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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 243
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Viertes Kapitel

1. Hugolinus Conti wird Papst Gregor IX. Er fordert den Kreuzzug vom Kaiser. Abfahrt, Wiederausschiffung und Exkommunikation des Kaisers 1227. Manifeste von Kaiser und Papst. Die kaiserliche Faktion vertreibt Gregor IX. aus Rom. Kreuzzug des Kaisers. Invasion Apuliens durch den Papst 1229. Rückkehr des Kaisers und Flucht der Päpstlichen.

Auf einen der friedliebendsten Päpste folgte ein Mann von starker Leidenschaft und eherner Festigkeit des Willens. Hugolinus, Kardinalbischof von Ostia, schon am 19. März 1227 zu St. Gregor am Septizonium erwählt und als Gregor IX. ausgerufen, war vom Geschlecht der Conti aus Anagni und im dritten Grade mit Innocenz verwandt. Die Regierung vieler Päpste hatte er erlebt und in seiner Jugend die Eindrücke der großen Ereignisse unter Alexander III. in sich aufgenommen. Sein vielleicht jüngerer Verwandter Innocenz machte ihn zum Bischof von Ostia, welche verkommene Hafenstadt er neu mit Mauern befestigte. Während langer Jahre leitete er die Geschäfte der Kirche in Italien wie in Deutschland, wo er als Legat die schwierigen Unterhandlungen im Kronstreit führte. Wir sahen ihn als den ersten Protektor des Minoritenordens. In seinem Geiste loderte eine Flamme vom Feuer des Franziskus und Dominikus, stählte die angeborene Charakterstärke und machte ihn unbeugsam und herausfordernd bis zum äußersten Trotz gegen allen Widerspruch. Ein beredsamer Greis von reinen Sitten, von großer Kenntnis beider Rechte und von tiefer Glaubensglut, stellte er in Ansehen und Gestalt die Erscheinung eines Patriarchen dar, und die Ausdauer seines ungeschwächten Gedächtnisses machte sein Alter minder fühlbar.

Als Hugolinus, der mit Unwillen auf die nachgiebige Schwäche des Honorius geblickt hatte, den Heiligen Stuhl bestieg, war man dessen gewiß, daß er die Geduld seines Vorgängers nicht nachahmen werde, und eben deshalb hatten ihn die Kardinäle gewählt. Am 21. März wurde er im St. Peter geweiht. Das römische Volk begleitete ihn mit Zuruf zum Lateran, und in der feierlichen Prozession wurden der Senator wie der Stadtpräfekt bemerkt. Am dritten Tage nach seiner Weihe zeigte Gregor IX. Friedrich, dem er seit langem freundlich bekannt war, seine Erhebung an und forderte ihn zugleich auf, den Kreuzzug anzutreten, dessen letzter Termin, der August, nahe bevorstand. Es war Gregor selbst gewesen, aus dessen Hand der Kaiser an seinem Krönungstage das Kreuz genommen hatte. Friedrich meldete hierauf, daß er zum Aufbruche bereit sei, und schon sammelten sich viele Kreuzfahrer, meistens Deutsche, in Brindisi, wo sie in der fiebervollen Jahreszeit auf das Zeichen der Einschiffung warteten. Eine pestartige Epidemie ergriff dieses Volk, so daß Tausende hingerafft wurden. Endlich kam der Kaiser von Messina, und wohl nie stieg ein Kreuzesritter widerwilliger an Bord des Schiffs als der Enkel jenes Barbarossa, der in Syrien gestorben war.

Als er von Brindisi am 8. September wirklich absegelte, erscholl das Tedeum in allen Kirchen, und die Gebete des Papsts begleiteten ihn über Meer. Doch nach wenigen Tagen kam das seltsame Gerücht, der Kaiser sei umgekehrt, wieder ans Land gestiegen und habe den Kreuzzug aufgeschoben. So war es in der Tat. Friedrich, auf der See, sei es wirklich, sei es zum Schein erkrankt, hatte seine Galeere wenden lassen und sich in Otranto wieder ausgeschifft, wo bald darauf der Landgraf von Thüringen, der Gemahl der heiligen Elisabeth, dem Fieber erlag. Als der Papst die Briefe empfing, welche das Unerwartete bestätigten und entschuldigten, übermannte ihn wütender Zorn. Er wollte nicht Gründe noch Versprechungen hören. Am 29. September bestieg er die Kanzel des Doms zu Anagni in vollem Ornat und sprach dem Vertrage von S. Germano gemäß den Bann über den Kaiser aus, während die zu den Seiten des Hochaltars aufgereihten Priester ihre brennenden Kerzen zur Erde schleuderten. Nach dem ohnmächtigen Drohen des Honorius fiel der wirkliche Blitz.

