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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 263
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Zweites Kapitel

1. Manfreds Brief an die Römer. Seine Märsche ins Römische. Erster feindlicher Zusammenstoß. Klägliche Lage Karls in Rom. Das provençalische Landheer zieht durch Italien und rückt in Rom ein. Karl im St. Peter zum König Siziliens gekrönt.

Als Karl in Rom einzog, befand sich Manfred in Foggia. Von dort erließ er am 24. Mai ein langes Manifest an die Römer: er sagte darin, daß er als Abkomme glorreicher Kaiser, welche die Welt beherrscht hatten, selbst nach der Kaiserkrone zu streben berechtigt gewesen sei; aber die selbstsüchtige Kirche habe ihn in seinem Lande bekriegt, und nachdem sie dort von ihm bezwungen worden sei, den Grafen Richard und den König von Kastilien zum Kaisertum berufen. Seine Rechte zu verteidigen, habe er darauf Toskana und die Marken wieder unterworfen; er sei an Macht und Reichtum größer als alle andern Fürsten, da er über fast ganz Italien, über das Meer bis Tunis und Sardinien wie über den größten Teil Romaniens gebiete. Trotzdem habe der Papst gegen ihn den Grafen der Provence aufgerufen. Diesen Hochmut zu strafen, habe er seine Truppen in das Patrimonium Petri geschickt, wo sie von Petrus von Vico aufgenommen worden seien. Die habgierige Kirche suche, ihn an der Wiederherstellung des Kaisertums zu hindern, obwohl sie dies leugne gleich einer Witwe, die öffentlich den Tod des Gatten beweint, aber heimlich frohlockt, weil sie in den Besitz seines Erbes gekommen ist. Manfred sagte den Römern weiter, daß die Kirche darnach strebe, das Kaisertum an sich zu bringen, und das Blut Friedrichs verfolge, um schließlich über alle Könige und Länder allein zu gebieten, wozu sie das Recht aus der nichtigen Schenkung Constantins herleite. Er warf den Römern vor, daß sie selbst durch ihre Mutlosigkeit an solchen Anmaßungen schuld seien, denn ihnen gehören Wahl und Krönung des Kaisers an, und von ihnen wolle auch er das Kaisertum empfangen, obwohl er dasselbe selbst wider den Willen des Senats sich nehmen könnte wie Julius Caesar und sein Urgroßvater Friedrich. Zum Schluß forderte er die Römer auf, den Vikar des Grafen von Anjou zu entfernen; er selbst ziehe mit Macht herbei, vom Senat und Volk das kaiserliche Diadem anzunehmen.

Dies merkwürdige Manifest bezeichnet den Höhepunkt des Machtbewußtseins Manfreds. Es ist die Summe seines Lebens, die er darin gezogen hat. Seine in Italien errungene Stellung, wie die Kraft und Blüte seines Reichs legitimierten ihn als den echten Erben Friedrichs, und sie berechtigten ihn zugleich, den Kampf mit dem Papsttum aufzunehmen. Er sprach es offen aus, daß sein Ziel die Wiederherstellung des Kaisertums sei und daß er sich die Krone in Rom holen und sie vom römischen Volke nehmen werde.

Als nun Manfred bald darauf vernahm, daß Karl in Rom sei, mußte er versuchen, ihn zu erdrücken, ehe noch sein Landheer eintraf. Ein solches Unternehmen war schwierig und mit Apuliern und Sarazenen kaum ausführbar. Der Abfall mancher Ghibellinen zeigte ihm bald, daß er sich auch auf diese Partei nicht verlassen konnte; denn Ostia und Civitavecchia wurden Karl ausgeliefert, und selbst Petrus von Vico, bisher das tätigste Haupt der Ghibellinen im römischen Tuszien, ging ins Lager des Feindes. Manfred beschloß einen Marsch in das römische Gebiet; in der Hoffnung, Karl herauszulocken und dann zu vernichten, wollte er aus den Abruzzen über Tivoli vordringen; er rückte im Juli bis Cellae, dem heutigen Carsoli, nachdem er dem Grafen Guido Novello, seinem Generalvikar in Tuszien, befohlen hatte, gleichfalls mit aller Macht gegen Rom zu ziehen. Die Truppen der beiden Gegner gerieten zum erstenmal in den Bergen Tivolis in Kampf. Der Versuch, in jene Stadt einzudringen, schlug jedoch fehl, und es kam nur zu unbedeutenden Gefechten.

