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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 279
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Französischer Plan zum Sturz des Papsts. Sciarra und Nogaret kommen nach Italien. Verschwörung der lateinischen Barone. Nachweis, wie die Hausmacht der Gaëtani in Latium gegründet wurde. Katastrophe in Anagni. Rückkehr des Papsts nach Rom. Seine verzweifelte Lage im Vatikan. Sein Tod 1303.

Wenn die Kaiser Päpste, ihre Feinde, stürzen wollten, so kamen sie in ihrer Eigenschaft als römische Imperatoren mit einem Heer und erhoben offenen Krieg; der König Frankreichs besaß keinen solchen Titel für einen Kriegszug gegen einen Papst; er nahm zu einem unehrenvollen Handstreich seine Zuflucht, um den Gegner stumm zu machen. Der Überfall Bonifatius' VIII. in seiner eigenen Vaterstadt Anagni, ausgeführt durch Soldknechte eines fremden Despoten und mit ihm verschworene lateinische Barone, war eine in der Geschichte der Päpste unerhörte Tatsache. Die Verbannten vom Haus Colonna hatte Philipp an seinem Hofe aufgenommen; sie stachelten seinen Zorn, und er bediente sich ihrer Rachlust für seine Absichten. Etwa im Februar 1303 wurde der Plan entworfen, den Papst gefangen fortzuführen und vor ein Konzil in Lyon zu stellen. Guillaume du Nogaret von Toulouse, Doktor der Rechte, ehemals Professor zu Montpellier, jetzt Vizekanzler Philipps, übernahm die Ausführung des Attentats. Am 12. März fand in Gegenwart des Königs eine Versammlung im Louvre statt, an welcher auch einige Prälaten teilnahmen, und vor ihr klagte Nogaret den Papst an. Bald darauf reiste der Minister nach Italien ab, mit Vollmachten des Königs, die in allgemeinen Ausdrücken seine Unternehmung autorisierten. Auf dem Schlosse Staggia bei Poggibonsi, welches dem mitverschworenen Florentiner Bankier Musciatto gehörte, wurde mit Sciarra der Plan verabredet. Man war mit Wechselbriefen für das Haus Peruzzi versehen und sparte kein Gold, Freunde wie Feinde des nichts ahnenden Papsts zu bestechen, während Nogaret sich das Ansehen gab, als sei er als Unterhändler an diesen geschickt worden.

Der französische Minister suchte, obwohl vergebens, sogar den König von Neapel in die Verschwörung hineinzuziehen, und ebenso fruchtlos waren die Bemühungen seiner Agenten bei den Römern. Aber sein Gold fand Zugang in den Kastellen der Campagna. Vor allen gewann Nogaret für sich den Kapitän Ferentinos, Rinaldo von Supino, von welchem der päpstliche Nepot das Kastell Trevi und andere Güter an sich gebracht hatte. Fast ganz Latium nahm an der Verschwörung teil. Der Nepotismus des Papsts rächte sich, und in Latium war es, wo die Gaëtani ihre Herrschaft, meist durch Verdrängung früherer Besitzer, gegründet hatten. Es ist wichtig für das Verständnis des Sturzes Bonifatius' VIII. und nebenbei lehrreich für die Baronalverhältnisse jener Zeit, das riesige Anwachsen eines einzigen Nepotenhauses an dem Beispiel der Gaëtani zu zeigen.

