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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 227
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Römische Bildsäulen-Sagen. Virgil im Mittelalter. Seine Gestalt als Prophet und als Nekromant. Der Zauberer Virgilius in Rom und in Neapel. Berichte darüber aus dem Ende des XII. Jahrhunderts. Schilderung des Rabbi Benjamin aus Tudela von Rom im XII. Jahrhundert.

Das antiquarische Buch des mittelalterlichen Rom gibt noch zu andern Bemerkungen Veranlassung. Es ist auffallend, daß im Zeitalter der romantischen Dichtungen der Charakter der Mirabilien so vorherrschend archäologisch geblieben ist; denn das Sagenhafte ist in ihnen fast ganz zurückgedrängt. Die Kirche pflegte die Märtyrerlegende, aber sie verscheuchte die Profan-Sage, und überhaupt liegt das märchenhafte Wesen nicht im Gefühle der italienischen Völker, deren von historischen Gestalten überfülltes Land und zu klarer Himmel solchem Traumleben nicht günstig sind. Die Mirabilien haben auffallend wenig Sagen; fast alle beziehen sich, und dies ist echt römisch, auf Statuen.

In einer Zeit, wo die Bildhauerkunst untergegangen war, mußten gerade ihre edlen Reste in Rom Erstaunen erregen und namentlich die fremden Pilger, wenn sie so viel Bildung besaßen wie Hildebert von Tours, zu einem fast heidnischen Enthusiasmus hinreißen oder ihnen als Werke magischer Kunst erscheinen. Unmittelbarer und lebendiger als alle andern Überreste des Altertums stellten nur noch Statuen die Ideale der klassischen Welt dem Volke dar, welches die antike Dichtung vergaß und nicht mehr verstand. Kein Künstler in keinem Lande der Erde vermochte eine Marmorgestalt gleich jenen zu schaffen, die wie Fremdlinge aus einer andern Welt im Schutte von Bädern und Tempeln zurückgeblieben waren. Die Götter Griechenlands blickten aus den Augen vereinsamter Bildsäulen ein verwildertes Menschengeschlecht an, welches durch die Kreuzzüge und den Orient aufgeregt war und in der Zeit, wo das römische Recht und die römische Republik wiedererstanden, sich des schönen Heidentums zu erinnern begann. Für diese Stimmung ist die köstliche Fabel von der marmornen Venus in Rom bezeichnend, welche den Ring eines Jünglings, den er spielend an ihren Finger steckte, als Brautring festhielt. Dies anmutige Märchen offenbarte plötzlich ein im Menschengemüt schlummerndes Bewußtsein vom unzerstörbaren Zusammenhange mit der antiken Kultur, und es prophezeite eine spätere Zeit der Rückkehr zum Wissen und zu den schönen Formen des Heidentums. Aber die Sagen, welche man den Bildsäulen Roms anheftete, sprachen damals eigentlich nur aus, daß diese verlorenen Werke des griechischen Genius mitten in der barbarisch gewordenen Menschheit noch unbegriffen dastanden. Sie anschauen konnte man damals nur in Rom; denn nirgend anderswo gab es, ehe man anfing, Ausgrabungen zu machen, so viele Statuen von Marmor und Bronze als hier. Die Fabeln von den Bildsäulen Roms konnten so gut Erfindungen der Römer als der Fremden sein, und in manchem Falle war es sicherlich die aufgeregte Phantasie nordischer Pilger, welche sie erschuf. Die wunderbare Geschichte von der erzenen Statue auf dem Marsfelde, die mit einem Finger auf die Erde wies, während eine Schrift auf ihrem Haupte sagte: hier stoße zu: ( hic percute!), und deren Rätsel vom berühmten Papst Gerbert aufgelöst wurde, entsprang sicherlich der Einbildung eines Pilgers, der von zauberischen Schätzen im unterirdischen Rom träumte. In Wahrheit bezeichnet diese Sage sinnvoll die Geheimnisse der in die Tiefen des Bodens der Stadt versunkenen Welt des Altertums. Wer noch heute dort umherwandelt, möchte wohl oft auf dem Schutte des Forum oder im Marsfelde oder in den öden Thermen stille stehen und rufen: hic percute! Denn auch heute noch ruhen drunten zahllose schöne Gebilde und harren auf das Zauberwort oder den Zufall, der ihre dichte Grabdecke sprengt.

