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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 274
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Die Papstwahl streitig zwischen den Faktionen der Orsini und Colonna. Anarchie in Rom. Agapitus Colonna und ein Orsini Senatoren 1293. Petrus Stefaneschi und Oddo von S. Eustachio Senatoren. Konklave zu Perugia. Petrus vom Morrone zum Papst gewählt. Leben und Gestalt dieses Einsiedlers. Sein seltsamer Einzug in Aquila, wo er als Cölestin V. geweiht wird, 1294. König Karl II. bemächtigt sich seiner. Cölestin V. in Neapel. Er dankt ab.

Nur zwölf Wähler an Zahl, zwei Franzosen, vier Italiener, sechs Römer, spalteten sich die Kardinäle in die Faktionen der Orsini und der Colonna, jene vom Kardinal Mattheus Rubeus, diese vom Kardinal Jakob geführt. Der Dekan Latinus von Ostia versammelte sie vergebens nacheinander in S. Maria Maggiore, auf dem Aventin und in S. Maria sopra Minerva. Die Papstwahl konnte nicht zustandekommen. Als die Sommerhitze begann, entwichen die nichtrömischen Kardinäle nach Rieti; die römischen blieben; der kranke Kardinal Benedikt Gaëtani ging nach Anagni, seiner Vaterstadt. Im September kam man wieder in Rom zusammen, doch der Wahlstreit zog sich ins Jahr 1293 hinein, bis man, nach abermaliger Zerstreuung, aus Furcht vor einem Schisma übereinkam, sich am 18. Oktober in Perugia zu versammeln.

Dem Parteikampf der Kardinäle entsprach die wildeste Anarchie in der Stadt, wo man um die Senatswahl stritt, Paläste zerstörte, Pilger erschlug und Kirchen plünderte. Der Nepotismus einiger Päpste hatte hier die Faktionen der Colonna und der Orsini ins Leben gerufen, in welche sich die guelfische und ghibellinische Partei zu verwandeln begann. Ihre Kämpfe um die städtische Gewalt bilden fortan die Charakterzüge der Geschichte Roms. Um Ostern 1293 wurden neue Senatoren gewählt, Agapitus Colonna und Ursus Orsini, dessen baldiger Tod die Ursache neuer Fehden wurde. Das Kapitol blieb sechs Monate lang ohne Senator, der Lateran ohne Papst; die Verwirrung ward unerträglich, bis es den besseren Bürgern im Oktober gelang, die Ruhe herzustellen. Man machte zwei neutrale Männer zu Senatoren, den greisen Petrus vom Trasteveriner Geschlecht der Stefaneschi, welcher Rector der Romagna und schon früher Senator gewesen war, und Oddo, einen jungen Römer vom Geschlecht S. Eustachio.

Um dieselbe Zeit versammelten sich die Kardinäle in Perugia; doch der Winter ging hin, und selbst ein Besuch Karls II., dem dort sein junger Sohn Karl Martell, Titularkönig und Prätendent von Ungarn, entgegenkam, machte keine Wirkung. Wütender Parteihader hielt die Kardinäle ab, ihre Stimmen auf einen Mann aus ihrer Mitte zu vereinigen, und dies hatte zur Folge, daß sie endlich eine Wahl trafen, welche nicht unglücklicher hätte ausfallen können. Die zufällige Erwähnung von Visionen eines frommen Eremiten veranlaßte den Kardinal Latinus, welcher diesen Heiligen persönlich verehrte, ihn zum Papste vorzuschlagen. Dies hätte als Scherz erscheinen können, aber man stimmte ihm mit Ernst bei, und die ratlosen Kardinäle, welche nach einem Strohhalme griffen, erwählten jenen Einsiedler am 5. Juli einstimmig zum Papst. Das Wahldekret ward ausgefertigt; drei Bischöfe machten sich auf, es dem Heiligen in seine Wildnis zu tragen.

