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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 266
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Drittes Kapitel

1. Die Ghibellinen bereiten den Zug Konradins. Karl geht als Haupt der guelfischen Liga nach Florenz. Aufstand Siziliens und Apuliens. Don Arrigo ergreift die Partei der Ghibellinen. Guido von Montefeltre Prosenator. Konradin bricht nach Italien auf. Galvano Lancia in Rom. Der Senator bemächtigt sich der Guelfenhäupter. Bund zwischen Rom, Pisa, Siena und den Ghibellinen Tusziens.

Konradin schickte Briefe und Manifeste nach Italien und auch nach Rom, worin er verkündete, daß er kommen werde, die Rechte seiner Ahnen an sich zu nehmen, und sich König Siziliens nannte. Der Papst leitete deshalb in Viterbo einen Prozeß gegen ihn ein; er veröffentlichte dies Aktenstück und zugleich eine Bulle, in welcher er den Wahlfürsten Deutschlands verbot, jemals Konradin zum römischen Könige zu erwählen, und alle seine Anhänger mit der Exkommunikation bedrohte.

»Ich achte nicht viel«, so schrieb Clemens IV. im Oktober 1266, »auf die Boten, welche die Ghibellinen an ihr Idol, den Knaben Konradin, senden; ich kenne dessen Lage zu wohl; sie ist so kläglich, daß er weder sich selbst noch seinen Anhängern aufhelfen kann«. Jedoch im Frühling 1267 wurden die Gerüchte entschiedener, die Haltung der Ghibellinen in Toskana drohender. Am 10. April schrieb der Papst den Florentinern: »Vom Stamme des Drachen ist ein giftiger Basilisk hervorgestiegen, welcher Toskana schon mit seinem Pesthauch erfüllt; er sendet ein Schlangengezücht, Menschen des Verderbens, unsere und des vakanten Reichs wie des erlauchten Königs Karl Verräter, die Genossen seiner Pläne, an Städte und Edle; mit feiner Lügenkunst brüstet er sich im Flitterprunk und bemühet sich, diese durch Bitten, jene durch Gold vom Weg der Wahrheit abzulocken. Das ist der unbesonnene Knabe Konradin, Enkel Friedrichs, weiland Kaisers der Römer, des von Gott und seinem Vikar durch gerechtes Urteil Verworfenen; seine Werkzeuge sind die ruchlosen Männer Guido Novello, Konrad Trincia und Konrad Capece mit vielen anderen, welche dies schändliche Götzenbild in Tuszien aufrichten wollen und geheim wie öffentlich deutsche Söldner werben, Bündnisse und Verschwörungen zu machen.« Am 14. April erließ der Papst eine zweite Zitation an Konradin, sich vor seinem Tribunal zu verantworten.

Die Ghibellinen entfalteten in der Tat eine große Tätigkeit; Konrad Capece, aus Schwaben heimgekehrt, trat in Pisa bereits als Vikar Konradins auf, in dessen Namen er Schriften erließ. Pisa und Siena waren willig, das kühne Unternehmen zu fördern; die Verschworenen in Apulien und Sizilien standen bereit, und die Römer zeigten sich günstig gesinnt. Als die Gefahr einen ernsthaften Charakter annahm, verständigten sich der Papst und Karl, ihr zu begegnen. Apulische Truppen rückten ohne weiteres in Toskana unter Guido von Montfort ein und besetzten Florenz, wohin die Guelfen sie riefen. Karl selbst kam am Ende April nach Viterbo, wo er mit dem Papst lange Beratungen hielt und dann seinen Truppen nach Florenz folgte. Florenz, Pistoja, Prato und Lucca übertrugen ihm sofort die Signorie auf sechs Jahre; dies große Wachstum seiner Macht war dem Papst höchst ungelegen, doch er mußte eine gute Miene dazu machen; er ernannte, um den widerrechtlichen Einmarsch in Toskana, einem Reichslande, durch einen Titel zu beschönigen, den König sogar dort zum »Wiederhersteller des Friedens«, als ob er bei der Vakanz des Kaisertums das Recht dazu habe.

