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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 24
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Leo I. stirbt 461. Seine Stiftungen in Rom. Das erste Kloster beim St. Peter. Die Basilika St. Stephan an der Via Latina; ihre Auffindung im Jahre 1857. Hilarus Papst, Severus Kaiser. Anthemius Kaiser. Sein Einzug in Rom. Weihgeschenke des Hilarus.

In demselben Jahre starb am 10. November auch der Papst Leo nach einem rühmlichen Pontifikat von einundzwanzig Schreckensjahren; ein großer Priester, dessen Andenken den Römern mit Recht heilig ist; legendärer Retter der Stadt vor Attila, Milderer des Elends in der Plünderung durch Geiserich, kühn, klug und willensstark, beredt und gelehrt, ein wahrer Bischof und der erste große Papst überhaupt in der Geschichte der römischen Kirche. Er überwand mit schonungsloser Strenge die Manichäer, die Priszillianer und Pelagianer, und auf der Synode in Chalkedon (im Jahre 451), wo zum erstenmal die Legaten Roms den Vorsitz führten, die monophysitische Ketzerei des Eutyches. Er unterwarf die widerspenstigen Bischöfe Illyriens und Galliens dem Primat St. Peters, welcher durch ihn eigentlich als Doktrin begründet und durch kaiserliches Edikt bestätigt ward. Auf seinen Schriften (die Sammlung seiner Predigten und Briefe ist groß) ruht noch ein Abglanz der Zeit eines Hieronymus, Augustin und Paulinus, welcher in den Werken seiner Nachfolger nicht mehr zu erkennen ist. Leo war der erste Papst, der in der Vorhalle des St. Peter beigesetzt wurde, und die dankbare Kirche gab dem Gründer der dogmatischen Suprematie des Apostolischen Stuhls den Namen des Großen.

In Rom erhielt sich kaum ein Denkmal von ihm. Nach der vandalischen Plünderung bemühte er sich, die Verluste der Kirchen herzustellen; er schmückte die Tribunen im Lateran, in St. Peter und St. Paul; er stiftete im Vatikan das erste Kloster St. Johann und Paul. Wenn dieser eifrige Bischof das Mönchtum zu vermehren schien, so steuerte er doch der Ehelosigkeit in der schon zu sehr entvölkerten Stadt durch sein Gebot, daß keine Jungfrau vor ihrem vierzigsten Jahre den Schleier nehmen dürfe. Dem Bischof Cornelius zu Ehren baute er im Coemeterium des Calixtus auf der Via Appia eine Basilika, und seine fromme Freundin Demetrias vom anicischen Geschlecht schenkte ihm ihr schönes Landgut bei der Via Latina, drei Millien vor dem Tor, um dort St. Stephan eine Kirche zu errichten. In späteren Pilgerbüchern wird sie genannt; sie verschwand im Mittelalter, und es war erst am Ende des Jahres 1857, daß man bei Nachgrabungen an der Via Latina auf die Spuren einer Basilika stieß; eine Marmorinschrift hat bezeugt, daß die verschollene Kirche Leos aufgefunden ist.

Der Sarde Hilarus bestieg im November 461 den Stuhl Petri, und den Thron des Cäsaren nahm der Lucaner Libius Severus ein, die Kreatur Rikimers. Seine inhaltlose Regierung dauerte vorn 19. November 461 bis zum Herbst 465, wo der allmächtige Minister seiner überdrüssig geworden war. Gestützt auf das Heer germanischer Söldner und auf unermeßliche Reichtümer, von bereitwilligen Geschöpfen umgeben, gefürchtet und gehaßt, regierte jetzt Rikimer fast zwei Jahre lang allein; er usurpierte die Rechte der kaiserlichen Gewalt, aber er wagte dennoch nicht, mit einem Gewaltstreich dem Reich der Römer ein Ende zu machen und den ihm vom Kaiser verliehenen Titel des Patricius mit dem des Königs zu vertauschen. Vielmehr gab in diesem Todeskampfe des Reichs der Senat noch Zeichen von patriotischem Mut. Die Körperschaft der Väter Roms hielt noch als einzige Stütze den zerfallenden Staat zusammen; es gab noch Männer vom höchsten Ansehen, welche, wie Gennadius Avienus und Caecina Basilius, »in dem erlauchten Chor der Senatoren nächst dem bepurpurten Herrscher als Fürsten gelten konnten«. So sagt Sidonius, aber er fügt hinzu, »wenn man die Prärogative des Heers nicht berücksichtigt«. Offenbar setzte der Senat Rikimer lebhaften Widerstand entgegen, und diesen konnte der Fremdling um so weniger brechen, als die römische Regierung an Kaiser Leo I. einen mächtigen Beschützer gefunden hatte. Die unrettbare Auflösung des westlichen Reichs, dessen außeritalische Provinzen germanische Völker, Burgunder, Franken, Westgoten und Vandalen dauernd in Besitz nahmen, während das geschändete Rom in immer tiefere Ohnmacht fiel, machte jetzt Konstantinopel zum wahren Haupt des Reichs. Die besseren Kaiser dort fühlten wohl die Pflicht, die Einheit und Unteilbarkeit desselben aufrecht zu halten, indem sie das sinkende Italien als Provinz des Imperium betrachteten und die Germanen hinderten, sich dort zu Herren aufzuwerfen. Die römische Nationalpartei selbst rief den griechischen Kaiser zum Schutze der legitimen Reichsgewalt auf.