Die seltsame Erscheinung des Anachoreten Petrus vom Berg Morrone in der Tiara Innocenz' III. versetzt in das Dunkel früherer Jahrhunderte zurück, in die Zeiten St. Nils und Romualds. Sein Pontifikat gleicht in den Annalen des Papsttums in Wahrheit einer Heiligensage, mit welcher das legendäre Mittelalter seinen Abschied von der Geschichte nimmt. Petrus, der elfte und jüngste Sohn eines Bauern aus Molise in den Abruzzen, war jung Benediktiner geworden, von mystischen Neigungen getrieben in die Wildnis gegangen, hatte auf dem Gebirg Morrone bei Sulmona geeinsiedelt und dort ein dem heiligen Geist geweihtes Kloster und einen Orden gestiftet, welcher später von ihm den Namen der Cölestiner erhielt und jene schwärmerische, der weltherrlichen Kirche gefährliche Richtung aufnahm, die sich unter den strengen Franziskanern oder den Spiritualen aus dem Prinzip der evangelischen Armut erzeugt hatte. Der Ruf seiner Heiligkeit verbreitete sich durch Italien. Zu Lyon hatte er sich Gregor X. vorgestellt und die Bestätigung seines Ordens erlangt. Der Anachoret mußte in der Tat ein ungewöhnlicher Mensch sein, wenn es ihm, wie sein Biograph versichert, gelang, vor den Augen des Papsts seine Mönchskutte an einem Sonnenstrahl in der Luft aufzuhängen. Er lebte auf dem Berg Morrone, in Bußübungen versenkt, als die Papstwahl auf ihn fiel, und dies überraschende Ereignis scheinen ihm die Geister der Wildnis nicht verkündigt zu haben.

Die atemlosen Boten klommen die Hirtenpfade des Kalkgebirgs empor, um den Wundertäter zu finden, den sie aus einer dunklen Höhle auf den strahlenden Thron der Welt ziehen sollten. Auch der Kardinal Petrus Colonna hatte sich eingefunden, während das Gerücht eines so außerordentlichen Vorganges zahllose Menschenscharen herbeizog. Jakob Stefaneschi, der Sohn des damaligen Senators, hat als Augenzeuge die wunderbarste Szene in wunderlichen Versen lebhaft geschildert. Als die Abgesandten den Ort gefunden hatten, sahen sie eine rohe Einsiedlerhütte vor sich mit einem vergitterten Fenster; ein Mann mit verwildertem Bart, mit bleichem, abgehärmtem Antlitz, in eine zottige Kutte gehüllt, blickte scheu auf die Ankommenden. Sie entblößtem ehrfurchtsvoll ihre Häupter und warfen sich auf ihr Antlitz nieder. Der Anachoret erwiderte ihren Gruß demutsvoll in gleicher Weise. Als er ihre Botschaft hörte, mochte er eine seiner phantastischen Erscheinungen vor sich zu sehen glauben; denn diese fremden Herren kamen aus dem fernen Perugia, ein besiegeltes Pergament in den Händen, ihm zu melden, daß er Papst sei. Man sagt, der arme Einsiedler habe die Flucht versucht und sei nur durch stürmische Bitten, zumal der Mönche seines Ordens, zur Annahme des Wahldekrets vermocht worden. Dies ist sehr wahrscheinlich; obwohl die Verse seines Lebensbeschreibers nur die kurze Pause eines Gebets machen zwischen der Eröffnung der seltsamen Botschaft und der kühnen Einwilligung des Heiligen. Der Entschluß eines in Bergwildnissen ergrauten Eremiten, mit der Papstkrone eine Weltlast auf sich zu nehmen, welcher kaum ein großes und praktisches Talent gewachsen sein konnte, ist wahrhaft staunenswert. Wenn auch die Eitelkeit selbst den Panzer eines Büßers und die rauhe Kutte eines Heiligen zu durchdringen vermag, so mögen doch Pflichtgefühl, Demut gegen den eingebildeten Wink des Himmels und kindliche Einfalt den Anachoreten zu dieser verhängnisvollen Zustimmung bewogen haben. Außerdem trieben ihn die Genossen seines Ordens; denn diese Jünger des heiligen Geistes stellten sich voll Entzückung vor, daß mit der Wahl ihres Oberhaupts jenes prophetische Reich ins Leben treten solle, welches der große Abt Joachim von Fiore verkündet hatte.