Während sich die Ghibellinen in Poggibonsi und anderen Burgen gegen die Waffenmacht Karls behaupteten, erhöhte die wachsende Empörung Siziliens und Apuliens ihren Mut. Capece, auf einem pisanischen Schiff nach Tunis geeilt, hatte den dort zurückgebliebenen Bruder des Senators Heinrich, Friedrich von Kastilien, einen alten Anhänger Manfreds, überredet, einen Einfall in Sizilien zu wagen, und diese kühnen Männer waren mit einigen hundert Genossen am Anfang des September 1267 bei Sciacca ans Land gegangen. Bei ihrem Erscheinen erhob sich der größte Teil der Insel und rief Konradin als König aus. Der Aufstand drang nach Apulien; die Sarazenen Luceras, welche schon am 2. Februar 1267 das Banner Schwabens aufgezogen hatten, erwarteten den Enkel Friedrichs mit Ungeduld. So hinderte der meisterhaft angelegte Plan der Ghibellinen Karl, sich nach der Lombardei zu begeben und hier den Zug Konradins aufzuhalten.

Er sah voll Besorgnis Rom, wo er noch vor kurzem Senator gewesen war, in der Gewalt seines ihm feindlichen Vetters Don Arrigo, der sich bereits offen für die ghibellinische Partei erklärt hatte. Das Kapitol konnte dem heranziehenden Konradin gerade so gut zur Grundlage einer Unternehmung wider Sizilien dienen, wie es ihm selbst als solche gegen Manfred gedient hatte. Er riet dem Papst, den Infanten von Kastilien durch künstliche Unruhen zu stürzen; aber Clemens fand in Rom kein Gehör für diesen Plan, sondern bekannte, daß der mächtige Senator allen Parteien »wie ein Blitzstrahl« furchtbar sei. Don Arrigo herrschte dort mit Kraft und Geschick, unterstützt durch seinen Stellvertreter, den er nach dem Beispiele Karls im Kapitol eingesetzt hatte; dies war Guido von Montefeltre, Herr von Urbino, wie seine Ahnen eifriger Ghibelline, ein Mann, welcher Italien bald mit seinem Namen erfüllte und als der größte Feldherr seiner Zeit gepriesen wurde. Konradin hatte ihm im August zu Augsburg reiche Lehen im Königreich Sizilien zugesagt. Viele Kastelle in den römischen Landschaften wurden von der städtischen Miliz besetzt; im August bemächtigte sich Don Arrigo der wichtigen Burg Castro an den Grenzen des Königreichs; er suchte, in Corneto Einfluß zu gewinnen, und nahm im September Sutri in Tuszien, von wo aus er den Ghibellinen Toskanas die Hand reichen konnte. Der Papst bemühte sich vergebens, zwischen dem Senator und Karl eine Versöhnung herbeizuführen, und nicht minder wirkungslos waren seine Ermahnungen an die Barone des Patrimonium, der Kirche treu zu bleiben.

Am Anfange des Oktober kam das Gerücht nach Rom, daß Konradin nach Italien aufgebrochen sei. So war es in der Tat. Der junge Fürst hatte seine Stammgüter in Geld verwandelt, mit Mühe ein Heer ausgerüstet und den Zug durch Tirol angetreten. Sein gewagtes Unternehmen war ganz und gar die Umkehr von jenem seines Großvaters im Beginne von dessen ruhmvoller Laufbahn. Denn einst war der jugendliche Friedrich aus Sizilien gezogen, die deutsche Krone seiner Ahnen einem Guelfenkaiser abzukämpfen; jetzt zog sein Enkel von Deutschland nach Sizilien, die italienische Krone Friedrichs einem Usurpator zu entreißen. Den Armen seines abmahnenden Weibes hatte sich Friedrich, den Armen seiner unglückweissagenden Mutter sich Konradin entwunden; aber jenem hatte die Kirche ihre Unterstützung geliehen, diesem verboten die Bullen des Papsts den Eintritt in Italien und den Anspruch auf das Erbe seines Großvaters. Konradin brach aus Bayern auf im September 1267; es begleiteten ihn sein Oheim Herzog Ludwig, sein Stiefvater Meinhard von Tirol, Rudolf von Habsburg, der Schenk Konrad von Limpurg, Konrad von Frundsberg, Albert von Neiffen, Kroff von Flüglingen, mehrere andere edle Herren aus Deutschland und Tirol und endlich Friedrich, Sohn Hermanns von Baden, der letzte babenbergische Prätendent des Herzogtums Österreich, welchen gleich verwaiste Jugend, gleiches Unglück und begeisterte Freundschaft zum Waffenbruder Konradins gemacht hatten. Am 21. Oktober traf der Enkel Friedrichs II. mit 3000 Rittern und anderem Kriegsvolk im ghibellinischen Verona ein, wo sein Vater Konrad IV. vor vierzehn Jahren noch von Ezzelin und von Uberto Pallavicini war empfangen worden.

