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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 237
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Umschwung in Deutschland zu Gunsten Philipps. Dessen Unterhandlungen mit dem Papst. Die Ermordung König Philipps. Die Anerkennung Ottos als König in Deutschland. Ottos IV. Romfahrt und Kaiserkrönung. Kampf in der Leonina.

Das Glück der Waffen und die öffentliche Meinung wandten sich indes in Deutschland Philipp zu. Recht, Einsicht und Vorteil siegten über eine engherzige und unnationale Politik. Mehrere Reichsfürsten, bisher die hartnäckigsten Widersacher der Hohenstaufen, unterwarfen sich oder fielen von der welfisch-englischen Partei ab.

Am 6. Januar 1205 wurde Philipp, neu gewählt und auch von den niederrheinischen Fürsten anerkannt, in Aachen vom Erzbischof Adolf von Köln auf derselben Stelle gekrönt, wo dieser Prälat einst Otto die Krone aufgesetzt hatte. Der Widerspruch des Papsts war jetzt das einzige Hindernis für die allgemeine Anerkennung des Hohenstaufen auf dem Thron. Innocenz lehnte es nicht mehr ab, mit Philipp wegen eines Friedens im Reich zu unterhandeln, und der König antwortete ihm durch ein ausführliches Schreiben. Dieser merkwürdige Brief, die Rechtfertigung aller Handlungen Philipps, trägt den Stempel aufrichtiger Versöhnlichkeit und unverfälschter Wahrheit. Die Erklärung, sich in allem, was ihm die Kirche zur Last lege, dem Spruch der Kardinäle und Fürsten unterwerfen zu wollen, dasjenige aber, was das Reich dem Papst zur Schuld anrechne, aus religiöser Ehrfurcht auf sich beruhen zu lassen, machte den günstigsten Eindruck. Die katholische Gesinnung des Hohenstaufen bezeugten in Rom selbst der Patriarch von Aquileja und andere Boten, welche neue Vorschläge an den Papst brachten. Was Innocenz in dem Kronstreit bezweckte, seine richterliche Einmischung in ein von allen Parteien anerkanntes päpstliches Recht zu verwandeln, sah er schon erreicht; denn auch Philipp beugte sich aus Not vor ihm, wie es Otto getan hatte. Der Umschwung in Deutschland nötigte Innocenz, einzulenken und sein Verhalten als Staatsmann den Umständen anzupassen. Sein Verkehr mit Philipp setzte ihn bereits dem Vorwurf der Zweideutigkeit aus, wie ihn einst Gregor VII. in ähnlichen Verhältnissen erfahren hatte. Noch im Anfang des Jahrs 1206 tadelte er Johann von England und die britischen Großen, daß sie Otto nicht hinreichend unterstützten; er ermahnte diesen selbst noch immer zur Ausdauer, die deutschen Fürsten, ihm Beistand zu leisten. Aber seit der Mitte 1206 und dem Falle Kölns im August wurden die Unterhandlungen mit Philipp lebhafter. Der siegreiche Hohenstaufe erklärte sich bereit, seinem Gegner einen Waffenstillstand zu bewilligen, welchen Innocenz vor allem begehrte. Im Sommer 1207 kamen hierauf die Kardinallegaten Ugolino und Leo nach Deutschland, den Frieden zwischen den beiden Prätendenten zu vermitteln, was freilich nicht gelang. Indem aber Philipp, ein Mann von mehr Güte als wirklicher Herrscherkraft, sich Bedingungen unterwarf, die ihm in Kirchensachen gestellt wurden, wurde er zur tiefen Bestürzung Ottos durch jene Legaten vom Banne gelöst. Für die Verhältnisse Italiens war es von Bedeutung, daß Fürsten dieses Landes von Philipp, sogar noch vor dessen Absolution, Lehnsbriefe empfangen hatten. Schon im Frühling 1208 trat er als römischer König auf, forderte von toskanischen Städten, zu denen er Wolfger von Aquileja als seinen Legaten gesendet hatte, die Rechte des Reichs, welche sie während des Interregnum an sich gerissen hatten und wurde darin durchaus anerkannt.

