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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 250
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Friedrich II. kehrt ins Königreich zurück. Wahl und schneller Tod Cölestins IV. Die Kardinäle zerstreuen sich. Die Kirche bleibt ohne Haupt. Bund zwischen Rom, Perugia und Narni 1242. Die Römer rücken gegen Tivoli; Friedrich nochmals gegen Rom. Bau von Flagella. Friedrich wieder auf dem Lateinergebirg. Die Sarazenen zerstören Albano. Verhältnisse des Lateinergebirgs. Albano. Aricia. Die Via Appia. Nemi. Civita Lavinia. Genzano. Das Haus Gandulfi. Orte auf der tuskulanischen Seite des Gebirgs. Grottaferrata. Dortige Statuen von Bronze.

Um der Welt zu beweisen, daß er nur mit Gregor IX., nicht mit der Kirche Krieg geführt habe, stellte der Kaiser sofort seine Feindseligkeiten gegen Rom ein. Er kehrte im September nach Apulien zurück. Zehn Kardinäle befanden sich unterdes in der Stadt, ratlos und unsicher; sie alle sperrte der Senator, das Haupt der Republik, in das Septizonium ein, die schnelle Wahl zu erzwingen. Nach langem Hader zwischen den Gregorianern und der gemäßigten Opposition, welche zur Nachgiebigkeit gegen den Kaiser riet, nach den Qualen kerkerartiger Einschließung, welchen sogar ein Kardinal erlag, ging am 1. November 1241 der Mailänder Gottfried, Bischof der Sabina, als Cölestin IV. hervor. Doch dieser kränkliche Greis starb schon nach siebzehn Tagen; wahrscheinlich hatten ihn die Kardinäle als Übergangspapst erwählt.

Der Stuhl Petri stand leer wie nach dem Tode Gregors VII.; die Römer lärmten; der Senator drohte mit neuer Einsperrung. War es Bestürzung oder berechneter Plan, die Volksmeinung wider Friedrich als den Urheber einer grenzenlosen Verwirrung zu wenden: kurz, die uneinigen Kardinäle verließen die Kirche in der höchsten Not; sie schlossen sich in Anagni oder auf ihren Burgen ein. Dies hatte eine unerhört lange Vakanz zur Folge, welche die Kirche fast zwei Jahre hindurch hauptlos machte. Der Senator Mattheus Rubeus stellte sich jetzt auf die Bresche, welche die Kardinäle feige verlassen hatten. Um seine Fahne scharten sich alle Freunde des Papsttums. Die Ghibellinen wurden mit Erfolg bekämpft; schon im August war ihre Hauptburg, das Mausoleum im Marsfelde, erstürmt und zerstört worden. Das Volk hatte die Paläste der Colonna niedergerissen, den Kardinal ergriffen und gefangen gesetzt. Denn dieser mächtigste Anhänger des Kaisers war zur Papstwahl nach Rom gekommen und daselbst geblieben, als Cölestin IV. gewählt worden war.

Mattheus Rubeus gewann Verbündete auch außerhalb Rom; er schloß mit Perugia, Narni und andern guelfischen Städten ein Bündnis, wodurch sich diese Gemeinden verpflichteten, gegen den Kaiser zusammenzustehen und keinen Frieden mit ihm abzuschließen, so lange als der Krieg zwischen ihm und der Kirche fortdaure. Das Bundesinstrument wurde am 12. März 1242 in S. Maria auf dem Kapitol vollzogen. Friedrich II. machte unterdes keine ernstlichen Anstrengungen, sich Roms zu bemächtigen. Noch ein halbes Jahrhundert früher würde jeder Kaiser in seiner Lage die Stadt gestürmt, aus patrizischer Machtvollkommenheit einen Papst erhoben und ihm den Frieden diktiert haben; aber das vermochte er nicht. Es erscheint als ein Fehler, daß er sich damals nicht zur Freilassung aller in jener Seeschlacht gefangenen Prälaten entschloß, unter denen sich noch die zwei Kardinäle Jakob und Otto befanden; denn solche Großmut würde ihm mehr Vorteil gebracht haben, als die Verzögerung der Papstwahl ihm bieten konnte, und diese mußte er am Ende vollzogen wünschen, um mit dem neuen Papst den Frieden zu schließen, dessen er dringend bedurfte.

