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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 240
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Bewegung der Ketzer. Doktrin von der christlichen Armut. Stiftung der Bettelorden. St. Franziskus und St. Dominikus. Die ersten Klöster ihrer Orden in Rom. Wesen und Einfluß des Bettelmönchtums. Die Sekte der Spiritualen.

Das XIII. Jahrhundert war eine fortgesetzte große Revolution: der bürgerliche Geist erkämpfte seine Freiheit von Feudalität, Reich und Kirche, und neben ihm erhob sich der evangelische Gedanke, die Freiheit des Glaubens zu erobern. Diese Revolution war in der Zeit nicht siegreich wie jene; ihre hochauf lodernde Flamme wurde von der Kirche gelöscht, doch erstickt konnte ihr Funke nicht werden. Eine tiefe enthusiastische Bewegung ketzerischer Lehren drang gegen die dogmatische Machtform an, in welcher Innocenz III. die Menschheit zu fesseln glaubte. Am Blicke dieses Papsts ging die Zeit wie ein ihm huldigender Triumphzug vorüber, doch er gewahrte auch trotzende Geister, die ihm Furcht erregten. Der erste Ansturm der häretischen Grundsätze gegen das kirchlich-politische Dogma fiel gerade in die Zeit der zweiten Gründung des Kirchenstaats und der päpstlichen Weltmonarchie. Während die hierarchische Kirche die stärkste Festigkeit gewann, wurde die Einheit ihres Lehrgebäudes so heftig bedroht wie noch nie zuvor. Mit römischer Entschlossenheit nahm Innocenz den Kampf wider die Ketzerei auf, welche er durch Feuer und Schwert auszutilgen befahl; seine Strenge gab der kirchlichen Unduldsamkeit das Beispiel und die Richtung für Jahrhunderte. Die Vernichtung der Albigenser durch die ersten wirklichen Ketzerkriege voll von empörenden Freveln war die Wirkung der Machtgebote Innocenz' III. Sie hat eine tiefe Spur im Gedächtnis der Menschheit zurückgelassen. Schmerz um die Zerstörung eines schönen Landes voll von Erinnerungen antiker Kultur, ritterlich-romantische Sympathien, etwas übertriebene Bewunderung provençalischer Liederkunst und das empörte Gefühl für Menschlichkeit und Freiheit haben den Untergang der Albigenser mit unverlöschlicher Glorie geschmückt und Innocenz mit einem dauernden Urteil gestraft. Wenn auch im Leben der Völker der geschichtlichen Notwendigkeit Opfer fallen müssen, so ist doch das Los, ihr Vollstrecker zu sein, nicht beneidenswert. Es ist freilich nicht schwer, die Frage zu beantworten, welche Gestalt unsere Kultur würde angenommen haben, wenn im XIII. Jahrhundert der Häresie und allen ihren manichäischen Ausartungen volle Freiheit wäre gegeben worden. Der Grundsatz der Gewissensfreiheit, das höchste Kleinod der menschlichen Gesellschaft, war nicht für jene unreifen Jahrhunderte bestimmte aber er entsprang dennoch siegreich aus den Scheiterhaufen derer, welche die Inquisition gemordet hat, die furchtbare Wächterin der Einheit der Kirche, jene Schreckensmacht, die auf der Höhe der Papstgewalt Innocenz' III. entsprungen ist.

Ein schwärmerisches, aller praktischen Gesellschaft und Kultur todfeindliches Prinzip, vor welchem die Menschen wie vor der Pest zurückbeben, trat damals zum zweitenmal als ein religiöses Ideal in die Welt und begeisterte die frömmsten Gemüter. Die Doktrin von der vollkommenen Armut als der wahren Nachfolge Christi bildete den dogmatischen Kern der Ketzersekten jener Zeit, von denen die Armen von Lyon oder die Waldenser der Kirche besonders gefährlich wurden. Denn diese asketische Lehre machte den Eindruck apostolischer Wahrheit und bot den Feinden der päpstlichen Monarchie eine schneidende Waffe dar. Im Angesichte des Pomps, des Reichtums und der unapostolischen Macht derselben erwachte die Sehnsucht nach den Idealen des Christentums, und die evangelischen Ketzer stellten dessen reines Urbild einer mißgestalteten Wirklichkeit entgegen. Das Papsttum würde im Kampfe wider ein um sich greifendes Gefühl von der Reformationsbedürftigkeit der Kirche in die äußerste Gefahr geraten sein, wenn diese nicht das Bedürfnis der christlichen Entsagung in sich selbst wieder zu finden und als eigenen katholischen Gedanken zu erzeugen vermochte. Es erhoben sich aus ihrer Mitte zur rechten Stunde zwei merkwürdige Menschen als Apostel derselben Armut, und sie erfüllten die Kirche mit neuer Kraft. Neben Innocenz III. stellten sich Franziskus und Dominikus, berühmte Charaktere jener Zeit. Ihr Verhältnis zur Kirche hat die Legende in einem Traumgesicht des Papsts dargestellt, worin er zweimal den einfallenden Lateran von zwei unscheinbaren Männern stützen sah, in welchen er sodann erwachend jene Heiligen erkannte. Das plötzliche Erscheinen dieser beiden Menschen, ihr legendäres Dasein, ihre Wirksamkeit mitten unter den praktischen Kämpfen der Welt, ihr ganz erstaunlicher Einfluß sind in der Geschichte der Religion wahrhafte Phänomene.