Manfred lagerte wie einst Friedrich II. auf dem Gefilde von Tagliacozzo, wo nur zwei Jahre später der Letzte seines Hauses, welchem er die Krone Siziliens genommen hatte, durch denselben Anjou stürzen sollte; er wollte jetzt, da er Tivoli nicht gewinnen konnte, ostwärts in das Spoletische eindringen, als ihn Nachrichten aus Apulien bestimmten, nach dem Königreich zurückzukehren. Er tat dies in Eile, nachdem er die Besatzung Vicovaros verstärkt hatte.

Die Ungeduld Karls, sich mit seinem Gegner zu messen, hielten unterdes die Umstände selbst zurück; ob er von Rom aus in Person schon im September bis zum Liris vorging und dann wieder zurückkehrte, ist ungewiß.

Der Verrat begann im sizilianischen Reich sein dunkles Werk; viele Barone unterhandelten heimlich mit Karl. Das Gerücht erzählte, daß 60 000 Provençalen sich den Weg durch die Lombardei gebahnt hätten, während in allen Ländern das Kreuz gegen Manfred mit Erfolg gepredigt werde. Die Völker, daran gewöhnt, gegen ein und dasselbe deutsche Geschlecht, gegen Vater, Söhne und Enkel das Kreuz predigen zu hören, vernahmen gedankenlos auch den Aufruf Clemens IV., welcher ihnen verkündete, daß die Kirche wider »die giftgeschwollene Brut eines Drachen aus giftigem Geschlecht« im Grafen der Provence einen Athleten aufgestellt habe und die Gläubigen aufforderte, unter dessen Banner das Kreuz zu nehmen, vor allen Dingen aber Geld zu zahlen, wofür ihnen jedes Verbrechen sollte verziehen sein. Wie zur Zeit Friedrichs II. verbreiteten sich Schwärme von Bettelmönchen über Italien und Apulien, Haß gegen die bestehende Regierung zu predigen, zum Verrate anzutreiben und das Gemüt des Volks mit abergläubischer Furcht zu erfüllen.

Der König, welcher sehr wohl wußte, in wie großer Geldnot sich Karl in Rom und Clemens in Perugia befanden, zweifelte nicht, daß ihr Plan daran scheitern müsse. Selten wurde eine große Unternehmung mit so kläglichen Mitteln ausgerüstet. Die Kosten der Eroberung Siziliens wurden im eigentlichen Sinne des Worts zusammengebettelt oder bei Wucherern aufgebracht. Die Entblößung des von Schulden erdrückten Karl war so groß, daß er seine täglichen Ausgaben (1200 turonesische Pfunde) nicht zu bestreiten wußte. Er bestürmte den Papst, der Papst den König von Frankreich und die Bischöfe mit dem kläglichen Ruf nach Geld; wir lesen noch die vielen Briefe des Papsts, traurige Denkmäler einer Unternehmung, welche der Kirche nimmer zur Ehre gereichen konnte. »Mein Schatz ist völlig leer; warum, das zeigt dir ein Blick in die Verwirrung der Welt. England widerstrebt, Deutschland will nicht gehorsamen, Frankreich seufzt und murrt, Spanien hat mit sich selbst genug zu tun, Italien zahlt nicht, sondern verschlingt. Wie kann der Papst, ohne zu gottlosen Mitteln zu greifen, sich oder andern Geld und Truppen schaffen? Nie in irgendeinem Unternehmen befand ich mich in gleicher Ratlosigkeit.« So schrieb Clemens an Karl. Der Kirchenzehnte des ersten Jahrs war für die Rüstung verbraucht worden; Frankreich wollte kein Geld mehr hergeben, und der Papst hielt das Unternehmen für verloren. Karl versuchte, bei den römischen Kaufleuten eine Anleihe zu machen; sie aber forderten die geistlichen Güter Roms zum Pfand, und seufzend bewilligte Clemens diese Schuldverschreibung. Denn der Graf muß, so bekannte er, wenn die Anleihe nicht zustande kommt, entweder Hungers sterben oder entfliehen. Mit Mühe brachte man auf jene Pfänder 30 000 Pfund auf; Manfred, so hieß es, habe die römischen Banken von größerer Zahlung durch sein Gold zurückgehalten. Wucherer Südfrankreichs, Italiens und Roms benutzten »das Geschäft Siziliens«, den Papst und den Grafen auszusaugen. »Frage«, so schrieb jener dem Kardinal Simon, »den Grafen selbst, wie kläglich sein Leben ist; im Schweiße seines Angesichts erbettelt er für sich und seine Leute Kleidung und Kost und sieht immer auf die Hände der Gläubiger, die sein Blut saugen. Was nicht zwei Pfennige wert ist, rechnen sie für einen Solidus an, und auch das erlangt er nur schwer durch Schmeicheln und demütiges Bitten.« Clemens lebte nie schrecklichere Tage als damals, wo ihn die politischen Unternehmungen der Kirche zwangen, in gemeine Sorgen herabzusteigen, welche einem Priester der Christenheit stets fremd hätten bleiben sollen.

