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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 234
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Die Orsini. Ihre Erbfehde mit den Verwandten Innocenz' III. Richard Conti und das Haus Poli. Die Güter Poli kommen an Richard. Stadtkrieg. Flucht Innocenz' III. nach Anagni 1203. Kampf der Faktionen um den Senat. Innocenz kehrt zurück 1204. Gregor Pierleone Rainerii Senator. Erbitterter Verfassungskampf. Charakter solcher Bürgerkriege. Innocenz erlangt nochmals die Anerkennung des päpstlichen Rechts auf die Senatswahl 1205.

Innocenz hoffte jetzt, Rom beruhigt zu haben; jedoch Widerwille gegen die päpstliche Herrschaft, Verfassungskämpfe und Adelsfehden hielten die Stadt fortdauernd in Aufruhr. Mit dem XIII. Jahrhundert kamen aus dem Geschlechteradel einige Häuser zu neuer Macht empor, während die ehemals herrschenden Familien der Pierleoni und Frangipani zurücktraten. Die Päpste selbst wurden Stifter von Nepotenhäusern, welche nach der städtischen Tyrannis strebten. Das schon alte Geschlecht Colonna gehörte nicht zu diesen; auch nicht das Haus der Annibaldi; aber Conti, Savelli und Orsini verdankten den Päpsten ihre Größe.

Cölestin III. hatte seine Neffen vom Stamme des Bobo mit Kirchengütern ausgestattet und dieser zu den Orsini gehörenden Sippschaft eigentlich das Glück gegründet. Das bald berühmte Geschlecht des Ursus glänzt im römischen Mittelalter durch mehrere Päpste, durch eine lange Reihe von Kardinälen, von Staatsmännern und Hauptleuten im Krieg. Unter allen Familien Roms blieben nur die Orsini den ghibellinischen Colonna gewachsen und ebenbürtig. Ihr Ursprung ist dunkel. Die unkritischen Familiengeschichten in den Archiven Roms leiten sie von Spoleto ab und erzählen nur Fabeln. Einige suchen ihre Wiege sogar am Rhein; doch der Name Ursus und Ursinus ist altrömisch, und wenigstens ist es nicht zu erweisen, daß unter den Ottonen eingewanderte Sachsen dies mächtige Römerhaus gegründet haben. Ein glücklicher Mann, wohl ein Krieger von rauher Kraft, Ursus, der Bär, genannt, wurde der Stammvater eines Geschlechts, dessen Zahl und Dauer Dynastien beschämt. Die Zeit und die Person dieses alten Stammherrn ist in Dunkel gehüllt, nur dies gewiß, daß sich der Name Ursus schon in der ottonischen Epoche nachweisen läßt.

Im Anfang des XIII. Jahrhunderts waren »die Söhne des Ursus« schon zahlreich und mächtig in ihren römischen, auf antiken Monumenten aufgetürmten Palästen der Region Parione. Sie lagen in Erbfehde mit dem Stamme des Romanus de Scotta und des Johannes Odolina, Verwandten der Conti. Sie verjagten diese Geschlechter aus ihren Wohnungen, als Innocenz im Herbst 1202 in Velletri abwesend war. Der heimkehrende Papst gebot Frieden, und der Senator Pandulf verbannte die feindlichen Parteien, die eine nach St. Peter, die andere nach St. Paul. Doch ein Meuchelmord aus Blutrache brachte alsbald die Stadt in Aufruhr. Theobald, ein Orsini, wurde auf dem Wege nach St. Paul erschlagen, worauf das ganze Geschlecht des Ursus in die Stadt drang, den Leichnam des Ermordeten mit Rachegeschrei durch die Straßen zog und die Häuser der Feinde zerstörte. Der grimme Haß gegen die Verwandten des Papsts wurde auf diesen selbst übertragen. Man beschuldigte ihn mit Grund des Nepotismus, denn Innocenz bemühte sich, seinem ehrgeizigen Bruder Richard einen fürstlichen Erbbesitz in Latium zu stiften, was ihm auch vollkommen gelang.