Der liebenswürdigste der Heiligen, Franziskus, war der Sohn eines Kaufherrn in Assisi, wo er um 1182 geboren wurde. Schwärmerische Andacht ergriff ihn mitten unter einem üppigen Leben als Jüngling, so daß er schöne Gewänder, Gold und Habe von sich warf und sich weltverachtend in Lumpen hüllte. Man verhöhnte ihn, man nannte ihn wahnsinnig. Aber nach einiger Zeit hörten andächtige Scharen auf seine wunderbare Beredsamkeit, und von ihm berauschte Jünglinge folgten seinem Beispiel, während er selbst in der Kapelle Portiuncula bei Assisi ein Vereinshaus gründete. Der Ruf Christi aus dem Munde eines bettelhaften Apostels: »Wirf was du hast von dir und folge mit nach,« schallte auf den Straßen unter Enthusiasten der Armut wider, welche dieses Gebot buchstäblich zu erfüllen eilten. Der rätselhafte Zudrang zu einem mystischen Bruderbunde, dessen Grundsatz die Besitzlosigkeit, dessen Lebensunterhalt das Almosen und dessen Schmuck das Bettlerkleid war, ist eine der seltsamsten Tatsachen des Mittelalters, welche jeden ernsten Geist zum Nachsinnen über die wichtigsten Fragen der Gesellschaft bewegen muß. Es war nicht Empörung über die zu ungleiche Verteilung der Güter der Erde, was jene umbrischen Idealisten entflammte. Sie wurden Zyniker und Kommunisten nicht aus philosophischer Spekulation, sondern aus einem religiösen, die damalige Menschheit krankhaft bewegenden Triebe. Wenn der seraphische Visionär auf der scharfen Grenzscheide zwischen Licht und Dunkel ein gewöhnlicher Geist gewesen wäre, so würde er sich als Eremit aus der Welt verloren haben; aber Franziskus war wie Buddha eine liebeselige, begeisterte Natur, darum zog er die Menschen mit Macht an sich. In diesem Propheten war ein geniales Anschauen der Gottheit, welches ihn in andern Epochen zum Religionsstifter würde gemacht haben. In seinen Tagen konnte er nur einer der Heiligen der Kirche werden, ein schon im Leben unter Legenden wandelndes Nachbild von Jesu, dessen Wundenmale seine Jünger an ihm wollten gesehen haben. Seine Anhänger stiegen nicht in den Abgrund eines dichterischen Gemüts hinab, dessen überirdische Ekstase unerfaßbar war; sie gaben einem Reich tiefsinniger, jenseits der Welt schwebender Entzückungen eine rohe äußerliche Gestalt; sie forderten die Erhebung eines enthusiastischen Daseins in der Freiheit der Seele zu einem geregelten Mönchsstaat, worin die Armut als mystische Königin unter Hymnen singenden Bettelbrüdern auf einem goldenen Throne saß. Diese Jünger konnten indes die menschliche Gesellschaft nicht reformieren, denn die Entbehrung ist erfinderisch und revolutionär, aber die Armut ohne sie kein reformatorisches Prinzip. Sie trieben ihren Heiligen, der kein Theoretiker, sondern ein naives Kind Gottes war, dazu an, ein Gesetzgeber zu sein. Die Kirche untersagte die Gründung neuer Regeln, weil der Mönchsorden schon zu viele waren und alle verweltlicht und abgenutzt; daher wurde es Franziskus oder seinen Jüngern nicht leicht, durchzudringen. Er fand jedoch in Rom mächtige Freunde, die edle Jacoba de Septemsoliis vom Haus der Frangipani, den reichen Kardinal Johann Colonna, den Kardinal Hugolinus, seinen eifrigsten Beschützer, nachmals Papst Gregor IX., ferner den hochangesehenen Mattheus Rubeus Orsini. Innocenz, der Mann des großen praktischen Verstandes, erkannte die Bedeutung des entstehenden Bettlerordens nicht. Ahnte er vielleicht die Gefährlichkeit eines Prinzips, welches der weltlichen Macht der Kirche entschieden feindlich war? Es gibt keine größeren Gegensätze als die Gestalten des in weltherrlicher Majestät thronenden Innocenz III. und des demutsvollen Bettlers Franziskus, welcher, ein Diogenes des Mittelalters vor Alexander, vor jenem dastand, in seinem Nichts größer als er, ein Prophet und Mahner, ein Spiegel, worin die Gottheit diesem Papst die Nichtigkeit aller Weltgröße zu zeigen schien. Innocenz und der heilige Franz sind in Wahrheit zwei wundervolle Bilder auf den Kehrseiten ihres Zeitgepräges. Der große Papst stellte übrigens dem Heiligen keine Hindernisse in den Weg. Aber erst sein Nachfolger Honorius III. anerkannte den Orden der Fratres minores (Minoriten oder Geringe Brüder) im Jahre 1223 und gab ihm unter der Benediktiner-Regel die Befugnis der Kanzel und des Beichtstuhls.