Die rasche Kühnheit Gregors IX. erscheint einigen groß, andern nur als Übereilung der Leidenschaft, entschuldbar durch erschöpfte Geduld, nicht durch Klugheit. Dieser Greis, einer jener Charaktere, die nichts Halbes dulden, forderte den Mann heraus, in welchem er nur den arglistigen Feind der Kirche sah, der mit der Schwäche des Honorius gespielt hatte. Er durchbrach unklare und deshalb unerträgliche Verhältnisse, um den offenen Krieg einem faulen Frieden vorzuziehen. Die Masken fielen. Die beiden Häupter der Christenheit machten durch ihre Manifeste der Welt bekannt, daß die Eintracht zwischen den alten Erbfeinden eine Unmöglichkeit sei. War das wirkliche Verbrechen Friedrichs in den Augen der Kirche die wiederholte Verzögerung des Kreuzzuges? Ohne Zweifel nicht; sondern seine zu furchtbar werdende Macht, die Vereinigung Siziliens mit dem Reich, seine Herrschaft über die ghibellinischen Städte in Nord- und Mittelitalien, welche den Lombardenbund bedrohte. Kein Kaiser hatte je so viele und starke Grundlagen praktischer Herrschaft in Italien gehabt als Friedrich II., der unumschränkte König Siziliens. Diese hohenstaufische Macht zu entwurzeln, blieb fortan die mit bewundernswerter Standhaftigkeit durchgeführte Aufgabe der päpstlichen Staatskunst.

In seinem Rundschreiben an alle Bischöfe stellte Gregor den Undank Friedrichs mit schwarzen Farben dar und brandmarkte ihn schonungslos vor der Welt – eine Heftigkeit des Angriffs, die den Kaiser tief empörte und zu nicht minder rücksichtslosen Antworten zwang. Er rechtfertigte zuerst seine Umkehr vom Kreuzzuge sehr gut, dann erließ er ein Manifest an die Könige. In diesem berühmten Schreiben ward zum erstenmal der Protest der weltlichen Autorität gegen das innocentianische Papsttum niedergelegt. Der Kaiser erhob sich mit dem klaren Bewußtsein, daß er als Repräsentant der weltlichen Gewalt diese selbst gegen die drohende Absolutie Roms zu verteidigen habe. Er zeigte Fürsten und Völkern am Beispiel des unglücklichen Grafen von Toulouse und des Königs von England, was ihrer warte, und entwarf schonungslos ein Bild von der Verweltlichung der Kurie wie von der Herrschsucht der Päpste. Die oberste Staatsgewalt machte die Gebrechen der Kirche zum Gegenstand der Erörterung für die ganze Welt, und der Kaiser der Christenheit schien die Ansichten der Ketzer über das unapostolische Wesen des Papsttums zu bestätigen. Roffred von Benevent, ein gefeierter Jurist, brachte das kaiserliche Manifest auch nach Rom, wo es unter Beifallgeschrei öffentlich auf dem Kapitol verlesen wurde. Eine kaiserliche Partei bildete sich sofort; denn den Römern erschien der Kampf zwischen Kirche und Reich für ihre eigene Stellung höchst wünschenswert. Gregor IX. war in der Stadt mit Strenge aufgetreten; er hatte einige Türme des Adels am Lateran einreißen lassen, und der Streit um Viterbo, welches er schützte, erbitterte die Stadtgemeinde. Zu den politischen Faktionen gesellten sich die Ketzer, welche überall zwischen den Scheiterhaufen, selbst in Rom, kühn und kühner ihr Haupt erhoben. Ein Beispiel mag zeigen, in welcher anarchischen Verfassung sich diese Stadt noch immer befand. Als sich der Papst im Sommer in Latium aufhielt, wagten es Adel und Bürger, selbst Mönche und Geistliche, einen Betrüger als päpstlichen Vikar im Vatikan aufzustellen, welcher die nach Brindisi durchziehenden Kreuzfahrer für Geld von ihrem Gelübde lossprechen mußte. Dies freche Spiel konnte sechs Wochen lang im Porticus des St. Peter öffentlich betrieben werden, bis ihm der Senator ein Ende machte.