Richard, in Rom ansässig, wo er mit den Mitteln des Papsts den riesigen Turm der Conti erbaute, hatte den verschuldeten Grafen Odo vom Haus Poli von seinen Gläubigern befreit, aber die Güter desselben, alte Kirchenlehen, vertragsmäßig an sich genommen. Odo hatte zugesagt, seinen Sohn einer Tochter Richards zu vermählen; er zog sich indes zurück und begehrte seine Güter wieder. Da er keinen hinreichenden Rechtsgrund dafür besaß, so reizte er das Volk gegen die Conti auf. Die Sippen der Poli, durch wüste Wirtschaft und lange Prozesse herabgekommene Edelleute, zogen als Schutzflehende, halb entblößt und Kreuze tragend, oftmals durch die Stadt; sie drangen am Osterfest mit Geschrei selbst in den St. Peter; sie störten sogar die päpstliche Prozession, und endlich boten sie ihre an Richard verpfändeten Güter dem römischen Volk auf dem Kapitole dar. Das schöne Besitztum des Hauses Poli umfaßte neun Kastelle im Grenzlande der Sabina und Latiums; die Römer streckten sogleich ihre Hände darnach aus, aber der Papst eilte, seine Rechte auf diese Kirchenlehen vor dem Senat darlegen zu lassen; er verlieh seinem Bruder die streitigen Güter als Pfand, und bald darauf ging das Lehen Poli für immer auf die Conti über.

Der dem Papst ergebene Senator Pandulf hatte jenem Antrage der Poli aus Rechtsgründen widerstrebt, weshalb sich der Haß des Volks auch gegen ihn wendete. Man bestürmte das Kapitol; man warf Feuer in Pandulfs Turm auf dem Quirinal; nur mit Mühe entrann der darin belagerte Senator, mit Mühe Richard, des Papsts Bruder, dessen Turm das Volk erstürmte und zum Eigentum der Stadt erklärte. Innocenz selbst entwich am Anfang Mai 1203 nach Palestrina. In denselben Tagen, als die lateinischen Kreuzfahrer Byzanz eroberten, sah sich der große Papst von den kleinlichen Fehden römischer Barone bedrängt, der Furie des Volks ausgesetzt und zur Flucht gezwungen. Der Widerspruch zwischen seinem päpstlichen Machtgefühl und seiner beengten Wirklichkeit in Rom verstimmte ihn tief. Im Herbst, wo ihn schon aufregende Kunde vom Falle Konstantinopels erreicht hatte, erkrankte er in Anagni so schwer, daß man seinen Tod verkündigte.

Unterdes nahte der November heran, wo der neue Senat gewählt werden sollte. Das mißvergnügte Volk verlangte 56 Senatoren, und der Papst, mit welchem man durch Boten unterhandelte, befahl den ihn vertretenen Kardinälen, 12 Wahlherren einzusetzen, wozu er berechtigt war. Das Volk sperrte diese wie in ein Konklave in den Turm eines seiner Häupter, Johannes de Stacio, der in den Trümmern des Circus Flaminius sein Haus gebaut hatte. Man zwang ihnen den Schwur ab, mindestens je zwei von der dem Papste feindlichen Partei zu wählen. Indes der abtretende Senator Pandulf übergab das Kapitol den Anhängern des Papsts, und der neugewählte Senat spaltete sich auf Grund des Prozesses mit Richard in zwei feindliche Hälften. Die Volkspartei erklärte die Güter Poli für städtisches Eigentum, die andere verwarf diesen Beschluß. Wilder Krieg zerriß Rom, bis das vom Adel geplagte Volk den Papst dringend zur Rückkehr einlud. Er weigerte sich erst, dann kam er im März 1204 mit dem mutigen Entschluß, den Unruhen standzuhalten und den Senat, dessen Neuwahl nach Ablauf von sechs Monaten wieder bevorstand, nach seinem Willen zu ordnen. Innocenz, mit allen Ehren in Rom aufgenommen, besänftigte diese Empörung sofort durch kluge Maßregeln; er ernannte zum Wahlherrn einen von allen Parteien geachteten Mann, Johann Pierleone, seinen früheren Widersacher, jetzt vielleicht seinen Freund. Dieser wählte Gregor Petri Leonis Rainerii, seinen nahen Verwandten, zum Senator, einen durch Rechtlichkeit, nicht durch Kraft ausgezeichneten Edlen. Aber die demokratische Gegenpartei wollte nichts vom Frieden wissen, noch dem Papst überhaupt das Wahlrecht zugestehen; sie versammelte sich im Circus Flaminius, erklärte den Vertrag von 1198 für aufgehoben und erwählte einen Gegensenat unter dem Titel: »Gute Männer der Gemeinde.«