Zahlloses Volk, Klerus, Barone, König Karl und sein Sohn eilten herbei, den Auserwählten zu ehren, und das wilde Gebirge Morrone bedeckte sich mit der seltsamsten Szene, welche die Geschichte jemals gesehen hat. Man zog nach der Stadt Aquila; der Papst-Eremit ritt in seiner ärmlichen Kutte auf einem Esel, den zwei Könige mit sorgsamer Ehrerbietung am Zügel führten, während Scharen glänzender Ritterschaft, hymnensingende Chöre der Geistlichkeit voraufzogen und bunte Menschenschwärme folgten oder an den Wegen andachtsvoll niederknieten. Beim Anblick der schauprangenden Demut dieses Aufzugs eines Papsts auf einem Esel, aber zwischen zwei dienenden Königen, urteilten manche, daß diese Nachahmung des Einzuges Christi in Jerusalem entweder eitel oder für die praktische Größe des Papsttums nicht mehr passend sei. Der König Karl bemächtigte sich sofort des Neugewählten; diese Puppe, einen Papst seines Landes, ließ er nicht mehr aus den Händen. Die Kardinäle hatten Peter nach Perugia gerufen; er rief sie nach Aquila, weil es Karl so befahl. Sie kamen widerwillig; Benedikt Gaëtani traf zuletzt ein und suchte, entrüstet über das, was er sah, des Einflusses auf die Kurie sich zu versichern. Es war ein Glück für den Kardinal Latinus, daß er damals in Perugia starb, ohne das Geschöpf seiner Wahl in der Nähe zu sehen, aber sein Tod war ein Unglück für Peter selbst. Die Kardinäle, weltmännische, gelehrte und feine Herren, betrachteten mit Erstaunen den neuen Papst, der ihnen als ein scheuer Waldbruder, hinfällig, ohne Gabe der Rede, ohne Anstand und Würde entgegenkam. Konnte dieser einfältige Anachoret der Nachfolger von Päpsten sein, die mit Majestät über Fürsten und Länder zu herrschen gewußt hatten?

In einer Kirche vor den Mauern Aquilas nahm Petrus als Cölestin V. die Weihe am 24. August 1294 unter dem Zudrang von 200 000 Menschen, wie ein Augenzeuge berichtet. Hierauf hielt er seinen Einzug in jene Stadt, nicht mehr zu Esel, sondern auf einem reichgeschmückten weißen Zelter, gekrönt und mit allem Pomp. Ein Knecht Karls, ernannte er sofort neue Kardinäle, Kandidaten des Königs; er erneuerte auch die Konstitution Gregors X. über das Konklave. Verschmitzte Höflinge erlangten von ihm Siegel und Unterschrift für alles, was sie begehrten. Der Heilige konnte keines Mannes Bitte abschlagen, er gab mit vollen Händen. Seine Handlungen, die eines natürlichen Menschen, erschienen töricht und tadelnswert. Wahrscheinlich hoffte Karl von diesem Papst die Senatorwürde in Rom zu erlangen. Dies geschah freilich nicht, aber ein neapolitanischer Großer, Thomas von S. Severino, Graf von Marsica, wurde als Senator nach Rom geschickt. Statt dorthin zu gehen, wie die Kardinäle verlangten, gehorchte der Papst dem Könige und ging nach Neapel. Die Kurie folgte ihm mit Murren. Er selbst war tief unglücklich und in unbeschreiblicher Verlegenheit. Nachdem er die Geschäfte drei Kardinälen übertragen hatte, verbarg er sich in der Adventszeit im neuen Schloß des Königs zu Neapel, wo man ihm eine Zelle gezimmert hatte, in die er einzog, sich seiner Grotte zu erinnern und von der Einsamkeit des Bergs Morrone zu träumen. Der Unglückliche glich hier, so sagt sein Lebensbeschreiber, dem wilden Fasan, der seinen Kopf verbergend unsichtbar zu sein glaubt, während er sich von den herbeischleichenden Jägern mit der Hand ergreifen läßt.