Das Unglück der Colonna hatte jener Papst benutzt, eine große Familienmacht zu gründen, was wesentlich innerhalb der Jahre 1297 und 1303 und aus Mitteln des Kirchenschatzes geschah. Martin IV. und Nikolaus IV. hatten zwar den Verkauf von Gütern der Campagna an Barone Roms untersagt, um dem Anwachsen des Landadels Einhalt zu tun, doch Bonifatius hob diese Verbote zugunsten seines Neffen Petrus auf. Der Kern der gaëtanischen Herrschaft in Latium (er ist diesem Hause noch heute geblieben) wurden auf den volskischen Abhängen Sermoneta, sodann Norma und Ninfa, uralte, der Kirche einst von einem byzantinischen Kaiser geschenkte Güter. Sermoneta, im Altertum Sulmona, wovon die Gaëtani heute den Herzogstitel führen, gehörte den Annibaldi, welche dies Kastell nebst Bassano und S. Donato bei Terracina am 16. Juni 1297 für 34 000 Goldgulden an Petrus Gaëtani verkauften. Norma hatte Bonifatius schon als Kardinal am 2. Januar 1292 von Johann Jordani um 26 000 Goldgulden erkauft. Ninfa am Rande des pontinischen Sumpfs erstand Graf Petrus für die damals erstaunliche Summe von 200 000 Goldgulden am 8. September 1298; und so wurde die eigentliche Stammherrschaft der Gaëtani mit Sermoneta, Norma und Ninfa bereits abgerundet. Ninfa war und ist noch heute das größte Latifundium in ganz Latium; es erstreckte sich von den Volskerbergen über die Sümpfe mit Türmen, Höfen, Seen und Wäldern bis ans Seegestade und noch hundert Millien weit ins Meer hinein. Die römische Kirche, die Colonna, die Frangipani, Annibaldi, viele andere Eigentümer und die Ortsgemeinde teilten sich in die Rechte auf Ninfa; doch schon seit 1279 kauften Loffred und sein Sohn Petrus Gaëtani die Privatbesitzer aus. Die Gemeinde selbst übergab Petrus das Dominium am 11. Februar 1298. Wenn ein einzelner Baron vermögend genug war, 200 000 Goldgulden oder 630 000 Taler bar in Gold auszuzahlen, welche Summe nach dem Verhältnis der Geldwerte heute mindestens 4 Millionen Talern gleich ist, so mag man urteilen, welche Reichtümer sich schon damals in den Händen der Nepoten aufhäuften. Bonifatius bestätigte Ninfa seinem Neffen auch im Namen der Kirche als ewiges Familienlehen, doch unter dem Verbot, es jemals den gebannten Colonna unter irgendeinem Titel abzutreten. Petrus baute seither dort ein prächtiges Schloß mit einem gewaltigen Turm, der noch heute, von Efeu umschlungen, halbzersplittert sich im Ninfasumpfe spiegelt.

Von Richard Annibaldi kaufte der rastlose Nepot im Jahre 1301 den Turm der Milizen in Rom und das Kastell S. Felice auf dem Kap der Circe; denn darnach wie nach Astura trachtete er, um seine Herrschaft bis Terracina auszudehnen und so zum Fürsten der lateinischen Maritima zu werden. Die uralte Circeburg, im Mittelalter Rocca Circegii und Castrum Sancti Felicis wie noch heute genannt, war zwischen der Kirche, der Stadt Terracina, den Frangipani und anderen Herren streitig oder geteilt. Innocenz III. hatte das Schloß zur Kirche eingezogen; später war es an die Tempelherren gekommen, welche ihr Ordenskloster S. Maria auf dem Aventin besaßen, und sie hatten es dem nachherigen Kardinal Jordan Conti vertauscht; worauf die Annibaldi Herren der Circeburg wurden. Von ihnen kaufte sie Graf Petrus am 23. November 1301 für 20 000 Goldgulden. Halb Astura erwarb er um 30 000 Goldgulden von den Frangipani um eben diese Zeit, doch schon im Jahre 1304 mußte er sich dieses Besitzes wieder entäußern. Herr eines so großen Gebiets in der Maritima, suchte der mächtige Graf nun auch jenseits des Volskergebirgs, wo die Heimat seines Geschlechts, Anagni, lag, und in der Sabina Kastelle zu erwerben. Er erhielt Carpineto vom Kapitel des Lateran für den Jahreszins von nur einem Goldgulden am 15. August 1299; die Burg Trevi in demselben Jahr von den Erben Rainalds und Beralds für 20 000 Goldgulden, das Kastell Sculcula von Adinolf von Supino, dem Erben des alten Hauses Galvan und Konrad, am 15. Dezember 1299 für eine ungewisse Summe.