Edle Römer nahmen Gold von Friedrich; selbst der Sohn Richard Contis, Johann von Poli, wurde in seinem Lager gesehen. Der Kaiser, welcher diese Großen zu sich nach Kampanien einlud, verlockte die Frangipani, ihm ihre Güter, auch die Festungen in der Stadt, was alles sie von den Päpsten zu Lehen trugen, zu verkaufen, sodann von ihm zurückzunehmen und sich so als kaiserliche Vasallen zu bekennen. Es war für Friedrich wichtig, sich eine Partei in Rom selbst zu schaffen, dem Papst hier Feinde zu erwecken und das Colosseum in seiner Gewalt zu haben. Ein Aufstand war die Wirkung seiner Maßregeln. Gregor hatte am Gründonnerstage des Jahrs 1228 den Bann über den Kaiser nochmals ausgesprochen; als er hierauf am Ostermontag die Messe im St. Peter las und eine heftige Deklamation gegen Friedrich an das Volk richtete, unterbrachen ihn die Ghibellinen mit Wutgeschrei; sie überhäuften ihn mit Schmähungen am Altar und vertrieben ihn aus dem Heiligtum. Die Stadt erhob sich in Waffen, während der flüchtende Papst unter dem Geleit treuer Guelfenscharen das befreundete Viterbo zu erreichen eilte. Die Römer folgten ihm mit Heeresmacht; sie trieben ihn von dort weiter nach Rieti und Perugia, kühlten ihren Haß gegen Viterbo durch barbarische Verwüstung der Felder und eroberten das streitige Kastell Rispampano. Gregor IX. warf aus dem Exil den Bann auf seine Verfolger und erwartete dann voll Pein die Zeit seiner Wiederkehr.

Unterdes rüstete sich der Kaiser, seinen Kreuzzug wirklich auszuführen. Wenn er dies tat, entkräftete er nicht nur die Behauptungen des Papsts, daß er nie ernstlich daran gedacht habe, sondern er brachte auch ihn selbst in empfindliche Verlegenheit. Die Kreuzfahrt Friedrichs war unter den damaligen Verhältnissen um so mehr ein diplomatischer Meisterzug, als ihm der Papst, zur Verwirrung vieler gläubiger Gemüter, die größten Hindernisse in den Weg stellte. Der Kaiser des Abendlandes trat die Fahrt für die damals heiligsten Zwecke der Kirche an, aber in ihrem Banne. Als er am 28. Juni 1228 von Brindisi in See ging, rief sie ihm erbittert nach, daß er nicht als Kreuzfahrer, sondern als »Pirat« nach Jerusalem ziehe. Anstatt ihres Segens folgte ihm ihr Fluch; er empfing ihn selbst am Grabe des Erlösers. Derselbe Papst stellte Friedrich als Verbrecher dar, weil er den Kreuzzug nicht unternahm und weil er ihn unternahm. Wenn Gregor IX. den Feind vom Banne losgesprochen hätte, als er wirklich nach Jerusalem zog, so würde er sich selbst und ihn besiegt haben und in herrlicher Größe vor der Welt dagestanden sein. Ein so greller Widerspruch minderte den Glauben an den aufrichtigen Eifer der Päpste für die Befreiung Jerusalems, und er zerstörte den Wahn zweier Jahrhunderte; wenigstens war Deutschland seither nicht mehr zu diesen Fahrten zu bewegen.

