zu viel Weltlichkeit oder zu viel Nepotismus sah.

Bemerkenswert ist der Bau Honorius' III. in S. Lorenzo vor den Mauern, wo er die beiden alten Basiliken vereinigte, das heilige Presbyterium einrichtete und die Vorhalle anlegte. Das Entstehen ferner von Klöstern der Bettelorden ist bemerkt worden. Aber auch diese Bauten waren nur Erweiterungen schon vorhandener, vielleicht mit Ausnahme des Klosters der S. Sabina, welches Dominikus gründete und wo sich ebenfalls ein Hof römischen Stils befindet.

Die rühmlichste Tätigkeit der Päpste gehörte den wohltätigen Anstalten. Innocenz III. stiftete das Hospital und Findelhaus von S. Spirito, wozu ihn ein Traumbild aufforderte oder der Spott der Römer veranlaßte, welche ihn tadelten, daß er für die ehrgeizigen Zwecke seines Hauses den Riesenturm Conti hatte erbauen lassen. Er errichtete dasselbe neben S. Maria in Sassia, wo einst der König Ina ein Pilgerhospiz ( schola Saxonum) gegründet hatte, und übergab es im Jahre 1204 der Verwaltung des Provençalen Guido, des Stifters eines Hospitalordens zu Montpellier unter dem Titel vom heiligen Geist. So verwandelte sich das alte Angelsachsenhaus in das Hospital S. Spirito, und dieser Name ging auf die Kirche selbst über. Die Anstalt wurde von späteren Päpsten erweitert und zum großartigsten Institut dieser Gattung in der Welt gemacht.

Einige Jahre früher entstand das Hospital St. Thomas auf dem Coelius, beim Bogen des Dolabella, von der dortigen Wasserleitung in Formis genannt; Innocenz III. übergab es dem Nizzarden Johann von Matha, welcher den Orden der Trinitarier zum Zweck des Loskaufs von Christensklaven gestiftet hatte. Die kleine Kirche besteht noch in veränderter Gestalt, während sich vom Hospital nur ein Rest des alten Portals am Eingang der Villa Mattei erhalten hat. Ein drittes Krankenhaus gründete im Jahre 1216 der Kardinal Johann Colonna am Lateran, wo es noch dauert; ein viertes, S. Antonio Abbate bei S. Maria Maggiore, stiftete der Kardinal Petrus Capocci. Die vom Entzündungsfeuer des heiligen Antonius Befallenen fanden dort Pflege bei Brüdern eines Ordens, welcher in Südfrankreich entstanden war. Dies Hospital ist eingegangen, und nur das alte Marmorportal im Rundbogenstil lehrt, daß es einst ein nicht geringer Bau gewesen ist.

Im ganzen zeigt sich auch während des XIII. Jahrhunderts in der kirchlichen Architektur Roms kein großartiger Sinn. Das Bedürfnis neuer Bauten war nicht vorhanden, die Restauration der alten Basiliken gab vollauf zu tun. Rom hatte keine großen Kirchen mehr in Zeiten zu schaffen, wo aus dem mächtigen Aufschwunge des Bürgertums die Prachtdome in Florenz, Siena und Orvieto entstanden. Nach der Mitte des XIII. Jahrhunderts trat freilich auch hier das Prinzip der Gotik auf, wie wir es zuerst in der Kapelle Sancta Sanctorum erscheinen sahen. Dieser mystische Stil Nordfrankreichs wurde von den Bettelmönchen ergriffen, schon in der Grabkirche ihres Heiligen zu Assisi angewendet und dem italienischen Kunstgefühle angepaßt; aber die Gotik entwickelte sich in dem klassischen Rom nicht, wenn man die S. Maria sopra Minerva ausnimmt, deren Bau Nikolaus III. im Jahre 1280 durch Fra Sisto und Fra Ristoro, die Architekten der S. Maria Novella in Florenz, beginnen ließ. Jene halbgotische Kirche war in langen Jahrhunderten der einzige selbständige Neubau von einigem Belange in der Hauptstadt der christlichen Welt. Dagegen waren in Latium die Klosterkirchen zu Casamari und Fossanova in schönem gotischen Stil schon am Anfange des XIII. Jahrhunderts angelegt worden.

