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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 267
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Üble Lage Konradins in Norditalien. Er erreicht Pavia. Karl geht zum Papst nach Viterbo. Exkommunikationsbulle. Empfang Konradins in Pisa. Verunglückter Versuch Karls gegen Rom. Erster Sieg Konradins. Sein Marsch nach Rom. Sein prachtvoller Empfang. Die ghibellinischen Häupter. Aufbruch aus Rom. Schlacht bei Tagliacozzo. Sieg und Niederlage Konradins.

Konradin suchte indes in Verona Mittel, sein Heer zu ernähren, mit den Städten Bündnisse zu schließen und den Marsch nach Toskana möglich zu machen. Seine Entblößung war nicht minder groß, als es einst jene Karls gewesen war. Ein Teil seiner unbezahlten Truppen verließ ihn; sein Oheim Ludwig und sein Stiefvater Meinhard, welchen er große Summen schuldete und seine Erbgüter hatte verschreiben müssen, kehrten im Januar 1268 nach Deutschland heim, wohin sie überdies die dortigen Angelegenheiten der staufischen Partei riefen. Die Standhaftigkeit, mit welcher Konradin so große Schwierigkeiten überwand, bewies, daß er seiner Ahnen würdig war. Wider alles Erwarten gelang es ihm, seinen Zug mitten durch Feindesland fortzusetzen, völlig so, wie es früher dem Landheere Karls gelungen war, Italien zu durchziehen. Das ganze Unternehmen erschien überhaupt als die Wiederkehr von jenem Karls, welcher jetzt gezwungen ward, die Haltung Manfreds anzunehmen. Konradin erreichte Pavia am 20. Januar 1268, und hier blieb er, ratlos wie zuvor, bis zum 22. März.

Karl brannte vor Ungeduld, ihm entgegenzuziehen; nach langer Belagerung hatte er Poggibonsi, die Hauptburg der Ghibellinen, zur Ergebung gebracht und selbst Pisa zu einem Frieden genötigt; wenn er aufgebrochen wäre, Konradin zu einer Feldschlacht zu zwingen, ehe er Rom erreichte, so würde er dem Kriege vielleicht schon am Po ein Ende gemacht haben. Aber der Papst, welchen die Furcht vor dem Verlust Siziliens quälte, wo der helle Aufstand Kalabrien, Apulien und die Abruzzen ergriffen hatte, bestürmte ihn, in sein Königreich zurückzukehren; denn habe er dies verloren, so solle er nicht hoffen, daß die Kirche die Sisyphusarbeit für ihn noch einmal unternehmen werde; vielmehr würde sie ihn als Vertriebenen in der Provence seiner Schande überlassen. Der König sah hinter sich sein Reich in Flammen stehen und kehrte heim, nachdem er den Marschall Johann de Braiselve in Toskana mit einigen Truppen zurückgelassen hatte. Am 4. April traf er in Viterbo beim Papst ein.

Hier wiederholte dieser die Exkommunikation gegen Konradin und Ludwig von Bayern, den Grafen von Tirol und alle Häupter der Ghibellinen; selbst die Länder und Städte, die dem Feind Aufnahme gegeben oder geben würden, unterwarf er dem Bann. Pisa, Siena, Verona und Pavia traf das Interdikt; Don Arrigo, Guido von Montefeltre, die Magistrate des Kapitols, alle Römer, welche Boten Konradins empfangen hatten, wurden exkommuniziert; die Stadt mit dem Interdikt bedroht, während die Römer des Eides gegen ihren Senator entbunden wurden und Karl die Ermächtigung erhielt, wenn jener nicht in Monatsfrist sich unterworfen habe, das städtische Regiment wieder auf zehn Jahre zu übernehmen.