Rainald, Sohn des ehemaligen Herzogs Konrad, während der Abwesenheit des Kaisers zum Vikar in Italien bestellt, reizte sofort den Papst durch einen Angriff auf Spoleto, und Gregor IX. war nicht minder eifrig, die Entfernung Friedrichs zu benutzen, um Apulien der Kirche zu unterwerfen. Schon vor der Abfahrt des Kaisers hatte er ein Heer angeworben; nun rief er die Lombardei, Spanien, Frankreich und England, ja ganz Europa auf, ihm Kirchenzehnten oder Hilfstruppen zu geben, und die Völker hörten das Kreuz gegen den Kaiser predigen, welcher selbst unter dem Kreuzesbanner zum Heidenkampf ausgezogen war; sie sahen Heere im Namen des Papsts die Länder des abwesenden Friedrich überziehen, die doch als eines Kreuzfahrers Gut nach dem Völker- und Kirchenrecht für unantastbar hätten gelten sollen. Das päpstliche Kreuzheer, auf dessen Fahnen die Schlüssel St. Peters abgebildet waren, befehligten Johann von Brienne, des Kaisers Schwiegervater, der Kardinal Johann Colonna und des Papsts Kaplan Pandulf von Anagni. Während ein Teil dieser Truppen in die Marken zog, in welche Rainald mit Sarazenen und Apuliern eingefallen war, rückte Pandulf am 18. Januar 1229 über den Liris in Kampanien ein. Hier verteidigte Johann von Poli Fundi mit Glück, doch viele Städte ergaben sich den Päpstlichen. Die Römer wurden von diesem Kriege verschont; der Papst, welcher nur Apulien im Auge hatte, machte nicht einmal den Versuch, die Stadt durch sein Kreuzheer zum Gehorsam zu zwingen. Er eilte, das Königreich zu erobern, dessen von Steuern bedruckte Städte er durch Freibriefe zum Abfall lockte. Auch Gaëta ergab sich ihm, und diese schon längst von der Kirche beanspruchte Stadt hoffte jetzt Gregor IX. festzuhalten.

Da kam der Kaiser, durch die Kunde von diesen Vorgängen zurückgerufen, plötzlich vom Orient heim. Er hatte sich in Jerusalem am 18. März 1229 mit eigener Hand die Krone aufs Haupt gesetzt, die heilige Stadt durch Vertrag den Christen wiedergegeben und trotz aller Hindernisse des Fanatismus Ruhmvolles zustande gebracht. Die römische Kurie eiferte gegen ihn als einen Frevler an der christlichen Religion; sie nahm keine Rücksicht weder auf die wirklichen Dienste, die er im Orient geleistet hatte, noch auf die praktischen Beweggründe, welche ihm bei dem großen Handelsverkehr Siziliens mit der Levante eine freundliche Beziehung zu den Sultanen des Orients zur Pflicht machten. Dies war natürlich; denn der Kaiser hatte zum erstenmal die Kreuzzüge zu einer Angelegenheit weltlicher Politik gemacht, den Papst aus dem Morgenlande verdrängt und dieses friedlich in die ökonomischen Verhältnisse des Reichs gezogen.

Als er jetzt unerwartet am 10. Juni 1229 in Brindisi gelandet war, begehrte er Aussöhnung mit dem Papst und schickte ihm Friedensboten. Da dies keinen Erfolg hatte, jagte er fast ohne Kampf die päpstlichen Truppen aus seinem Lande. Kreuzbanner stand hier gegen Schlüsselbanner; mit Erstaunen sah man unter dem Zeichen Christi die Sarazenen Friedrichs gegen die Päpstlichen ins Feld ziehen, welche sich indes in wilder Flucht über den Liris zurückzogen. Gregor schleuderte nochmals seine Bannstrahlen auf den Kaiser und dessen Anhänger auch in Rom. Große Geldsummen hatte er bereits in einem unsinnigen Kriege verbraucht, und noch jetzt forderte er die Welt auf, ihm neue Hilfsmittel herzugeben. Den Kaiser beglückwünschten Abgesandte des römischen Senats in Aquino; im Oktober zog er gegen die Grenzen des Kirchenstaats, und nachdem er dort Sora mit Feuer und Schwert zerstört hatte, gab der Papst seinen Friedensvorschlägen Gehör.

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