Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 249
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
Schließen

Navigation:

3. Die Städte des Kirchenstaats gehen zu Friedrich über. Er residiert in Viterbo. Verzweifelte Lage des Papsts. Warum Rom guelfisch blieb. Die große Prozession Gregors IX. Abzug Friedrichs II. Waffenstillstand. Abbruch desselben durch den Papst. Abfall des Kardinals Johann Colonna. Gregor schreibt ein Konzil aus. Die Priester bei Monte Cristo gefangen 1241. Die Tartaren. Erfolglose Unterhandlungen. Annibaldi und Oddo Colonna Senatoren. Mattheus Rubeus Orsini alleiniger Senator. Friedrich schließt Rom ein. Tod Gregors IX. 1241.

Im Februar 1240 rückte der Kaiser in den Kirchenstaat, welchen dem Reiche wieder einverleiben zu wollen er offen erklärt hatte. Viele Städte Umbriens, der Sabina und Tusziens öffneten ihm die Tore, und selbst Viterbo, bisher die treueste Verbündete des Papsts, der ihre Mauern wiederhergestellt hatte, fiel von der Kirche ab, weniger aus Neigung zum Kaiser als aus Haß gegen das nun päpstlich gesinnte Rom. Dort schlug Friedrich seine Residenz auf. Auch Corneto huldigte ihm, und in der Campagna war die ghibellinische Partei zu Tivoli mit ihm verbündet. Er schrieb an alle seine Getreuen, daß er in seiner kaiserlichen Kammer Viterbo freudig aufgenommen sei, daß alle Städte im Gebiete Roms und der Maritima ihm gehuldigt hätten, während sein Sohn Enzius die Mark Ancona in seiner Gewalt habe. »Nichts bleibt mir demnach übrig«, so sagte er, »als in die Stadt, wo das ganze römische Volk mir entgegensieht, triumphierend einzuziehen, die alte Reichsgewalt wiederherzustellen und meine siegreichen Adler mit Lorbeeren zu kränzen.« Er schrieb den Römern mit prunkenden Worten, wie so mancher Kaiser vor ihm, verhieß ihnen die Erneuerung ihres alten Glanzes und forderte sie auf, ihre Prokonsuln Napoleon, Johannes Poli, Oddo Frangipane und Angelo Malabranca unverzüglich an seinen Hof zu senden, damit er sie mit Reichswürden und Statthalterschaften auszeichnen könne. Der Kaiser stand vor seinem Ziele. Nur zwei Tagemärsche trennten ihn von Rom, wo das Schicksal Gregors IX., wie einst das Gregors VII., durchaus von der Haltung der Römer abhing. Die Frangipani (schon im Jahre 1239 hatte der Kaiser ihren Turm am Titusbogen herstellen lassen und Oddo und Emanuel mit Gütern im Neapolitanischen beschenkt) führten dort die Ghibellinen; aber die päpstliche Partei behielt die Oberhand, weil Conti, Orsini und Colonna noch einmütig auf der Seite Gregors standen; weshalb der Papst im November 1239 ruhig in die Stadt hatte zurückkehren und nochmals den Bann über Friedrich aussprechen können.

Der Mut eines Greises, der vom Leben nichts zu hoffen hatte, keine Erben hinterließ und das verkörperte Prinzip seiner Kirche selbst war, hat nichts Wunderbares, aber das Verhalten der Römer würde befremdend sein, wenn man nicht bedächte, daß gute Gründe ihnen rätlich machten, eher dem Papst als dem Kaiser anzuhängen. Wenn Friedrich II. von Rom Besitz genommen hätte, so würde er alsbald die Statuten des Kapitols ausgelöscht und den Senator in seinen Baliven verwandelt haben. Die Herrschaft des Papsts in Rom war milde und schwach, die des Kaisers, des entschiedenen Feindes aller städtischen Autonomie, der die römische Republik selbst bei Viterbo bekriegt hatte, der sie jeden Augenblick wieder dem Papst überliefern konnte, würde es nicht gewesen sein. Dies erklärt es, warum die Römer die Gelegenheit nicht benutzten, sich gegen die Herrschaft des Heiligen Stuhles zu erheben, welche sie im Jahre 1235 mit Widerwillen hatten anerkennen müssen. Die Patrioten standen zu Gregor IX., und so wurde durch die Verhältnisse wieder einmal ein Papst zum wirklichen Vertreter der nationalen Selbständigkeit Roms.

