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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 233
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Zerfall der Lehnsfürstentümer Heinrichs VI. nach seinem Tode. Philipp von Schwaben, Herzog von Toskana. Markward, Herzog von Ravenna. Konrad, Herzog von Spoleto. Der tuszische Städtebund. Wiederherstellung der Patrimonien der Kirche. Die Volkspartei in Rom erhebt sich. Johann Capocci und Johann Pierleone Rainerii. Kampf Roms mit Viterbo wegen Vitorchiano. Pandulf von der Suburra Senator. Viterbo unterwirft sich dem Kapitol.

Rom, die Lehnsmannen in Kampanien, der Maritima, der Sabina und in Tuszien hatten Innocenz III. im Februar als Landesherrn anerkannt; der Papst war demnach wiederum Gebieter innerhalb der Grenzen des römischen Dukats. Nun galt es, auch alle anderen Provinzen zu gewinnen, welche einst unter den Karolingern den Kirchenstaat ausgemacht hatten. Italien war infolge der sizilianischen Erbschaft Heinrichs VI. in eine rückgängige Bewegung geraten. Die Verträge von Venedig und Konstanz blieben ein Stachel im Herzen der staufischen Fürsten, welche weder die von den Städten errungene Freiheit, noch das den Päpsten überlassene Dominium Temporale anerkennen wollten. Heinrich VI. hatte das Reichsprinzip wiederaufgenommen und Sizilien zur Grundlage seiner monarchischen Bestrebungen gemacht. Er hatte die italienische Nationalität, welche in den Stadtgemeinden unter dem Schutze Alexanders III. erwachsen war, durchbrochen, indem er das germanische Feudalwesen wieder aufrichtete und von einem Meer zum andern deutsche Fürstentümer gründete, zum Teil aus den mathildischen Gütern, zum Teil aus Patrimonien des Kirchenstaats, den er als das hartnäckigste Hindernis der Reichsherrschaft hatte vernichten wollen. Sein junger Bruder Philipp war von ihm zum Herzog von Tuszien gemacht worden; sein geistvoller Seneschall Markward als Markgraf von Ancona und Herzog von Ravenna mit dem Exarchat beliehen; während Konrad von Urslingen schon von früher her als Herzog in Spoleto saß. So war Italien durch schwäbische Reichslehen zersprengt, in Zaum gehalten und mit dem Untergange seiner städtischen Demokratien bedroht. Aber der planvolle Bau Heinrichs VI. zerfiel mit seinem Tode, und kaum gibt es ein auffallenderes Zeugnis von der Unhaltbarkeit aller Fremdherrschaft als den schnellen Sturz jener kaiserlichen Stiftungen. Sie sanken weniger durch Waffen als durch die Gewalt des nationalen Triebes, welchen der erste lombardische Unabhängigkeitskrieg erzeugt hatte. Das Interregnum und der deutsche Thronstreit warfen die staufische Partei in Italien nieder und machten es den Städten leicht, ihre Unabhängigkeit vom Reiche zu erlangen. Der kluge Innocenz erhob sich sofort als Befreier Italiens vom Regiment der Deutschen. Wenn er schon im Jahre 1198 erklärte, daß dieses Land, der Sitz beider Gewalten, durch göttliche Veranstaltung das Haupt der Erde sei, so fand sein Wort auch dort ein Echo, wo man es nicht im Sinne der päpstlichen Universalmacht, deren Grundlage Italien sei, verstehen mochte.

Die Gruft Heinrichs VI. war die Bresche, durch die Innocenz, glücklicher als Gregor VII., in das Reich eindrang, zu dessen Schiedsrichter er sich aufwarf, während er den guelfischen Teil des italienischen Volks gegen die Zwingburgen zum Sturme führte, welche Heinrich errichtet hatte. Die Folge der feudalen Fremdherrschaft unter dem Kaiser war harter Druck und glühender Haß in manchen widerstrebenden Städten und Landschaften. Dies erfuhr zuerst Philipp, der Herzog von Schwaben, als er, noch auf Befehl Heinrichs VI., nach Italien gekommen war, um dessen Sohn Friedrich, den Erben Siziliens und schon erwählten König der Römer, aus Foligno zur Krönung nach Deutschland abzuholen. Zu Montefiascone meldete man ihm im Oktober 1197 den Tod des Kaisers; bestürzt kehrte er um; nur mit Mühe entkam er dem wütenden Aufstande der Italiener. In Tuszien, in der Romagna und den Marken entfaltete Innocenz das Banner der Unabhängigkeit; und wer konnte damals außer dem Papst die italienische Nation vertreten? Aber es war nicht solcher Patriotismus, was ihn beseelte, sondern die Erkenntnis, daß die augenblickliche Schwächung der Reichsgewalt dem Papsttum die günstigste Gelegenheit darbot, einen Kirchenstaat fest zu gründen. Innocenz begann seine Regierung mit einer von ihm hervorgerufenen Revolution, deren Ziel die Aufhebung der geschichtlichen Rechte des Reichs in Italien war. Die Kirche selbst war es, welche durch ihre Angriffe die Reichsgewalt herausforderte.