Die Mirabilien bemerken einmal, daß Romulus sein goldenes Bild in seinem Palast aufstellte mit dem Spruch: »Es wird nicht fallen, wenn nicht eine Jungfrau gebiert«, und daß diese Statue sofort zusammengestürzt sei, als die Jungfrau geboren hatte. Sie erwähnen der tiefsinnigen Legende von einer andern Bildsäule, die zum abtrünnigen Kaiser Julian redete und ihn verlockte, zum Heidentum zurückzukehren. Selbst ihre hervorragendsten Profansagen beziehen sich auf Bildsäulen, und der Leser dieser Geschichte kennt bereits die wunderlichen Erzählungen von der Reiterfigur Marc Aurels, von den beiden marmornen Kolossen und den klingenden Statuen auf dem Kapitol.

Das alte Bildsäulen-Märchen vom Kapitol wurde später mit dem Sagenkreise vom »Zauberer Virgil« verbunden, und wir sprechen hier unsere Verwunderung aus, daß der Verfasser der Mirabilien die Sagen über Virgil in seine Schrift aufzunehmen verschmähte. Die Dichtungen des größten Poeten Roms, die noch lange nach dem Falle des Römerreichs von Rhetoren öffentlich deklamiert wurden, rezitierte man nicht mehr auf den Trümmern des Forum Trajans; die italienische Sprache erschwerte schon ihr Verständnis; die lateinische Muse, selbst die der Epigramme, war im XII. Jahrhundert in Rom fast abgestorben, während sie draußen noch duftige Blüten, wie die Lieder der Vaganten, trieb, und wir würden Mühe haben, die versteckte Schule irgendeines Grammaticus aufzusuchen, der seinen Schülern die Aeneis oder die Eklogen erklärte. Doch wir zweifeln nicht, daß sich die Kenntnis Virgils immer in Rom erhielt, und selbst Ovid war noch dem Schreiber der Mirabilien wohl bekannt, während der weltmännische Horaz jenem rohen Geschlecht minder zugänglich war. Antiquarische Entdeckungen in Rom wurden durch Virgil erklärt; dies beweist die Erzählung Wilhelms von Malmesbury, daß um 1045 das Grab des Pallas, des Sohnes Evanders, entdeckt wurde. Der Leib des Riesen, so berichtet er, ward noch völlig unversehrt gefunden mit einer vier Fuß langen Wunde auf der Brust, wie sie ihm der König Turnus geschlagen hatte. Auch eine brennende Kerze fand sich in der Gruft, durch nichts zu verlöschen, bis man unterhalb der Flamme einen Riß gemacht hatte. Dieser Fund konnte dem englischen Annalisten unmöglich in solcher Form berichtet werden, wenn nicht römische Antiquare selbst dem entdeckten Grabe jene Erklärung gegeben hatten.

Das Fortleben Virgils im Mittelalter ist in unseren Tagen mit Liebe verfolgt und erklärt worden. Man weiß, daß seit der Zeit Constantins Stellen virgilischer Gedichte, namentlich in der vierten Ekloge, als christliche Weissagungen galten. Die Muse hatte diesem Dichter auf der Schwelle zweier Weltepochen einige geniale Verse eingegeben, welche zufällig wie die Verkündigung der Geburt Christi aussehen; und niemals ist die feine Schmeichelei eines Dichters oder seine idealistische Hoffnung auf ein künftiges goldenes Zeitalter so glänzend belohnt worden als bei Virgil. Der ahnungslose Heide wurde zum Range eines messianischen Propheten erhoben, der Lieblingspoet der Kirche und des gläubigen Mittelalters, und jahrhundertelang benutzte man seine Bücher als die Orakel eines sibyllinischen Sehers, indem man sie blindlings aufschlug, wie man noch heute orakelfragend die Bibel aufzuschlagen pflegt. Dies sagenhafte Wesen der virgilischen Muse ist eine der anziehendsten Tatsachen aus der Geschichte der menschlichen Phantasie, welche Zeitalter und Geistesrichtungen miteinander verbindet. So ist eine der schönsten aller Legenden, welche die Antike und das Christentum verknüpfen, jene von der Vision des Beschützers Virgils, des Kaisers Oktavian, dem die von der Menschheit scheidende Sibylle die Jungfrau mit dem Christuskinde zeigt.