Als diese Bannflüche zu Viterbo verkündigt wurden, erscholl Pisa von tausendstimmigem Jubelruf: der junge Enkel Friedrichs II. fuhr glücklich in den Hafen der Stadt ein, auf Schiffen der Republik und mit fünfhundert Rittern. Konradin war von Pavia durch die Lande des Markgrafen von Caretto, Gemahls einer natürlichen Tochter Friedrichs, gezogen, hatte Vado am Meer bei Savona erreicht und sich dort am 29. März eingeschifft. Seine Truppen hatte er Friedrich von Baden anvertraut, welcher sie glücklich über die Berge von Pontremoli und durch die Lunigiana anfangs Mai nach Pisa führte. In dieser Republik fand der junge Prätendent die erste feierliche Anerkennung und eine wohlgerüstete Flotte zur Fahrt, sei es nach Rom oder den Küsten Süditaliens. Karl, im unklaren über Konradins nächsten Plan, beschloß jetzt die Heimkehr in das Königreich, um die dortigen Rebellen, namentlich die Sarazenen in Lucera, zu unterwerfen und den Angriff des Feindes in seinem eigenen Lande abzuwarten, wie dies einst Manfred getan hatte. Er versuchte noch von Viterbo aus einen Handstreich gegen Rom; ein Teil seiner Truppen mit exilierten Guelfen, darunter der Graf Anguillara und Mattheus Rubeus Orsini, drang sogar in die Stadt ein, aber der Senator schlug sie heraus; und dies bewog Karl, von Rom abzustehen. Am 30. April verließ er Viterbo, nachdem ihn der Papst zum Reichsvikar in Tuszien ernannt hatte; diese Würde und die Erneuerung des Senats waren wichtige Zugeständnisse, welche ihm für die Zukunft gute Früchte tragen sollten.

Konradin fand jetzt in Pisa und Siena kräftige Unterstützung; Gesandte vom Kapitol riefen ihn nach Rom, wo ihn Galvano erwartete und die Hilfsquellen des Senators ihm einen sichern Zuwachs an Kraft versprachen. Im Kirchenstaat gärte es; Fermo und die Marken befanden sich im Aufstande; nur noch ein entschiedener Vorteil und der größte Teil Italiens erklärte sich für Konradin. Vor den Augen des jungen Fürsten wurde in Pisa eine Flotte ausgerüstet, welche mit Friedrich Lancia, Richard Filangieri, Marino Capece und andern tapfern Männern gegen Neapel und Kalabrien in Segel gehen sollte; dies geschah in der Tat, denn diese Ghibellinen überfielen im August die Insel Ischia. Konradin selbst zog am 15. Juni von Pisa nach Siena, wo er bis zur Mitte des Juli blieb, von der Bürgerschaft der reichen Stadt mit Ehren begrüßt und mit Mitteln zum Kriege freudig unterstützt. Ein Sieg seiner Truppen bei Ponte a Valle, wo der Marschall Karls, Johann de Braiselve, am 25. Juni gefangen ward, begeisterte seine Hoffnungen. Der Weg nach Rom war frei. Clemens IV. hatte nur zu seinem Schutz Truppen aus Perugia und Assisi nach Viterbo gerufen und erwartete hier den Vorüberzug des letzten Hohenstaufen. Vergebens hatte er die Römer ermahnt, die Kirche nicht zu verlassen; seine Briefe verrieten zum erstenmal, daß er ernstlich besorgt war; jedoch Furcht erschütterte auch diesen Priester nicht. Er wird wie Rauch vorüberziehen, so sagte er von Konradin, und er verglich ihn einem Lamm, welches die Ghibellinen zur Schlachtbank führten. Von den Mauern Viterbos konnte er die Kriegerreihen erblicken, die am 22. Juli durch die Ebene bei Toscanella vorüberzogen, ohne ihn selbst zu bedrohen.