Die erste Niederlassung der Franziskaner zu Rom im Jahre 1229 war das Hospital S. Blasio, heute S. Francesco in Trastevere; hierauf übergab ihnen Innocenz IV. im Jahre 1250 das Kloster S. Maria in Aracoeli, aus welchem die Benediktiner entfernt wurden. Auf das alte Kapitol zogen triumphierende Bettelbrüder ein, in der braunen Kutte, den weißen Strick um den Leib, und von der Spitze der tarpejischen Burg, in dem fabelhaften Palast des Oktavian, gebot ein barfüßiger Bettlergeneral, dessen Befehle in dienstbaren »Provinzen« gehört wurden, die sich wie zu Römerzeiten vom letzten Britannien bis an die Meere Asiens erstreckten.

Als der Heilige von Assisi in Umbrien mit seinen begeisterten Bettlern umherwanderte wie Jesus mit armen Fischern und Handwerkern im Tale Genezareth, ahnte er nicht, daß an den Ufern der Garonne ein anderer Apostel ähnlichen Einfluß gewann. Der Kastilianer Dominikus von Calahorra, der gelehrte Schüler des Bischofs Diego de Azevedo, faßte im Jahre 1205 auf einer Reise in Südfrankreich den Gedanken, sein Leben der Bekehrung jener kühnen Ketzer zu widmen, welche die Kirche mit evangelischen Idealen bekämpften. Franziskus und Dominikus waren Dioskuren, aber im Innersten der Charaktere voneinander verschieden. Der liebevolle Enthusiast von Umbrien predigte unter Bettlern, hielt mit Bäumen und Vögeln Zwiegespräche und richtete Hymnen an die Sonne, während Dominikus, von Leidenschaft glühend wie jener, doch ganz wirklich und tatkräftig über die praktischen Mittel, die Ketzerei auszurotten, mit den düsteren Helden des Albigenserkrieges sich beriet, dem Bischof Fulco von Toulouse, dem Abt Arnold von Citeaux, dem Legaten Pier von Castelnau und dem schrecklichen Simon von Montfort. Er war Zuschauer des Untergangs eines edlen Volks; er sah die rauchenden Trümmer von Béziers, wo auf den fanatischen Wink Arnolds 20 000 Menschen gemordet wurden; er betete verzückten Geistes in der Kirche zu Maurel, als Simon mit seinen Kreuzesrittern das Heer Peters von Aragon und der Grafen von Toulouse zersprengte. Mitten unter diesen Greueln, vor denen Franziskus würde zurückgeschaudert haben, fühlte der fanatische Spanier nichts als heiße Liebe zur Kirche, nichts als inbrünstige Demut, und er besaß keine andere Leidenschaft als den Trieb, Menschen von Ansichten zu bekehren, die er für frevelhaft hielt. Die Anfänge seines Ordens liegen in dem Frauenkloster Nôtre Dame de Pruglia am Fuße der Pyrenäen und in Vereinen zu Montpellier und Toulouse.

