Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 238
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
Schließen

Navigation:

4. Bruch Ottos IV. mit dem Papst. Enttäuschung Innocenz' III. Völlige Verwandlung des Welfenkaisers in einen Ghibellinen. Einmarsch Ottos in Apulien. Der Bannstrahl des Papstes. Die Deutschen rufen Friedrich von Sizilien auf den Thron. Otto IV. kehrt nach Deutschland heim.

Kaum im Besitz der Kaiserkrone, sah sich Otto IV. in einem aufregenden Widerspruch zu den Pflichten, welche er dem Reiche geschworen hatte; zunächst bildeten die mathildischen Güter einen schwierigen Gegenstand der Auseinandersetzung zwischen ihm und der Kirche. Er zog aus seinem Lager bei Rom ab nach Isola Farnese; von hier aus schrieb er dem Papst und bat ihn um eine Zusammenkunft, sei es auch in Rom, wohin er selbst mit Lebensgefahr kommen wolle; jedoch der vorsichtige Innocenz lehnte sie ab und wünschte Unterhandlung durch Abgesandte. Er schickte zu ihm seinen Kämmerer Stephan. Otto rückte dann weiter ins Toskanische. Er ging nach Lucca, nach Pisa und Florenz.

In seinem Lager umgaben ihn nach Lehen begierige Bischöfe und Große, wie Salinguerra, Azzo, Ezzelin und der Pfalzgraf Ildebrandino von Tuszien; bald fand sich auch Dipold von Acerra ein. Otto verwandelte sich unter der Kaiserkrone schnell in einen Ghibellinen. Er nahm die Handlungen seines Vorgängers auf, wo dessen Tod sie abgebrochen hatte. Er wollte alle Besitzungen wieder ans Reich bringen, welche Innocenz der Kirche einverleibt hatte. Er erneuerte die Privilegien Heinrichs, zog dessen Anhänger an sich, vergabte in staufischem Sinne italienische Länder und suchte die vom Papst zerstörten deutschen Lehnsfürstentümer wiederherzustellen. Im Januar 1210 setzte er Azzo von Este in die Mark Ancona mit allen Rechten, welche dort Markward besessen hatte; zugleich belieh er Dipold von Acerra mit dem Herzogtum Spoleto, wie es einst Konrad besaß, und dies war ein Grund mehr, den Papst zu erbittern, da Dipold der entschiedene Feind des jungen Friedrich von Sizilien war. Dem Salinguerra gab Otto die mathildischen Orte Medicina und Argelate, den Lionardo von Tricarico ernannte er zum Grafen der Romagna. Im April hielt er Hoflager in Mailand.

Um den offenbaren Angriffen Ottos in Mittelitalien zu begegnen, suchte Innocenz wieder bei den tuszischen und umbrischen Städten Schutz; Perugia versprach am 28. Februar 1210, das Patrimonium St. Peters zu verteidigen.

Die Täuschung war beschämend und schrecklich. Die langen Anstrengungen des Papsts, einen Welfen auf den Kaiserthron zu setzen, wurden durch sein eigenes Geschöpf verhöhnt. Er klagte, daß er von dem Manne gemißhandelt werde, den er wider den fast allgemeinen Willen erhoben hatte, und daß er nun die Vorwürfe derer erdulde, die sein Schicksal gerecht fänden, weil er sich durch ein von ihm selbst geschmiedetes Schwert verwunde. Die gerechte Strafe läßt sich in der verzweifelten Lage des Papsts nicht verkennen; denn hatte er sich nicht in jenem Reichsprozeß doch zum Haupt einer Partei gemacht?

