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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 27
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Zweites Buch

Von Beginn der Herrschaft des Königs Odoaker bis zur Einrichtung des Exarchats in Ravenna im Jahre 568

Erstes Kapitel

1. Die Regierung Odoakers. Simplicius Papst (468-483). Bau neuer Kirchen in Rom. S. Stefano Rotondo. S. Bibiana. Odoaker gebietet die Wahl Felix' III. Theoderich zieht mit den Ostgoten nach Italien. Sturz der Herrschaft Odoakers. Theoderich wird König von Italien 491.

Unfähig, sich zu neuen politischen Begriffen zu erheben, übernahm der unwissende, aber kräftige und wohlwollende Odoaker die Trümmer des Römerreichs, worin er seine Kriegerkaste ansiedelte. Gestützt auf diese, beraten von Lateinern, regierte er Italien von Ravenna aus in den Formen des hergebrachten Staatswesens. Nichts wurde durch ihn daran verändert; der Kaiser fehlte, doch der römische Staat dauerte als Schatten fort. Der Barbarenkönig ließ Rom durch den Präfekten wie bisher verwalten; er ernannte vielleicht selbst seit dem Jahre 480 die herkömmlichen Konsuln für das Abendland, welche das Volk beim Amtsantritt mit Geld und Spielen im Circus nach wie vor beschenkten. Die Kurie der erblichen Senatoren war noch immer durch ihr traditionelles Ansehen geehrt, Reichsrat und Repräsentant Roms als Verein alter Familien, unter welchen die Namen Basilius, Symmachus und Boëthius, Faustus, Venantius, Severinus, Probinus und andere als konsularische hervorragten. Nur wissen wir nichts, weder über die Zahl, noch über die Ergänzung dieser Körperschaft.

Rom selbst blieb ruhig und geschichtslos während der dreizehn Jahre der duldsamen Regierung Odoakers. Hier hören wir nur von Kirchenbauten und von der Entwicklung des Kultus der Heiligen. Die Mythologie der Helden pflanzte sich im Christentum als Legende durch die Erschaffung eines neuen Polytheismus fort, welcher in der festgewurzelten Anschauung der Menschen seinen Grund hatte. Denn die historischen Völker des Römischen Reichs, Lateiner und Griechen, konnten diese nicht völlig ablegen. An tausend Tempel und an tausend örtliche Götter gewöhnt, verlangte das auf Christi Namen getaufte Geschlecht der Söhne und Enkel von Heiden an der Stelle jener tausend Kirchen und tausend Heilige, und der bildlose Kultus einer ursprünglich rein geistigen Religion wurde wieder in Provinzen und Städten ein Dienst lokaler Altäre und Nationalpatrone.

Der Papst Simplicius, des Hilarus Nachfolger, weihte dem Protomartyr Stephan eine Basilika auf dem Coelius (heute Stefano Rotondo), welche man für den alten Tempel entweder des Faunus oder des vergötterten Claudius hält. Wenn dies wahr ist, so wäre sie die erste Kirche in Rom, die aus einem heidnischen Tempel hervorgegangen ist. Für solche Annahme scheint die schöne Rundform von herrlichem Raumverhältnis zu sprechen; St. Stephan hat sie nur mit wenigen andern Kirchen in Rom gemein, und diese alle sind heidnischen Ursprungs. Der Kreisbau war in einer Zeit nicht häufig, wo man Langschiffe zu errichten pflegte. Gleichwohl hat sich die Ansicht geltend gemacht, daß dieser Rundbau christlich ist und dem V. Jahrhundert angehört.

Derselbe Papst weihte dem St. Stephanus eine Kirche bei S. Lorenzo vor dem Tor, und auf dem Esquilin in der Nähe von S. Maria (Maggiore) dem heiligen Andreas eine Basilika, welcher im IX. Jahrhundert die wunderliche Benennung Cata Barbara Patricia gegeben wurde. Er errichtete sie auf einem Fundus, den Flacius Valila, ein Gote und General des kaiserlichen Heers, testamentarisch der Kirche geschenkt hatte. Dort stand eine antike Aula, die Junius Bassus, Konsul im Jahre 317, zu profanen Zwecken erbaut hatte. Es war ein schöner viereckiger Saal, reich ausgelegt mit bunter musivischer Marmorarbeit, welche mythologische Szenen, Jagden der Diana und ähnliche Figuren darstellte. Diese Aula verwandelte Simplicius in eine christliche Kirche, indem er ihr nur eine mosaizierte Apsis hinzufügte, während er – und dies ist charakteristisch für den Geist des V. Jahrhunderts – die heidnischen Ornamente des Saals unangetastet ließ. Sie erhielten sich in der genannten Andreaskirche noch lange Zeit, denn erst im XVII. Jahrhundert wurde diese merkwürdige Basilika zerstört.