Konradin rückte auf der Via Cassia über Vetralla, Sutri, Monterosi, dem alten Veji vorüber nach Rom; fünftausend gut gerüstete Reiter folgten ihm; mit ihm waren Friedrich von Baden, Graf Gerhard Donoratico von Pisa, Konrad von Antiochien, viele Ghibellinenhäupter Italiens. Der trunkene Blick des Jünglings schweifte von den Höhen des Monte Mario über die große Campagna Roms, die sich ernst und feierlich verbreitet, von schönen Bergreihen umrahmt und durchströmt vom glänzenden Tiber, der an trümmervollen Tuffhügeln zur Milvischen Brücke zieht, während auf dem betürmten Rom die blaue Himmelssphäre festlich zu ruhen scheint. Auf den Vorhöhen der Sabina entdeckt das Auge die weißen Häuserreihen Tiburs; man sagte Konradin, daß dort das Theater der Märsche Friedrichs und Manfreds sei. Man wies ihm in der Ferne das uralte Praeneste: nur fünf Wochen später und er saß dort auf der Kyklopenburg in Ketten! Wo zwischen den Albanerbergen und den Apenninen ein weites Tal hervorschimmert, zeigte man ihm die Gefilde Latiums, und man sagte ihm, daß hier die Straße sei, auf welcher Karl von Anjou zum Liris hinabgedrungen war.

Die lange Reihe der Kaiser des Reichs stellte sich der aufgeregten Seele Konradins dar, während das erhabene Bild der Stadt, wie der prachtvolle Anblick des römischen Volks, welches, ihm Willkomm rufend, von Ponte Molle bis zur Triumphalstraße den Abhang des Monte Mario bedeckte, ihn zum Entzücken hinriß wie einst Otto II. oder III. Der Senator hatte ihm einen kaiserlichen Empfang bereitet, und Rom war nach dem Geständnis des Guelfen Malaspina eine von Natur kaiserlich gesinnte Stadt. So oft und hartnäckig auch die Römer die germanischen Kaiser bekämpft hatten, so übte doch die Idee des Reichs fortdauernd ihren Zauber auf sie aus. Sie empfingen den Enkel des großen Friedrich als den legitimen Repräsentanten der Reichsgewalt mit aufrichtigen Ehren. Alle waffenfähigen Römer erwarteten ihn, die Helme bekränzt, in kampfspielenden Scharen auf dem Felde des Nero, während das Volk Blumen und Ölzweige schwang und Jubellieder ertönen ließ. Als Konradin am 24. Juli durch das Tor des Kastells über die Engelsbrücke seinen Einzug hielt, fand er Rom in eine Schaubühne festlichen Triumphs verwandelt. Die volkbedeckten Straßen waren von Haus zu Haus mit Seilen überspannt, von denen Teppiche, seltene Gewänder, kostbare Schmucksachen herabhingen, während Chöre von Römerinnen zum Spiel der Zithern und Handpauken ihre Nationaltänze tanzten. Der Guelfe Malaspina gestand, daß der Empfang Karls weit hinter den Festlichkeiten zurückblieb, mit denen man Konradin begrüßte. Es war das ghibellinische Rom, welches ihn aus freier Neigung ehrte. Der schwärmende Knabe stand eine Minute lang auf dem Gipfel irdischer Herrlichkeit.

Man führte ihn auf das Kapitol und akklamierte ihm als künftigem Kaiser. Entweder nahm er dort oder im Palast des Lateran seine Wohnung. Die Häupter der Ghibellinen, die Verbannten Apuliens drängten sich herzu, künftige Lehen sich auszubitten. Römische Edle, einst von Karl oder dem Papst amnestiert, traten zu ihm über. Der charakterlose Petrus von Vico, nacheinander Manfreds und Karls Anhänger, erschien huldigend auf dem Kapitol; Jacobus Napoleon Orsini bot seine aufrichtigen Dienste an. Der junge Richard und andere Annibaldi, der Graf Alcheruccio von S. Eustachio, Stefan der Normanne, Johann Arlotti, die Surdi, treue Ghibellinen aus Manfreds Zeit, brachten Geld und Waffen, während der Senator die letzte Rüstung zum Auszuge betrieb. Andere Orsini und Annibaldi, das ganze Haus der Savelli blieben auf der Seite Karls, und Frangipani, Colonna und Conti warteten die Ereignisse auf ihren Burgen ab.

