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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 273
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Fünftes Kapitel

1. Honorius IV. Pandulf Savelli Senator. Verhältnisse zu Sizilien und zum Reich. Einjährige Vakanz. Nikolaus IV. Karl II. in Rieti gekrönt. Die Colonna. Kardinal Jakob Colonna. Johann Colonna und dessen Söhne Kardinal Petrus und Graf Stefan. Rebellion der Romagna. Die Orsini wider die Colonna. Bertold Orsini Senator. Johann Colonna Senator 1289. Viterbo dem Kapitol unterworfen. Pandulf Savelli Senator 1291. Stefan Colonna und Mattheus Rainaldi Orsini Senatoren 1292. Nikolaus IV. stirbt 1292.

Die Befreiung der Kirche von dem langen Protektorate Karls hatte die schnelle Erhebung eines Römers auf den Heiligen Stuhl zur Folge: denn Jakob Savelli, der hochangesehene greise Kardinal von S. Maria in Cosmedin, wurde in Perugia schon am 2. April 1285 zum Papst gewählt. Er eilte nach Rom, wo er am 15. Mai als Honorius IV. geweiht ward. So nannte er sich zu Ehren Honorius' III., des ersten Papsts aus seinem eigenen, schon mächtigen Hause. Er selbst war ein Sohn des Senators Luca Savelli und der Johanna Aldobrandesca vom Geschlecht der Grafen Santa Fiora. Von seinen Brüdern, welche einst bei Tagliacozzo unter den Fahnen Karls gefochten hatten, war Johann schon tot und Pandulf noch neben Annibaldus Senator von Rom. Kaum war Honorius IV. zum Papst gewählt, so übertrugen auch ihm die Römer die senatorische Gewalt auf Lebenszeit, worauf er Pandulf im Senat bestätigte.

Es ist seltsam, diese zwei Brüder, den einen in seinem Palast bei S. Sabina auf dem Aventin als Papst, den andern auf dem Kapitol als Senator die Stadt regieren zu sehen, beide gichtbrüchig und unfähig, sich zu bewegen. Honorius war an Händen und Füßen so gelähmt, daß er weder frei stehen noch gehen konnte; wenn er am Hochaltar zelebrierte, vermochte er die Hostie nur durch eine mechanische Vorrichtung zu erheben; und der podagrische Pandulf mußte auf einem Stuhle getragen werden. Aber diese würdigen Männer besaßen einen gesunden Geist voll Klugheit und Kraft. Pandulf führte, an Krücken im Kapitol hinkend, ein so strenges Regiment, daß Rom der besten Ruhe genoß; die Straßen waren sicher, denn die Räuber wurden aufgeknüpft, und der wilde Adel wagte keinen Tumult. Der Senator Savelli regierte die Stadt als Stellvertreter seines Bruders während dessen Pontifikats.

Die kurze Regierung Honorius' IV. wurde ausgefüllt durch seine Sorge um den Frieden im Kirchenstaat und die Angelegenheiten Siziliens. Er nahm von Viterbo das Interdikt, womit Martin IV. die Wahlfrevel gestraft hatte, aber die Stadt sollte ihre Mauern einreißen; sie verlor ihre Jurisdiktion, ihr Rektorat kam an den Papst; eine Reihe von Kastellen mußte sie den Orsini ausliefern. Seit dieser Zeit verfiel die Kraft dieser ehedem blühenden Stadt. Es glückte Honorius, die Romagna zu beruhigen, nachdem der große Kriegsmann von Montefeltre die Waffen niedergelegt hatte und ins Exil gegangen war. Im Jahre 1286 machte der Papst seinen Vetter, den Prokonsul Petrus Stefaneschi, dort zum Grafen. Mehr Sorge verursachte ihm Neapel, welches Königreich während der Gefangenschaft Karls II. Robert von Artois und der päpstliche Legat Gerhard verwalteten. Sizilien schien verloren; nachdem der König Peter am 11. November 1285 gestorben war, ging dort die Herrschaft auf dessen zweiten Sohn Don Giacomo über, welcher im Beisein seiner Mutter Konstanze in Palermo gekrönt wurde, ohne daß man der Bannbullen des Papsts achtete. Der große Admiral Roger de Loria war überall siegreich auf dem Meer; eine sizilische Flotte unter Bernardo da Sarriano landete am 4. September 1286 sogar an der römischen Küste, wo die Sizilianer, Konradin zu rächen, Astura niederbrannten und den Sohn des Verräters Frangipane erschlugen.