Der glückliche Nepot hatte demnach mit Geldmitteln, welche heute 7 Millionen Talern gleichkommen würden, in nur vier Jahren seine lateinische Herrschaft zusammengebracht; der Papst hatte sie ihn während des Streites mit den Colonna und nach deren Falle, worein auch ein Zweig der Annibaldi verflochten war, erwerben lassen, um durch eigene Hausmacht die Rachepläne jenes Hauses zu hindern. Das schöne Baronalreich bestätigte er durch die Bulle vom 10. Februar 1303, »seinem geliebten Sohne Petrus Gaëtani, seinem Neffen, dem Grafen von Caserta und Dominus der Milizen der Stadt.« Er hob darin die schon genannten Verbote Martins und Nikolaus' IV. auf; er zählte mit Genugtuung die Orte, die sein Nepot durch Kauf, Schenkung und Tausch erworben hatte, bestätigte sie für immer dessen Nachkommen und gab ihm das Privilegium, noch andere Güter zu erwerben. Die so plötzlich entstandene Baronie umfaßte das ganze untere Latium und reichte vom Kap der Circe bis Ninfa, von Ceprano über die Berge hinweg bis nach Jenne und Subiaco. Jenseits des Liris und hinter Terracina lagen außerdem die neapolitanischen Lehen des Hauses; denn dort war Petrus als Erbe seines Vaters Graf von Caserta und andern Kastellen, sein Sohn Loffred aber Lehnsherr der uralten Grafschaft Fundi. Den jungen Loffred nämlich hatte der Papst mit Margareta, der Pfalzgräfin von Toskana, vermählt, der Tochter des Grafen Aldobrandinus Rubeus, Witwe erst des berühmten Guido von Montfort, dann des Ursus Orsini. So sollte er Herr des Comitats der Aldobrandeschi in der tuszischen Maritima werden. Die Ehe Loffreds mit diesem üppigen und ruhelosen Weibe löste dann Bonifatius im Jahre 1297 mit planvoller Absicht wieder auf, und er vermählte jenen Großneffen im Jahre 1299 mit Johanna, der Tochter Richards von Aquila, der Erbin von Fundi, wodurch eben diese Grafschaft an die Gaëtani kam. Pfalzgraf im Lande der Aldobrandeschi aber wurde Loffreds Bruder Benedikt, doch nur dem Titel nach, da die Stadt Orvieto sich der dortigen Kastelle bemächtigte.

Dies waren die Verhältnisse des Hauses Gaëtani, und man wird erkennen, wie groß die Erbitterung gegen das übermächtige Nepotengeschlecht in Latium sein mußte. Die Barone, die noch auf ihren Burgen saßen, oder solche, welche sie unter dem Druck der päpstlichen Gewalt an Petrus abgetreten hatten, die ghibellinischen Herren aus Sculcula, Supino, Morolo, Collemezzo, Trevi, Ceccano, Ritter und Volk in Ferentino, Alatri, Segni und Veroli gingen bereitwillig in den Plan Nogarets ein. Selbst Bürger Anagnis, welche Stadt fürchten mochte, in die Baronalgewalt der Gaëtani zu fallen, verrieten Bonifatius, von dem sie manche Wohltaten empfangen hatten. Die Söhne des Ritters Matthias Conti, Nicolaus und Adenulf, der eine damals Podestà, der andere Kapitän Anagnis, waren hier seine erbittertsten Feinde und die Häupter der Verschwörung nebst Giffrid Bussa, dem Marschall des päpstlichen Hofs. Der Verrat ergriff die nächste Umgebung des Papsts; im Kardinalskollegium selbst wünschten Anhänger der Colonna seinen Sturz; Richard von Siena und Napoleon Orsini waren in die Verschwörung eingeweiht. Der letztere nahm Sciarra, seinen Schwager, in Marino auf, wo er mit ihm die Ausführung des Planes verabredet haben soll.