Nur in Tabernakeln über Altären und Grabmälern wurde auch in Rom am Ende jenes Säkulum gotische Form, verbunden mit römischer Musivdekoration, vorherrschend. Die Kirchen der Stadt besitzen noch manche dieser graziösen Werke, die zu den anziehendsten Denkmälern des Mittelalters gehören. Sie sind teils Arbeiten toskanischer Meister, wie das schöne Tabernakel in St. Paul, welches Arnolfo di Cambio, der Schüler des Niccolò Pisano, im Jahre 1285 verfertigt haben soll, teils Schöpfungen römischer Künstler, wie das Tabernakel in S. Maria in Cosmedin, welches der Kardinal Francesco Gaëtani durch Deodatus arbeiten ließ. Schon seit dem XI. Jahrhundert waren römische Marmorarbeiter selbst in Mittel- und Süditalien tätig. Sie nannten sich Marmorarii oder arte marmoris periti, ein für Rom charakteristischer Begriff. Denn diese Stadt war mit köstlichen Marmortrümmern überstreut, ja ein wahrhaftes Carrara auch für fremde Städte. Es erzeugte sich daher hier eine eigene Kunst des Mosaizierens mit Marmorstücken, wozu auch das Vorbild antiker Haus- und Tempelmosaik fortdauernd einlud. Man riß Marmorplatten von antiken Bauten ab, man zersägte herrliche Säulen, um Material für dekorativen Schmuck zu gewinnen, namentlich für die Fußböden in den Kirchen, welche mit Stücken Porphyr, Serpentin, Giallo, weißem und schwarzem Marmor kunstvoll ausgelegt wurden. Man mosaizierte Tabernakel, Ambonen, Altäre, Grabmäler, Bischofstühle, Osterkandelaber, Säulen, Bogen und Friese in Klosterhöfen. Alle diese zum Teil zierlichen Arbeiten, namentlich die der Fußböden in Kirchen, sind die Ankläger fortdauernder Plünderung der antiken Herrlichkeit Roms, dessen Marmorfülle täglich verbraucht wurde, ohne sich jemals zu erschöpfen. Die Marmorarbeiter waren es auch, welche für ihren Bedarf die Katakomben plünderten, wodurch viele Inschriften verloren gingen.

Aus solcher römischer Steinarbeit ( opus romanum) erwuchs seit dem Ende des XII. Jahrhunderts das ausgezeichnete Steinmetzengeschlecht der Cosmaten und wurde von einheimischer Bedeutung für die Kunst. Diese Familie, deren Tätigkeit ein ganzes Jahrhundert ausfüllt, stammte von einem Meister Laurentius ab, der mit seinem Sohne Jacobus um das Jahr 1180 zuerst sichtbar wird. Dann blühte sie in Söhnen und Enkeln durch mehrere Generationen fort, unter den Namen Cosmas, Johannes, Lucas, Deodat. Obwohl sich der Name Cosmas in dieser Künstlerfamilie nur einmal zu finden scheint, hat man sie doch wunderlicherweise nach ihm benannt. Wenn auch die Arbeiten der Cosmaten nicht den Ruhm eines Niccolò und Giovanni, eines Arnolfo, Cimabue und Giotto erreichten, so veredelten sie doch Rom durch eine originale Kunstschule, und sie erfüllten Latium, Tuszien, selbst Umbrien mit Werken, die ihrer Natur nach Architektur, Skulptur und musivische Malerei vereinigten, wie Tabernakel, Ambonen, Grabmäler, Portiken und Klosterhöfe. Das Geschlecht und die Schule der Cosmaten erloschen in Rom zu derselben Zeit, als das Papsttum, welches die Kunst zu fördern begonnen hatte, aus der Stadt nach Frankreich entwich, und sie wie ihre Wirkungen verschlang das Dunkel der römischen Verlassenheit infolge des avignonesischen Exils. Eine andere neben den Cosmaten in Rom blühende Schule hatte dasselbe Schicksal. Ihr Haupt war Bassallectus oder Vassalletus, welchem der schöne Klosterhof des Lateran zugeschrieben wird.

Sehr hervortretend in Rom sind die Grabmäler, welche freilich meist nur der hohen Geistlichkeit angehören. Der Gebrauch, antike Sarkophage zu benutzen, dauerte noch fort, doch wurden infolge des Aufschwunges der Pisaner Schule auch selbständige Mausoleen errichtet. Als Innocenz V. gestorben war, befahl Karl seinem Kämmerer in Rom nachzuforschen, ob sich ein Porphyrsarkophag für die Bestattung jenes Papsts auftreiben lasse, wo nicht, ihm ein schönes Grabmal fertigen zu lassen. Kein Monument berühmter Personen aus der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts hat sich in Rom erhalten, wo der Untergang so vieler Grabmäler, namentlich in St. Johann und in St. Peter, zu beklagen ist. Die Reihe der noch vorhandenen beginnt in S. Lorenzo das Grabmal des Kardinals Wilhelm Fieschi († 1256), jenes von Manfred so übel heimgeschickten Legaten Apuliens. Er liegt in einem antiken Marmorsarkophag, dessen Reliefs eine römische Hochzeit darstellen – ein wunderliches Symbol für einen Kardinal! Der mittelalterlichen Kunst gehört nur das einfache geradlinige Tabernakel, in welchem Malereien den thronenden Christus darstellen, neben sich Innocenz IV. mit St. Laurentius und den Kardinal mit St. Stephan. Lange und übertriebene Inschriften preisen den Toten.