Zwei Tage früher, am 18. Oktober, war Galvano Lancia, Oheim Manfreds, in Rom eingezogen, mit den Bannern des Schwabenhauses. Er kam als Bevollmächtigter Konradins, ein Bündnis mit der Stadt abzuschließen. Die Ghibellinen empfingen diesen Vertreter des hohenstaufischen Kaisertums mit hohem Jubel; der Senator begrüßte ihn mit öffentlichen Ehren, gab ihm Wohnung im Lateran und entnahm von ihm in feierlicher Sitzung auf dem Kapitol die Botschaft Konradins. Als der Papst von diesen Vorgängen hörte, geriet er in Aufregung: »Ich habe vernommen«, so schrieb er der römischen Geistlichkeit am 21. Oktober, »was mich mit Staunen und Entsetzen erfüllt, daß Galvano Lancia, der Sohn der Verdammnis und einst der grimmigste Verfolger der Kirche, am Feste St. Lukas in Rom eingezogen ist, daß er die Paniere Konradins vom giftigen Geschlecht Friedrichs zum Hohn des Papsts zu entfalten sich erdreistet und den Lateran, welchen zu betreten selbst gerechte Männer kaum würdig sind, mit frechem Pomp bezogen hat.« Er befahl demnach, Galvano vor das Tribunal der Kirche zu laden. Man ehrte indes den Bevollmächtigten Konradins auf jede Weise; man lud ihn mit Gepränge zu den öffentlichen Spielen am Monte Testaccio, denen man eine ungewöhnliche Pracht gab.

Um jeden Widerspruch zum Schweigen zu bringen, beschloß der Senator, sich aller guelfisch gesinnten Häupter mit einem Schlage zu entledigen. Als solche galten Napoleon, Mattheus und Rainald Orsini, die Brüder Pandulf und Johann Savelli, Richard Petri Annibaldi, Angelus Malabranca, Petrus Stefani, zum Teil Brüder oder Nepoten von Kardinälen. Er lud diese Herren in der Mitte des November zur Beratung aufs Kapitol; als sie erschienen, wurden sie verhaftet. Napoleon und Mattheus brachte man in die Felsenburg Saracinesco; Johann Savelli, ehemals Senator, ein gerechter und edler Mann, gab seinen Sohn Lucas zum Geisel und ward frei; nur Rainald Orsini war nicht auf das Kapitol gekommen, sondern entflohen. Schrecken ergriff die Guelfen; viele entwichen in ihre Burgen, aber Rom blieb ruhig und dem Senator gehorsam. Der Papst protestierte, stellte die Gefangenen, die ihnen verwandten Kardinäle und deren Güter unter Kirchenschutz und begehrte vom Senator wie von der Stadtgemeinde, doch voll Vorsicht und Mäßigung, Genugtuung.

