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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 268
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Konradin flieht vom Schlachtfeld nach Rom. Sein kurzer Aufenthalt daselbst. Seine Flucht, Gefangennahme und Auslieferung in Astura. Die Gefangenen im Schloß zu Palestrina. Galvano Lancia hingerichtet. Karl zum zweitenmal Senator. Schicksale Konrads von Antiochien und Don Arrigos. Ende Konradins. Tod Clemens' IV. 1268.

Ein Schlag, ähnlich dem Blitzstrahl aus heiterer Luft, hatte die kühnen Träume des Unglücklichen zerstört und vor ihm den Abgrund des Verderbens aufgetan. Er floh vom Schlachtfeld mit fünfhundert Reitern; mit ihm sein Gefährte Friedrich von Baden, der Graf Gerhard von Pisa, Galvano Lancia und dessen Sohn, andere Edle. Er wandte sich zuerst nach Castelvecchio bei Tagliacozzo, wo er, wie es scheint, Zerstreute zu sammeln hoffte und eine Weile rastete. Dann floh er auf der Via Valeria weiter nach Vicovaro. Er maß dieselbe Straße als Flüchtling zurück, welche er noch vor wenigen Tagen mit Siegeszuversicht an der Spitze eines Heers gezogen war, und eilte nach Rom. Das Schicksal des Senators war dort unbekannt; aber Guido von Montefeltre befehligte noch als dessen Vikar in der Stadt, und Konradin hoffte hier Schutz und im Bunde mit Pisa neue Mittel zur Fortsetzung des Kriegs zu finden.

Er erreichte Rom am Dienstag, dem 28. August. Wie anders war einst sein Empfang, wie anders seine Wiederkehr! Er kam heimlich, fast sinnzerstört! Die Kunde von seiner Niederlage war schnell nach Rom gedrungen; die Ghibellinen voll Schrecken; die Guelfen in freudigem Alarm. Vom Schlachtfeld kamen siegesjubelnd exilierte Römer, welche dort unter dem Banner Karls gekämpft hatten, die Saveller Johann und Pandulf, Bartholomäus Rubeus und andere Herren. Die Aufregung war grenzenlos. Guido hielt das Kapitol für Don Arrigo, aber er weigerte sich, den Flüchtling aufzunehmen. Konradin suchte Schutz bei andern Ghibellinen, die sich in ihre Türme in der Stadt geworfen hatten; denn hier besaßen sie das Colosseum, die von Petrus de Vico neu befestigte Tiberinsel, den verschanzten Vatikan, die Paläste des Stefan Alberti und eine Arpacata genannte Burg, die zuvor Jakob Napoleon auf dem Campo di Fiore in den Ruinen des Pompejustheaters erbaut hatte. Als immer mehr Guelfen in die Stadt kamen, erkannten die Freunde Konradins, daß er hier nicht länger verweilen dürfe. Sie rieten zur Flucht. Die Unglücklichen (nur Graf Gerhard Donoratico war heimlich zurückgeblieben und fiel bald in die Hände der Feinde) brachen am Freitag, dem 31. August, nach der Burg Saracinesco auf, welche Galvanos Tochter hielt. Sie waren ratlos, was zu tun; sie wollten sich zuerst nach Apulien wenden, dann aber beschlossen sie, die nächste Küste zu erreichen.