Sein Sieg über Otto war entschieden auch beim Papst; nur blieb die Auseinandersetzung wegen der Kaiserrechte, wie die Bestätigung der Erwerbungen der Kirche in Mittelitalien, die schwierigste Aufgabe für die beiderseitigen Gesandten. Philipp, der die mathildischen Güter und Toskana als Herzog besessen hatte, mußte sich sträuben, die Rechte des Reichs so schmachvoll preiszugeben, wie Otto es getan hatte. Ob er auch damals den Antrag wiederholte, seine königliche Tochter einem Neffen des Papsts, dem Sohne des Emporkömmlings Richard, zu vermählen und ihr als Heiratsgut die streitigen Länder Toskana, Spoleto und Ancona zu überliefern, ist fraglich. Im Jahre 1205 war ein solches Versprechen gegeben worden; aber dem Ehrgeiz des ersten Papsts, der seinem Nepoten ein Fürstentum stiftete, lag es näher, solche Forderungen zu stellen, als dem Könige, ihm damit entgegenzukommen. Der wahre Inhalt seiner damaligen Anerbietungen ist zweifelhaft; schwerlich waren sie gering; denn die Forderungen des Papsts konnten nicht hinter der Kapitulation von Neuß zurückbleiben. Das zerrissene Deutschland nahm es hin, daß seine innersten Angelegenheiten vor das Tribunal Roms gezogen wurden, aber die Stimme des verletzten Nationalgefühls spricht noch aus jener Zeit zu uns in den Versen patriotischer Dichter. Bereits ließ sich voraussehen, daß Innocenz selbst in eine rechtsgültige Entsetzung Ottos willigen würde, wenn dieser sich nicht gütlich abfinden ließ; da zertrümmerte ein brutaler Schwertschlag das Werk großer Anstrengungen und Hoffnungen Deutschlands. König Philipp fiel durch die Mörderhand Ottos von Wittelsbach zu Bamberg am 21. Juni 1208. Der Sturz des jungen Fürsten nach so mühevoller Laufbahn am Vorabend seines Sieges ist eins der am meisten tragischen Ereignisse in der deutschen Geschichte. Das staufische Geschlecht erlosch mit ihm in Deutschland. Von dem glanzvollen Hause Barbarossas lebte nur noch ein einziger Erbe, und dies war der Schützling Innocenz' III., Friedrich, der Nation schon als Kind entfremdet und unter Unglücksstürmen im fernen Sizilien zurückgeblieben. Ein Augenblick veränderte die Weltverhältnisse, verkettete aufs neue die Geschicke Italiens und Deutschlands und riß beide Nationen, das Reich und das Papsttum in ein Labyrinth von Kämpfen, die zu beruhigen ein Jahrhundert nicht ausreichte.

Innocenz wurde von dem Ereignis, welches seine Entwürfe plötzlich veränderte, tief aufgeregt. Doch begriffen hat er das unermeßliche Verhängnis jenes Augenblicks damals nicht. Dem Politiker erschien derselbe als ein Zufall, der ihn wieder zum Herrn der Verhältnisse machte und aus einem Widerspruch befreite; dem Priester als ein im Reichsprozeß gefälltes Gottesurteil.

Es blieb keine Wahl: der Welfe Otto, von dem man sich abgewendet hatte, mußte schnell anerkannt werden. Innocenz schrieb ihm sofort, versicherte ihn wieder seiner Liebe, zeigte ihm seine nahe Erhebung auf den Kaiserthron, aber auch in der Ferne schon seinen Feind, den Neffen des ermordeten Philipp. In dem nun großjährigen Könige Siziliens, dem legitimen Erben der hohenstaufischen Rechte, lebte für Otto ein furchtbarer Nebenbuhler, welchen die Kirche gegen ihn bewaffnen konnte, sobald sie es für vorteilhaft hielt. Es ist von mächtigem Reiz, die jugendliche Gestalt Friedrichs drohend im Hintergrunde stehen zu sehen, aus welchem ihn dann nach kurzer Zeit der Papst selbst hervorrief, der Kirche wie dem Reiche gleich verderbensvoll.