Nach dem Tode des Severus blieb der römische Thron länger als ein Jahr unbesetzt, und Rikimer mußte nicht nur zugeben, daß der Senat wegen der Erhebung eines neuen Kaisers mit Leo unterhandelte, sondern auch die Wahl eines Griechen sich gefallen lassen. Er wurde durch das Versprechen beschwichtigt, die Tochter des neuen Augustus zur Gemahlin zu erhalten. Der Neugewählte war Anthemius, einer der ersten Senatoren des Morgenlandes, Gemahl der Euphemia, einer Tochter des Kaisers Marcian. Mit feierlichem Gepränge und einem heergleichen Gefolge entsandte Leo seinen Schützling nach Rom. Hier empfingen ihn drei Millien vor dem Tor, an dem unbekannten Ort Brontotas, Senat, Volk und Heer, und er nahm daselbst am 12. April 467 die kaiserliche Würde an. Dann zog er in die Stadt ein, welche den griechischen Prinzen erwartungsvoll und willig aufnahm. Rikimer selbst feierte bald darauf mit der kaiserlichen Prinzessin seine Vermählung, welcher Sidonius, damals in der Eigenschaft eines Redners der gallischen Provinzen, beiwohnte. Die Stadt schwamm in einem Meer von Wonne, wie sich der Hofpoet heute ausdrücken würde; in allen Theatern, Speisemärkten, Prätorien, Foren, Tempeln und Gymnasien wurden feszennische Hochzeitsgedichte deklamiert. Alle Geschäfte ruhten; die Gerichte hatten Ferien; alle ernsten Dinge verloren sich in der allgemeinen Ausgelassenheit der Schauspiele. Selbst das damalige Rom machte auf den Gallier Sidonius noch den Eindruck der Weltstadt; noch in seinem Jahrhundert nannte er sie: die Wohnung der Gesetze, das Gymnasium der Wissenschaften, die Kurie der Würden, den Gipfel der Welt und das Vaterland der Freiheit, in welcher einzigen Weltstadt nur die Barbaren und die Sklaven sich Fremdlinge fühlen. Rom erscheint in dieser Schilderung des gallischen Poeten zum letztenmal in dem Festgewande alter Herrlichkeit; wenigstens erkennen wir, daß noch keine der antiken Anstalten des öffentlichen Wohles und der Lustbarkeit untergegangen war, wenn auch das Leben des Volks sich in immer kleineren Formen darstellte. Sidonius trug am 1. Januar seinen Panegyricus auf Anthemius vor; ein fader Schmeichler, der die Rolle des Claudian schlechter fortsetzte, aber, glücklicher als dieser, für seine schwülstigen Verse mit der Präfektur Roms belohnt wurde. Drei Jahre später zog er es vor, Bischof von Clermont zu werden.

Unter den Festen der Thronbesteigung des Anthemius haben die Geschichtschreiber mit Erstaunen eines hervorgehoben, die heidnische Feier der Luperkalien; denn diese wurde wirklich unter den Augen des Kaisers und des Papsts von den Christen Roms nach altem Gebrauch im Februar begangen. Wir werden sogar noch einige zwanzig Jahre später diesen merkwürdigen Rest des Heidentums in Rom erscheinen und dann in eine christliche Form sich verwandeln sehen. Die römische Priesterschaft fand übrigens Gelegenheit, an der Orthodoxie des neuen Kaisers zu zweifeln; sie entdeckte bei dem Griechen Anthemius häretische Ansichten und unter seinem Gefolge den Ketzer Philotheus; ein dogmatischer Zwiespalt zwischen dem Klerus und dem Kaiser drohte auszubrechen; der Papst forderte die Unterdrückung der byzantinischen Lehren in Rom.

Während sich der Staatsschatz in den von Anthemius betriebenen Rüstungen zum Kriege gegen die Vandalen erschöpfte, verwandte der Papst Hilarus große Summen zur Ausschmückung der Kirchen. Wenn wir dem Katalog seiner Weihgeschenke glauben dürfen, so befand sich die von Kaisern und Privaten immerfort beschenkte Kirche trotz der Plünderungen im Besitz unermeßlicher Goldquellen. Es ist dies wohl begreiflich; die Barbaren beraubten die Kirchen, aber deren Landgüter blieben, und weil diese überaus zahlreich waren, so mangelten die Einkünfte nicht. Die römische Kirche hatte bereits einen Landbesitz erworben, wie ihn nicht im entferntesten weder der Patriarch von Konstantinopel noch der von Alexandrien besaß. Sie war die reichste Kirche der Christenheit. Hilarus stiftete im Lateran, in St. Peter, St. Paul und in S. Lorenzo den kostbarsten Schmuck, mit welchem der vandalische Raub ersetzt wurde, und unsere Phantasie wird durch die Namen oder die Gestalt der Kunstwerke angeregt, uns die Künstler selbst im sinkenden Rom vorzustellen. Nach dem Falle der Götter und der Bildhauer schien sich im V. Jahrhundert die Kunst in die Werkstätten der Juweliere, Erzgießer und Mosaikarbeiter gerettet zu haben. Man machte aus massivem Metall mit barbarischer Überladung Gefäße vielfacher Gestalt, Lampen und Leuchter, goldene Tauben und Kreuze, und schmückte sie mit Edelsteinen; man überzog die Altäre mit Silber und Gold; man zierte die Taufbrunnen mit silbernen Hirschen, stellte über den Konfessionen Bogen von Gold auf, die, von Säulen aus Onyx getragen, ein goldenes Lamm umschlossen. Während demnach Rom verarmte und verfiel, starrten die Kirchen von Schätzen, und das Volk, welches unvermögend war, Heer und Flotte zum Vandalenkriege auszurüsten, sah die Basiliken mit märchenhaftem Schmuck von Gold und Edelsteinen angefüllt.

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