Die verkleinerte Schar wandte sich in die Maremmen unterhalb Velletri und erreichte das Meer bei Astura. Astura, wo einst Cicero eine Villa besaß, liegt inselartig auf Trümmern römischer Meerespaläste; bis nahe zur Sanddüne des Ufers reicht dort die dichte Wildnis. Graue Türme stehen hie und da am Ufer, und aus dem Meere steigt das nahe Kap der Circe mit seiner Burg empor. Die Düne bildet einen Fischerhafen, in welchen sich der Fluß Stura ergießt. Schon im hohen Mittelalter gehörte das Kastell dem Kloster St. Alexius auf dem Aventin, von welchem es zuerst die Grafen von Tusculum, darin die Frangipani zu Lehen trugen. Noch im Jahre 1116 wurde der Ort neben Terracina als ein Hafen genannt. Heute ist von Astura nur das Meeresschloß mit einem Turm übriggeblieben, doch zur Zeit Konradins war es ein Castrum mit mehreren Kirchen und von festen Mauern umgeben. Die Flüchtlinge warfen sich in ein Boot, hoffend, das befreundete Pisa zu erreichen. Aber Johann Frangipane, Herr jenes Kastells, welchem man gemeldet hatte, daß fremde Ritter, wahrscheinlich vom Feld von Scurcola flüchtig, in See gegangen seien, setzte ihnen auf einem Schnellruderer nach, sowohl aus eigenem Antriebe, als weil Briefe des Papsts und Karls kundgeworden waren, welche die Festnehmung von Flüchtlingen geboten. Er verhaftete sie auf dem Meer und brachte sie zurück ins Schloß Astura. Es waren in seiner Gewalt Konradin, Friedrich von Baden, beide Grafen Galvano, der junge Napoleon Orsini, Ricardellus Annibaldi und mehrere deutsche wie italienische Ritter.

Als sich Konradin dem Frangipane zu erkennen gab, wurde seine Hoffnung durch die dunkle Erinnerung getäuscht, daß dessen Familie einst kaiserlich gesinnt und von seinem Großvater reich beschenkt worden war; er wußte nicht, daß dieselben Frangipani, wegen Tarents mit Manfred verfeindet, schon längst auf die Seite des Papsts getreten waren. Furcht und Habsucht überredeten den Herrn Asturas, eine kostbare Beute festzuhalten, in welcher er den Prätendenten auf die Krone Siziliens erkannt hatte. Der Zufall fügte es zugleich, daß Robert de Lavena, Karls Admiral, kurz vorher von den Pisanern bei Messina geschlagen, mit provençalischen Galeeren in diesen Gewässern sich befand. Als er hörte, was in Astura vorgegangen sei, forderte er die Auslieferung Konradins im Namen des Königs von Sizilien. Frangipane widerstand, um den Preis seiner Beute zu steigern; er brachte die Gefangenen in eine benachbarte, festere Burg, vielleicht nach S. Petro in Formis bei Nettuno. Alsbald kam auch der Kardinal Jordan von Terracina, Rector der Campania und Maritima, mit Kriegsvolk herbei und forderte seinerseits die Auslieferung der Gefangenen im Namen des Papsts als von der Kirche gebannter und auf deren Grund und Boden verhafteter Verbrecher. Nicht Bitten noch Versprechungen, nicht die Unschuld, Jugend und Schönheit des Gefangenen rührten das Herz Frangipanes. Die Bedrängnis durch die Galeeren Karls vorschützend, gab er die Gefangenen in die Gewalt der Soldknechte jenes Königs; sie wurden gefesselt durch die Maremma geführt, in Genazzano Karl ausgeliefert und im Schloß S. Pietro oberhalb Palestrina eingesperrt. Diese Felsenburg war Eigentum des Johann Colonna, aber von neapolitanischem Kriegsvolk besetzt. Denn Karl war vom Schlachtfeld über die Berge bei Subiaco gezogen und auf die Praenestische Straße hinabgestiegen; sein Hauptquartier befand sich seit dem 12. September in Genazzano, einem Lehen der Colonna, welche Familie sich damals, gleich den Conti und Frangipani, aus Furcht und Eigennutz guelfisch gesinnt zeigte.

