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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 228
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Die Monumente und ihre Eigentümer im XII. Jahrhundert. Der römische Senat beginnt für die Erhaltung derselben zu sorgen. Die Säule des Trajan. Die Säule des Marc Aurel. Privatarchitektur im XII. Jahrhundert. Der Turm des Nikolaus. Die Türme in Rom.

Die Geschichte der Ruinen der Stadt haben wir durch die unglücklichen Ereignisse des XI. Jahrhunderts vervollständigt; auch im XII. war Rom so voll von Krieg, daß man sich leicht vorstellen mag, wieviel alte Bauwerke, besonders zur Zeit Heinrichs IV. und Robert Guiscards, vernichtet wurden. Als sich Rom wieder beruhigte, gaben die Reste antiker Bauten das Material für die Erneuerung der Stadt her. Keine Behörde wachte mehr über die Erhaltung der Altertümer, während man nach wie vor edlen Marmor, selbst Statuen in die Kalköfen warf. Rom fuhr fort, als Fundgrube köstlichen Materials auch von Fremden ausgebeutet zu werden. Wie einst Desiderius römische Säulen nach Monte Cassino entführte, so gewiß taten Ähnliches auch jetzt fremde Fürsten und Bischöfe. Wenn solche in der Stadt anwesend waren, betrachteten sie mit Begier die herrlichsten Bildwerke des Altertums, deren Verlassenheit sie aufforderte, sich ihrer zu bedienen. Der Zeitgenosse St. Bernhards, der Abt Sugerius von St. Denis, gestand, daß er in den Bädern Diokletians und andern Thermen die bewundernswertesten Säulen mit dem Verlangen betrachtet habe, sie zu Schiffe nach Frankreich zu schaffen, wo er gerade mit dem Neubau seiner Abtei beschäftigt war. Wenn die Schwierigkeit des Fortschaffens und andere Umstände ihn daran hinderten, so mag man sich leicht denken, daß andere Bischöfe oder Städte solche Hindernisse nicht fanden.

Die öffentlichen Bauwerke gehörten indes rechtmäßig dem Staat, und es finden sich Urkunden aus dieser Zeit, wo Päpste Monumente an Privatpersonen oder Kirchen verliehen. Die meisten antiken Ruinen waren in solchen Besitz übergegangen; dies rettete sie vor gänzlicher Zerstörung als herrenloses Gut, und selbst der Gebrauch, den die Eigentümer von ihnen machten, beschädigte sie nur, ohne sie zu vernichten. Ein Beispiel, wie man damit verfuhr, bietet der Triumphbogen des Septimius Severus dar. Im Jahre 1199 bestätigte Innocenz III. die Kirche St. Sergius und Bacchus in dessen teilweisem Besitz. »Wir bestätigen«, so sagt seine Bulle, »die Hälfte des Triumphbogens, der aus drei Bogen besteht, von denen einer der kleineren eurer Kirche näher steht (darüber ist einer der Türme erbaut), und die Hälfte vom ganzen Bogen in der Mitte mit den Kammern neben dem kleineren Bogen.« Es wird darauf gesagt, daß die andere Hälfte den Erben eines gewissen Ciminus gehöre. Der Triumphbogen hatte demnach zwei Besitzer, er war völlig umbaut und befestigt, und auf seiner Plattform stand ein Turm.

Die Päpste fuhren also fort, antike Gebäude als Staatsgut zu betrachten, und man wird sich erinnern, daß die Kirche auch die Engelsburg wie das Pantheon als ihr Eigentum beanspruchte. Als nun die Römer ihre Freiheit errangen, trat die Stadt selbst mit dem Anspruch hervor, die Eigentümerin der öffentlichen Monumente zu sein, wo solche nicht von römischen Geschlechtern bereits in ihre Turmpaläste verwandelt waren. Der Senat übernahm die Sorge, die Stadtmauern zu erhalten, wozu der Papst eine jährliche Summe beisteuern mußte. Auf den ehrwürdigen Mauern Aurelians findet man daher neben den Namen alter Kaiser und Konsuln auch die mittelalterlicher Senatoren aus Barbarossas Zeit. Im Jahre 1157 stellte der Senat einen Teil der Mauer an der Porta Metrobia her, und man sieht noch heute dort auf dem Turm della Marana die Gedächtnistafel, welche dies sagt und die Namen der damals regierenden Senatoren nennt, ohne des Papstes zu erwähnen. Die Marana ist ein Bach, welcher unter diesem Turm in die Stadt einfließt.

