Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 248
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
Schließen

Navigation:

2. Unmaß des Kaisers den Lombarden gegenüber. Der Papst bannt ihn 1239. Friedrich schreibt an die Römer. Sein Manifest an die Könige. Gegenmanifest des Papsts. Schwierige Stellung Friedrichs II. in seinem Verhältnis zur Zeit. Widersprüche in seinem eigenen Wesen. Eindruck seiner Briefe auf die Welt. Die Kurie durch ihre Gelderpressung verhaßt. Gruppierung der Parteien. Friedrich trägt den Krieg nach dem Kirchenstaat.

Der Sieg bei Cortenuova blieb ohne die erwarteten Folgen. Zwar hatten die bestürzten Mailänder und andere Städte die volle Anerkennung der Reichsgewalt, die Vasallenschaft, den Verzicht auf die Konstanzer Artikel und die Auflösung der Eidgenossenschaft angeboten, doch der ganz verblendete Kaiser Unterwerfung auf Gnade und Ungnade verlangt; worauf jene edlen Bürger den heldenmütigen Entschluß faßten, ihre Freiheit bis auf den letzten Mann zu verteidigen. Der Widerstand der Städte rettete das Papsttum noch einmal, und bald sah der Kaiser, der den Italienern nun als maßloser Despot erschien, das Glück sich von ihm abwenden. Selbst der Zuzug König Konrads im Juni 1238 zwang Brescia nicht zur Übergabe; die Bürgerschaft hielt nicht nur eine mörderische Belagerung aus, sondern sie nötigte den Kaiser sogar zum Abzuge, was sein Ansehen minderte. Auf Betreiben des Papsts schlossen auch die großen Seestädte Genua und Venedig einen Bund, während in Rom die guelfische Partei wieder herrschend wurde.

Alles dies bewog Gregor, zum zweitenmal den Kampf mit seinem mächtigen Gegner aufzunehmen und sich offen für die Lombarden zu erklären, obwohl er kein Recht besaß, sich in den Kampf des Kaisers mit Reichsrebellen einzumischen. In einem günstig scheinenden Augenblick rief er selbst den erbittertsten der Kriege zwischen Kirche und Reich hervor, und er zwang als Angreifer Friedrich, sich zu verteidigen. Er bannte ihn nochmals am 20. März 1239 ohne tatsächlichen Grund, und jetzt störten ihn die Römer nicht. Durch ein Manifest verkündigte er der Christenheit die Exkommunikation des Kaisers und löste dessen Untertanen von ihrem Eide. In dem mühsam aufgehäuften Sündenregister hob er zuerst hervor, daß Friedrich die Stadt Rom zur Empörung wider die Kirche aufgereizt habe, während er doch in Wahrheit die Herrschaft des Heiligen Stuhls im Jahre 1234 gerettet hatte.

Als der Kaiser von dieser Kriegserklärung in Padua Kunde erhielt, versammelte er ein Parlament und ließ durch seinen Kanzler Peter sein Recht wie das Unrecht Gregors in glänzender Rede dartun; er schickte sodann seine Manifeste in die Welt. Den Römern warf er vor, daß sie den Papst in seiner übereilten Handlung nicht gehindert hätten. »Es schmerzt uns«, so schrieb er ihnen, »daß der römische Priester sich in der Stadt selbst herausnahm, den Kaiser Roms, den Urheber der Stadt, den Wohltäter des Volks, frech zu verunglimpfen, ohne daß die Bürger ihm dabei Widerstand leisteten; es schmerzt uns, daß im ganzen Stamme des Romulus, unter allen Edlen und Quiriten, unter so viel Tausenden sich nicht ein einziger Mann, sich keine unwillige Stimme gegen das uns angetane Unrecht erhoben hat, und wir fügten doch eben erst den Spolien alter Triumphe in der Stadt die neuen Trophäen unserer Siege hinzu.« Er forderte das römische Volk auf, sich einmütig zur Rache eines gemeinsamen Schimpfes zu erheben und den Kaiser zu verteidigen, unter Androhung seiner Ungnade.

An demselben Tage sandte er an alle Fürsten der Christenheit Briefe gewichtigeren Inhalts, worin er sich durch die Feder Peters de Vinea gegen die Anschuldigungen des Papsts verteidigte, das Unrecht darstellte, welches er seit dem Tode seines Vaters von der Kirche erfahren hatte, Gregor IX. als einen ehrgeizigen und habsüchtigen Priester, einen falschen Propheten, des Papsttums unwürdig erklärte, die Fürsten aufforderte, der Anmaßung desselben mit vereinter Kraft entgegenzutreten, und an ein zu berufendes Konzil appellierte.