Eine seltsame Wandlung der Dinge machte Rom nur zwei Jahre nach dem Unternehmen Karls wieder zum Mittelpunkt eines Eroberungszuges gegen Apulien und versetzte jenen Usurpator in die Lage Manfreds. Die Verteidigungslinien von Ceprano bis Capua waren jedoch besser verwahrt; weshalb der Kriegsrat in Rom entschied, daß man auf der Valeria in die Abruzzen eindringen müsse; man wollte bis Sulmona vorgehen, sich mit den Sarazenen in Lucera vereinigen und den Feind, den man dort noch glaubte, mit aller Macht angreifen. Dieser Plan war tadellos.

Am 18. August (1268) brach Konradin von Rom auf, wo Guido von Montefeltre als Vikar des Senators zurückblieb. Es begleiteten ihn Don Arrigo mit einigen hundert Spaniern, Friedrich von Baden, Galvano, Konrad von Antiochien, andere Große. Das gut gerüstete Heer, etwa 10 000 Mann stark, war vom freudigsten Mut beseelt. Das römische Volk folgte den Abziehenden weit vor das Tor S. Lorenzo, und die gesamte Stadtmiliz begehrte mit ins Feld zu ziehen, jedoch Konradin entließ ihren größten Teil nach zwei Tagemärschen; nur die Häupter der Ghibellinen blieben mit ihrer besten Mannschaft bei ihm, Alcheruccio von S. Eustachio, Stefan Alberti, der greise Johann Caffarelli, der junge Napoleon, Sohn des Jakob Orsini, Ricardellus Annibaldi, Petrus Arlotti und der von Vico. Man zog über Tivoli den Anio aufwärts nach Vicovaro, wo die ghibellinischen Orsini Konradin bewirteten. Man kam Saracinesco vorbei, wo die Tochter Galvanos und Gemahlin Konrads von Antiochien ihren königlichen Vetter begrüßte. Denn dies Felsenschloß, im X. Jahrhundert ein sarazenisches Raubnest, gehörte jenem Konrad, weil sein Vater Friedrich von Antiochien es als Mitgift einer edlen Römerin Margarita erworben hatte. Dort saßen noch die beiden gefangenen Orsini, ein Umstand, welchem Konrad bald seine Rettung verdanken sollte.

Unterdes hatte Karl, vom Einzuge Konradins in Rom und seinem bevorstehenden Marsch ins Königreich unterrichtet, die Belagerung Luceras aufgehoben. Er war nach Foggia gezogen und von dort an den See Fucino vorgerückt; bereits am 4. August hatte er Alba und Scurcola erreicht. Sodann marschierte er mehrere Tage lang zwischen jenem See und Aquila hin und her, ungewiß, welche Straße der Feind nach Apulien einschlagen wolle und welchen Paß er selbst ihm zu versperren habe. Indem er sich vorstellte, daß Konradin versuchen werde, über Aquila nach Sulmona zu dringen, rückte er wieder gegen Ovinulo und Aquila aufwärts. Das Heer Konradins überstieg jedoch das rauhe Grenzland bei Riofreddo, drang durch die Pässe von Carsoli und zog in das Tal des Salto hinab. Hier liegt das Marsenland mit dem hohen Velino und anderen Gipfeln über dem See von Fucino. Ringsum stehen die Städte Tagliacozzo, Scurcola, Avezzano, Celano und Alba, in alten Zeiten der Kerker des Königs Pyrrhus von Makedonien, damals der Hauptsitz der Marsengrafschaft, deren Titel noch von seinem Vater her Konrad von Antiochien trug. Mehrere Straßen durchschneiden jenes Seegebiet und führen durch Bergpässe westlich nach Rom, südwärts nach Sora, nördlich nach Aquila und Spoleto, ostwärts nach Sulmona.