Mit wachsender Ungeduld sah der Papst dem Eintreffen des Landheers entgegen. »Wenn deine Truppen nicht kommen«, so schrieb er an Karl, »so weiß ich nicht, wie du sie erwarten und dein Leben fristen magst, wie du die Stadt behaupten oder den Heranzug des Heeres befördern wirst, wenn man es aufhalten sollte; langt es aber wirklich an, wie wir hoffen, so weiß ich noch weniger, wovon wir so viel Volk ernähren werden.«

Es kam in der Tat alles darauf an, ob das provençalische Heer Rom erreichte oder nicht. Wenn es die Ghibellinen Norditaliens zurückschlugen, so war Karl verloren, und Manfred triumphierte. Der Kardinallegat in Frankreich hatte das in der Provence gesammelte Kreuzheer zur Not ausgerüstet und im Juni in Bewegung gesetzt. Barone von glänzendem Namen waren darunter, tapfere Ritter, in denen noch ein Funke vom Fanatismus der Albigenserkriege glimmte; alle dürstend nach Ruhm, Gold und Landbesitz: Bocard Graf von Vendôme und sein Bruder Johann, Jean de Néelle, Graf von Soissons, der Connetable Gilles le Brun, Pierre von Nemours, Großkanzler von Frankreich, der Marschall von Mirepoix, Guillaume l'Estendard, der Graf Courtenay, die kriegerischen Bischöfe Bertrand von Narbonne und Gui de Beaulieu von Auxerre, Robert von Béthune, der junge Sohn des Gui de Dampierre, Grafen von Flandern, das ganze Haus der Beaumont, viele edle Geschlechter aus der Provence, endlich Philipp und Guido vom hochberühmten Hause Montfort. Dies Heer von raubgierigen Abenteurern, vom Papst selbst mit dem Kreuz des Erlösers bezeichnet, um ein fremdes christliches Land unter Blutströmen zu erobern, überstieg, etwa 30 000 Mann stark, die Savoyer Alpen im Juni. Verträge Karls mit den Grafen jenes Landes und mit einigen Städten öffneten ihm den Durchzug durch Piemont; der Markgraf von Montferrat vereinigte sich mit ihm in Asti, und der von Este nebst andern Guelfen stand in Waffen bei Mantua.

Vergebens hofften Pallavicini, Jordan von Anglano und Boso von Doara, den Fluß Oglio zu halten, denn ihre Bemühungen mißglückten; Pallavicini warf sich endlich nach Cremona, und die Franzosen setzten unter gräßlicher Verheerung ihren Marsch nach Bologna fort. Vierhundert verbannte Guelfen aus Florenz stießen schon in Mantua zu ihnen und versprachen größeren Zuzug. So ließen die Italiener jener Zeit, Guelfen wie Ghibellinen, aus Parteiwut einen fremden Eroberer in ihr Land einziehen und bahnten dadurch den Franzosen eine Straße durch die folgenden Jahrhunderte. Freiheitssinn und Vaterlandsgefühl waren in den erschöpften Städten schon abgeschwächt; kein Band befestigte die alte Eidgenossenschaft; kein großer Nationalgedanke erhob sich über den kleinlichen Parteizwecken und häuslichen Zwisten. Die Furie der Faktionen hatte Mailand, Brescia, Verona, Cremona, Pavia und Bologna zerrissen oder unter Tyrannen gebeugt, während die Seestädte Genua und Venedig und selbst Pisa nur ihre Handelsvorteile verfolgten.