»Vom Meer herauf stieg ein Tier voll von Namen der Lästerung, welches mit den Tatzen des Bären und dem Rachen des Löwen wütet und am Leibe einem Pardel gleich gestaltet ist. Sein Maul öffnet es, Lästerungen gegen den Namen Gottes auszustoßen, und ruht nicht, ähnliches Wurfgeschoß auf sein Tabernakel und die Heiligen im Himmel zu schleudern.« Mit solchen apokalyptischen Gleichnissen begann Gregor sein Gegenmanifest vom 21. Juni. Diese berühmte Enzyklika, worin sich ein glühender Haß in den Pomp alttestamentlicher Redeweise hüllt, ist eins der merkwürdigsten Denkmäler des großen Streites zwischen Kaisertum und Papsttum, des römischen Hochmuts und der haßtrunkenen Leidenschaft des Priestertums, seiner wie aus Posaunen tönenden Orakelsprache und seiner gewaltigen Energie. Gregor suchte alle Anklagen Friedrichs zu widerlegen, aber es war hier zum erstenmal, daß er ihn beschuldigte, auch nach der geistlichen Gewalt zu trachten, und daß er ihn als Gottesleugner öffentlich brandmarkte.

Die neue Stellung, welche das Papsttum durch den innocentianischen Kirchenstaat gewonnen hatte auf der einen, auf der andern Seite die neue Stellung, die das staufische Haus durch den Erbbesitz Siziliens in Italien besaß, waren neben der Lombardei die praktischen Ursachen des furchtbaren Zwists geworden; der Kirchenstaat der Ausdruck nicht allein für die guelfisch-nationale Richtung des Papsttums, sondern auch für dessen Zivilgewalt überhaupt; Sizilien das Fundament für die ghibellinische Kaiseridee. Die Päpste forderten die Lehnsherrlichkeit über dieses Königreich, und der Kaiser machte es vom Lehnsverbande mit der Kirche unabhängig; die Päpste durchkreuzten seine Absichten; mit der guelfischen Nationalpartei verbunden, suchten sie, den hohenstaufischen Plan der Einheit Italiens zu vereiteln. Aus solchen Ursachen ergab sich heftiger als zuvor der Kampf der neuen, von Innocenz III. geschaffenen Papstmonarchie mit der neuen Kaisermonarchie, und der uralte Zwiespalt zwischen der Tiara und der Krone wuchs in größerer Furchtbarkeit empor als Gegensatz des politischen und kirchlichen Geistes überhaupt. Dieser auf die äußerste Spitze getriebene Kontrast mußte ausgekämpft werden. Für Friedrich II. handelte es sich fortan darum: die staatliche Gewalt von der geistlichen zu trennen, dem Papst jeden politischen Einfluß zu nehmen, der Kirche den weltlichen Besitz zu entziehen. Die Trennung jener beiden Gewalten, das große ghibellinische Prinzip, auf welchem alle bürgerliche und staatliche Freiheit wie die des Gewissens des einzelnen und kurz die ganze Fortentwicklung der menschlichen Kultur besteht, hat Friedrich II. mit großer Entschiedenheit proklamiert, und dies war die Reform, für welche er Europa aufrief. Er hat den Sieg nicht gewinnen können, weil das Bürgertum und der Volksgeist überhaupt auf der Seite des Papsttums standen, der monarchische Geist in Europa aber noch nicht gereift war.

Wenn der große Repräsentant der weltlichen Rechte, welcher die Könige zu seinem Beistande aufforderte, an dem Bürgertum eine Stütze gefunden hätte, so wäre die Papstgewalt schon damals zertrümmert worden; wenn die Ideen der evangelischen Ketzer in das Bewußtsein des Zeitalters eingedrungen wären, so hätten sich die zerstreuten Elemente der Häresie in einen großen Strom der Reformation schon damals vereinigt. Doch Friedrich war der Feind der Demokratie, und er verbrannte zugleich Ketzer auf Scheiterhaufen. Kein reformatorischer Geist im Sinne späterer Jahrhunderte war in ihm; die Menschheit konnte von solchem Geiste in einer Zeit nicht ergriffen werden, welche vom Dogma des Papsttums, von der Inquisition und dem Enthusiasmus des Franziskus und Dominikus beherrscht war; in einer Zeit, wo ein eitler Predigermönch Triumphe der Beredsamkeit feierte gleich Peter von Amiens und Fulco von Neuilly, wo sein Wort viele Tausende von feindlich erbitterten Bürgern in einer Stunde zur Versöhnung hinriß, selbst einen Ezzelin rührte und mächtigen Städten als Gesetzesorakel galt; in einer Zeit, wo Friedrich selbst das Gleichnis von den beiden Lichtern am Himmel, dem größeren und kleineren, dem Priestertum und Kaisertum, sogar während seines heftigsten Kampfes wider den Papst, in kritikloser Unbefangenheit als Wahrheit anerkannte. Die Natur seines Zeitalters erklärt mehr als seine eigene die seltsamen Widersprüche im Wesen dieses großen Kaisers, der im Kirchenbanne einen Kreuzzug unternahm, der Sarazenen und Bischöfe an derselben Tafel speiste, welcher Minoriten und Dominikaner als Freunde des Papsts und Ketzer als dessen Feinde verbrennen ließ; der sich in die Genossenschaft der Zisterzienser von Casamari feierlich aufnehmen ließ und den Leichnam der heiligen Elisabeth zu Marburg eigenhändig krönte; der wie Arnold von Brescia den Reichtum der Kirche unchristlich schalt, dessen Regesten aber erfüllt sind mit Gnadendiplomen für Kirchen und Klöster und mit Freibriefen bischöflicher Jurisdiktion.