Mit Rudolf von Habsburg stand Honorius in freundlichem Verhältnis; die Kaiserkrönung, welche der König der Römer wiederholt begehrte, war auf den 2. Februar 1287 angesagt worden, jedoch niemals wurde die Krone Karls des Großen dem ersten Habsburger aufs Haupt gesetzt. Schon am 3. April 1287 starb Honorius IV. in seinem Palast auf dem Aventin; auf diesem Hügel hatte er sich seine Residenz gebaut und nur die Sommerzeit in Tivoli zugebracht, wahrscheinlich um die Schwefelbäder der Aquae Albulae zu gebrauchen. Er hinterließ sein Geschlecht reich und angesehen. Aus seinem Testament, welches er als Kardinal gemacht, als Papst bestätigt hatte, geht hervor, daß die Savelli schon damals im Lateinergebirg und selbst im Gebiet von Civita Castellana mächtige Herren waren. In Rom besaßen sie Palast und Burg auf dem Aventin, Palast und Türme in der Region Parione, wo noch heute der Vicolo de' Savelli an sie erinnert, und später bauten sie in den Trümmern des Marcellustheaters jenen großen Palast, der jetzt von den Orsini genannt wird.

Die Kardinäle hielten ihr Konklave im Hause des Verstorbenen, ohne sich über die Wahl entscheiden zu können; der Heilige Stuhl blieb fast ein Jahr lang vakant. Die heiße Jahreszeit brach herein: sechs Kardinäle starben am Fieber, die übrigen suchten ihr Heil in der Flucht. Nur der Kardinalbischof von Praeneste ertrug in den öden Gemächern der Santa Sabina mit Todesverachtung Einsamkeit und Fieberluft, wofür ihn die Tiara belohnte. Als die Kardinäle im Winter auf den Aventin zurückgekehrt waren, wählten sie ihn, doch erst am 22. Februar 1288, zum Papst. Hieronymus aus Ascoli, geringer Abkunft, Ordensbruder der Minoriten, hierauf ihr General, hatte sich schon unter Gregor X. als Legat im Orient ausgezeichnet, war von Nikolaus III. zum Patriarchen von Byzanz, sodann zum Bischof von Praeneste erhoben worden. Er bestieg als Nikolaus IV. den Heiligen Stuhl – der erste Franziskaner, welcher Papst wurde, ein frommer Mönch ohne Eigennutz, bemüht um den Frieden der Welt, um einen Kreuzzug und die Ausrottung der Ketzerei.

Die Römer übertrugen auch ihm die senatorische Gewalt auf Lebenszeit. Die Ernennung der Päpste zu Podestaten wurde überhaupt auch in andern Städten häufig. Sie suchten deren Magistratswahl an sich zu bringen und ernannten dann ihre Stellvertreter. Ihr Verhältnis zu den Kommunen des Kirchenstaats war nie ein anderes als das des obersten Lehnsherrn zu Vasallen, welche mit ihm einen Vertrag geschlossen hatten. Die Städte anerkannten die päpstliche Hoheit, leisteten Heeresfolge, zahlten Grundsteuer, unterwarfen sich in gewissen Fällen dem Tribunal der Provinzial-Legaten, aber sie behaupteten ihre Statuten, ihre Verwaltung und staatliche Autonomie. Jede von ihnen blieb eine Republik mit besonderen Gewohnheiten und Privilegien. Dieser kraftvolle Munizipalgeist hinderte die Päpste, welche ihn schonen mußten, um den Geschlechteradel zu beschränken, wirkliche Landesherren zu werden; aber sie benutzten voll Klugheit die Ungleichartigkeit wie die Eifersucht der Kommunen, sie durch Zwiespalt zu schwächen. Sie entzogen den einen das Recht, sich Podestaten zu wählen, und gaben es den andern für eine jährliche Abgabe. Sie verboten die politischen Eidgenossenschaften der Städte, aber sie bezwangen oft die eine durch die andere. Sie zeigten sich bald monarchisch, bald demokratisch gesinnt; ihr Regiment war schwach und milde, oft patriarchalisch, immer schwankend; und die Unfähigkeit, ein allgemeines Recht einzuführen, wie die unkluge Feindseligkeit von Legaten gegen das Gemeindewesen ohne den Nachdruck materieller Gewalt, endlich der schnelle erblose Wechsel auf dem päpstlichen Thron erzeugte jenen seltsamen Zustand bloß mechanischer Zusammensetzung und wiederholten Zerfalls, welcher dem Kirchenstaat immer eigen geblieben ist.