Innocenz wollte aufrichtig die Lösung des langen Thronstreits und die damit verbundene rechtsgültige Anerkennung seines Kirchenstaats. Er zweifelte nicht, sie von Otto zu erlangen, denn er hielt ihn noch in der Fessel des Vertrages von Neuß. Das nach Frieden schmachtende Deutschland huldigte dem Welfen. Schmerz, Vaterlandsliebe und Not schufen eine feierliche Versöhnung, in welcher der alte Kampf beider Häuser aufgelöst zu sein schien, als Otto zu Frankfurt am 11. November 1208 von allen Reichsständen zum Könige ausgerufen ward und bald nachher mit der verwaisten Tochter seines Erbfeindes Philipp sich verlobte.

Die Romfahrt wurde angesagt. Zuvor aber erneuerte Otto am 22. März 1209 zu Speyer die Kapitulation von Neuß. Der ganze Umfang des Kirchenstaats ward anerkannt; große Zugeständnisse, die Freiheit der Kirche von der Staatsgewalt betreffend, wodurch das Konkordat Calixts II. seine Kraft verlor, wurden hinzugefügt. Von den Kaiserrechten in den nun der Kirche abgetretenen Ländern bewahrte Otto nichts als das armselige Foderum während der Romfahrt, was in diesen Vertrag wie zum Hohn aufgenommen wurde. Zum erstenmal, solange das Reich bestand, nannte sich ein König der Römer »von Gott und des Papstes Gnaden«. Otto mußte bekennen, daß er seine Erhebung diesem allein verdanke. Der König schwor, was der Kaiser nicht halten konnte.

In Augsburg waren im Januar huldigende italienische Gesandte mit den Schlüsseln ihrer Städte erschienen, worunter auch das große Mailand, welches die Thronbesteigung eines Welfen mit Freude begrüßte. Otto hatte den Patriarchen Wolfger zu seinem Legaten in Italien ernannt, die Reichsrechte in Lombardien, Toskana und Spoleto, in der Romagna und den Marken wahrzunehmen. Denn auch nach dem Frieden zu Konstanz und den Verträgen mit dem Papst verblieb den Kaisern sowohl ein Schein oberherrlicher Autorität in den Städten Italiens als manches fiskalische Recht selbst in der Romagna und den Marken. Die Päpste leugneten das nicht. Innocenz selbst ermahnte die Städte in der Lombardei und Toskana, dem königlichen Machtboten folgsam zu sein, aber er erinnerte diesen, daß er die mathildischen Güter vertragsmäßig nur für die Kirche zu besetzen habe.

Als Otto hierauf im August 1209 von Augsburg durch Tirol mit einem großen Heer in die Po-Ebene hinabstieg, hielt niemand diese Romfahrt eines Welfen auf. Es war das Unglück Italiens, daß seine Städte nicht für die Dauer eine Eidgenossenschaft zu begründen vermochten. Wäre dies geschehen, so hätte nach Heinrichs VI. Tode kein deutscher König mehr den Wall der volkreichen Lombardei durchbrechen können. Der ruhmvolle Unabhängigkeitskampf der Lombarden verlöschte weder die Tradition des Römischen Reichs, welche die Italiener noch in späterer Zeit so schwärmerisch begeisterte, noch brachte er der Nation im großen ganzen dauernden Gewinn. Denn nach dem Siege bei Legnano vermochten die italienischen Republiken ebensowenig die politische Nation zu schaffen wie die griechischen nach den Tagen von Marathon und Plataeae. Während die Kommunen in Verfassungskämpfen und Bürgerkriegen entbrannt lagen, erhoben sich bereits die Gestalten jener Stadttyrannen, welche der Geschichte Italiens einen so merkwürdigen Charakter aufgedrückt haben. Ezzelino von Onara und Azzo, Markgraf von Este, Feinde auf Leben und Tod und einer des andern Ankläger vor Otto, waren damals die Häupter der beiden Parteien, welche das Land zwei Jahrhunderte hindurch zerrissen haben. Neben ihnen erschien der Ghibelline Salinguerra von Ferrara, nicht minder groß durch Herrschbegier und Tapferkeit.