Die Ghibellinen freilich erhoben sich kühner, sobald die kaiserlichen Truppen bis vor die Tore streiften; viele Stimmen riefen: »Der Kaiser! der Kaiser! Wir wollen ihm die Stadt geben!« Und Gregor IX. mochte den endlichen Abfall eines unbeständigen Volks erwarten, das ihn schon mehrmals verjagt hatte. In dieser Not veranstaltete er am 22. Februar eine feierliche Prozession, wobei die Reliquien des Kreuzes und die Apostelhäupter vom Lateran nach dem St. Peter getragen wurden. Er ließ sie auf den Hochaltar niederlegen, nahm seine Tiara vom Haupt, legte sie auf jene und rief: »Ihr Heiligen, verteidigt Rom, welches die Römer verraten wollen!« Dies tat die gehoffte Wirkung auf die Menge, die durch Mysterien und theatralische Szenen leicht zu erschüttern ist. Viele Römer nahmen aus des Papsts eigener Hand das Kreuz gegen den Kaiser als einen Heiden und Sarazenen. Friedrich verspottete im nahen Viterbo Zahl und Stand dieser Kreuzfahrer, welche seinen schwersten Zorn zu büßen hatten, sobald sie in seine Gewalt fielen, doch Gregor war überzeugt, daß die plötzliche Umwandlung des römischen Volks die Wirkung eines himmlischen Wunders gewesen sei. Der Kaiser, dessen Heer zu schwach war, um Rom mit Erfolg anzugreifen, sah seine Hoffnung vereitelt; er zog am 16. März von Viterbo nach Apulien ab und sprach seinen Unwillen gegen die Römer nur in Briefen aus.

Im Sommer rückte er in die Marken, ohne die römische Campagna zu beschädigen; er bewilligte dem Papst sogar einen Waffenstillstand, weigerte sich jedoch, die Lombarden darin einzuschließen. Die auf Frieden dringenden Kardinäle, unter denen die Gemäßigten eine starke Opposition bildeten, verlangten ein Generalkonzil, welches den Streit entscheiden sollte. Indes große Geldmittel setzten den Papst plötzlich instand, die Kriegskosten noch für ein Jahr zu bestreiten, weshalb er den Waffenstillstand aufkündigte, den er doch selbst zuvor nachgesucht hatte. Das Verfahren erregte tiefe Mißstimmung in Rom. Der Kardinal von Santa Prassede, Johann Colonna, der Vermittler jenes Waffenstillstandes, hielt seine Ehre für beleidigt und trat jetzt offen auf die Seite des Kaisers. Mit ihm begann die entschieden ghibellinische Richtung seines berühmten Hauses. Johann war der zweite Kardinal vom Geschlecht der Colonna, ein Günstling Honorius' III., unter Gregor IX. mehrmals Legat und noch im Jahr 1239 nach der Mark Ancona geschickt, um Enzius dort zu bestreiten. Im Kollegium der Kardinäle war dieser stolze und reiche Fürst der bedeutendste Mann. Sein Abfall konnte nicht aus Habsucht oder Bosheit hergeleitet werden, sondern war ein Protest gegen die Herrschsucht Gregors, dessen Leidenschaft die Kirche in eine verderbliche Richtung fortriß. »Solche Zeiten«, so rief der englische Geschichtschreiber aus, »machen es klar, daß die römische Kirche den Zorn Gottes auf sich geladen hat. Denn ihre Regierer bemühen sich nicht um das geistliche Heil des Volks, sondern nur um die Füllung ihres eigenen Säckels; sie suchen nicht für Gott Seelen zu gewinnen, sondern Renten an sich zu ziehen, die Priester zu bedrücken und durch Kirchenstrafen, Wucher, Simonie und hundert andere Künste fremdes Gut frech an sich zu reißen.«

Auf die Empörung eines Kardinals folgte ein noch härterer Schlag für den Papst. Am 9. August 1240 hatte er aus der Abtei Grottaferrata ein Konzil zu den nächsten Ostern nach Rom berufen; der Gedanke dazu war vom Kaiser ausgegangen, aber Friedrich konnte den Richterspruch eines ihm voraussichtlich feindlichen Tribunals jetzt nicht mehr gelten lassen, wo seine siegreichen Waffen ihn zum Herrn des größten Teils von Nord- und Mittelitalien gemacht hatten, wo sein Feind in der äußersten Bedrängnis und er selbst voll Hoffnung war, den Frieden in Rom zu diktieren. Er hatte deshalb durch Sendschreiben die Reise der Geistlichkeit zum Konzil verboten, sie dringend davon abgemahnt und ihr die Sicherheit aufgesagt. Ein merkwürdiger Brief eines unabhängigen Klerikers entwarf kein für Rom schmeichelhaftes Bild von den Gefahren, die in der Stadt selbst auf die Bischöfe warteten. »Wie könnt Ihr«, so sagte er, »in Rom sicher sein, wo alle Bürger und Geistliche für und wider beide Gegner im täglichen Gefechte liegen? Die Hitze ist dort unerträglich; das Wasser faul; die Nahrung grob und roh; die Luft mit Händen zu greifen und von Moskitenschwärmen erfüllt; es wimmelt von Skorpionen; das Volk ist schmutzig und abscheulich, voll Bosheit und Wut. Ganz Rom ist unterhöhlt, und aus den von Schlangen erfüllten Katakomben steigt ein giftiger und tödlicher Dampf empor.«