So spaltete sich Rom in die päpstliche und die demokratische Faktion. Pandulf von der Subura, Richard Conti, Petrus Annibaldi, das Geschlecht Alexius und Gilido Carbonis führten jene; Johann Capocci, Baroncellus, Jakob Frajapane, Gregor und der zum Volk wieder übergetretene Johann Rainerii waren die Häupter der Gegenpartei. Dieser erbitterte Stadtkrieg war ein Verfassungskampf, dem ein sehr ernsthaftes Prinzip zum Grunde lag. Die Anhänger der alten Gemeindekonstitution sträubten sich, die Senatswahl dem Papst zu überlassen und mit diesem Rechte nach und nach auch jedes andere einzubüßen. Außerdem wurde der Prozeß Poli in den Streit gezogen, weil die wachsende Macht des Nepotenhauses Conti gerechten Grund zum Argwohn gab. An die Spitze des Volks stellte sich wieder der kräftigste Feind des Papsts, Johann Capocci, während der Exsenator Pandulf die Päpstlichen befehligte und Richard die Geldmittel hergab. Man kämpfte in der ganzen Region vom Colosseum bis zum Lateran und zum Quirinal, an dessen Abhängen die drei Kapitäne Richard, Pandulf und Capocci ihre Türme besaßen.

Die Art und Weise dieser Stadtkämpfe ist höchst charakteristisch für jene energische und rohe Zeit. Wenn sich die Faktionen erhoben, bauten sie mit rasendem Eifer Türme und Gegentürme, von Ziegelsteinen oder von Holz, um von dort aus mit der wilden Wut ungeschlachter Lapithen einander Steine zuzuschleudern. Diese Festungen sproßten über Nacht auf, wurden unter Kampf und Geschrei gebaut und gezimmert, heute niedergeworfen und morgen wieder aufgebaut. Man türmte sie auf Resten von Tempeln, Thermen und Wasserleitungen empor und versah sie mit Wurfgeschoß, während man die engen Straßen mit Eisenketten sperrte und Kirchen verschanzte. Pandulf, der in den Bädern des Aemilius Paulus, wo heute die Straße Magnanapoli liegt und sein Palast stand, vom Capocci bestürmt wurde, erhob über einem alten Monument einen hölzernen Turm und bedrängte von hier aus die nahe Burg seines Feindes mit gleicher Wut. Die Alexii bauten einen Turmkoloß auf dem Quirinal; Gilido Carbonis errichtete sogar drei Türme, und Petrus Annibaldi erhob einen in der Nähe des Colosseum. Dies Amphitheater gehörte den Frangipani, welche zwar noch immer im Besitz der lateranischen Pfalzgrafenwürde waren, jedoch in der Stadt keine so große Macht mehr besaßen wie ehedem, während sie auf der Campagna über viele Lehen geboten. Den fünf Söhnen des Oddo Frangipane, Jakob, Oddo, Emanuel, Cencius und Adeodatus, hatte zwar Innocenz III. im Anfange des Jahrs 1204 einen Dienst geleistet, indem er die Gemeinde Terracina zwang, ihnen das Kastell Traversa abzutreten, aber er hatte doch Terracina selbst gegen die Gelüste dieser Barone in Schutz genommen, was sie erbitterte. Sie sahen nicht sobald, daß Annibaldi, ein Verwandter des Papsts, sich in ihren Festungsbezirk eindrängen wollte, als sie ihn bestürmten und von den Zinnen des Colosseum herab durch einen Hagel von Wurfgeschossen am Turmbau zu hindern suchten.