Als zum erstenmal ein Kaiser aus dem Hause Welf die Lombardei durchzog, mochten alle Feinde der Hohenstaufen seine ausschließliche Gunst erwarten. Doch sie täuschten sich; denn die Freunde der Kaisergewalt waren nicht mehr die Feinde eines Welfen, welcher Kaiser war. Azzo sah seine Gegner im Lager Ottos hoch geehrt; das guelfische Florenz wurde mit einer Strafe von tausend Mark bedroht und das ghibellinische Pisa bald mit Freibriefen beschenkt und zu einem Vertrage vermocht.

Innocenz empfing Otto im September zu Viterbo. Bei dieser ersten Zusammenkunft mußte sich der römische König sagen, daß ohne einen mörderischen Zufall derselbe Papst die Krone der Römer unfehlbar auf das Haupt seines Feindes würde gesetzt haben. Neigung kann man nicht zu Menschen empfinden, deren Wohltaten selbstsüchtiger Berechnung entsprangen und mit einem zu hohen Preise erkauft wurden. Die Politik des Papsts mußte ein erbittertes Rachegefühl in der Seele Ottos zurückgelassen haben, und vielleicht durchdrang der Blick jenes schon zu Viterbo die Maske dankbarer Verehrung, hinter welcher der König seinen Groll verbarg. Nach schwierigen Unterhandlungen mußte Innocenz auf seine Forderung verzichten, daß Otto sich noch vor der Kaiserkrönung eidlich verpflichte, der Kirche alles zu erstatten, was vor 1197 zwischen ihr und dem Reiche streitig gewesen war. Der Papst eilte ihm nach Rom voraus; nachdem ein Heerhaufe unter dem Kanzler Konrad von Speyer und dem Reichstruchseß Gunzelin die Leonina besetzt hatte, lagerte Otto am 2. Oktober am Monte Mario, wo der Kurie und dem römischen Volk altem Herkommen gemäß die Sicherheit zugeschworen wurde.

Die Krönung fand am 4. Oktober 1209 im St. Peter statt, während das Heer in den Zelten blieb, ein Teil der Truppen aber (es waren Mailänder) die Tiberbrücke besetzt hielt, um einen Überfall der grollenden Römer zu verhindern. Der Leser dieser Geschichten wird sich eines ironischen Lächelns nicht enthalten, wenn er bemerkt, wie regelmäßig sich die Feindseligkeiten der Römer bei den Kaiserkrönungen wiederholten. Wenn die Deutschen ihrer Stadt nahten, versperrten jene deren Tore; ihr Kaiser und sein Gefolge warfen nur vom Vatikan aus neugierige Blicke auf das große Rom, dessen Wunderwelt ihnen verschlossen blieb. Es ist eine sonderbare Tatsache, daß nur die wenigsten Kaiser die Stadt betreten haben; auch Otto hat sie nicht gesehen. Die Römer, welche ihn im Jahre 1201 proklamiert hatten, würden ihn auch jetzt willig anerkannt haben, wenn er sich herbeiließ, ihre Stimme mit Geldgeschenken zu bezahlen. Als Heinrich VI. achtzehn Jahre früher zur Krönung kam, hatte er die Wahlstimme der damals freien und mächtigen Stadt durch einen Vertrag gewinnen müssen, aber Otto IV. bedurfte dessen nicht. Dies erbitterte das Volk. Der Senat, selbst einige Kardinäle, widersprachen der Krönung; die Bürger tagten bewaffnet auf dem Kapitol.

Die Prozession nach vollendeter Krönung bewegte sich nur bis zur Engelsbrücke mühevoll durch die dichten Reihen der Krieger; hier verabschiedete sich der Papst vom Kaiser, um nach dem Lateran zurückzukehren, und er forderte ihn auf, folgenden Tags das römische Gebiet zu verlassen, was eine offenbare Beschimpfung der kaiserlichen Majestät war. Den Haß der Römer setzte indes irgendein Streit in Flammen. Die althergebrachte Krönungsschlacht wurde in der Leonina geschlagen, und nach starkem Verlust auf beiden Seiten bezog Otto sein Lager am Monte Mario. Hier blieb er noch einige Tage verschanzt, während er von dem Papst und den Römern Schadenersatz oder Genugtuung forderte.

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