Wenn die Kirche Virgil als einen heidnischen Jesaias ehrte, so verwandelte ihn das Volk (und dies schon auffallend früh) in einen Philosophen, Mathematicus oder Magier ersten Ranges. In solcher Gestalt mußte er auch den Römern zur Zeit der Mirabilien bekannt sein, aber die Sage vom Zauberer Virgil entstand nicht auf römischem Boden, sondern war hier nur gleichsam zu Gast. Es ist auffallend, daß die Mirabilien dort, wo sie von der Vision Oktavians erzählen, gar nicht an Virgil denken, und auch die Sage von den klingenden Statuen wird von ihnen in keiner Weise mit ihm in Zusammenhang gebracht. Die Salvatio Romae auf dem Kapitol, wo jede Empörung der Provinzen von den mit Glöckchen läutenden Bildsäulen offenbart wurde, erscheint in Rom durchaus nicht in ihrer späteren Form. Der französische Roman vom Virgil erzählte nämlich, daß dieser Zauberer zur Rettung Roms einen Turm mit den Statuen jener Art gebaut habe, und eine andere Dichtung beschrieb ihn so, daß er tagsüber von Golde geglänzt habe, nachts durch eine strahlende Lampe den Schiffern sichtbar gewesen sei, und daß ferner ein dort angebrachter Spiegel alles, was in der Welt vorging, und jede feindliche Bewegung gegen Rom offenbart habe. Dies Märchen vorn Zauberspiegel, welches sich in den Ritterepen wie im Parzival findet, ist unrömischen Ursprungs, aber es konnte immerhin zur Zeit der Mirabilien in Rom bekannt sein. Antiquare versichern, daß die Reste des Turms der Frangipani am Titusbogen, nachdem ihn Gregor IX. im XIII. Jahrhundert hatte abbrechen lassen, vom Volk »der Turm des Virgil« genannt wurden.

Zu den Wunderwerken oder Talismanen Virgils in Rom gehörte auch die sogenannte Bocca della verità, aber die unrömische Verbindung auch dieser Sage, welche ihr Lokal in S. Maria in Cosmedin hatte, mit Virgil mochte den Römern im XII. Jahrhundert unbekannt sein. Im Atrium jener Basilika steht noch heute eine große Kloakenmaske, von der das Volk im Mittelalter sagte, daß die alten Römer, wenn sie Eide schworen, in deren offenes Maul die Hand legen mußten, welche dann dem Meineidigen abgebissen wurde; bis endlich die List einer Ehebrecherin die Wunderkraft des Bildes zerstört habe.

Von allen jenen Wunderwerken Virgils schweigen die Mirabilien, und sie nennen ihn nur einmal in folgendem Zusammenhange: »Auf dem Viminal steht die Kirche St. Agatha, wo Virgilius, von den Römern gefangen, unsichtbar hinweg und nach Neapel ging, daher man sagt: vado ad Napulum.« Das scheint sich auf das Märchen zu beziehen, welches erzählt, daß Virgil, wegen der bizarren Rache, die er an einer spröden Römerin nahm, vom Kaiser eingekerkert, auf einem Luftschiffe nach Apulien fuhr; und die vereinzelte Notiz der Mirabilien macht offenbar, daß die Römer des XII. und XIII. Jahrhunderts nicht allein diese, sondern auch andere Sagen von Virgil kannten.

Jedoch die wahre Heimat des »Zauberers Virgilius« war Neapel, seine Lieblingsstadt, wo sich sein mythisches Grab befand. Es ist fast befremdend, den naiven Glauben zu sehen, mit dem auch die ernstesten Männer am Ende des XII. Jahrhunderts die neapolitanischen Fabeln von Virgil berichteten. Der Engländer Gervasius von Tilbury, Marschall des Reichs Arelat, zählte in seinem Werk Otia Imperalia, welches er dem Kaiser Otto IV. widmete, unter den vielen »Mirabilien« der Welt mit besonderer Vorliebe die Wunderwerke des Poeten in Neapel auf. Der Dichter des römischen Nationalepos konnte es sich einigermaßen gefallen lassen, als Zauberer mit der Erbauung der großen Reichspolizei-Anstalt, Salvatio Romae, beehrt worden zu sein; aber in Neapel mußte er sich zu den Künsten eines Scharlatan herablassen: durch eine bronzene Fliege alle Fliegen vertreiben, im Capuanischen Tor alle Schlangen einsperren, durch ein ehernes Pferd alle Pferde vor der Senkung des Rückens behüten, durch ein magisches Stück Fleisch den Fleischmarkt in beständiger Frische erhalten, auf dem Jungfrauenberge einen Garten mit Heilkräutern bauen, wo das Lucien-Kraut blinde Schafe wieder sehend machte, und durch die bronzene Bildsäule eines Posaunenbläsers oder eines Bogenschützen den Südwind auffangen oder den Vesuv in Ruhe halten. Etwas mehr seiner würdig konnte die Erbauung des Kastells dell' Uovo auf Eiern, die Durchgrabung des Posilip und die Anlegung der Heilbäder in Puteoli sein, deren Gebrauch die neidischen Ärzte Salernos durch Auslöschung der Überschriften verkümmerten.