Es gibt nichts Unerträglicheres für Menschen jeder Art, als eine Stellung einzunehmen, welcher ihre Natur widerstrebt und ihre Kraft nicht gewachsen ist; dafür ist Cölestin V. das auffallendste Beispiel. Hunger, Durst und jede noch so schmerzliche Kasteiung waren nur ein freudiges Tagewerk für einen Heiligen, der sich gewöhnt hatte, mit den funkelnden Sternen, den rauschenden Bäumen, den Stürmen, den Geistern der Nacht oder seiner Einbildung zu verkehren. Nun fand er sich plötzlich auf dem höchsten Thron der Erde, umgeben von Fürsten und Großen, bedrängt von hundert listigen Menschen, berufen, die Welt zu regieren, in einem Labyrinth von Ränken sich zu bewegen, und nicht geschickt, auch nur die geringsten Geschäfte eines Notars zu versehen. Die Figur, welche Cölestin V. spielte, war bemitleidenswert, aber der Mißverstand seiner Wähler, der Versucher eines Heiligen, mehr als strafbar. In Zeiten, wo ein schlichter Mönch das Hohepriestertum ausfüllen konnte, würde Cölestin V. ein guter Seelenhirt gewesen sein, aber auf dem Throne Innocenz' III. erschien er nur als unerträgliche Mißgestalt. Sein Wunsch abzudanken wurde in Neapel zum Entschluß. Man sagt, daß der Kardinal Gaëtani ihn in der Stille der Nacht durch ein Sprachrohr wie mit himmlischem Ruf aufgefordert habe, dem Papsttum zu entsagen, und daß diese List den Geängstigten zu einem Schritt bewog, welcher in den Annalen der Kirche unerhört war. Diese Erzählung (sie wurde schon damals verbreitet) mag grundlos sein; aber die Augenzeugen jener Tage wissen, daß mehrere Kardinäle die Abdankung forderten. Ohne Frage hatte König Karl seine Einwilligung dazu gegeben und die Erhebung des Kardinals Gaëtani genehmigt; denn diesem stolzen Prälaten scheint er sich schon auf der Reise von Aquila nach Neapel genähert zu haben.

Als der Entschluß des Papsts laut wurde, veranstaltete man in Neapel eine Massenprozession; das Volk, durch die Brüder vom Orden Cölestins fanatisiert, stürmte mit Geschrei nach dem Palast und forderte jenen auf, Papst zu bleiben. Er gab eine ausweichende Antwort. Am 13. Dezember (1294) erklärte er nach Verlesung einer Bulle, welche die Abdankung eines Papsts durch wichtige Gründe guthieß, im öffentlichen Konsistorium, daß er sein Amt niederlege. Dies Schriftstück hatte man ihm diktiert. Das Geständnis seiner Unfähigkeit war ehrenvoll; es stellte nicht ihn, wohl aber die Einsicht seiner Wähler bloß. Nachdem Cölestin V. den Purpur mit tausend Freuden abgelegt hatte, stand er wieder im Kleide der Wildnis als ein natürlicher Mensch, ein Büßer und ehrwürdiger Heiliger vor der erschütterten Versammlung da. Ein wundervolles Verhängnis hatte Peter vom Morrone seiner Einsamkeit entrissen, ihn einen Augenblick lang auf den Gipfel der Welt gestellt und von diesem wieder herabgenommen. Der Traum von fünf Monaten voll Glanz und Qual konnte ihm als die furchtbarste jener Visionen von Versuchungen durch den Teufel erscheinen, welche Eremiten zu haben pflegen, und seine Abdankung als die Krone aller Entsagungen, die der büßende Mensch sich auferlegen mag. Die Geschichte der Könige zeigt einige große Herrscher auf, welche lebensmüde die Krone niederlegten, wie Diokletian und Karl V.; man hat ihrer Selbstverleugnung jedesmal Bewunderung gezollt; die Geschichte der Päpste kennt nur die eine freiwillige Entsagung Cölestins V., und diese rief schon zu ihrer Zeit die Streitfrage hervor, ob ein Papst abdanken dürfe oder nicht. Der strenge Richterspruch Dantes bestrafte den Schritt Cölestins durch weltberühmte Verse als feigen Verrat an der Kirche; Petrarca, der ein Buch zum Lobe der Einsamkeit schrieb, belohnte ihn durch das Urteil, daß er eine Handlung unnachahmlicher Demut gewesen sei, und wir halten eine Entsagung nicht für heroisch, deren obwohl glänzender Gegenstand eine unerträgliche Last war.

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