Ein englischer Chronist hat den Eindruck geschildert, den die Manifeste Friedrichs in Deutschland, England und Frankreich machten. Die britische Nation war durch ihr unnatürliches Lehnsverhältnis zum Heiligen Stuhle, durch das päpstliche Verdammungsurteil der Magna Charta, endlich durch die schamlose Aussaugung ihres Vermögens vermittelst römischer Pfründen, Kirchenzehnten und Kreuzzugssteuern tief verletzt. Friedrich, so sagten die Engländer, hat dem Papst durch die Bekämpfung Ottos IV. mehr Dienste geleistet, als er ihm schuldet. Er zeigt sich nicht als Ketzer; er schreibt voll katholischer Demut an den Papst; er greift dessen Person, nicht sein Amt an; die englische Kirche wird täglich von den Römern ausgesogen; aber der Kaiser hat uns niemals Wucherer und Räuber unserer Einkünfte geschickt. Derselbe Geschichtschreiber bekannte indes, daß die Wirkung der Enzyklika des Papsts sehr groß war und den Eindruck jener des Kaisers so sehr schwächte, daß sich die Christenheit gegen ihn als einen Feind der Kirche würde erhoben haben, wenn nicht die Geldgier der Kurie die Ehrfurcht der Völker gemindert hätte. Das Urteil der Welt spaltete sich; aber die Könige sahen die Schwächung des Kaisertums gern, und trotz des Widerstandes der ausgesogenen Bistümer flossen die Geldquellen der Christenheit immer wieder in die Kassen des Lateran. Friedrich beklagte sich bald erfolglos gegen seinen Schwager Heinrich III., daß er in England die Kollekten erlaube, mit denen der Papst den Krieg wider ihn bestreite.

Die Bannbulle wurde zwar in Frankreich, selbst in England ohne Widerstand verkündigt, doch Gregor fand keinen Prinzen bereit, ihm als Gegenkönig wider einen großen Monarchen zu dienen, dessen Majestät einen hellen Glanz über die Welt warf. Friedrich wiederum faßte nicht den Gedanken, einen Gegenpapst aufzustellen. In der durch Innocenz III. einig und stark gewordenen Kirche war ein Schisma unmöglich. Die Entscheidung des Kampfes lag damals wesentlich im Lombardenbunde; Mailand und Bologna waren die noch festen Schanzen des Papsttums in Norditalien, Genua und Venedig Verbündete, Azzo von Este, der Graf von S. Bonifazio, Paul Traversari in Ravenna und Alberich von Romano, der vom Kaiser abgefallene Bruder Ezzelins, die Führer der Guelfen; von den umbrischen und tuszischen Städten standen die meisten auf seiten des Papsts. Für Friedrich kämpften Ezzelin nebst Padua, Vicenza und Verona; andere Städte wie Ferrara, Mantua, Modena, Reggio und Parma; der greise Held Salinguerra, welcher bald vom Schauplatze abtrat, die Markgrafen Pallavicini und Lancia; und Enzius, Friedrichs junger Bastard, König von Torre und Gallura in Sardinien, welchen er am 25. Juli 1239 zum Reichsverweser in Italien ernannt hatte, begann seine kurze und glänzende Laufbahn.

Als die Friedensvermittlungen durch die deutschen Bischöfe scheiterten, zumal der Deutschmeister Konrad im Juli 1240 in Rom starb, schritten beide Gegner zum Kriege. Friedrich beschloß, die Kirche nur noch als eine politische, ihm feindliche Macht zu betrachten und ihren Organismus innerhalb des Staates ganz zu zerbrechen. Eine schonungslose Verfolgung strafte den Widerstand der Bischöfe und des niedern Klerus im sizilischen Reich oder die Wühlerei der in die Acht erklärten Bettelmönche mit Tod, Kerker und Exil, während die Kirchengüter überall eingezogen oder besteuert wurden. Dies Schicksal traf namentlich die reiche Abtei Monte Cassino, welche gänzlich säkularisiert wurde. Während der Kaiser seinem Sohne Enzius die Bewältigung der Mark Ancona übertrug, beschloß er selbst den Krieg nach dem Kirchenstaat zu verlegen und seinen Feind, wie vor ihm Heinrich IV. oder V., in Rom zu vernichten. Dadurch erhielt die Stadt eine lokale Wichtigkeit. Der Kaiser, so sagte man am Hofe Gregors IX., hat geschworen, den Papst zum Bettler zu machen, das Heiligtum den Hunden vorzuwerfen und den ehrwürdigen Dom Sankt Peters in einen Pferdestall zu verwandeln – prophetische Drohungen, welche Friedrich II., wenn er sie je gemacht hat, nicht verwirklichte, die aber in weit vorgeschrittenen Zeiten unter dem Kaiser Karl V. buchstäblich zur Tatsache werden sollten.

 << Kapitel 247  Kapitel 249 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.