Keine Inschrift meldet, daß Senatoren oder Päpste eine Wasserleitung herstellten; sondern tiefes Schweigen bedeckt diese großen Werke des alten Rom. Aber der Name eines Senators prangt noch auf einer der Inselbrücken. Auf dem Pons Cestius liest man diese Inschrift: »Benedictus, höchster Senator der Erlauchten Stadt, stellte diese fast zerstörte Brücke wieder her.« Ohne Zweifel war es Benedikt Carushomo, der dieses Werk ausführte. Auch die Milvische Brücke, welche die Römer zur Zeit Heinrichs V. zerstört hatten, wurde von der Kommune hergestellt, wie man sich dessen aus dem Schreiben des Senats an Konrad erinnern wird.

Ein anderes Zeugnis von der Tätigkeit in diesem Sinn ist noch rühmlicher. Am 27. März 1162, einen Tag nach dem Einzuge Barbarossas in das unglückliche Mailand und wohl an demselben Tage, da die barbarische Zerstörung dieser Stadt begann, beschloß zufällig der römische Senat die Erhaltung der Säule des Trajan, »auf daß sie nie zerstört oder verstümmelt werde, sondern zur Ehre des ganzen römischen Volks in ihrer stehenden Figur ganz und unbeschädigt erhalten bleibe, solange die Welt dauert. Wer sie zu verletzen wagt, soll mit dem Tode gestraft werden, sein Gut aber dem Fiskus anheimfallen.« Dies herrliche Monument der großen Kriegstaten Trajans gehörte damals den Nonnen von St. Cyriacus, und der römische Senat bestätigte eben dies Kloster im Besitz der Säule und der kleinen Kirche St. Nikolaus zu ihren Füßen, ohne über das Unwürdige eines solchen Schicksals nachzudenken. Auch die Säule Marc Aurels stand noch immer den Mönchen von St. Silvester in Capite zu Recht. Eine Inschrift im Atrium dieses Klosters sagt folgendes: »Weil die Columna Antonini, gehörig dem Kloster St. Silvester, und die Kirche St. Andreas neben ihr mit den Opfergaben, die auf dem obern und dem untern Altar von Pilgern dargebracht werden, durch Verpachtung schon seit langem entfremdet war, und damit dies nie mehr sich wiederhole, so verfluchen wir durch Autorität des Apostelfürsten Petrus und der Heiligen Stephan, Dionysius und Silvester und binden mit der Binde des Anathems den Abt und die Mönche, sofern sie Säule und Kirche in Pacht und Benefiz zu geben sich unterfangen sollten. Sollte irgendwer die Säule unserm Kloster gewaltsam entziehen, so sei er als Tempelräuber ewig verflucht und mit ewigem Anathem umstrickt. So sei es! Dies ist geschehen durch Vollmacht der Bischöfe, der Kardinäle und vieler anwesenden Priester und Laien. Petrus, von Gottes Gnaden demütiger Abt dieses Klosters, mit seinen Brüdern vollzog und bestätigte es im Jahr des Herrn 1119 in der XII. Indiktion.«

