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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 246
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Luca Savelli Senator 1234. Die Römer erklären das Patrimonium St. Peters für Eigentum der Stadt. Der Papst bietet die Christenheit gegen sie auf. Der Kaiser leistet ihm Hilfe. Niederlage der Römer bei Viterbo. Angelo Malabranca Senator 1235. Rom unterwirft sich durch Vertrag dem päpstlichen Regiment.

Luca Savelli, ein sehr mächtiger Mann, Nepot Honorius' III. und Stammvater eines berühmten Geschlechts, war kaum im Jahr 1234 Senator geworden, als er durch Edikt Tuszien und die Campagna für Eigentum des römischen Volks erklärte. Er schickte senatorische Richter in beide Landgebiete, von den Städten den Huldigungseid freundlich oder mit Gewalt anzunehmen. Römische Milizen besetzten Montalto in der Maritima, wo man zum Symbol der Herrlichkeit Roms eine große Burg erbaute. Selbst Corneto mußte dem Senat huldigen. Am Ende des Mai floh der Papst mit allen Kardinälen nochmals nach Rieti. Was wäre das Los des Papsttums geworden, wenn es der Stadt gelang, eine bürgerliche Macht zu sein wie Mailand oder Pisa? Dies zu verhindern war die Aufgabe der Kirche und die Bändigung des Kapitols unter allen Sorgen der Päpste nicht die kleinste. Die Flucht Gregors, der Bann, den er gegen den Senator und den Gemeinderat schleuderte, versetzten die Römer in solche Wut, daß sie den Lateranischen Palast und die Häuser der Kardinäle plünderten. Sie boten ein Heer auf und zogen rachevoll gegen Viterbo ins Feld. Der Papst indes blieb nicht ohne Verbündete; viele Barone und Städte Latiums, wie Anagni, Segni und namentlich Velletri, hingen ihm an und leisteten den Römern voll Eifersucht auf ihre eigene Freiheit Widerstand. In Tuszien befestigte er Radicofani und Montefiascone, und das verzweifelte Viterbo war dort seine festeste Stütze.

Die Päpste riefen stets fremde Hilfe an, ihr rebellisches Land zu zähmen, und nie hat ihnen die Christenheit ihre Geldmittel oder Streiter versagt. Gregor IX. beschwor die katholische Welt, ihm gegen das trotzige Rom Waffen zu leihen; er schrieb an die Vasallenkönige von Portugal und Aragon, an den Grafen von Roussillon, an den Herzog von Österreich, an die Bischöfe Deutschlands, Spaniens und Frankreichs. Selbst der Kaiser war zur Hilfe bereit. Die Empörung seines Sohnes Heinrich in Deutschland und dessen verräterische Verbindung mit den Lombarden würde ihm verderblich geworden sein, wenn Gregor sie begünstigte; er eilte daher mit seinem zweiten Sohne Konrad unaufgefordert nach Rieti, dem Papst seine Truppen gegen das römische Volk darzubieten. Der Schwächere ward aufgeopfert um des Mächtigeren willen; Gregor und Friedrich bedurften einer des andern; dies machte sie zu grollenden Verbündeten und versetzte die Stadt Rom zu gleicher Zeit in Krieg mit Kaiser und Papst.

Die päpstlichen Scharen führte als Kardinallegat Rainer Capocci, ein Viterbese, ein Mann von rastloser Tätigkeit und kriegerischem Talent, welchen der Papst zum Rector des Patrimonium in Tuszien ernannt hatte. Er beginnt die nicht kleine Reihe von Kardinälen, die als Feldhauptleute der Kirche sich Ruhm erwarben. Nachdem er sich mit den Truppen Friedrichs vereinigt hatte, rückte er nach Viterbo, diese Stadt zu verstärken und die Römer aus dem Kastell Rispampano zu vertreiben. Diese Burg wurde von den Römern tapfer verteidigt, während die ungeduldigen Priester den Kaiser verklagten, daß er, statt seine Feldadler zum ernsthaften Kriege mit den Römern zu erheben, in jenen tuszischen Wildnissen seine Falken jagen ließ. Sie schrien Verrat, als er schon im September in sein Königreich zurückkehrte. Doch hatte er dem Kardinal in Viterbo Truppen zurückgelassen, unter dem Befehl Konrads von Hohenlohe, des Grafen von Romaniola. Viele deutsche Ritter blieben im Dienste des Papsts; Kreuzfahrer liehen der Kirche ihre Talente und Degen wider Rom; selbst Engländer und Franzosen, Gläubige und Abenteurer, stellten sich unter das Banner des Kardinals. Raimund von Toulouse hoffte das ihm aufgelegte Gelübde eines Kreuzzuges im Kampf gegen die rebellischen Römer zu lösen, und der reiche Bischof Petrus von Winton, vom englischen Hof exiliert, bot seine willkommenen Dienste an.

Nach dem Abzuge des Kaisers rückten die Römer mannhaft zum Sturm gegen Viterbo. Sie waren selten von so kriegerischem Mute beseelt oder in so großer Zahl in Waffen gewesen. Aber ein Ausfall der Deutschen und der Bürger Viterbos wurde zur blutigen Schlacht, welche jene verloren. Viele Männer edlen Geschlechts und nicht wenige Deutsche bedeckten das Feld. Seit dem Unglückstage von Monte Porzio hatten die Römer keine so großen Verluste in offener Feldschlacht erlitten; sie retteten sich wie damals durch die Flucht in ihre Mauern; die Sieger verfolgten sie, und das Ergebnis der Schlacht war der Wiedergewinn der Sabina und Tusziens für den Papst. Die undankbaren Priester mußten jetzt bekennen, daß ein so entscheidender Sieg nur durch die Hilfe Friedrichs erfochten worden war.