Er ging nach Rom im Jahre 1215. Er wohnte hier dem großen Konzile bei, auf welchem die Toulouser Grafen gezwungen wurden, ihre Länder dem Eroberer Simon abzutreten. Innocenz durchschaute die praktische Absicht des feurigen Predigers gegen die Ketzerei klarer als den geheimnisvollen Sinn der mystischen Träume des Franziskus. Nach einigem Bedenken war er geneigt, den neuen Orden unter der augustinischen Regel anzuerkennen, und nur der Tod hinderte ihn daran. Bald darauf gab ihm Honorius III. die Bestätigung am 22. Dezember 1216, als Dominikus wieder in Rom war. Er erteilte den Predigerbrüdern ( Fratres praedicatores) das Recht der Seelsorge und Predigt in allen Ländern. Auch in diesem Orden war die Armut ein Hauptgesetz, Predigt und Lehre die Aufgabe, und bald genug machte er sich dadurch furchtbar, daß er die Inquisition, erst neben den Franziskanern, dann allein in die Hände nahm. Die ersten Häuser der Dominikaner in Rom waren seit 1217 das Kloster St. Sixtus auf der Via Appia und seit 1222 die alte schöne Kirche S. Sabina auf dem Aventin, wo die Mönche noch heute das Lokal zeigen, welches ihr Stifter bewohnt haben soll. Dominikus starb in Bologna am 6. August 1221. Er wurde dort in der Kirche seines Namens in einer prachtvollen Urne begraben, welche die erwachende Bildhauerkunst Italiens mit den ersten Blüten ihres Genies geschmückt hat.

Die beiden Patriarchen des bettelnden Mönchtums, die zwei strahlenden Leuchter auf dem Berge, wie die Sprache der Kirche sie nennt, waren neben Innocenz III. die Apostel der neuen kirchlichen Weltherrschaft, wie einst der Mönch Benedikt neben dem Papst Gregor. Wenn frühere Ordensstifter Einsiedeleien oder Abteien gründeten, wo die Mönche ein kontemplatives Leben führten, während die Reichtümer aufhäufenden Äbte als Reichs- und Lehnsfürsten über Vasallen geboten, so verwarfen Franziskus und Dominikus ein System, durch welches das römische Institut verweltlicht worden war. Ihre Reform bestand in der Rückkehr zum Ideal entsagender Armut, aber auch in der Abwendung von einer bloß eremitischen Lebensweise. Das neue Mönchtum stellte sich mitten in den Städten unter das Gewühl des Volks; es nahm selbst Laien in der Form der Tertiarier auf. Dieses vielgeschäftig praktische Verhältnis der Bettelorden zu allen Richtungen des Lebens gab ihnen eine unermeßliche Kraft. Jene alten Orden waren aristokratisch und feudal geworden; Franziskus und Dominikus demokratisierten das Mönchtum, und darin lag ihre volkstümliche Macht. Die Doktrinen der Ketzer, der demokratische Geist in den Städten, das Empordrängen der Arbeiterklassen und aller vulgären Elemente selbst in der Sprache hatten den Boden für die Erscheinung jener Heiligen bereitet. Ihre Lehren wurden wie populäre Offenbarungen aufgenommen und wie Reformen der Kirche betrachtet, wodurch die gerechten Anklagen der Ketzer zum Schweigen gebracht werden konnten. Das gedrückte Volk sah die verachtete Armut auf einem Altar erhöht und in die Glorie des Himmels gestellt. Der Zudrang zu den neuen Orden war daher sehr groß. Schon im Jahre 1219 konnte Franziskus auf einer General-Versammlung zu Assisi 5000 Brüder zählen, welche seiner Ordensfahne folgten. Die Errichtung von Bettelklöstern wurde bald in den Städten eine so wichtige Angelegenheit, wie es heute etwa die Anwendung einer das Leben umgestaltenden Erfindung ist. Reiche und Geringe traten dort ein, und Sterbende jedes Standes ließen sich mit der Kutte des heiligen Franziskus bekleiden, um sicher ins Paradies einzugehen.