Die Geschichte Ottos IV. spricht eine unumstößliche Wahrheit aus, welche zugleich die glänzendste Rechtfertigung der Hohenstaufen und aller jener Kaiser ist, die man als Feinde der Kirche mit so glühendem Hasse gebrandmarkt hat. Wenn der erste und einzige Kaiser, welchen die Päpste aus dem Stamm der Welfen zu erheben vermochten, in ihren Händen aus einem gehorsamen Geschöpf augenblicklich in ihren Feind sich verkehrte, so mußte diese Umwandlung durch unbezwingliche Verhältnisse geboten sein. Otto IV. bekämpfte wie nach ihm Friedrich II. mit dem Schwert und dem Edikt die Ketzerei, und niemals griff er in das dogmatische Gebiet der Kirche ein; aber sobald er Kaiser geworden war, erhob er sich gegen den Gründer des neuen Kirchenstaats, den Papst, welcher Italien für sich selbst beanspruchte und unumwunden erklärte, daß er Oberherr auch über das Reich sei. Wenn es den Lobrednern der päpstlichen Ansprüche gelingt, nachzuweisen, daß es die Pflicht der Kaiser war, sich dem Papst zu unterwerfen wie Aragon und England und anzuerkennen, daß dem römischen Bischof alle Monarchen, ja alle Kreatur auf Erden untertan seien: so werden sie jeden Widerspruch verstummen machen. Allein jeder besonnene Richter wird behaupten, daß die vernunftgemäßen Grenzen zwischen Kirche und Reich seit Gregor VII. durch ein übertriebenes Ideal vom Papsttum verschoben wurden und der immer wiederkehrende Streit nur der notwendige Kampf um die Herstellung des Gleichgewichts zwischen beiden Gewalten gewesen ist. Die Päpste strebten nach der europäischen Herrschaft erst aus einem moralischen Prinzip; aber weil das Moralische alle praktischen Verhältnisse der Gesellschaft tief durchdrang, so kam das Zivilrecht überhaupt in Gefahr, von dem Kirchenrecht verschlungen zu werden, und drohte das Priester-Tribunal auch zum politischen Richterstuhle zu werden. Die Kaiser erhoben sich im Namen der Unabhängigkeit des Reichs und seiner Gesetze gegen die römische Hierarchie. Sie faßten die Ideen von der Säkularisation der Kirche immer wieder auf, weil sie der Fortbestand des Reiches zu fordern schien; und sie griffen die kirchliche Übermacht immer wieder an ihrer Achillesferse, dem weltlichen Besitze, an. Sie waren konservativ, weil sie für das Dasein des Imperium kämpften, und die Päpste erschienen ihnen als Neuerer und revolutionär. Man mag es als eine Verblendung beklagen, daß sie nicht auf Italien noch auf den päpstlichen Staat zu verzichten vermochten, aber dieser fatale Irrtum floß aus der Idee des Reichs, welche so hartnäckig blieb, daß sie dieses Reich selbst überlebte, und endlich wurde er durch die Eingriffe des Papsttums in die Reichsgewalt und das Kronrecht beständig genährt.

Den Meineid Ottos IV. wird jedes Urteil verdammen; seine Schuld wird jeder Richter durch den tragischen Konflikt erklären, in welchen er durch sein Gelöbnis an das Reich und durch sein Konkordat mit der Kirche geriet. Ich habe geschworen, so sprach später dieser unglückliche Fürst, die Majestät des Reiches zu wahren und alle Rechte, die es verlor, wieder an mich zu nehmen; ich habe den Bann nicht verdient; ich taste die geistliche Gewalt nicht an; ich will sie vielmehr schützen; aber als Kaiser will ich alles Weltliche im ganzen Reiche richten. So sprach freilich nur ein Kaiser, der kein Heinrich III., kein Barbarossa, kein Heinrich VI. mehr war, sondern welcher das päpstliche Schiedsgericht über das Reich anerkannt, um die Stimme des Lateran geworben und dem Papst urkundlich Rechte abgetreten hatte, die er nun wider das Recht zurücknahm. Dies war seine Schwäche, sein Verdammungsurteil und sein notwendiger Fall. Innocenz, welcher mit römischer Kunst über den Welfenfürsten ein Netz von Verträgen geworfen hatte, steht wenigstens dem Kaiser Otto IV. gegenüber gerechtfertigt da.