Rainald von Supino, Kapitän Ferentinos, andere Barone, Nogaret und Sciarra sammelten Kriegsvolk in Sculcula. Der ahnungslose Papst befand sich mit vielen Kardinälen in Anagni. Am 15. August legte er im öffentlichen Konsistorium einen Reinigungseid ab; am 8. September wollte er den Bann und die Thronentsetzung Philipps in demselben Dom aussprechen, wo einst Alexander III. den ersten und Gregor IX. den zweiten Friedrich gebannt hatten. Die Verschworenen eilten daher, ihn stumm zu machen, ehe er diese Bulle verkündigte. Sie brachen von Sculcula auf in der Nacht des 6. September und rückten im Morgengrauen durch das ihnen geöffnete Tor in Anagni ein, die Banner Frankreichs entfaltend mit dem Ruf: »Tod dem Papst Bonifatius! Es lebe König Philipp!« Alsbald stieß Adenulf mit der städtischen Miliz zu ihnen, und Nogaret erklärte dem Volk, daß er gekommen sei, den Papst vor ein Konzil zu laden.

Waffenlärm weckte den Greis in seinem Palast, dessen Zugänge sein Neffe Graf Peter versperrt hielt. Die Feinde gelangten nicht eher an den Dom, mit welchem die Residenz des Papsts verbunden war, als bis sie die Häuser Peters und dreier Kardinäle, des Poenitentiars Gentilis, des Francesco Gaëtani und des Spaniers Petrus erstürmt hatten. Die Nepoten wehrten sich mannhaft im Palast, und Bonifatius versuchte durch Unterhandlung Zeit zu gewinnen. Sciarra bewilligte ihm eine neunstündige Frist zur Annahme entehrender Bedingungen, worunter auch seine Abdankung und die sofortige Herstellung des Hauses Colonna war. Als diese Artikel abgelehnt wurden, erneuerte man den Sturm. Um zum Palast gelangen zu können, setzten die Belagerer die Türen des Doms in Brand; der Papst, welcher vergebens das Volk Anagnis zu seiner Befreiung aufgefordert hatte, sah sich bald allein; seine Diener flohen oder gingen zum Feinde; die Kardinäle entwichen mit Ausnahme des Nicolaus Boccasini von Ostia und des Spaniers Petrus. Die Nepoten streckten die Waffen; man führte sie als Gefangene in das Haus Adenulfs. Nur dem Kardinal Francesco und dem Grafen von Fundi gelang die Flucht in Verkleidung.

Als Nogaret und Sciarra, der eine der Repräsentant des Hasses seines Königs, der andere der Rächer seines gemißhandelten Hauses, über die Leichen der Erschlagenen hinweg, worunter sich auch ein Bischof befand, in den zum Teil in Flammen stehenden Palast drangen, sahen sie den Greis vor sich in pontifikalen Gewändern, die Tiara auf dem Haupt, sitzend auf dem Thron und gebeugt über ein goldenes Kreuz, welches er in den Händen hielt. Er wollte als Papst sterben. Sein ehrwürdiges Alter und sein majestätisches Schweigen entwaffneten diese Menschen für einen Augenblick; dann forderten sie mit Geschrei seine Erniedrigung, erklärten ihm, daß sie ihn in Ketten zu seiner Absetzung nach Lyon führen würden, und ließen sich zu Schmähungen hinreißen, die er mit Größe ertrug. Der wilde Sciarra faßte ihn beim Arm, zog ihn vom Thron herab und wollte ihm den Degen in die Brust stoßen: Nogaret hielt ihn mit Gewalt zurück. Die Wut, die Aufregung, die Angst und Verzweiflung waren grenzenlos; doch die Besonnenheit siegte endlich über die Leidenschaft. In enger Haft, bewacht von Rainald von Supino, wurde Bonifatius im Palast eingeschlossen, während Soldknechte wie Bürger seine unermeßlich geglaubten Schätze, die Kathedrale und auch die Häuser der Nepoten plünderten.

Dies fast rätselhafte Gelingen des Überfalls bewies, wie haltlos der Papst in seinem eignen Lande geworden war; seine Vaterstadt gab ihn einer feindlichen Rotte preis, die außer Nogaret und ein paar französischen Dienstleuten nur aus Italienern bestand. »O elendes Anagni«, so rief ein Jahr später der ohnmächtige Nachfolger von Bonifatius aus, »daß du solches in dir geschehen ließest! Kein Tau noch Regen falle auf dich; er falle auf andere Berge und gehe dir vorüber, weil unter deinen Augen, und obwohl du ihn schützen konntest, der Held gefallen und der mit Kraft Gegürtete überwältigt ist!«