Mit der Freiheit erwuchs die Liebe zum Altertum, die Ehrfurcht vor seinen Denkmalen und der Sinn für den Glanz, welchen Rom von den Werken der Ahnen empfing. Auch die Großen fühlten das Bedürfnis, sich durch Bauten Ruhm zu erwerben und den Schmuck der Stadt zu erhöhen. In solchem Sinne wurde der Turm an der Brücke der Senatoren (Ponte Rotto) erbaut, welchen das spätere Mittelalter Monzone nannte und das fabelnde Volk noch jetzt als das Haus des Pilatus oder des Cola di Rienzo bezeichnet. Dies wunderliche Gebäude, ein Brückenturm (an allen Brücken Roms standen Türme), wo das Pedagium erhoben wurde, machte den Anspruch, ein Prachtpalast zu sein. Sein Überrest von festem Ziegelbau ist heute das merkwürdigste Denkmal der bizarren Privatarchitektur des römischen Mittelalters. Gesimse und kleine Logen gliederten den Bau, der nach der Straße zu einen gewölbten Eingang hatte. Innen Räume mit tüchtigen Kreuzgewölben, aus deren unterm Teil eine Steintreppe in die Obergeschosse führte. Die Außenseite wurde mit antiken Fragmenten geschmückt; rohe Halbsäulen aus Ziegeln tragen einen zusammengeflickten Fries, wo man bald marmorne Rosetten, bald Arabesken und kleine Reliefs von mythologischen Figuren sieht. Die Büste des Erbauers (man machte also wieder Porträtbüsten in Rom) war ursprünglich in einer Außennische am Eingang aufgestellt; sie ist verschwunden, aber das prahlerische Distichon, welches sie begleitete, blieb verschont. Eine andere lange Inschrift in leonischen Versen nennt den Erbauer und seine Familie. Ihre Großtuerei erinnert an die Deklamationen der Römer vor Konrad und Friedrich, aber die melancholischen Seufzer über die Nichtigkeit aller irdischen Größe im Stil der Grabschriften sind nicht ohne poetischen Reiz. »Nikolaus, dem dies Haus gehört, war des wohl eingedenk, daß der Ruhm der Welt eitel sei. Es zu erbauen, trieb ihn weniger Ehrgeiz als der Wunsch, den Glanz des alten Rom zu erneuern. In einem schönen Hause gedenke des Grabes! und daß du nicht lang darin zu wohnen habest. Auf Flügeln fährt der Tod daher. Keines Menschen Leben ist ewig. Unser Bleiben ist kurz und federleicht unser Lauf. Ob du auch dem Winde entflöhest, dein Tor hundertfach verschlössest und mit tausend Wächtern umstelltest, doch sitzt über deinem Schlaf der Tod. Weiltest du in einem Schloß fast den Gestirnen nahe, doch wird dich, seine Beute, der Tod nur um so schneller daraus entführen. Zu den Sternen steigt das erhabene Haus. Seine Gipfel erhob von unten auf der Erste der Ersten, der große Nikolaus, um den Glanz seiner Väter zu erneuern. Hier steht des Vaters Name Crescens und der Mutter Theodora. Dies berühmte Haus baute für sein teures Kind und übergab es David derjenige, der sein Vater war.«

Ohne Grund hat man in dem Erbauer einen der Crescentier, ja den berühmten Crescentius aus Ottos III. Zeit selbst gesehen. In dieser Familie erscheint unseres Wissens kein Nikolaus. Die römische Kunst, die einen so seltsamen Bau erschuf, war vom Turm des Giotto zu Florenz so weit entfernt wie die Chronik des Benedikt vom Soracte von der Villanis. Die Zeit seiner Erbauung ist ungewiß, aber außer den historischen Verhältnissen spricht der Geist der Inschrift für das XI. oder XII. Jahrhundert. Der Stil dieses Baronalpalasts erscheint um so barbarischer, weil in seiner unmittelbaren Nähe zwei wohl erhaltene kleine Römertempel von einfacher Schönheit stehen. Der Vergleich mit ihnen hätte den Architekten beschämen müssen, aber sein Bau mußte, als er vollendet war, das damalige Rom überstrahlen und keineswegs ohne den Schein grandioser Pracht und gewiß nicht ohne malerische Wirkung sein. Von dem Gebäude, welches der römische Konsul mit einer Inschrift versah, die etwa auf ein Werk des Ramses würde gepaßt haben, steht heute nur der kleinste Rest, die Turmruine, und die Eitelkeit des Erbauers wird durch einen Viehstall und Heuschuppen verhöhnt, die in dem erhabenen Haus des Ersten der Ersten angelegt sind.