Simplicius weihte auch die Kirche Santa Bibiana am Licinianischen Palast. Der vicus, wo sie nicht weit von der Porta S. Lorenzo auf dem Esquilischen Felde stand, hieß Ursus Pileatus; der Ursprung des Palasts aber ist unbekannt.

Der Tod des Papsts im Jahre 483 gab die erste Veranlassung zu einer Streitfrage, die in späteren Zeiten von der größten Wichtigkeit werden sollte. Die Bischöfe Roms gingen aus der Wahl der gesamten Gemeinde oder Kirche der Stadt, das heißt des Volks in allen seinen Klassen, hervor; sobald sie vollzogen war, wurde das Wahlprotokoll dem Kaiser vorgelegt, welcher dessen Gültigkeit durch Reichsbeamte prüfen ließ und dann erst den Bischof, seinen Untergebenen, bestätigte. Nun nahm Odoaker dieses Bestätigungsrecht in Anspruch; er war Patricius und König und an die Stelle des weströmischen Kaisers getreten; aber er gehörte nicht der katholischen Kirche an, weil er, wie alle germanischen Stämme jener Zeit, den arianischen Glauben bekannte, eine Lehre, die dem deutschen Wesen schon in seinen Ursprüngen angemessen war. Odoaker schickte als Bevollmächtigten nach Rom seinen ersten Beamten, den Präfekten des Prätorium, Cecina Basilius, welcher das königliche Recht vor Volk und Senat geltend machen und die Neuwahl beaufsichtigen sollte. Dieser versammelte Klerus und Laien in dem Mausoleum des Kaisers Honorius am St. Peter und legte ihnen ein Dekret vor, welchem der verstorbene Simplicius sollte beigestimmt haben, daß nämlich die Papstwahl fortan nur mit der Zuziehung königlicher Boten geschehen dürfe. Das Konklave fügte sich in den Willen Odoakers, dessen Gerechtigkeit Arianer wie Katholiken ohne Unterschied anerkannten; jene aber besaßen noch ungehindert ihre eigenen Kirchen in Rom wie in andern Städten. In der Wahlversammlung wurde Felix III., ein Römer aus dem hochberühmten Geschlecht der Anicier, zum Papst erwählt.

Die Schonung der Kirche wie der alten Staatseinrichtungen war für den germanischen Eroberer ein Gebot der Selbsterhaltung. Seine Stammesgenossen bildeten in Italien keine Nation, sondern nur einen buntgemischten Schwarm von kriegerischen Abenteurern, deren rohe Barbarei eine unausfüllbare Kluft von der römischen Bildung trennte. Die Regierung Odoakers war demnach nichts anderes als eine militärische Lagerherrschaft, und so hohe Würden des Reichs er auch trug, blieb er doch selbst in Ravenna ein gefürchteter und gehaßter Fremdling, unvermögend, die italische Krone in seinem Stamme Enkeln zu überliefern. Der byzantinische Kaiser betrachtete ihn als Usurpator und wartete nur auf die erste Gelegenheit, ihn zu beseitigen. Zu diesem Unternehmen aber fanden sich bereit ein anderer, größerer germanischer Heerkönig und ein ganzes Volk, welches aus seinen verwüsteten Sitzen am Haemus aufbrach, um sich in den fruchtreichen Fluren Italiens niederzulassen. Dies waren die kriegerischen Ostgoten, welche damals Theoderich beherrschte. Den Kaiser Zeno erschreckten ihre wiederholten Einfälle in das östliche Reich, dem dieser Gotenkönig das Schicksal bereiten konnte, welches Italien durch Odoaker erlitten hatte. Er machte ihn daher zu seinem Bundesgenossen und gab ihm den Titel eines Konsuls und Patricius. Um ihn vom Osten zu entfernen, forderte er ihn auf, die Raub- und Wanderlust seines Volkes nach dem Westen zu richten und dem »Tyrannen« Odoaker das italische Land zu entreißen. Kraft eines förmlichen Vertrages übertrug er ihm, dem König der Goten, die Investitur dieser Provinz des Reichs. Hierauf führte Theoderich im Jahre 488 sein Volk über die Alpen; er erschien mit der furchtbaren Macht seiner Krieger an den Ufern des Isonzo, im Sommer des Jahres 489. Die Goten Theoderichs waren von der Zivilisation des Ostens und Westens berührt und nicht mehr durchaus Barbaren zu nennen wie die Völker Alarichs; trotzdem konnten sie der lateinischen Bildung gegenüber nur als solche erscheinen. Aber sie waren ein Volk, welches den erschlafften und verweichlichten Italienern das ungewohnte Schauspiel heldenhafter Männlichkeit darbot. Das germanische Bewußtsein des Wertes des freien Mannes war es, was die Welt eroberte.