Es folgt das Grabmal des Kardinals Richard Annibaldi, des berühmten Führers der Guelfen und Anhängers Karls von Anjou. Das einfache Monument, im linken Schiff des Lateran an der Wand erhoben, ist modern wie die Inschrift, aber die marmorne Figur noch die ursprüngliche. Dies Grabmal ruft die große Hohenstaufenzeit und das Interregnum ins Gedächtnis zurück; denn Richard durchlebte als Kardinal die ganze Epoche von den Tagen Gregors IX. bis zu Gregor X. Er starb zu Lyon im Jahre 1274.

Ein anderer jüngerer Kardinal jenes Zeitalters, Ancherus von Troyes († 1286), liegt in S. Prassede in einem wohlerhaltenen Monument, welches schon den mächtigen Fortschritt der römischen Skulptur zeigt und sicherlich ein Werk der Cosmaten ist. Der Tote ruht auf einem Bett mit zierlich rikamierter Decke von Marmor, welche über kleinen Säulen herabhängt. Der Grund zwischen ihnen ist mosaiziert.

In Aracoeli finden wir die Familiengruft der Savelli. Dies edle Geschlecht baute sich dort eine Kapelle, die mit Gemälden ausgeschmückt wurde. Sie umschließt heute noch zwei Grabmäler, das der Mutter Honorius' IV., worin dieser Papst selbst bestattet liegt, und das senatorische Mausoleum. Das erste ist ein selbständig gearbeiteter, mit Mosaik auf Goldgrund gezierter Sarkophag unter einem geradlinigen Tabernakel. Auf ihm ruht die Marmorgestalt Honorius' IV., eines Mannes mit schönem, bartlosem Angesicht; sie ward erst von Paul III. aus dem Vatikan gebracht und auf jenen Sarkophag gelegt, worin schon die Mutter des Honorius, Vana Aldobrandeschi, bestattet lag. Das zweite Monument verbindet in bizarrer Weise das Antike mit den Formen des Mittelalters; eine Marmorurne mit bacchischen Reliefs aus der Zeit des römischen Kunstverfalls dient zur Grundlage, worüber sich ein mosaizierter Sarkophag mit gotischem Aufsatz erhebt. Die Wappen des Hauses dreimal auf der Vorderseite; Inschriften aus verschiedener Zeit unregelmäßig eingegraben. Denn hier ruhen mehrere Saveller; zuerst der Senator Lucas, Vater des Honorius IV., des Johann und Pandulf, welchem dies Grabmal von eben diesen Söhnen errichtet ward; sodann der berühmte Senator Pandulf und seine Tochter Andrea; ferner Mabilia Savelli, die Gemahlin des Agapitus Colonna, und noch andere Familienglieder aus späteren Epochen.

In der Minerva liegt der Kardinal Latinus Malabranca, auf dessen Vorschlag Cölestin V. Papst wurde; mit ihm der Kardinal Mattheus Orsini. Der Sarkophag hat die Form eines Ruhebetts, worauf die Gestalt des Toten schlummert. Der Zeit Bonifatius' VIII. gehören überhaupt die schönsten Werke der Cosmatenschule an. Gerade damals arbeitete Johannes, Sohn des zweiten Cosmas, unter den Augen Giottos mehrere Grabmäler von trefflicher Erfindung, Sarkophage in gotischen Tabernakeln, worin Musive die Jungfrau nebst Heiligen über dem Toten darstellen, dessen Schlaf zwei marmorne Engel bewachen – eine Vorstellung von solcher Grazie, wie sie später nicht mehr wieder erscheint. Das berühmteste Werk des Meisters Johannes ist das Monument Wilhelm Durantis' in der Minerva, eine fein durchgeführte Arbeit. Ähnlich ist das Grabmal des Kardinals Gunsalvus von Albano vom Jahre 1299 in S. Maria Maggiore. Der Künstler schrieb seinen Namen auf ein drittes Werk der Art, das treffliche Denkmal des Kaplans Bonifatius' VIII., Stephanus aus der ghibellinischen Familie der Surdi in der S. Balbina. Ob auch das Grabmal Bonifatius' VIII. in den Grotten des Vatikan eine Arbeit Johanns war, ist ungewiß. Man sieht dort den Sarkophag des Papsts mit seiner Marmorgestalt; dies Werk, einfach und kräftig, hat nicht die feine Grazie der vorhergenannten.