Im Februar 1242 schickte er Boten an die in Anagni versammelten Kardinäle, sie zur Wahl zu ermahnen; er ließ dann jene beiden Gefangenen aus ihrer Haft in Capua nach Tivoli bringen. Er selbst würde nicht sobald wieder in das Römische eingerückt sein, wenn ihn nicht die Römer dazu gereizt hätten. Denn im Juni 1242 zogen sie mit Heeresgewalt gegen Tivoli, wo der Kaiser eine Besatzung unter Thomas de Montenigro zurückgelassen hatte. Hierauf ging Friedrich ins Marsische; er lagerte am See von Celano auf jenen Gefilden, wo nur 26 Jahre später sein glorreiches Haus in seinem Enkel den Untergang finden sollte. Er ahnte dies so wenig als der junge Graf Rudolf von Habsburg, der ihn in Avezzano begleitete, es ahnen konnte, daß er selbst nach dem Falle der Hohenstaufen die Kaiserkrone tragen werde. Im Juli zog er gegen Rom, schlug von neuem seine Zelte im Albanergebirge auf und strafte die Römer durch Verwüstung der Campagna sowohl wegen ihrer Feindseligkeit gegen Tivoli, als wegen der Gewalt, die sie dem Kardinal Colonna und andern kaiserlich gesinnten Klerikern angetan hatten. Jedoch seine Unternehmungen waren auch jetzt ohne Ernst; denn schon im August ging er über den Liris zurück, an dessen Ufer gegenüber Ceprano er ein Jahr zuvor die neue Stadt Flagella angelegt hatte.

Die Christenheit sah die Kirche ohne Papst; die große geistliche Monarchie schien sich in eine Oligarchie verwandelt zu haben, denn die Kurie von wenigen in Anagni residierenden Kardinälen übte die kirchliche Gewalt aus. Viele Stimmen wurden laut, welche jene des Verrats aus Goldgier und Herrschsucht beschuldigten, während sie dem Kaiser alle Schuld aufbürdeten. Flehende und drohende Gesandtschaften gingen an ihn wie an die Kurie, und Friedrich selbst forderte diese dringend auf, der Kirche endlich das Haupt zu geben. Er kam nochmals mit einem großen Heer, zog im Mai 1243 über Ceprano nach dem Lateinergebirge und ließ die Güter der Kardinäle verwüsten; seine Sarazenen zerstörten sogar Alba bis auf den Grund.

Der klägliche Ruin dieser bischöflichen Stadt bietet uns Gelegenheit, einen Blick auf den damaligen Zustand jenes Gebirgslandes zu werfen, wo einst am Rande des vulkanischen Sees Alba Longa stand, die fabelhafte Mutter Roms. Zur Zeit, als Friedrich II. auf jenen Höhen lagerte, bestanden schon fast alle die Kastelle, welche heute dort stehen. Albano war noch im Verfalle der Kaiserzeit aus den Trümmern der berühmten Villa des Pompejus und später der Kaiser ( Albanum Caesaris) entstanden. Wir haben diese Stadt früh als Sitz eines lateranischen Bischofs gesehn, seit den Gotenkriegen aber mehrmals bemerkt. Weder römische Barone erwarben sie, noch gelang es der Stadt, sie in Besitz zu nehmen, obwohl Albano im XII. Jahrhundert mehrmals von den Römern angegriffen und sogar einmal verbrannt wurde. Zur Zeit Paschalis' II. war dieser Ort Eigentum der Päpste, und Honorius III. hatte ihn im Jahre 1217 dem dortigen Kardinalbischof geschenkt. Das Geschlecht der Savelli indes, dessen Protektor er war, besaß außer dem Kastell Sabellum dort auch viele andere Güter und erlangte am Ende des XIII. Jahrhunderts die Baronalherrschaft in Albano.

Das kleine Aricia war schon in grauer Vorzeit als uralte latinische Bundesstadt bekannt, die Wiege des Augustus oder seiner Mutter Attia, und berühmt durch das Heiligtum der Diana Aricina. Die Barbaren zerstörten den alten Ort, aber er tauchte als ein Kastell im Jahre 990 wieder auf, wo Guido vom Haus Tusculum dort Herzog war. Paschalis II. verlieh Aricia jenem Grafengeschlecht am Anfang des XII. Jahrhunderts, worauf die Stadt an die Malabranca kam. Honorius III. brachte sie wieder an die Kirche, um sie den Verwandten seines Hauses zu verleihen. Die Lage an der Via Appia gab beiden genannten Orten nur noch geringe Bedeutung. Da diese berühmte Straße für Heere ungangbar geworden war, bewegte sich der Verkehr zwischen Neapel und Rom schon seit langem auf der Via Latina von Capua über S. Germano und Ceprano oder durch das Marsenland auf der Valeria von Alba über Carsoli und Tivoli. Der Appische Weg, zerstört und versumpft, verwandelte sich aus der Heerstraße, wozu er noch zur Gotenzeit gedient hatte, nicht einmal in die Straße der Kreuzfahrer. Wenn Pilger aus dem Orient in Brindisi gelandet waren, so wanderten sie von Capua auf anderen Straßen. Die zahlreichen Poststationen, welche das Itinerarium Antonins und das Jerusalemische Verzeichnis für die Reisenden von Capua nach Rom mit Genauigkeit bemerkt haben, waren längst eingegangen und zerstört.