Nicht zwei Stunden Wegs führen von Genazzano nach Palestrina, wo man die Gefangenen sammelte; auch der Senator Don Arrigo, auf der Flucht vom Schlachtfelde durch einen Ritter Sinibaldo Aquilone gefangen weggeführt, auch Konrad von Antiochien und viele edle Römer wie italienische Ghibellinen wurden dort eingebracht. Das Schloß S. Pietro, eine uralte Burg Latiums, um welche noch heute bemooste Kyklopensteine ragen, ist jetzt zerfallen; Efeu umstrickt seine Ruinen, von denen herab der Blick über ein unbeschreiblich schönes Panorama von Land und Meer schweift. Dort saß Konradin mit seinen Gefährten viele Tage lang in Ketten. Karl haßte unter den Gefangenen am tiefsten den Grafen Galvano, der ihm als General Manfreds und eifrigster Urheber der Unternehmung Konradins auf beiden Schlachtfeldern entgegengestanden war. Er ließ ihn mit anderen Baronen Apuliens schon in Palestrina oder in seinem Hauptquartier Genazzano öffentlich hinrichten, nachdem man den Sohn Galiotto in den Armen des Vaters erwürgt hatte. So endete in der ersten Hälfte des September 1268 der Oheim Manfreds, der Bruder der schönen Blanca, ein ritterlicher Mann, dessen wechselvolles Leben an die Größe wie den Untergang der Hohenstaufen festgekettet war. Die übrigen Gefangenen ließ Karl in Palestrina und eilte von Genazzano am 15. September nach Rom.

Hier war er gleich nach seinem Siege zum Senator auf Lebenszeit erwählt worden; er hatte die städtische Gewalt mit Freuden angenommen und wiederum Jakob Gantelmi als seinen Vikar nach Rom geschickt, wo ihm Guido von Montefeltre alsbald das Kapitol für 4000 Goldgulden überlieferte. Der Papst, der ihn schon früher des Verzichtes auf die senatorische Würde entbunden hatte, bestätigte ihm dies Amt für zehn Jahre. Karl nahm daher am 16. September nochmals von ihm Besitz und nannte sich seither offiziell »Senator der Erlauchten Stadt«. Den Römern, die ihm angehangen oder die auf dem Palentinischen Felde in seinen Reihen gefochten hatten, teilte er Güter aus; auch Johann Frangipane wurde reichlich bedacht.

Nachdem Karl seine Beamten auf dem Kapitol eingesetzt und den Guelfen seinen Sieg gemeldet hatte, ging er im Anfange des Oktober nach Genazzano zurück, um die Gefangenen nach Neapel zu führen und dort hinrichten zu lassen. Von ihnen hat nur Konrad von Antiochien die Freiheit erhalten; der glückliche Zufall, daß sein Weib in Saracinesco noch die Orsini Napoleon und Mattheus, Brüder des mächtigen Kardinals Johann Gaëtani, des nochmaligen Papsts Nikolaus III., als Geiseln festhielt, rettete sein Leben. Man wechselte ihn für die Prälaten aus. Konrad wurde der Stammvater eines lateinischen Grafengeschlechts von Antiochia, welches noch im XIV. und XV. Jahrhundert in den Kastellen Anticoli und Piglio am Serrone wie in Rom selber sichtbar ist, fortdauernd ghibellinisch und den Päpsten feindlich blieb und endlich verfiel.

Das Leben des Infanten Arrigo schützte die Rücksicht auf die Blutsverwandtschaft und das königliche Haus Kastilien. Der ehemalige Senator wurde erst im Schloß zu Canossa, dann im Castel del Monte in Apulien eingekerkert, wo er das Wehklagen der drei Söhne Manfreds vernehmen konnte. Vergebens waren die Bitten der Könige von England, Kastilien und Aragon um seine Befreiung, vergebens die Rufe des Unwillens erzürnter Dichter; die Klage um Don Arrigo und der Preis seiner Ritterlichkeit lebt noch in Liedern der Troubadours, in den Canzonen des Giraud de Calason und des Paulet von Marseille. Erst im Jahre 1291 wurde er freigelassen; er kehrte in sein Vaterland Kastilien zurück, wo er im Jahre 1304 starb.