Der Kampf der beiden Heerkönige um den Besitz des schönen unglücklichen Landes war langwierig und erbittert. Am Isonzo und bei Verona hintereinander geschlagen, warf sich der verzweifelte Odoaker nach Ravenna, seiner letzten Schanze. Die vereinzelte Angabe eines Chronisten, daß er nach dem Verluste Veronas nach Rom hinuntergezogen sei, um sich dort einzuschließen, und daß er aus Erbitterung über seine Abweisung von den Römern die Campagna verwüstet habe, ist sehr zweifelhaft. Der römische Senat, welchen der byzantinische Kaiser für seinen Plan gewonnen hatte, unterhandelte erst heimlich mit Theoderich und erklärte sich dann, als Odoaker auf das belagerte Ravenna beschränkt war, offen für ihn; denn schon im Jahre 490 schickte der Gotenkönig den Patrizier Festus, das Haupt des Senats, an Zeno, sich von ihm das königliche Gewand zu erbitten.

Drei Jahre lang verteidigte sich Odoaker mit heroischer Kraft in Ravenna, bis er, durch die Not gezwungen, Theoderich die Tore der Stadt öffnete, am 5. März 493. Wenige Tage später brach der Sieger treulos den Vertrag, indem er den ruhmvollen Feind mit allen seinen Truppen oder Anhängern niederhauen ließ. Er hatte bereits Titel und Zeichen des Königs von Italien angelegt, ohne sich um die Bestätigung des Anastasius zu kümmern, welcher nach dem Tode Zenos (am 9. April 491) als Kaiser im Reiche gefolgt war. Erst später, im Jahre 498, erhielt er die Anerkennung; denn der Kaiser lieferte ihm alle Kleinodien des römischen Palastes wieder aus, welche ehedem Odoaker nach Konstantinopel geschickt hatte. Theoderich war durch seines Volkes Recht König der Goten, durch das der Eroberung, durch die Wahl seines Volkes und die Huldigung der Besiegten auch König von Italien; die Auslieferung jener Reichsinsignien endlich gab ihm das Recht, dies auch durch die Bestätigung des Kaisers zu sein, das heißt Italien fortan zu regieren, wie es die abendländischen Kaiser regiert hatten. Indes der byzantinische Kaiser hatte ihn nur abgesendet, die Präfektur Italien dem Besitze eines Usurpators zu entreißen; er betrachtete auch ihn im Grunde als solchen. Der neue Eroberer anerkannte seinerseits die legitime Reichsautorität; er bekannte sich als Untertan des Kaisers, aber er richtete sich nichtsdestoweniger als Gebieter im Lande ein, dessen Drittel er seinen tapfern Kriegern zum Eigentume gab. Auch er nahm seinen Sitz in Ravenna und beschloß, von hier aus Rom, Italien und vielleicht das Abendland in römischen Formen zu regieren. Nur dies war ein gefahrdrohender Umstand, daß sich Theoderich zum arianischen Glauben bekannte. Er hatte ein ketzerisches Volk nach Italien geführt und fand in Rom den schon mächtigen Bischof vor, das anerkannte Haupt der Kirche im Abendlande.

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