Viele Städte warfen sich aus Fremdenhaß dem Papsttum in die Arme; andere folgten gezwungen einer großen Strömung, denn die deutschen Feudalherren sollten überall verjagt werden. Unter diesen Getreuen Heinrichs war Markward der mächtigste: ein mutiger und verschlagener Kriegsmann. Von Innocenz zur Unterwerfung unter die Kirche aufgefordert, unterhandelte er zuerst mit schlauer Kunst, dann wehrte er sich tapfer gegen die empörten Städte und die Truppen des Papsts, bis er doch sein schönes Lehen Ravenna aufgeben mußte. In diesem beginnenden Entscheidungskampf der Kirche mit dem staufischen Reich war der guelfische Geist eines Teiles Italiens von vornherein der Verbündete des Papsts.

Ravenna freilich und andere Gebiete des Exarchats vermochte Innocenz III. nicht an sich zu ziehen; der Erzbischof jener Stadt leistete seinen Ansprüchen Widerstand. Dagegen eroberte er ohne Mühe die Mark Spoleto. Konrad von Urslingen, dort Herzog und Graf von Assisi, bot zwar Tribut, Heeresfolge und Auslieferung aller Festungen; doch der Papst wollte sich als italienischen Patrioten zeigen und ging nicht darauf ein. Der Herzog mußte sich ohne Bedingung in Narni unterwerfen, seine Vasallen vom Eide der Treue lösen und sogar Italien verlassen. So endete in Schwaben Konrad die lange Reihe der germanischen Herzöge Spoletos, die mit dem Langobarden Faroald im Jahre 569 begonnen hatte. Mit hohem Gefühle durchzog Innocenz im Sommer 1198 jene von der Fremdherrschaft befreiten Landschaften, und er empfing die Huldigung von Spoleto, Assisi, Rieti, Foligno, Norcia, Gubbio, Todi, Citta di Castello und andern Orten, wo er den Kardinal von S. Maria in Aquiro zum Rector bestellte. Selbst Perugia, das schon mächtige Haupt Umbriens, huldigte zum ersten Male dem Papst; er bewilligte dieser Kommune die städtische Gerichtsbarkeit und freie Konsulwahl, welche ihr bereits Heinrich VI. verliehen hatte. Er suchte überhaupt die Städte durch Verheißungen der Gemeindefreiheit zu gewinnen, welche er klug gewährte, ohne zu viel einzuräumen.

So erschien Innocenz, von unerhörtem Glück emporgehoben, als Führer der italienischen Unabhängigkeit, welche die andere des Kirchenstaats deckte. Wenn die guelfische Idee einer Konföderation Italiens unter der Oberleitung des Papsts je ausführbar sein konnte, so stand ihrer Verwirklichung niemand näher als er. Die glänzenden Triumphe seiner ersten Jahre zeigen, welche unwiderstehliche Kraft die Kirche erhielt, sooft sie sich mit den Trieben des Volks aus Politik verbinden mochte.