Die Ghibellinen in Toskana hinderten den Zug der Feinde nicht, als sie, jenes Land vermeidend, durch die Marken und das Herzogtum Spoleto weiter gegen Rom vordrangen. Recanati, Foligno, Rimini, andere Orte zogen die Guelfenfahne auf. Manfred sah sich tief enttäuscht: seine Macht über so viele Städte bis zum Po war nur ein glänzender Schein gewesen, und bald sollte es sich zeigen, daß auch seine Herrschaft in Apulien nichts mehr war. Im Oktober versuchte er einen erfolglosen Streifzug nach den Marken und rief endlich Jordan von Anglano aus der Lombardei ab, sich auf die bloße Verteidigung beschränkend.

Karl, der seine Krönung zum Könige Siziliens forderte, um sich mit dem Ansehen des Rechts auszurüsten, hatte den Papst gebeten, ihn in Person in Rom zu krönen; den Stolz der Römer, so sagte er, würde eine Krönung in Perugia oder überhaupt außerhalb der Stadt beleidigen. Entrüstet antwortete der Papst, daß die Römer sich um diese Handlung nicht zu bekümmern hätten. Manches Mißverhältnis, welches aus seiner Lage floß, das herrische Auftreten Karls als Senator, seine Geldnot, die Greuel, welche das provençalische Heer auf dem Marsch verübte, setzten Clemens IV. in eine tiefe Spannung zu ihm. Nur zögernd hatte er am 4. November die Investitur bestätigt; zögernd setzte er endlich durch eine Bulle am 29. Dezember die Krönung fest, aber er übertrug diese fünf Kardinälen, seinen Stellvertretern.

Am 6. Januar 1266 wurde demnach Karl von Anjou mit seiner Gemahlin Beatrix im St. Peter zum Könige Siziliens gekrönt. Man stand zum erstenmal von dem Prinzip ab, in dem heiligen Aposteldom, an der Stätte, wo Karl der Große die Krone des Reichs empfangen hatte, nur Kaiser und Päpste zu krönen. Kampfspiele und Volksfeste verherrlichten diesen verhängnisvollen Akt.

Einen Augenblick lang hatte Manfred noch hoffen dürfen, den Papst für sich zu gewinnen; jetzt war diese Hoffnung für immer geschwunden. Als er die Krönung Karls erfuhr, schickte er Boten an den Papst; er legte Protest ein, er forderte in königlicher Sprache Clemens auf, den durch ihn bewaffneten Räuber vom Angriff auf sein Königreich abzuhalten. Man kann die furchtbar ernste, prophetische Antwort des Papsts nicht ohne Aufregung lesen: »Manfred mag wissen«, so sagte Clemens, »daß die Zeit der Gnade vorüber ist. Alles hat seine Zeit, doch die Zeit hat nicht alles. Der Held in Waffen tritt schon aus der Türe; das Beil ist schon an die Wurzel gelegt.«

Die Provençalen zogen indes bald nach der Krönung Karls in Rom ein. Nach einem mühevollen Marsch von sieben Monaten durch die Mitte Italiens kamen sie in der ersehnten Stadt an, erschöpft, zerlumpt und ohne Sold. Sie hofften hier die Fülle aller Dinge zu finden und sahen den König, ihren Herrn, von Schulden erdrückt und in verzweifelter Ratlosigkeit. Er bot ihnen nichts als die Aussicht eines baldigen Feldzuges, wo es galt, reißende Ströme und unwegsam Straßen zu überwinden, starke Festungen zu erstürmen und krieggewohnte Heere zu durchbrechen.

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