Konradin zog über Tagliacozzo nach Scurcola und lagerte hier am 22. August bei der Villa Pontium. Auf die Kunde, daß der Feind die Straße nach dem See hinabziehe, kam Karl in Eilmärschen durch die Pässe von Ovinulo, ihm die Schlacht zu bieten. Er erblickte ihn, als er selbst mit 3000 ermüdeten Reitern und Volk zu Fuß am 22. August auf den Hügeln bei Magliano lagerte, zwei Millien von Alba entfernt; die Schlacht mußte demnach schon hier geschlagen werden und sowohl für das Los Karls als Konradins entscheidend sein. Der Salto trennte die feindlichen Lager, jenes über dem Palentinischen Feld bei Alba und dieses am jetzt zerstörten Kastell Ponte bei Scurcola, eine Nacht lang. Das Heer Konradins bildete am folgenden Morgen zwei Schlachthaufen, den ersten unter dem Senator, dem Grafen Galvano und Gerhard Donoratico von Pisa, dem Haupt der toskanischen Ghibellinen; den zweiten, meist deutsche Ritterschaft, unter dem Befehl der beiden Jünglinge Konradin und Friedrich. Die Schlachtordnungen des Feindes leiteten dessen beste Kapitäne, Jakob Gantelmi, der Marschall Heinrich von Courances, Johann von Clary, Wilhelm L'Estendard, Wilhelm von Villehardouin, Fürst von Achaja, welcher als Vasall Karls ihm 400 prachtvoll gerüstete Ritter von dort zugeführt hatte, Guido von Montfort und der König selbst. Einer Sage nach soll ihm Erard von Valery, ein berühmter Kriegsmann, kurz zuvor aus dem Orient heimgekehrt, angeraten haben, ein drittes Korps als Reserve versteckt zu halten; aber ein so erfahrener Feldherr bedurfte keines Winkes, um für die Entscheidung eine solche zu bewahren. Außer lombardischen und toskanischen Guelfen dienten auch Römer im Heere Karls, Bartholomäus Rubeus von den Orsini, der Markgraf Annibaldus, die beiden Saveller Johann und Pandulf und andere Edle, so daß Genossen desselben Stammes als feindliche Brüder gegeneinander standen.

Am Morgen des 23, August setzte zuerst Don Arrigo über den Fluß, umging die Provençalen an der Brücke und eröffnete den Kampf. Als sich die Scharen Konradins auf die verhaßten Feinde warfen, schienen sie die Rachegeister von Benevent. Kein Verrat befleckte die Waffenehre der Streiter. Ihr Stoß warf die feindlichen Ordnungen nieder; die erste Linie der Provençalen, die zweite der französischen Ritterschaft wurde zerbrochen. Als der Marschall von Courances, welcher des Königs Rüstung trug, mit dem Schlachtbanner vom Rosse sank und erschlagen ward, verkündete donnerndes Siegesgeschrei den Tod des Usurpators. Die französischen Scharen stürzten in wilder Flucht davon, und hinter ihnen verfolgend Arrigo von Kastilien, der Held des Tages. Deutsche und Toskaner warfen sich plündernd auf das feindliche Lager, und alle Ordnungen lösten sich im Schlachtfelde auf, dessen Palme der siegestrunkene Jüngling in seinen Händen hielt. Das Glück erhob ihn am Morgen auf den kaiserlichen Schild und stürzte ihn am Abend in namenlose Verlassenheit.