Auch Toskana, das Lehen Philipps von Schwaben, versuchte, sich vom Reiche loszureißen, woraus der Papst die Hoffnung schöpfte, dies edle Land der Kirche zu unterwerfen. Florenz, Siena, Lucca, Volterra, Arezzo, Prato und einige andere Städte hatten schon am 11. November 1197 eine tuszische Eidgenossenschaft geschlossen nach dem Vorbilde des Lombardenbundes und unter Mitwirkung von Legaten Cölestins III. In ihre Artikel hatten sie die Verpflichtung aufgenommen, die Kirche und deren Besitz zu verteidigen, nie einen Kaiser, Herzog oder Vikar in ihren Gebieten anzuerkennen ohne die Genehmigung des Papsts. Diesen Bund, welchem das den Hohenstaufen dankbare Pisa beizutreten sich weigerte, suchte Innocenz zu beherrschen. Nach langen Vermittlungen erneuerte er im Oktober 1198 den tuszischen Vertrag auf der Grundlage des Jahrs 1197; doch es gelang ihm keineswegs, sich in Besitz derjenigen mathildischen Güter zu setzen, welche jene Städte an sich genommen hatten. Die Kommunen gestanden der Kirche keine politischen Rechte im alten Herzogtum Tuszien zu. Ihr Widerstand gegen die Gelüste Innocenz' III. bewahrte die Republiken Florenz, Lucca und Siena vor dem Verlust ihrer Selbständigkeit. Dagegen huldigten der Kirche alle einst mathildischen Orte, die ihr im tuszischen Patrimonium gehört hatten, aber von Heinrich VI. oder Philipp ihr waren entzogen worden. Innocenz reformierte dies Patrimonium nebst den anderen Kirchenprovinzen; er setzte darin Rektoren ein, ernannte neue Burgvögte und verstärkte die Festungen. Eine Reihe drohender Schlösser, die als Patrimonialgüter der Kirche betrachtet werden sollten, wurden von den Marken bis nach Latium neu gebaut oder hergestellt, um jene Länder in Zaum zu halten.

So gab das erste Auftreten des Papsts einen Mann zu erkennen, der zum Monarchen geboren schien. Denn kaum saß er zwei Jahre lang auf dem Heiligen Stuhl, so war er schon der Wiederhersteller des Kirchenstaats im Umfange der Pippinischen Schenkungen; zugleich Schiedsrichter des Reichs, um dessen Thron der Schwabe Philipp und der Welfe Otto kämpften, und Lehnsherr von Apulien und Sizilien; zu gleicher Zeit der Schutzherr mächtiger Städtekonföderationen, der wahre Protektor Italiens. Indes zum ruhigen Genusse seiner weltlichen Macht kam auch dieser Papst nicht. Seine glänzende Regierung zeigte vielmehr den mühevollen und doch nur scheinbar siegreichen Kampf eines großen Willens gegen die Elemente des Zeitgeistes, deren Tiefen er nicht beherrschte, und gegen die feindlichen Gegensätze der Welt, die er nicht versöhnen konnte. Sie wurden durch ihn selbst zu schneidenden Kontrasten geschärft, die bald nachher in furchtbaren Kriegen auseinanderbrachen.

Gleich die Stadt Rom zeigte, daß in dem treibenden Volkstum eine Kraft lag, welche die Päpste noch nicht bewältigen konnten, wenn sie auch bisweilen ihre Herren wurden. Sie zwang Innocenz sogar, als Flüchtling ins Exil zu gehen. Die Demokraten, die Männer der Konstitution von 1188, die Gefährten des Benedikt Carushomo, konnten es nicht verschmerzen, daß sich der Papst des Senats bemächtigt und das Stadtgebiet der kapitolischen Jurisdiktion entzogen hatte. Zwei Demagogen aus den ersten Häusern Roms führten diese Partei, Johann Capocci und Johann Pierleone Rainerii, beide kurz vor Innocenz die Nachfolger jenes kraftvollen Benedikt im Senat. Capocci, in der Subura wohnhaft, wo sein betürmter Palast stand, war ein kühner, auch beredsamer Mann, höchst bedeutend im damaligen Rom. Perugia ehrte ihn durch zweimalige Wahl zum Podestà; er war mit den vornehmsten Geschlechtern der Stadt verschwägert und Haupt einer Familie, die das XIII. Jahrhundert hindurch in der Kirche wie in der Republik großes Ansehen genoß. Beide Exsenatoren erhitzten die Gemeinde durch die Vorstellung, daß der Papst die Stadt aller ihrer Herrschaft beraubt und sie »wie der Habicht das Huhn abgerupft« habe. Das Mißvergnügen der Römer suchte Gelegenheit zum Ausbruch, und Viterbo bot sie ihnen wie ehedem Tivoli oder Tusculum; aber der Papst wußte noch voll Klugheit der Gefahr auszuweichen, indem er die Sache der Römer zur seinigen machte.