Es half den Mauern Neapels auch nicht das kunstvollste Palladium, welches Virgil in eine Glasflasche eingeschlossen hatte, denn Heinrich VI. nahm auf dasselbe keine Rücksicht, als er jene im Jahr 1196 zerstören ließ. Sein Kanzler Konrad, erwählter Bischof von Hildesheim, welcher ihn als Legat des Königreichs Sizilien begleitete, versicherte mit glaubwürdigem Ernst, daß trotz jenes Palladium die Mauern Neapels von den tapfern Deutschen umgestürzt worden seien, aber er erklärt dies voll Achtung vor dem großen Zauberer daraus, daß die magische Flasche schon einen Riß gehabt hatte; auch gesteht er, daß die Deutschen das sogenannte Eiserne Tor nicht niederzureißen wagten aus Furcht, die Schlangen zu befreien, welche Virgil dort verzaubert hatte. Der hochgestellte Mann versicherte mit der ruhigsten Überzeugung, die der Kaiser Heinrich sicherlich teilte, daß er die Wunder Virgils selbst erprobt und gesehen habe, wie die Gebeine des Poeten, als man sie an die Luft brachte, den Himmel augenblicklich verdunkelten und das Meer in Sturm versetzten. Sein abenteuerlicher Brief an Herbord von Hildesheim, als eine Perle in Arnolds Chronik der Slawen aufgenommen, eröffnet die unabsehbare Reihe der von Deutschen bis auf unsern Tag geschriebenen Reisebriefe aus Italien. Es ist höchst ergötzlich zu sehen, was alles die von einer fremden, schönen Welt erhitzte und mit klassischen Studien getränkte Einbildung des Kanzlers in Süditalien wahrnahm. Er entdeckte dort selbst den Parnaß und den Olymp, freute sich, daß die begeisternde Quelle Hippokrene jetzt innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches fließe, fuhr mit mythologischem Grauen durch die Szylla und Charybdis, segelte freudevoll irgendwo Skyros vorbei, wo Thetis den Heldensohn Achill versteckt gehalten, sah im Theater zu Tauromenium das furchtbare Labyrinth des Minotaurus und machte in Sizilien die Bekanntschaft der Sarazenen, welche die beneidenswerte, vom Apostel Paulus vererbte Kraft besaßen, durch bloßes Ausspeien giftige Schlangen zu töten.

Wir verlassen diese erheiternden Sagen, die dem wundergläubigen Jahrhundert, wo bei uns Deutschen die Ritterpoesie in Blüte kam, eine so lebhafte Färbung verleihen, um diese Mirabilien mit dem Bericht eines andern Reisenden zu schließen, welcher die Stadt, die jener Konrad nicht betrat, vor dem Jahre 1173 sah und kurz beschrieb. Die Mirabilien Roms vermehrte der spanische Jude Benjamin von Tudela, der als ein Vorläufer des Johann von Mandeville von seiner Fahrt bis nach Indien einen zum Teil fabelhaften Bericht im Geiste seines Jahrhunderts hebräisch niederschrieb.

Der gelehrte Rabbi sah Rom nur mit jüdischem Auge, denn natürlich fesselte ihn am meisten die Beziehung der Weltstadt zu Israel und der Fall Jerusalems unter Titus und Vespasian. Wir nehmen seine Beschreibung hier auf, weil sie der einzige Reisebericht über Rom ist, den wir aus dieser ganzen bisherigen Epoche des Mittelalters haben.