Die Kunst der Cosmaten nimmt ihren Abschied mit dem Grabmal des im Jahre 1302 gestorbenen Franziskanergenerals Mattheus von Acquasparta in Aracoeli, welches nicht mehr den Namen Johanns trägt, überhaupt ohne Inschrift ist, aber der Schule jenes Künstlers angehört. In demselben Jahre starb der Kardinal Gerhard von Parma; sein Monument im linken Seitenschiff des Lateran, jetzt hoch an der Wand eingemauert, ist ein einfacher Sarkophag mit langer und barbarischer Inschrift in leoninischen Versen. Der Deckel, nur die eingravierte Figur des Toten zeigend, wurde später an der Wand aufgerichtet, um jene sichtbar werden zu lassen.

Wir werfen noch einen Blick auf die in römischen Kirchen so häufigen Grabplatten, merkwürdige Todeskalender von Stein, welche einst den Boden der Basiliken wie Mosaik bedeckten und jetzt nach und nach verschwinden. Seit dem VIII. Jahrhundert begrub man Tote in den Kirchen. Ihre Stätte bezeichnete lange Zeit nur eine Platte am Boden mit Namen, Todesdatum und dem Zusatz »dessen Seele in Frieden schlafen möge«. Später grub man neben der Inschrift auch das Bild einer Kerze auf den Stein; dann pflegte man, zumal seit dem XIII. Jahrhundert, die Person selbst abzubilden, sei es als Relief oder im Umriß, auf einem Kissen schlummernd, die Hände über der Brust gekreuzt, die Familienwappen links und rechts neben dem Haupt; auf dem Rande der Platte die lateinische Inschrift. Die ältesten dieser Denkmäler sind meist zerstört; doch finden sich deren noch manche aus dem XIII. Jahrhundert in Aracoeli, S. Cecilia, Maria sopra Minerva, Prassede, Sabina, Lorenzo in Panisperna und andern Kirchen. Bisweilen sind die Platten mit Mosaik ausgelegt. Das schönste musivische Werk dieser Art ist die Grabplatte des Dominikanergenerals Munio de Zamora vom Jahr 1300 in der S. Sabina, eine Arbeit des Meisters Jacobus de Torriti.

Solche Monumente, die im XIV. Jahrhundert immer häufiger werden, sind auch als Abbilder der Trachten ihrer Zeit merkwürdig. Außerdem zeigen sie die allmähliche Verwandlung der Schriftcharaktere, worüber wir nur dies bemerken. In der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts behauptete sich in Rom noch der alte epigraphische Charakter; gegen das Ende desselben wurden die Buchstaben unruhig; man bemerkt völlige Willkür in der Zeichnung namentlich des E, M, N und V. Die römische Linie nimmt Bogenform an, und das E und C beginnen sich durch einen Strich zu schließen. Am Ende des Jahrhunderts wird die Schrift schnörkelhaft. Bezeichnend für die neue Form ist das T, welches die Haken des Querbalkens tief und ausgebogen herunterzieht. Dies malerische Prinzip macht die Schrift bunt und fremdartig aussehend. Man hat solche Charaktere, welche das ganze XIV. Jahrhundert beherrschen und erst im Zeitalter der Wiedergeburt verschwinden, gotisch genannt. Obwohl sie mit den Goten so wenig zu tun haben als der von ihnen genannte Kunststil, so hängen sie doch mit jener Gotik der Kunst zusammen, die gerade am Ende des XIII. Jahrhunderts auch in Italien Form gewann. Sie stimmen in Inschriften mit ihr so vortrefflich wie die arabische Schrift mit der maurischen Architektur. Sie drücken eine Verwandlung in dem ästhetischen Gefühle der Menschheit aus und stehen auch in Verbindung mit der zusammengesetzter werdenden Tracht der Zeit. Sie verhalten sich gegen die aristokratische Form der altrömischen Schrift wie die gotische Kirche zur Basilika und wie die vulgäre Nationalsprache zum Latein.

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