Viterbo, eine wohlhabende Handelsstadt und freie Kommune unter päpstlicher Oberhoheit, war schon seit langem im Kriege mit Rom, dessen Gerichtsbarkeit sie nicht anerkennen wollte. Sie bedrängte im Jahre 1199 Vitorclanum; dies Kastell setzte sich deshalb unter römische Schutzherrlichkeit; Viterbo, zum Abzuge aufgefordert, weigerte ihn und empfing hierauf vom römischen Parlament die Ausforderung zum Krieg. Die Viterbesen, welche sich aus Vorsicht in die tuszische Eidgenossenschaft hatten aufnehmen lassen, begehrten von deren Rektoren Hilfe gegen Rom, und sie wurde ohne weiteres zugesagt. Während also zwei päpstliche Städte einander den Krieg erklärten, nahm der tuszische Bund ohne Rücksicht auf den mit der Kirche beschworenen Vertrag daran teil und bedrohte sogar Rom, die Residenz des Papsts. Dies sind Zustände, welche die Natur der päpstlichen Herrschaft im Mittelalter aufklären und beweisen, daß der Papst und die Stadt Rom zwei voneinander völlig getrennte Mächte waren. Die Einmischung des Städtebundes zwang die römischen Volkshäupter, die Hilfe desselben Papsts nachzusuchen, den sie in peinliche Widersprüche zu verwickeln gehofft hatten. Er bewilligte sie sofort. Nachdem er Viterbo vergeblich aufgefordert, seinem Spruche sich zu unterwerfen, tat er diese Stadt in den Bann, um so mehr als sie dem rebellischen Narni kurz vorher Hilfe geleistet hatte. Seine Mahnungen bewogen auch die tuszische Konföderation, ihre Truppen abzurufen, worauf die Römer Vitorchiano entsetzten.

Der Krieg entbrannte am Ende desselben Jahrs 1199 von neuem, wo ein kräftiger Mann, Pandulf von der Suburra, Senator war. Wenn Innocenz der Stadtgemeinde fernere Unterstützung versagt hätte, so würde ein Volksaufstand erfolgt sein, und das mußte er zu vermeiden suchen. Die Geldmittel fehlten; die Heeresfolge war schwach; zögernd wartete der Senator in den Zelten auf dem Felde des Nero. Da lieh des Papsts Bruder Richard Geld zur Anwerbung von Truppen; die Römer zogen in Masse aus, und während sie im Felde standen, betete der kluge Innocenz öffentlich im St. Peter für den Sieg seiner römischen Brüder. So wenig wurde der Kampf zwischen zwei päpstlichen Nachbarstädten als Bürgerkrieg angesehen, und so weit waren die Kommunen eines und desselben Gebiets vom Begriff des gemeinsamen Staatsverbandes entfernt. Die vom Tuszischen Bund verlassenen Viterbesen hatten mit dem Grafen Ildebrandino von Santa Fiora einen Vertrag gemacht, ihn zu ihrem Podestà ernannt und noch andere Bundesgenossen herangezogen. Sie erlitten jedoch am 6. Januar 1200 eine empfindliche Niederlage. Das römische Heer kehrte mit Kriegsbeute im Triumph zurück, und das dankbare Parlament übertrug dem Papst die Friedensvermittlung. Innocenz entzog einige edle Gefangene den Kerkern der Cannaparia, um sie als Geiseln im Vatikan zu verwahren. Als hierauf Viterbo die Unterhandlungen abzubrechen drohte, rettete er den Angesehensten unter jenen, Napoleon, Vizegraf von Campilia, vor der Volkswut in die feste Burg Larianum. Der Undankbare entfloh, die Römer aber schrien, daß sie der Papst an Viterbo verraten habe.

Der Friede wurde am Ende des Jahrs 1200 oder im Laufe des folgenden abgeschlossen, unter der Vermittlung des Papsts. Den Artikeln gemäß, die er von den Römern im Lateran bestätigen ließ, unterwarf sich Viterbo dem römischen Senat und Volk, bekannte Vasallenpflicht, leistete Tribut, trat Vitorclanum ab, riß einen Teil seiner Stadtmauern nieder und empfing ohne Zweifel die Bestätigung seines Podestà von Rom. Die besiegte Stadt mußte die bronzenen Türen St. Peters und andere Gegenstände, welche sie im Jahre 1167 als Kriegsbeute aus Rom entführt hatte, wieder herausgeben, während die Römer die Gemeindeglocke Viterbos im Kapitol, eine Kette und die Schlüssel eines Tors als Spolien am Bogen des Gallienus bei S. Vito aufhängen. Wenn der Papst einen Frieden diktierte, wodurch sich eine beträchtliche Stadt des Kirchenstaats nicht ihm, sondern der Gemeinde Roms unterwarf, so dient auch dies zum Beweise, daß er das römische Volk als von ihm getrennte souveräne Macht anerkannte, und hauptsächlich um dieses Prinzips willen ist der Krieg zwischen Rom und Viterbo unserer Aufmerksamkeit wert gewesen.

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