Das Haupt des letzten Hohenstaufen fiel zu Neapel am 29. Oktober 1268. Karl eilte, den Unglücklichen zu töten, nachdem er ihn dem Bereich der Kirche entzogen hatte. Er erschlug einen Prätendenten, der selbst im tiefsten Kerker seinen Schlaf würde beunruhigt haben. Die Hinrichtung Konradins und seiner edlen Freunde hat das einstimmige Urteil der Mit- und Nachwelt als die ruchlose Tat tyrannischer Furcht gebrandmarkt und die Geschichte bald gerächt. Keine Sophistik vermag den Mörder von diesem Blute zu reinigen. Einige Stimmen haben Clemens IV. der Mitschuld angeklagt: und mehr als der schwere Vorwurf lastet auf ihm, daß er nicht Konradin als im Banne der Kirche und auf ihrem Boden durch päpstliche Vasallen verhaftet von Karl zurückforderte, noch daß er eilte, das Henkerbeil aufzuhalten. Den blutigen Schluß sah er voraus, da er die Natur Karls zu wohl kannte. Der Papst wünschte und billigte den Tod des letzten Enkels Friedrichs II., weil er den Ansprüchen des Hohenstaufenhauses für immer ein Ende machte. Wenn aus dem Munde Clemens' IV. ein Ruf des Unwillens oder nur ein menschliches Mitgefühl mit dem grausamen Schicksal Konradins, dessen Recht vor Gott und Menschen sonnenklar dalag, laut geworden wäre, so würde dies das Andenken eines Papstes verschönert haben, welchen das Glück den Untergang des großen Schwabengeschlechts vollenden ließ. Er schwieg, und dies ist sein Urteil. Am 29. Oktober war das Haupt Konradins gefallen, am 29. November starb Clemens IV. in Viterbo. Die erschütternde Gestalt des schuldlosen Enkels Friedrichs II. auf dem Schafott in Neapel, wie er die Hände zum Himmel rang und dann betend niederkniete, um den Todesstreich zu empfangen, stand am Lager des sterbenden Papsts und verfinsterte seine letzte Stunde. Es schreckte ihn auch der Gedanke an den nun übermächtig gewordenen Sieger. Wenn er als Priester in dem Bewußtsein Genugtuung fand, das dem Papsttum todfeindliche Geschlecht vertilgt zu wissen, so mußte ihn doch die Vorstellung quälen, daß er den wahren Gewinn dieses Sieges in den Händen eines Tyrannen ließ, welcher König von Sizilien, Senator Roms, Vikar Tusziens, Schutzherr aller guelfischen Städte war und voraussichtlich bald Gebieter Italiens und Bedränger der Kirche werden konnte.

Nach einer schnellen und strahlenden Laufbahn, die eher einer Romanze als der geschichtlichen Welt anzugehören scheint, schloß Konradin die Heldenreihe des Geschlechts der Hohenstaufen und auch dessen langen Kampf wider das Papsttum und um den Besitz Italiens. Wenn das Los dieses edlen Jünglings furchtbar und ungerecht war, so war doch der Spruch der Geschichte völlig reif: Deutschland sollte ferner nicht über Italien herrschen, das alte Reich der Ottonen und Franken nicht mehr hergestellt werden. Hätte der Enkel Friedrichs II. Karl von Anjou überwunden, so würde er auch der Erneuerer von Zuständen und Kämpfen geworden sein, welche im Triebe der Völker kein Leben und kein Recht des Daseins mehr finden konnten. Ganz Deutschland empfand zwar bei seinem Falle den tiefsten Schmerz; doch es stand kein Fürst noch Volk auf, ihn zu rächen. Die schwäbische Dynastie war tot; Konradin das letzte Opfer des Prinzips ihrer Legitimität. Große Geschlechter stellen Systeme einer Zeit dar; doch sie fallen mit diesen, und keine priesterliche oder politische Macht vermochte je eine geschichtlich überwundene Legitimität zu erneuern. Kein größeres Geschlecht vertrat je ein größeres System als die Hohenstaufen, in deren mehr als hundertjähriger Herrschaft der Prinzipienkampf des Mittelalters seine entschiedenste Entfaltung und seine mächtigsten Charaktere gefunden hat. Der Krieg der beiden Systeme, der Kirche und des Reichs, die sich gegenseitig zerstörten, um die Bewegung des Geistes freizugeben, war der Gipfel des Mittelalters, und auf ihm steht Konradin durch seinen tragischen Tod verklärt. Der Kampf der Hohenstaufen setzte sich, obwohl diese große Dynastie selbst überwunden war, siegreich in anderen Prozessen zur Befreiung der Menschheit von der Übermacht des Priestertums fort, welche ohne die Taten jenes Heldengeschlechts nicht möglich geworden wären.

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