In Rom war Ruhe während des ersten Jahrs der Regierung Nikolaus' IV., bis ihn Parteihader im Frühling 1289 nach Rieti trieb, wo er schon zuvor den Sommer zugebracht hatte. Er krönte dort Karl II. zum Könige Siziliens. Der schwache Sohn Karls von Anjou war durch die Bemühungen Eduards von England und des Papsts im November 1288 aus seiner spanischen Haft entlassen worden und kam nun nach Rieti, wo seine Krönung am 29. Mai vollzogen wurde. In einer Urkunde bekannte er sich wie sein Vater zum Vasallen der Kirche durch deren Gnade, beschwor die Lehnsartikel und gelobte, weder in Rom noch im Kirchenstaat die Gewalt des Senators oder Podestà zu bekleiden. Eine aragonesische Partei mochte die Krönung Karls II. mit Mißfallen betrachten, doch die Unruhen in Rom hatten mehr Grund in der Eifersucht der Adelsgeschlechter gegeneinander. Das guelfische Haus der Savelli und die ihnen verschwägerten Orsini bildeten seit fünfzig Jahren die einflußreichsten Glieder der römischen Aristokratie, und sie verdrängten die einst herrschenden Annibaldi. Auch der neue Papst war den Orsini befreundet gewesen; denn Nikolaus III. hatte ihn zum Kardinal gemacht, weshalb er aus Dankbarkeit dessen Namen trug; aber er wandte sich bald den Ghibellinen und ausschließlich der Familie Colonna zu.

Dieses berühmte Haus büßte seinen Ghibellinismus zur Zeit Friedrichs II., wo der Kardinal Johann und sein Neffe Oddo gegen die Kirche standen, durch Zurücksetzung während der Restauration der päpstlichen Herrschaft, und erst am Ende des XIII. Säkulum trat es als das mächtigste Geschlecht Roms hervor, um dann jahrhundertelang die erste Stelle in der Stadt einzunehmen. Es war Nikolaus III., der die Colonna wieder begünstigte, um die Annibaldi zu schwächen; er erhob Jakob, den Sohn Oddos, zum Kardinal. Nikolaus IV. gab hierauf ihrem Hause neuen Glanz. Als Bischof von Palestrina war er in vertraute Berührung mit ihnen gekommen; die Tiara hatte er vielleicht ihrem Einflusse verdankt, und als Papst überhäufte er sie mit erkenntlichen Ehren. Den Bruder des Kardinals Jakob, Johann Colonna, der schon im Jahre 1280 Senator gewesen war, machte er zum Rector der Mark Ancona; von Johanns Söhnen erhob er Petrus zum Kardinal von S. Eustachio, Stefan zum Grafen der Romagna. Dieser römische Prokonsul wurde seither einer der größten Männer seines Geschlechts, später Gönner und Freund Petrarcas, und berühmt durch das tragische Geschick seines Hauses zur Zeit des Tribuns Cola di Rienzo. Stefan war damals im ersten Mannesalter, feurig und voll Ungestüm. Als Graf der Romagna beleidigte er Adel und Städte jener Provinz durch seine Eingriffe in die Statuten der Kommunen. Dies hatte zur Folge, daß die Söhne Guidos von Polenta ihn im November 1290 in Ravenna überfielen und mit seinem Hofe gefangensetzten. Rimini, Ravenna, andere Städte rebellierten, worauf der Papst den Bischof von Arezzo, Ildebrand de Romena, als Rector nach der Romagna abschickte, den Aufstand zu stillen und Stefan aus dem Kerker zu befreien.