Drei Tage lang harrte Bonifatius, aus Schmerz oder Argwohn die Nahrung zurückweisend, unter den Schwertern seiner Feinde aus, und diese schienen nicht zu wissen, was sie tun sollten, da ihr Gefangener mit Todesverachtung sich weigerte, ihren Forderungen nachzugeben. Bald aber erfolgte ein Umschlag zu seinen Gunsten. Denn auf die Kunde des Vorfalles griffen die Freunde der Gaëtani in der Campagna zu den Waffen, während die vom Papst und seinen Nepoten vergewaltigten Barone Latiums ihre jenen verkauften Ortschaften wieder zu besetzen suchten. In der Stadt Rom, welche die Verschworenen nicht für sich hatten gewinnen können, obwohl sie von unbeschreiblichem Tumulte erfüllt war, empfanden besonnene Bürger die dem Papst angetane Schmach. Am Montag, dem 10. September, erschien der Kardinal Lucas Fieschi in Anagni, durchritt die Straßen und rief das schon reuige Volk auf, den Frevel zu rächen. Man antwortete mit dem Geschrei: »Tod den Verrätern!«, und dieselbe Menge, welche Bonifatius so schimpflich verlassen hatte, stürmte jetzt wutentbrannt den Palast, wo er gefangen saß; man riß die Fahne Frankreichs herab und befreite die Eingekerkerten; Nogaret und Sciarra entwichen nach Ferentino.

Der zu spät Gerettete redete von den Stufen des Palasts zum Volk; in einem Augenblick großmütiger Rührung vergab er allen denen, die ihn mißhandelt hatten. Er verließ seine undankbare Vaterstadt am Freitag, dem 14. September, geleitet von Gewaffneten, um sich nach Rom zu begeben. Man erzählt, daß die Colonna noch unterwegs einen Überfall versuchten, aber abgeschlagen wurden. Rom sandte Hilfe; wenn indes nur 400 Reiter Bonifatius entgegenkamen, so mag dies zeigen, wie kühl die Stimmung in der Stadt war; der Kardinal Mattheus und Jakob Orsini führten jene Schar, vielleicht weniger, um dem Papst beizustehen, als um sich seiner zu bemächtigen. Denn die Orsini hatten jetzt die Gewalt in Rom, wo sie auch den Senat besetzten. Als Bonifatius nach dreitägiger Fahrt Rom erreichte, empfing ihn das Volk mit Beweisen von Ehrfurcht; er nächtigte im Lateran, wo er zwei Tage blieb; dann zog er in Prozession nach dem St. Peter, und der verzweifelte Greis schloß sich in die Gemächer des Vatikan ein.

Seine Aufregung kam dem Wahnsinn nahe; Rache war sein quälender Gedanke; er wollte ein großes Konzil ausschreiben, den König Philipp zu vernichten, wie Innocenz IV. einst Friedrich II. durch ein Konzil gestürzt hatte. Doch seit seiner Demütigung war er nur noch eine Schattengestalt, die niemand mehr fürchtete. Seine Umgebung betrachtete er mit wachsendem Argwohn; wenn er gezwungen war, dem Kardinal Napoleon, den man als Mitverschworenen bezeichnete, zu verzeihen, so lehrt dies, daß er seine Freiheit verloren hatte. Die Orsini bewachten ihn mit Argusaugen und fingen an, ihm Gesetze vorzuschreiben; sie hielten die Engelsburg wie den Borgo mit Bewaffneten angefüllt. Von der Verzweiflung des Papsts fürchteten sie Exzesse, oder sie waren undankbar genug, aus seinem Unglücke Vorteil zu ziehen. Die Stadt Rom befand sich in tiefer Aufregung und in zwei Parteien für und wider den Papst, für und wider Orsini und Colonna geteilt. Die Senatoren, unfähig, die Ordnung aufrecht zu halten, legten ihr Amt in die Hände des Volks zurück. Bonifatius rief Karl von Neapel zu Hilfe; aber die Orsini unterdrückten sein Schreiben; er verlangte, nach dem Lateran zu gehen, wo in dem dortigen Stadtviertel die Annibaldi mächtig waren, ein Geschlecht, welches die Orsini haßte und die Colonna nicht liebte; sie widersetzten sich seinem Auszuge aus dem Vatikan, und er sah, daß er der Gefangene der Orsini sei.