Die Bettelbrüder beeinflußten alle Schichten der Gesellschaft. Sie verdrängten die Weltgeistlichen von den Beichtstühlen und Kanzeln; sie besetzten die Katheder der Universitäten; die größten Lehrer der Scholastik, Thomas von Aquino, Bonaventura, Albertus Magnus, Bacon, waren Bettelmönche. Sie saßen im Kollegium der Kardinäle und bestiegen als Päpste den Heiligen Stuhl. Ihre Stimme flüsterte in der stillsten Familienkammer in das Gewissen des Bürgers und am glänzendsten Hof in das Ohr des Königs, dessen Beichtiger und Räte sie waren; sie erscholl in den Sälen des Lateran wie in den stürmischen Parlamenten der Republiken. Sie sahen und hörten alles. Sie wanderten wie die ersten Jünger »ohne Stab, ohne Sack, ohne Brot, ohne Geld« und barfüßig durch das Land; aber diese Bettlerscharen waren zugleich in Hunderten von Klöstern nach Provinzen organisiert und von einem Minister-General befehligt, auf dessen Gebot jeder einzelne Bruder bereit war, ein Missionar zu sein und ein Märtyrer, ein Kreuz- und Bannprediger, ein Friedensrichter, ein Truppenwerber für den Papst, ein Ketzerrichter und Inquisitor, ein verschwiegener Bote und Kundschafter und ein sehr hartnäckiger Zöllner oder Eintreiber von Ablaßgeldern und Zehnten für die Kasse des Lateran,

Die römische Kirche bemächtigte sich mit Klugheit der demokratischen Richtung dieser Orden, welche ihren Zusammenhang mit dem Volk vermittelten, während sie sich durch Exemtionen der Aufsicht der ordentlichen Geistlichkeit ganz entzogen. Die Päpste machten aus ihnen immer kampffertige Heere, deren Unterhalt sie nichts kostete. Die Grundsätze von der göttlichen Gewalt des Papsttums wurden von diesen Bettelmönchen auf tausend Wegen in das Vorstellen der Menschheit geleitet, deren Gemüt durch Gewissensangst und Schwärmerei, durch Wohlwollen, Hingebung und Aufopferung zum duldenden Gehorsam unter die Gebote des unfehlbaren Papsts gebeugt ward. Die demokratische Natur der Franziskaner war indes schwer zu beherrschen; ihre Mystik drohte in Häresie auszuarten, und das apostolische Prinzip der Armut brachte der Kirche mehr als einmal Gefahr. Der Orden spaltete sich schon nach dem Tode des Stifters, denn eine mildere, von Fra Elia, dem angesehensten Schüler des Heiligen, geführte Partei forderte die Gestattung des Gütererwerbs unter gewissen Bedingungen. Das Gebot bettelhafter Armut überstieg die Gesetze der menschlichen Natur, welche ihre persönliche Lebens- und Willenskraft praktischerweise nur in Besitzesverhältnissen ausdrücken kann. Die Meisterhand Giottos stellte zwar die Vermählung des Heiligen mit der verklärten Armut in einem entzückenden Gemälde über dessen Grabe in Assisi dar, doch der große Stifter des Bettelordens ruhte schon in einem von Gold und Marmor funkelnden Dom. Seine Bettelkinder erfreuten sich bald begüterter Klöster in aller Welt; die Armut blieb draußen vor dem Klostertor.

Jedoch eine strengere Partei erhob sich aus der Asche des frommen Heiligen mit schwärmerischer Glut. Sie behauptete den Grundsatz absoluter Besitzlosigkeit gegen ihre gemächlicheren Brüder und die weltherrliche Kirche selbst. Das Evangelium dieser Sekte vom heiligen Geist oder der Spiritualen waren die Prophezeiungen des kalabrischen Abts Joachim von Fiore, welcher die bisherige Kirche nur als eine Vorstufe für das Reich des heiligen Geistes hielt; und jene tiefmütigen Mönche hatten die kühne Meinung, daß Franziskus an die Stelle der Apostel und daß ihr mönchisches Reich an die Stelle des päpstlichen getreten sei, um das verkündigte Zeitalter des heiligen Geistes zu beginnen, der an keine Form, an kein Regiment, an kein Mein und Dein gebunden sei.

Die Geschichte der Kirche und der Kultur kennt den Einfluß der Franziskaner und Dominikaner auf die menschliche Gesellschaft; doch wir dürfen weder ihre anfangs rühmliche Tätigkeit, noch den tiefen Verfall ihres Ideals oder die Fesseln stumpfsinniger Verknechtung zeigen, welche sie später der Freiheit des Denkens und der Wissenschaft angelegt haben, noch von den Folgen reden, die ein feierlich anerkanntes Prinzip des Bettlertums auf Vermögen und Arbeitskraft der bürgerlichen Gesellschaft ausgeübt hat.

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