Vielleicht würde dieser minder schnell auf seiner neuen Bahn vorgeschritten sein, wenn ihn nicht die glänzende Huldigung der lombardischen Städte verblendete und das Geschrei der Großen aufreizte. Während des Interregnum hatten Herren und Städte hier ehemalige Rechte des Reichs, dort Kirchengüter, dort mathildische Besitzungen an sich genommen; die Verwirrung war grenzenlos, die Unterscheidung daher oft ganz unmöglich. Die Ghibellinen ermunterten Otto zur Kühnheit; sie wünschten die Zersprengung des neuen Kirchenstaats und den Umsturz der päpstlichen Herrlichkeit in Sizilien. Dipold und Peter von Celano forderten den Welfenkaiser auf, die Rechte des Reichs dort herzustellen, und sie liehen ihm ihre Waffen gegen Heinrichs VI. Sohn. Den legitimen Erben des staufischen Hauses mußte Otto unschädlich machen, wenn er seinem eigenen Hause die Zukunft sichern wollte. Er zog zunächst im August nach Tuszien und besetzte hier alle Lande, welche zum mathildischen Erbe gehörten. Einige Städte wie Radicofani und Aquapendente und auch Montefiascone wurden erstürmt, das Gebiet Viterbos verheert, gleich dem von Perugia und Orvieto. Jetzt huldigte ihm auch derselbe Präfekt von Vico, welcher zum Lehnsmann des Papsts geworden war. Otto entschloß sich, endlich in Apulien, das Königreich des jungen Friedrich, einzurücken; er brach im November von Rieti auf, zog ins Marsische durch Sora, die Grafschaft Richards, und weiter nach Kampanien. In Capua schlug er die Winterlager auf.

Als Otto IV. Sizilien, das wichtigste Lehen der Kirche, offenbar wie ein Reichsland betrachtete und wieder zum Reiche zu ziehen beschloß, bannte ihn der Papst am 18. November 1210, nur ein Jahr nach der Kaiserkrönung. Von Zorn empört zerschlug er sein eigenes Geschöpf wie ein mißratenes Idol. Die Krone, die er dem Welfen aufgesetzt hatte, wollte er um jeden Preis wieder von dessen Haupte reißen – dies sind Vorgänge so reich an politischen wie persönlichen Widersprüchen, an Verwicklungen und feinen Kunstgriffen, daß sie zu den denkwürdigsten in der Geschichte überhaupt gehören.

Otto IV. ließ sich durch kein Bedenken, auch nicht durch fortgesetzte Unterhandlungen des Papsts, mehr hindern, Süditalien zu unterwerfen. Im folgenden Jahre ergaben sich ihm fast alle Städte, selbst Neapel. Er rückte bis Tarent vor. Die Sarazenen in Sizilien erwarteten ihn, und pisanische Schiffe standen bereit, seine Truppen auf die Insel zu führen. In Rom, welches er so eng absperren ließ, daß weder Boten noch Pilger dorthin gelangten, unterhielt er Verbindungen. Der Stadtpräfekt Petrus war zu ihm übergetreten; die mißvergnügte Partei schloß sich begierig dem Kaiser wieder an. Man gab Innocenz Schuld, der Urheber allen Zwiespalts im Reiche zu sein; man schmähte ihn als treulos und widerspruchsvoll, weil er zuerst für Otto Partei genommen habe und jetzt ihn verfolge. Als er einst vor den Römern eine erbauliche Predigt hielt, erhob sich der alte Volksführer Johann Capocci und rief: dein Mund ist wie Gottes Mund, aber deine Werke sind wie Werke des Teufels.

Indes die Herrschaft Ottos wankte schon jenseits der Alpen. Fanatische Mönche durchzogen Deutschland als Emissare der Rache des Papsts, und seine Legaten untergruben des Kaisers Thron. Kaum war dort der Bann bekannt geworden, so erhob sich gegen ihn eine starke Partei. An dieselben deutschen Fürsten, bei welchen er vor wenig Jahren so nachdrucksvoll für Ottos Erhebung gewirkt hatte, und auch an den schadenfrohen König Frankreichs schrieb Innocenz peinvolle Briefe, in denen er seinen Irrtum gestand und sein Geschöpf verwarf. Dies war die tiefe und gerechte Demütigung des herrschsüchtigen Priesters. Nun berief er selbst den jungen Friedrich auf den Thron, von welchem er ihn bisher mit so kalt erwogener Politik grundsätzlich ausgeschlossen hatte. Doch dies war wenigstens die Genugtuung für sein Rachegefühl, daß er den Prätendenten zum Sturze Ottos bereit hatte. Ein Teil der deutschen Fürsten erklärte zu Nürnberg den Kaiser für abgesetzt und berief Friedrich von Sizilien auf den Thron. Dies zwang Otto, im November 1211 Apulien zu verlassen und nach Norditalien zu gehen, wo bereits mehrere Städte ihn nicht mehr anerkannten und der Markgraf Este sich an die Spitze einer gegen ihn gerichteten Liga gestellt hatte. Schon im Frühjahr 1212 kehrte er nach Deutschland heim.

 << Kapitel 237  Kapitel 239 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.