Die feindlichen Parteien führten Stammgenossen, Vasallen und Mietsvolk herbei, und Tag und Nacht wurde mit Wurfgeschoß, mit Schwert und Feuer grimmig gestritten; Rom hallte vom Getöse der Waffen und vom Gekrach der Steine wider, während der Papst im Lateran, in dessen Viertel seine Freunde, die Annibaldi, wohnten, verschlossen blieb und in seinem innersten Gemache das Kampfgeheul der Parteien vernehmen konnte. Der tapfere Capocci eroberte am 10. August die Festung Pandulfs mit Sturm und drang schon bis zum Lateran, wo er die verschanzten Reste der neronischen Wasserleitung erbrach. Aber das Geld des Papsts kämpfte nachdrücklicher gegen diese Demokraten, und das müde Volk verlangte Frieden. Innocenz gewährte folgenden Vertrag: vier Schiedsmänner sollten innerhalb sechs Monaten den Streit zwischen dem Gegensenat und Richard Conti entscheiden, auch über die Senatswahl urteilen; ihrem Spruch wollte sich der Papst für dieses Jahr unterwerfen. Diese Friedensformel mißfiel der Volkspartei, welche ihre Niederlage voraussah. Die Glocke des Kapitols rief zum Parlament, und Johann Capocci erhob sich dort und sprach: »Die Stadt Rom ist nicht gewohnt, in ihren Kämpfen der Kirche zu weichen, nicht durch Rechtssprüche, sondern durch ihre Macht zu siegen. Doch heute erkenne ich, daß sie unterliegen will; sie überläßt der Kirche die Domänen wider den Beschluß des Volks und wider den Schwur der Senatoren, und sie bestätigt dem Papst den Senat. Wenn nun wir trotz unserer Menge und Macht uns beugen, wer wird ihm dann noch zu widerstehen wagen? Niemals hörte ich noch von einem für die Stadt so schimpflichen Frieden, und ich will ihm meine Zustimmung auf jede Weise versagen.« Der Widerspruch dieses Demagogen bewog auch Johann Pierleone Rainerii, sein Veto einzulegen. Das Parlament trennte sich im Sturm; man griff aufs neue zu den Waffen. Indes bald mußte man die Friedensformel annehmen. Der Papst siegte; die vier Schiedsmänner sprachen ihm das Recht der Senatswahl zu, und mit diesem Spruch verlor die römische Kommune einen wesentlichen Teil ihrer politischen Kraft.

Innocenz hatte mit großer Klugheit seine Zwecke durchgesetzt, und ebenso klug machte er von seinem Siege nur mäßigen Gebrauch. Als sich kein einzelner Mann fand, welcher beiden Parteien als Senator angenehm war, willigte er in die Wahl von 56 Senatoren, sagte aber ihre unglücklichen Folgen voraus. Dies Vielregiment wurde schon nach sechs Monaten für immer beseitigt, worauf der neue Senator, wahrscheinlich jener kraftvolle Pandulf von der Subura, der Stadt die Ruhe wiedergab. Die Standhaftigkeit des Papsts erreichte einen großen Erfolg. Nach der heißen Anstrengung von fünf Jahren unterwarf er sich das Kapitel. Und so hatte das römische Volk von seinen großen Rechten eins nach dem andern eingebüßt: die Papstwahl, die Kaiserwahl und die Wahl des Senats.

Der Friede zwischen der Stadt Rom und Innocenz wurde endgültig im Jahre 1205 abgeschlossen. Er veränderte die Form des städtischen Regiments: denn die exekutive Gewalt wurde fortan in der Hand eines einzigen Senators oder Podestà vereinigt, welchen der Papst selbst durch direkte oder indirekte Wahl ernannte. Mit dieser Konstitution beginnt eine ruhigere, wenn auch oft durch Kämpfe unterbrochene Epoche für die Päpste in Rom.

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