Karl befand sich auf einem Hügel, von wo er auf die Flucht seines Heeres herabsah; der Verlust der Schlacht war unfehlbar der Zusammensturz seines Throns. Der guelfische Chronist schildert diesen König in Tränen, Gebete an die Madonna richtend, während Valery ihm zurief, daß es Zeit sei, aus dem Hinterhalt hervorzubrechen. Achthundert Ritter stürzten sich plötzlich auf das Feld, wo kein französisches Banner mehr sichtbar war. Als diese frische Schar hervorbrach, genügte ihre dicht geschlossene Phalanx, die aufgelösten Truppen Konradins zu zerstreuen und zu vernichten, während sich die zersprengten Franzosen um jenen Kern wieder sammelten. Die glänzend gewonnene Schlacht ging für Konradin durch den Mangel einer Reserve verloren und vielleicht auch durch den Ungestüm der Spanier unter Don Arrigo, welche die Verfolgung des Feindes zu weit entfernt hatte. Als der Infant von dieser auf das Schlachtfeld zurückkehrte, wo er Konradin als Sieger verlassen hatte, sah er Kriegerreihen vor dessen Lager aufgestellt, unter welche er sich mit freudiger Begrüßung zu mischen eilte. Der ihm entgegenschallende Schlachtruf Montjoie! und der Anblick der Lilienbanner machte ihn erstarren; er warf sich mit heroischer Fassung auf den Feind; er versuchte zweimal, ihn zu durchbrechen; doch es ist umsonst, gegen die Beschlüsse des Schicksals zu streiten.

Als die Nacht auf das Feld gesunken war, saß der finstere Karl in seinem Zelt und diktierte an den Papst einen Siegesbericht, der so ganz die Wiederholung jenes Briefs vom Schlachtfelde Benevents war, daß nur einige Namen darin verändert zu sein schienen. »Die Freudenbotschaft, welche alle Gläubigen der Welt so lange ersehnt haben, biete ich Euch, Heiliger Vater, jetzt wie Weihrauch dar, und ich bitte Euch: Vater, erhebet Euch und eßt von dem Jagdwild Eures Sohnes... So viel Feinde haben wir getötet, daß die Niederlage von Benevent dagegen gering erscheint. Ob Konradin und der Senator Heinrich gefallen oder entronnen sind, wissen wir nicht genau zu sagen, zumal da dieser Brief unmittelbar nach der Schlacht verfaßt ist. Das Pferd, worauf der Senator saß, ist reiterlos fliehend eingebracht. Die Kirche, unsere Mutter, erhebe sich zum jubelnden Preise des Allmächtigen, der ihr durch seinen Kämpfer einen so großen Sieg verliehen hat; denn nun scheint der Herr aller ihrer Not ein Ende gemacht und sie aus dem Rachen ihrer Verfolger erlöst zu haben. Gegeben auf dem Palentinischen Feld am 23. August, in der elften Indiktion und im vierten Jahr.«

Dies war die Sprache des schrecklichen Jägers der Bartholomäusnacht, der mit bigotter Heuchelei dem Papst seine Opfer wie ein köstliches Gericht erbeuteten Wildes darbot. Der schnelle Doppelsieg eines und desselben Despoten erst über Manfred, dann über Konradin empört das sittliche Gefühl; denn hier triumphierte in Wahrheit das Böse über das Gute, das Unrecht über das Recht zum zweitenmal. Auf dem Felde bei Tagliacozzo wurde vielleicht das ungerechteste Los geworfen, welches jemals Streiter aus der Schlachtenurne gezogen haben. Wenn Recht und Rache, wenn Waffenstärke und Waffentreue, Heldenmut und begeisterte Jugend den Sieg verbürgen, so mußte er dort Konradin zuteil werden; aber ein unerbittliches Verhängnis gab ihn in die Hand Karls. Der Haß des Siegers konnte sich am Anblick der Tausende von Erschlagenen sättigen, und doch begehrte er noch Rache. Vielen gefangenen Römern ließ er die Füße abhauen; als man ihm bemerkte, daß der Anblick der Verstümmelten zu großen Haß erwecken würde, befahl er sie insgesamt in einem Gebäude zu verbrennen. Von edlen Römern lagen tot Stefan von den Alberti, der tapfre Alcheruccio von S. Eustachio und der alte Caffarelli. Auch Kroff von Flüglingen, der Marschall Konradins, war gefallen. Petrus von Vico schleppte sich todwund nach Rom und von dort in sein Kastell, wo er im Dezember starb – ein grundsatzloser Mann, einer der Stammherren des wilden Ghibellinengeschlechts von Vico, in welchem die Stadtpräfektur bis zum Jahr 1435 erblich blieb.

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