Viele Prälaten Spaniens, Frankreichs und Oberitaliens ließen sich durch keine Gefahr von der Reise nach Rom abhalten. Der Legat Gregor von Romania, die Kardinäle Jakob Pecorario von Praeneste und Otto von St. Nikolaus versammelten sie in Genua, und die Fahrt wurde auf genuesischen Schiffen mit blinder Zuversicht unternommen, bis auf der Höhe der Klippe Meloria diese Priester die Segel der Republik Pisa und der sizilischen Flotte sahen, welche kampfbegierig ihnen entgegenfuhren. Die berühmte Seeschlacht am 2. Mai 1241 bei den Inseln Monte Cristo und Giglio war eins der sonderbarsten Schauspiele, die je auf dem Meere gesehen worden sind. Mehr als hundert Prälaten, Kardinäle, Bischöfe und Äbte waren die bebenden Zuschauer einer mörderischen Schlacht und zugleich ihr Gegenstand und der Preis des Sieges. Nachdem die genuesischen Galeeren zersprengt, mit Kriegsvolk und Priestern in den Grund gebohrt oder geentert waren, segelte der kaiserliche Admiral mit seiner Beute frohlockend nach dem Hafen von Neapel. Die unglücklichen Priester schifften drei schreckliche Wochen lang über Meer, gefesselt, von Hitze, Hunger, Durst und dem Spott roher Matrosen gequält, bis sie die Kerker Neapels oder Siziliens erreichten. Sie hingen dort, wie der Papst mit ihnen klagte, ihre Harfen an die Trauerweiden des Euphrat auf und erwarteten das Urteil Pharaos.

Der Priesterfang machte großes Aufsehen in der Welt; nie hat die Kirche dies »gottlose Attentat« dem Kaiser vergeben. In Imola empfing er die Nachricht von dem Handstreich, der ihn vom Konzil befreite. Das Glück begünstigte seine Fahnen: denn Genua war gedemütigt, Mailand von den treuen Pavesen besiegt, Benevent erobert, das heldenmütige Faenza nach langer Belagerung am 14. April gefallen. Deshalb beschloß Friedrich, statt Bologna zu belagern, wieder gegen Rom zu ziehen; Fano und Spoleto unterwarfen sich ihm im Juni, und er rückte über Rieti und Terni in die Nähe Roms, wozu ihn der Kardinal Colonna ermunterte. So stand der Krieg zwischen Kaiser und Papst in neuen Flammen, und wie unheilvoll er für Europa war, zeigte sich gerade jetzt, wo die Kunde von dem Einfalle wilder Barbaren im Osten sie beschämte. Die Tartarenhorden Ögödäis verwüsteten Rußland, Polen und die Donauländer, und sie erneuerten im lateinischen Abendlande den Schrecken, welcher einst den Hunnen voraufgezogen war. Die Christenheit flehte den Kaiser und Papst um Rettung an, aber sie hörte zu ihrer tiefen Beschämung den Kreuzzug gegen den Kaiser vom Papste predigen und jenen erklären, daß er sich erst dann wider die Tartaren wenden könne, wenn er den Papst zum Frieden werde gezwungen haben. Im Juni 1241 schrieb er an den römischen Senat, er habe Meldung vom Andrange der Tartaren gegen die Grenzen des Reichs; er ziehe im Eilmarsch herbei, um mit dem Papste sich zu vertragen; die Stadt möge sich erheben, ihm dabei behilflich zu sein, damit er nach Beendigung der italienischen Wirren ein grenzenloses Unheil vom Reiche abwende.