Wenn uns heute die Paläste der Pierleoni und Frangipani erhalten wären, so würden wir eben solche phantastischen Bauwerke vor uns haben. Türme, neu aufgebaut oder auf alten Monumenten aus Ziegeln errichtet, entstanden gerade in jener Epoche überall in Rom. Es gab keinen Triumphbogen mehr, der nicht übertürmt gewesen wäre. Die Frangipani allein hatten zu ihren Festungen benutzt die Bogen des Titus und Constantin und mehrere Janusbogen. Nicht weit vom Bogen des Titus stand am Fuße des Palatin rechts von der Via Sacra der mächtige Hauptturm ihrer palatinischen Burg, die Turris Cartularia, von welcher die Mirabilien sagen, daß sie auf dem Tempel des Äskulap erbaut worden war. Im XI. Jahrhundert befand sich in diesem Turm ein Teil des päpstlichen Archivs das Cartularium iuxta Palladium genannt, und davon hieß der Turm Cartularia. Auch der Circus Maximus wird von den Türmen der Frangipani gestarrt haben; ein dortiger Bogen gab einem Zweig ihres Geschlechts den Namen de Arco.

In allen Städten Italiens herrschte damals die Leidenschaft, Türme zu erbauen. Pisa besaß deren so viele, daß Benjamin von Tudela ihre Zahl auf 10 000 übertreiben durfte. Noch stehen als Denkmäler jener Zeit der Gemeindefreiheit und der Stadtfehden in Venedig der hohe Turm von S. Marco, in Bologna die himmelhohen Türme Asinella und die hängende Garisenda, in Pisa der prachtvolle hängende Turm der Kathedrale. Die Türme, die man in Rom errichtete, waren nur selten so kostbar oder anspruchsvoll verziert wie jener des Nikolaus, in der Regel waren sie flüchtige, leicht zerstörbare schnell wieder herzustellende Bauten. Die Stadt zeigt noch heute teilweise erhaltene Türme des Mittelalters, alle aus gebrannten Ziegeln, viereckig, unverjüngt, ungegliedert; sie erhoben sich meist aus den Burgpalästen. Wenn die Stadtmauern nach der Zählung der Mirabilien mehr als 360 Türme hatten, wenn man sich dazu die zahllosen Glockentürme der Kirchen, die Türme der Geschlechter und so viele hochaufragende Ruinen des Altertums vorstellt, so mag man die heute so großartig bekuppelte Stadt in ihrer mittelalterlichen Erscheinung vor sich sehen. Dieser Wald finstrer und drohend emporsteigender Türme verlieh ihr damals einen trotzigen, kriegerischen Charakter, welcher auch auf die mächtigsten Kaiser Eindruck machen mußte.

Aber die Stadt selbst bot im XII. Jahrhundert ein Schauspiel von chaotischer Trümmerhaftigkeit und Verwilderung dar, für welches auch die lebendigste Phantasie nicht Vorstellungskraft genug besitzt. Nach dem normannischen Brande verödeten die Hügel mehr und mehr; die wuchernde Kraft des Südens überdeckte sie mit Pflanzenwuchs; ehemalige Stadtviertel wurden zu Feldern, und fiebervolle Sümpfe breiteten sich in den Niederungen aus. Die Bevölkerung drängte sich nach dem Tiber und dem Marsfelde zusammen, zu Füßen des wieder freien Kapitols; und dort in Gassenlabyrinthen, welche Schutthaufen, zertrümmerte Marmortempel und Monumente unterbrachen, saß das wilde Volk der Römer, gering an Zahl und doch stark genug, die Päpste zu vertreiben und die Kaiser von den alten Mauern Aurelians zurückzuwerfen.

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