Die Tage, welche der unglückliche Greis im Vatikan hinlebte, waren über alles Maß furchtbar. Wilder Schmerz um seine Mißhandlung, das Gefühl der Ohnmacht, Mißtrauen, Furcht, Rache, freundlose Einsamkeit bestürmten sein leidenschaftliches Gemüt. In jenen dunkeln Stunden stand der Schatten vom Turm Fumone vor seinem aufgeregten Geist. Wenn ein so hochgemuteter Mensch in der erschütternden Reaktion gegen seinen Zustand außer sich geriet und in Wahnsinn fiel, so war dies naturgemäß. Man erzählte, daß er sich in sein Gemach verschloß, die Nahrung verweigerte, in Tobsucht fiel, sein Haupt gegen die Mauer stieß und endlich auf seinem Bette tot gefunden ward. Die Feinde Bonifatius' VIII. gefielen sich darin, sein Ende in den grellsten Farben auszumalen, und gemäßigte Gegner sahen in seinem Fall das Gottesurteil über den Hochmut der Mächtigen. Ein päpstlicher Geschichtschreiber, welcher wohl in Rom war, als Bonifatius starb, sagt dies: »Am 35. Tage nach seiner Gefangennahme starb er; sein Geist war außer sich; er glaubte, daß jeder, der zu ihm kam, ihn gefangen nähme.« Diese einfachen Worte enthalten ein richtigeres Maß von Wahrheit als die dramatischen Schilderungen anderer Erzähler. Bonifatius VIII. starb, 86 Jahre alt, am 11. Oktober 1303 und wurde in einer vatikanischen Gruftkapelle beigesetzt, die er sich selbst erbaut hatte.

Selten hat ein Papst so viele Feinde, so wenige Freunde gehabt; selten haben sich über einen andern Mitwelt und Nachwelt gleich heftig ausgesprochen. Wenn auch Parteileidenschaft das Urteil gefärbt hat, so steht doch im ganzen die Ansicht über ihn fest: Bonifatius VIII. war ein sehr begabter Mensch von despotischer Art. Jede wahrhaft geistliche Tugend fehlte ihm; ein jähzorniges Wesen, gewaltsam, treulos, gewissenlos, unerbittlich, nach dem Pomp und den Schätzen der Welt begierig, erfüllt von Ehrgeiz und irdischer Herrschsucht. Schon seine Zeitgenossen nannten ihn »den hochherzigen Sünder«, und treffender läßt er sich nicht bezeichnen. Der Zeitgeist stürzte ihn, wie er Friedrich II. gestürzt hatte. Er strebte nach einem schon phantastisch gewordenen Ziel; er war der letzte Papst, welcher den Gedanken der weltbeherrschenden Hierarchie so kühn aufgefaßt hat wie Gregor VII. und Innocenz III. Aber von diesen Päpsten war Bonifatius VIII. nur eine verunglückte Nacherinnerung, ein Mann, der nirgend etwas Großes zustande brachte und dessen hochfliegendes Streben statt Bewunderung nur ein ironisches Lächeln erregt. Den Gipfel des Papsttums konnte er nicht behaupten. Die Szene in Anagni, so eng und klein im Vergleich mit den früheren Kämpfen der Kirche wider das Reich, ist ein solches Schlachtfeld in der Geschichte der Päpste, wie es Benevent oder Tagliacozzo in der Geschichte des Reiches war, wo mit geringen Mitteln, unter kleineren Verhältnissen das Resultat langer Prozesse gezogen wurde. Das Grab Bonifatius' VIII. ist der Denkstein des mittelalterlichen Papsttums, welches von den Mächten der Zeit mit ihm selbst begraben ward. Man kann es noch in den Grotten des Vatikan sehen, wo die steinerne Gestalt dieses Papsts auf dem Sarkophage liegt, die zwiefach gekrönte Tiara auf dem Haupt, mit einem Antlitz streng und schön und von königlicher Miene.

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