Die Römer setzten zwar den Krieg fort, taten den Kardinal Rainer in die Acht, erklärten den Papst für immer aus Rom verbannt, wenn er ihnen nicht Schadenersatz leiste, und sie erlangten sogar wieder einige Erfolge im Feld: doch ihre Kräfte waren erschöpft, ihre Finanzen trotz der von den Kirchen erzwungenen Auflagen aufgezehrt. Als nun Luca Savelli im Frühjahr 1235 abgetreten und Angelo Malabranca Senator geworden war, gelang es drei Kardinallegaten, Rom zum Frieden zu bewegen. Die Stadt erreichte nicht das Ziel ihres mutigen Kampfs, sondern sie anerkannte um die Mitte des Mai 1235 nochmals die Oberhoheit des Papsts.

Die Friedensurkunde, welche Form und Art der freien römischen Republik auf anziehende Weise deutlich macht, lautet im wesentlichen wie folgt:

»Wir Angelus Malabranca, von Gottes Gnaden herrlicher Senator der Erlauchten Stadt, versprechen in Vollmacht des erhabenen Senats und durch Mandat und Zuruf des berühmten Römischen Volks, welches beim Schall der Glocken und Trompeten auf dem Kapitol versammelt worden ist, wie auch auf den Vorschlag der Ehrwürdigen Kardinäle Romanus, Bischofs von Portus und S. Rufina, Johann Colonna von S. Prassede und Stephanus von S. Maria in Trastevere, in bezug auf den Streit zwischen der heiligen römischen Kirche, dem heiligen Vater und dem Senat und Volk von Rom im Namen des Senats und Volks: daß wir nach Mandat des Papsts genugtun wollen wegen des Turms und der Geiseln von Montalto, wegen der unter dem Senator Luca Savelli geforderten Huldigungseide und der in den Ländern der Kirche aufgerichteten Grenzsteine. Auch wegen der Richter, die in der Sabina und in Tuszien jene Huldigung einforderten und die Kirchengüter besetzten, und wegen der Achtserklärung des Kardinals Rainer von S. Maria in Cosmedin und des Notars Bartholomäus, wegen der Plünderung des heiligen Lateranischen Palasts und der Häuser einiger Kardinäle, wegen des auf die Bistümer Ostia, Tusculum, Praeneste und andere Kirchengüter ausgeschriebenen Schadenersatzes, und wegen des Statuts, daß der Papst nicht in die Stadt zurückkehren dürfe, noch daß wir mit ihm Frieden schließen wollen, bevor er nicht die auf Rocca di Papa eingetragene Anleihe von 5000 Pfund und allen Schaden den Römern erstattet habe. Diese Achtserklärungen und Erlasse nehmen wir in Vollmacht des Senats und des Volks als nichtig zurück.

Zur Tilgung jeder Ursache des Streits zwischen uns, der Kirche und dem Papst, den wir aus Ehrfurcht vor Christo, dessen Stellvertreter auf Erden, und vor dem Apostelfürsten, dessen Nachfolger er ist, als fromme Söhne verehren, zumal weil dies dem Ruf dieser erlauchten und berühmten Stadt zur Förderung gereicht, befehlen wir was folgt: alle geistlichen Personen in und außer Rom und die Familien des Papsts wie der Kardinäle sollen nicht vor das weltliche Tribunal gezogen, noch durch Untergrabung der Häuser oder anderswie dazu gezwungen, noch sonst beunruhigt werden. Was aber von den Familien des Papsts und der Kardinäle gesagt ist, soll nicht von den römischen Bürgern des Laienstandes gelten, welche Häuser und Leute in der Stadt haben, mögen sie auch Familiaren sein oder so heißen. Kein Geistlicher, Ordensbruder oder Laie darf, wenn er zum Apostolischen Stuhl und zum St. Peter geht oder dort weilt oder davon zurückkehrt, vor den weltlichen Richter gezogen, sondern er muß vielmehr vom Senator und dem Senat beschützt werden. Keine Steuer darf von Kirchen, Geistlichen und Ordensbrüdern in und außer der Stadt erhoben werden. Wir geben ewigen Frieden dem Kaiser und seinen Mannen; dem Volk von Anagni, Segni, Velletri, Viterbo, von der Campania, Maritima und Sabina, dem Grafen Wilhelm (von Tuszien), allen andern vom Patrimonium und allen Freunden der Kirche. Wir befehlen und bestätigen durch gegenwärtiges Dekret, daß hinfort kein Senator, sei es einer oder mehrere, diesem unserm Freibrief zuwiderhandle. Wer irgend dawiderhandelt, soll dem schwersten Zorn und Haß des Senats verfallen und außerdem gehalten sein, hundert Pfund Gold zur Wiederherstellung der Stadtmauern zu entrichten, nach Zahlung welcher Strafe dies Privilegium nichtsdestoweniger in Kraft bleibt.«

So beendigte dieser Friedensschluß einen der heftigsten Kriege, welche die Republik Rom überhaupt gegen die päpstliche Gewalt geführt hat. Sie verlor ihre Autonomie dadurch nicht, aber sie wurde in die Grenzen zurückgewiesen, welche ihr Innocenz III. gesetzt hatte. Die Unterwerfung des Klerus unter das bürgerliche Gesetz und die des Stadtdistrikts unter die Gerichtsbarkeit des Kapitols konnte nicht erreicht werden. Die weltliche Herrschaft der Kirche war durch die Hilfe des Kaisers aufrechterhalten worden, und das unglückliche Rom blieb nach wie vor das Opfer der Größe des Papsttums.

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