Don Arrigo vertrieb auch die Familien jener Großen, ließ ihre Häuser zum Teil niederreißen und verschanzte den Vatikan, wo er deutsches Volk hineinlegte. Auf dem Kapitol wurde der Bund der Stadt mit Konradin öffentlich ausgerufen. Der Senator selbst lud diesen nach Rom. Ein tapferer Krieger und zugleich Troubadour, richtete Don Arrigo kraftvolle Verse an Konradin, und es mochte in diesen Tagen sein, daß er unter dem Lärm ghibellinischer Waffen die Canzone niederschrieb, die sich noch erhalten hat. Er sprach darin seinen Haß gegen Karl, den Räuber seines Gutes, und seine Hoffnung auf den Sturz der französischen Lilie aus; er ermunterte Konradin, den schönen Garten Sizilien in Besitz zu nehmen und mit kühner Römertat die Krone des Reiches zu ergreifen.

Gesandte von Pisa und Siena und vom Ghibellinen-Bunde Toskanas waren in Rom angelangt, ein förmliches Bündnis mit der Stadt abzuschließen. Am 18. November versammelten sich der große und kleine Rat, die Konsuln der Kaufleute und die Prioren der Zünfte in der Kirche Aracoeli, unter dem Vorsitz des Prosenators Guido von Montefeltre. Man wählte Jacobus, den Kanzler der Stadt, zum Syndicus der Römer und gab ihm Vollmacht, mit den toskanischen Prokuratoren den Vertrag zu vollziehen. An demselben Tage sprach der Papst den Bann gegen Konradin, Pisa, Siena und die Ghibellinen Toskanas aus, welche Sentenz er an die römische Geistlichkeit zur Verkündigung abschickte. Aber er wagte nicht, weder Rom mit dem Interdikt, noch den Senator mit der Exkommunikation zu belegen. »Ich vermeide«, so schrieb er am 23. November, »so viel ich kann, den Krieg mit den Römern, aber ich fürchte, daß mir und dem Könige Siziliens nichts anders übrig bleiben wird«.

Am 1. Dezember wurde im Palast der Vier Gekrönten, wo der Senator damals wohnte, das Schutz- und Trutzbündnis zwischen Rom, Pisa und Siena und der ghibellinischen Partei Toskanas abgeschlossen. Dieser Vertrag, worin die Rechte Konradins gewahrt wurden, hatte zum ausdrücklichen Zweck die Vernichtung Karls und seiner Macht in Toskana. Nachdem ihn die dortigen guelfischen Städte zum Signor auf sechs Jahre, der Papst ihn zum Friedensfürsten gemacht hatten, stellten ihm die Ghibellinen Don Arrigo entgegen, welchen sie auf fünf Jahre zum Generalkapitän ihrer Konföderation ernannten. Sie verpflichteten sich, seine Begleitung, 200 Spanier zu Pferde, zu besolden, und der Senator versprach 2000 Mann in den Dienst dieses Bundes zu stellen.

Die Häupter der römischen Guelfen waren unterdes im Kerker oder Exil; nur Rainald Orsini hatte sich nach Marino im Lateinergebirg geflüchtet, und dort belagerte ihn der Senator mit Heeresmacht. Als dies keinen Erfolg hatte, büßten seinen Unmut alle ihm Verdächtigen, Laien wie Geistliche. Er brauchte Geld, für Konradin zu rüsten; er nahm die Deposita aus den römischen Klöstern, wo nach sehr alter Sitte nicht allein Römer, sondern auch Auswärtige ihre Kostbarkeiten zu verwahren pflegten. Er brach die Schatzkammern vieler Kirchen auf und beraubte sie ihrer Gewänder und Gefäße. So wurde vieles Gut zusammengerafft. Als nun das Gerücht entstand, Don Arrigo wolle in Apulien mit bewaffneter Macht einfallen, forderte der Papst Karl zur schnellen Heimkehr auf, und er selbst dachte daran, sich aus Viterbo nach Umbrien zu begeben. Aus freiem Antriebe sprach er jetzt den Wunsch aus, daß Karl wiederum Senator von Rom sein möchte, für welchen Fall er ihn des früheren Eides entbinden wollte. Er schrieb an Don Arrigo, beschwerte sich über die Aufnahme Galvanos, den Bund mit den Ghibellinen Toskanas, die Gewalttaten gegen die römischen Großen und drohte mit den schärfsten Kirchenstrafen.

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