Er schickte Boten an den Papst; selbst sein Schwager, Richard von Cornwall, der im Juli vom Orient heimkehrte, war als Gesandter nach Rom gegangen, aber er hatte keinen Zugang zu Gregor gefunden. Dieser unbeugsame Greis wollte wie Gregor VII. eher sterben als nachgeben, auch war er trotz des Abfalles des Kardinals Colonna und seines Hauses nicht freundelos in Rom. Zwar hatten hier im Anfange des Jahrs 1241 Annibaldo degli Annibaldi und Oddo Colonna, der Neffe jenes Kardinals, das Senatoramt geführt, weshalb die kaiserliche Faktion damals neben der päpstlichen sich behauptet haben mußte, aber weil diese Senatoren den Friedensvertrag vom Jahre 1235 nochmals im März bestätigten, geht daraus hervor, daß Gregor IX. dennoch Herr der Stadt war. Es gelang ihm sogar, im Mai 1241 die Neuwahl des Senats an die Orsini zu bringen, die Gegner der Annibaldi und Colonna und die Häupter der Guelfen. Denn Mattheus Rubeus wurde alleiniger Senator. Dieser berühmte Mann, einst Gönner des heiligen Franziskus, war der Sohn des Johann Gaëtani Orsini und der Stefania Rubea, ein Enkel des Ursus, des Ahns jenes Hauses. Er selbst wurde Stammvater eines mächtigen Geschlechts, welches sich in mehrere Zweige teilte. Seine Söhne und Enkel erfüllten die Annalen Roms mit ihren Namen und Taten, auf dem Papstthrone, als Kardinäle und auf dem Senatorstuhl im Kapitol.

Wenn Rom dem Papste treu blieb, so verdankte er dies nur dem rastlosen Eifer jenes Guelfenhaupts. Die Gefahr war groß; denn die Ghibellinen erhoben sich auf die Kunde von Friedrichs Siegen; der Kardinal Colonna, der ihn herbeirief, und der Exsenator Oddo verschanzten ihre Paläste in den Thermen Constantins und das Grabmal des Augustus, welches unter dem volkstümlichen Namen Lagusta aus einem langen Dunkel damals wieder auftaucht. Es war seit alter Zeit der Kern der colonnischen Festungen im Marsfeld, wozu auch der nahe Monte Citorio ( Mons Acceptorii) gehörte. Mattheus Rubeus führte seine Milizen zum Sturm gegen dies Mausoleum, wo sich vielleicht Oddo selbst befand, während sich der Kardinal nach Palestrina begeben hatte. Denn von dort aus besetzte er für den Kaiser Monticelli, Tivoli und die Lukanische Aniobrücke. Friedrich wunderte sich, in einem Kardinal einen so kriegerischen Geist und eine so mächtige Hilfe zu finden; indem er seinem Rufe folgte, zog er in Tivoli ein, welches ihm freiwillig die Tore öffnete. Seine Truppen verwüsteten alles Land von Monte Albano und Farfa bis zum Lateinergebirg. Montefortino, welches die Conti, die Neffen Gregors IX., befestigt hatten, ließ er zerstören und befahl aus Haß gegen den Papst, die Gefangenen aufzuknüpfen. Nur ein zersplitterter Turm blieb dort als Denkmal seiner Rache stehen. Er zog hierauf in Begleitung des Kardinals nach der Burg Colonna und war am Ende des August in Grottaferrata. Von diesem Gebirge aus, wo einst auch der vierte und fünfte Heinrich und Barbarossa lagerten, wollte er die Stadt durch Not oder Gewalt erzwingen. Sie lag von fieberfeuchten Sommerdämpfen umschleiert nahe vor ihm, während sein Feind in der glühenden Stille des Augustmonats verschmachtete.

Da kamen eilende Boten in sein Lager: der Papst war tot! Wenn es wahr ist, daß Gregor IX. fast hundert Jahre erreichte, so mußte er für jede Stunde jeder Jahreszeit zum Sterben reif sein; doch die Einschließung in Rom während des Augusts konnte nicht mit Unrecht als die letzte Ursache seines Todes betrachtet werden. Die Kirche nannte ihn das Opfer des Kaisers. Der Abschied dieses ungebeugten Greises von der Welt war wie der eines Generals, der auf seiner Schanze im Angesicht des Feindes stirbt. Auf seinem Sterbebette sah er diesen Feind mit einem abtrünnigen Kardinal siegreich vor den Toren Roms, und sein scheidender Blick fiel in der Nähe auf den Ruin des Kirchenstaats, in der Ferne auf die Trümmer christlicher Länder, welche die Tartaren in rauchende Wüsteneien verwandelt hatten. Gregor IX. starb am 21. August 1241 im Lateran.

 << Kapitel 248  Kapitel 250 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.