»Rom«, so sagt Benjamin, »besteht aus zwei Teilen, die der Tiberfluß so durchfließt, daß der eine von hier, der andere von dort erblickt wird. Im ersten steht der größte Tempel, der auf römisch St. Petrus heißt; da ist auch der Palast des großen Julius Caesar mit vielen Gebäuden und Werken, die von allen übrigen in der Welt weit verschieden sind. Die Stadt, hier in Trümmern, dort bewohnt, umfaßt 24 Millien. Sie enthält 80 Paläste der 80 Könige, welche alle Kaiser heißen, vom Reich des Tarquinius bis zum Reiche Pippins, des Vaters Karls, der zuerst Spanien den Ismaeliten entriß und sich unterwarf. Dort außerhalb Roms ist der Palast des Titus, den die 300 Senatoren deshalb nicht aufnehmen wollten, weil er ihrem Befehle nicht gehorcht hatte; denn anstatt in zwei Jahren eroberte er erst nach dem dritten Jahr Jerusalem. Außerdem sieht man den Palast des Königs Vespasian, einen gewaltigen und festen Bau wie ein Tempel. Dazu den Palast des Königs Galbinus, worin 360 Hallen, soviel als Tage im Jahr, drei Millien umfassend. Als sie aber einst unter sich Krieg führten, wurden in jenem Palast mehr als 100 000 Edomäer getötet, deren Knochen noch heutigen Tages dort hängen. Der König ließ auch den ganzen Krieg von allen Seiten in Skulptur bilden; Schlacht gegen Schlacht, Menschen mit Pferden und Waffen, alles wurde in Marmor eingehauen; so wollte er nach langen Jahrhunderten die alte Schlacht der Nachwelt vor Augen stellen. Dort findet sich die unterirdische Grotte, worin der König und die Königin auf Thronen sitzen, und ungefähr hundert Fürsten des Reichs, alle in Bildwerk dargestellt, bis auf den heutigen Tag. In der Kirche St. Stephan bei seinem Bilde im Heiligtum sind zwei eherne Säulen, ein Werk des Königs Salomo, der in Frieden schläft. Auf jeder Säule steht eingeschrieben: Salomo des David Sohn. Mir erzählten die dortigen Juden, daß jedes Jahr am 9. Juli aus ihnen es wie Wasser träuft. Da ist auch die Spelunke, wo Titus, der Sohn Vespasians, die heiligen Tempelgefäße niederlegte, die er aus Jerusalem gebracht hatte. Es ist noch eine andere Grotte im Berg am Tiberfluß, wo die zehn Gerechten (ihr Andenken sei gelobt!) ruhen, die unter dem Tyrannenregiment getötet wurden. Ferner: vor dem Tempel des lateranischen Bildes ist Samson dargestellt, den steinernen Globus in der Hand; dann Absalom, der Sohn des David, und der König Constantin, der Constantina baute, von ihm Konstantinopolis genannt. Seine Bildsäule und die des Pferdes ist von Erz, aber sie war ehedem mit Gold bezogen.« Benjamin bezeugt demnach, daß die vom Volk Caballus Constantini genannte Reiterfigur des Marc Aurel am Lateran stand.

Der Geist der Mirabilien spricht auch aus ihm. Es ist anziehend, sich diesen Rabbi vorzustellen, wie er, von seinen Glaubensgenossen aus Trastevere begleitet, die ihm unheimliche Stadt durchwandert und sich von ihnen Sagenhaftes erzählen läßt. Auch der Ghetto Roms hatte seine Archäologie, die sich auf erdichtete oder historische Verhältnisse der Stadt zum Volke Davids bezog, und dergleichen Sagen waren alt genug. Schon der armenische Bischof Zacharias wollte im VI. Jahrhundert wissen, daß in Rom 25 eherne Statuen der Judenkönige von Vespasian aufgestellt seien, und die Graphia erzählt, daß der Lateran die Bundeslade, den siebenarmigen Leuchter und Reliquien von Moses und Aaron bewahre. Doch Benjamin übergeht dies mit Stillschweigen, und die jüdischen Archäologen zeigten ihm nur eine mythische Höhle, wo die Tempelgeräte sollten niedergelegt worden sein. So sehr war übrigens auch den Römern selbst die Beziehung zu Jerusalem, namentlich seit den Kreuzzügen, merkwürdig geworden, daß die Mirabilien versichern, bei St. Basilius (in der Mauer des Forum des Augustus) sei eine große Tafel von Erz befestigt gewesen, worauf in griechischen und lateinischen Lettern von Gold die Freundschaft geschrieben stand, welche einst die Römer mit Judas Makkabäus geschlossen hatten. Auch die Lokalsage beachtete Benjamin nicht, und überhaupt beklagen wir, daß er nur flüchtig in Rom verweilt und flüchtiger von seinen Anschauungen erzählt hat. Hätte er uns vom damaligen Rom so viel berichtet wie sein Zeitgenosse Ibn-Dschubaïr von Palermo, so würde dies vielleicht von manchem Werte sein. Aber die Größe der Stadt und ihrer Ruinen drückte selbst die Vorstellung klassisch gebildeter Christen nieder, und der Rabbi von Tudela schloß seine Skizze sehr passend mit den Worten: »Es sind noch andere Gebäude und Werke in Rom, die keiner zu zählen imstande ist.«

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