Friedrich sah an den Ufern des Sees von Alba noch mehr Reste alter Grabmäler, Tempel und Villen, als man heute dort findet. Der berühmte Bundestempel des Jupiter Latiaris auf dem Gipfel des Albanerbergs stand damals noch in mächtigen Trümmern da, aber der antike Mons Albanus hatte wohl schon den Namen Monte Cavo angenommen. Man zeigte noch die Reste des Tempels der aricischen Diana oder die des berühmten Nemus, des Waldes derselben Göttin im Krater jenes lieblichen, von Veilchen umkränzten Sees, auf dessen Rande heute Nemi steht; denn jenes Heiligtum der Diana wurde nach dem Falle des Römerreichs ein Kirchengut ( Massa Nemus), wo später die Grafen von Tusculum eine Burg erbauten.

In der Nähe Albanos dauerte noch Lanuvium, die Heimat des Antoninus Pius, entweder in Ruinen fort, oder es entstand dort die Stadt Civita Lavinia auf den Trümmern der alten. Genzano scheint aus einem alten fundus Gentiani entstanden zu sein, wo später das Geschlecht der Gandulfi einen Turm erbaute. Diese Herren mit dem germanischen Namen Gandolf waren nach den Tusculanen die einzigen Barone, welche in jener Gegend des Lateinergebirgs eine Herrschaft stifteten. Sie ließen sich seitwärts von Albano auf Trümmern der kaiserlichen Villa nieder und bauten dort ein Kastell, welches noch heute ihren Namen trägt. Am Anfange des XIII. Jahrhunderts waren sie ein zahlreiches Herrengeschlecht, verschwanden jedoch schon am Ende desselben, wo die Savelli sich in den Besitz des Kastells Gandolfo setzten. Die alte Turris Gandulphorum verwandelte sich erst seit Urban VIII. in die bekannte päpstliche Villa, das einzige Landhaus, welches heute der Papst in den römischen Bergen besitzt.

Die Savelli also erwarben seit Honorius III. viele Güter um den Albaner- und Nemisee; dagegen besaßen auf der anderen Seite desselben Gebirgs die Colonna, die Erben der Tusculanen, schon seit langer Zeit Güter und Burgen. Außer ihrem Stammschloß Colonna gehörte ihnen auch Monte Porzio. Einige berühmte und alte Kastelle über dem Taleinschnitt des Lateinergebirgs, ehedem den Grafen Tusculums eigen, dauerten noch, wie Algidus auf dem berühmten der Diana geheiligten Berge dieses Namens, jetzt ein Trümmerhaufe, und wie Molara, das alte Roboraria, welches im XIII. Jahrhundert an die Annibaldi kam und dessen Name heute nur in einer Massaria fortbesteht. Tusculum lag zur Zeit Friedrichs II. schon fünfzig Jahre lang in Ruinen, und seine ehemaligen Bewohner hatten ältere Orte bevölkert, wie Rocca di Papa, welches schon zur Zeit Lucius' III. erwähnt ward, wie Rocca Priora ( Arx Periurae), Monte Compatri oder Frascati und Marino.

Während Colonna, Annibaldi und Orsini die tuskulanische Seite des Gebirges in Besitz nahmen, blühte dort das griechische Kloster Sankt Nils, Grottaferrata, als eine der angesehensten Abteien des römischen Gebietes fort. Die Herrschaft der basilianischen Mönche erstreckte sich über einen großen Teil des Gebirgs und das pontinische Sumpfland bis nach Nettuno. Sie jagten für ihre Tafel Geflügel und fischten Hechte, Störe und Lampreten im See von Fogliano, im See des ardeatischen Turnus, im Teiche von Ostia und im Tiber bis zur Marmorata. Es war auf den lachenden Abhängen dieser Berge, wo Friedrich II. wiederholt sein Lager aufschlug. Sein neugieriger Blick bemerkte an der Klosterkirche zwei eherne Bildwerke, die Figur eines Mannes und einer Kuh, die dem Klosterbrunnen zum Schmucke dienten. Er ließ beide Altertümer, Reste antiker Villen, als Kriegsbeute fortschaffen, um seine Sarazenen-Kolonie Lucera mit römischen Spolien zu verzieren.

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