An der Rebellion hatte auch ein Orsini Anteil, Ursellus von Campo di Fiore, Sohn des Mattheus, damals Podestà von Rimini. Die Orsini sahen das Wachstum der Colonna mit Eifersucht, zumal diese Herren sie auch aus dem Senat verdrängten. Nachdem nämlich Pandulf Savelli sein Amt niedergelegt, was wahrscheinlich bald nach dem Regierungsantritt des neuen Papsts geschah, hatte Nikolaus IV., noch den Orsini günstig, erst Ursus und dann Bertold, den ehemaligen ersten Grafen der Romagna, zu Senatoren ernannt. Jedoch schon im Jahre 1290 gelang es den Colonna, ihre Nebenbuhler zu stürzen: Johann, der Vater des Kardinals Petrus, des Grafen Stefan und noch vier anderer kraftvoller Söhne, wurde Senator, nachdem Nicolaus Conti und Luca Savelli abgetreten waren. Der mächtige Colonnese, ein wahrer Campagnafürst, sehr befreundet mit Karl II. von Neapel, erschien in Rom mit ungewöhnlichem Glanz. Das Volk führte ihn sogar auf einem Wagen im Triumph aufs Kapitol und akklamierte ihm als Cäsar, um dann gegen Viterbo und andere Städte ins Feld zu ziehen. Der unerhörte Aufzug, eine Erinnerung an das Altertum, zeigte, welche schwärmerischen Gefühle oder Ansichten sich bereits wieder unter den Römern regten.

Nikolaus IV., meist in der Sabina, in Umbrien oder in Viterbo wohnend, hatte in Wirklichkeit keine Gewalt über Rom; er mußte es ruhig geschehen lassen, daß die Römer im Juli und August 1290 einen wütenden Krieg gegen Viterbo unternahmen, welches sich geweigert hatte, der Stadt Rom Vasallendienste zu leisten. Der Papst vermittelte hierauf den Frieden. Johann Colonna, noch immer alleiniger Senator und Herrscher Roms, schloß ihn im Namen des römischen Volks am 3. Mai 1291 auf dem Kapitol, wo die Gesandten der Viterbesen in Gegenwart der Syndici von Perugia, Narni, Rieti, Anagni, Orvieto, Spoleto der Stadt den Vasalleneid erneuerten und sich zu großem Schadenersatz verpflichteten, denn in jenem Kriege hatten sie mehrere vornehme Römer gefangen oder erschlagen. Dieser feierliche Staatsakt, welchem am 5. Mai die Reaffidation Viterbos durch den Senator folgte, zeigt die Republik auf dem Kapitol unter der Regierung des mächtigen Johann Colonna als so völlig souveräne Macht, wie sie es zur Zeit Brancaleones gewesen war. Die Herrschaft der Colonna rief indes unter dem Adel heftigen Widerspruch hervor. Man schmähte den Papst, daß er sich so ganz in die Gewalt eines einzigen Hauses begeben habe; Satiren verspotteten ihn; man bildete ihn ab, steckend in einer Säule, dem Wappen jenes Geschlechts, woraus nur sein Kopf mit der Mitra hervorragte, während zwei andere Säulen, die beiden Kardinäle Colonna, ihm zur Seite standen. Die Orsini erlangten es endlich, daß auch aus ihrer Partei der Senat besetzt wurde; zuerst wurde Pandulf Savelli im Jahre 1291 wiederum Senator, im folgenden aber teilten sich Stefan Colonna, der ehemalige Graf der Romagna, und Mattheus Rainaldi Orsini in die senatorische Gewalt.

Nikolaus IV. starb am 4. April 1292 im Palast bei S. Maria Maggiore, den er sich erbaut hatte. Kurz vor ihm war am 15. Juli 1291 Rudolf von Habsburg ohne die Kaiserkrone ins Grab gestiegen; zugleich hatte der Verlust von Akkon, der letzten christlichen Besitzung in Syrien, am 18. Mai das große Weltdrama der Kreuzzüge beschlossen. Diese zweihundertjährigen Heerfahrten Europas hatten, ähnlich wie die orientalischen Kriege im alten Rom, in der Maschinerie des Papsttums als starke Hebel der Weltherrschaft gedient. Das Aufhören des großen Kampfs der Kirche mit dem Reich und das Erlöschen jener Kreuzzüge verengten seither den Horizont des Papsttums. Aus seinem Riesenbau fiel ein Stein nach dem andern; die Welt entzog sich ihm, und den müden Händen der Päpste begann das Zepter Innocenz' III. zu entsinken.

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