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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 22
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Abzug der Vandalen. Schicksale der Kaiserin Eudoxia und ihrer Töchter. Die Basilika St. Petri ad Vincula. Legende von den Ketten Petri. Die Vandalen haben die Monumente der Stadt nicht zerstört. Folgen der vandalischen Plünderung.

Das Los Roms erinnerte in Wahrheit an jenes Jerusalems. Viele tausend Römer jedes Standes und Alters schleppte Geiserich als Kriegssklaven nach Libyen mit sich, unter ihnen auch Eudoxia und Gaudentius, den Sohn des Aëtius. Die Tochter eines byzantinischen und die Gemahlin zweier römischer Kaiser büßte das Verbrechen des Hochverrats an Rom, wenn sie es wirklich begangen hatte, nicht allein durch den Anblick der Plünderung der Stadt und der unsagbaren Leiden des römischen Volks, sondern auch durch ihre und ihrer beiden Töchter Gefangenschaft. Von diesen wurde Eudocia gezwungen, Geiserichs Sohne Hunnerich ihre Hand zu geben. Nachdem sie sechzehn Jahre lang in widerwilliger Ehe mit ihm in Karthago gelebt hatte, entfloh sie und pilgerte unter mannigfachen Abenteuern nach Jerusalem, wo sie starb und neben ihrer berühmten Großmutter gleichen Namens begraben ward. Die andere Tochter, Placidia, wurde später nach dem Tode des Kaisers Marcianus in Freiheit gesetzt, und sie fand ihren geflüchteten Gemahl Olybrius in Konstantinopel wieder, wohin sie auch ihre Mutter Eudoxia hatte begleiten dürfen. Dies waren die Schicksale jener Frauen, der letzten Nachkommen vom Stamme des großen Theodosius.

Die Stadt Rom, welche das Andenken an Eudoxia mit der vandalischen Plünderung verbindet, wird noch heute durch eine Kirche an diese unglückliche Kaiserin erinnert. Sie hatte kurz vor dem Einbruche Geiserichs dem St. Petrus eine Basilika erbaut. Diese Kirche, in der Nähe der Thermen des Titus auf den Carinen gelegen, führte von ihr den Namen Titulus Eudoxiae und wurde später S. Pietro ad Vincula oder in Vincoli genannt. Von ihrer Stiftung erzählt die Legende folgendes: Eudokia, die Mutter jener Kaiserin, hatte aus Jerusalem die Ketten Petri mit sich genommen, von denen sie die eine Hälfte nach Konstantinopel, die andere nach Rom an ihre Tochter schenkte. Hier lagen Ketten aufbewahrt, welche der Apostel vor seinem Tode getragen hatte; als nun der Papst Leo jene jerusalemischen mit diesen römischen berührte, schlossen sich beide aneinander und bildeten eine einzige Kette von achtunddreißig Ringen. Dies Wunder bewog die Gemahlin Valentinians zur Erbauung der Kirche, wo diese fabelhaften Reliquien noch heute verehrt werden und das heidnische Fest des Augustus (der 1. August) sich in das Fest der Ketten Petri verwandelt hat.

Als die vandalische Flotte hinweggesegelt war, konnten die Römer ungestört ihr furchtbares Verderben beweinen. Wie nach dem Abzuge des Alarich, so blieb auch nach der Entfernung Geiserichs kein Feind mehr in ihren Mauern zurück. Keine politische Veränderung hatte stattgefunden. Nur die mit Trümmern und Leichen bedeckte Stadt gab von demjenigen Zeugnis, was sie erlitten hatte. Die Plünderung war so allgemein gewesen, daß fast alles wertvolle Gut in die Hände der Afrikaner gefallen sein mußte. Es ist schwer zu glauben, daß Vandalen und Mauren aus Ehrfurcht vor den Aposteln die drei Hauptkirchen wirklich verschont und nur die Titelkirchen oder Parochien ausgeraubt hatten. Jedoch gibt es ein Zeugnis dafür, daß manche Kostbarkeit, zumal im St. Peter, den Barbaren entging oder von ihnen verschont blieb. Selbst wenn wir keine bestimmte Nachricht über den Charakter dieser vandalischen Plünderung besäßen (und es ist sehr wenig, was uns spätere Schriftsteller davon mitteilen), so würde uns der zum Sprichwort gewordene Ausdruck »Vandalismus« überzeugen, daß sie gründlich genug gewesen ist. Denn obwohl auch die Westgoten Rom geplündert hatten, blieb doch ihr Name von dem Brandmal verschont, welches der Volksglaube gerade den Vandalen angeheftet hat, ein Beweis, wie unauslöschlich sich die Erinnerung an jene zweite Katastrophe dem Gedächtnis der Stadt aufgeprägt hatte. Aber die ruhige Forschung verdammt die triviale Fabel, daß die Vandalen die Gebäude Roms zerstört haben. Kein einziger Geschichtschreiber, der nur irgend von dieser Begebenheit erzählt, nennt auch nur ein einzelnes Gebäude, welches sie vernichtet hätten. Procopius, dem doch die Ruinen der von den Goten verbrannten Paläste des Sallust nicht entgangen waren, berichtet nur, daß die Vandalen das Kapitol und das Palatium ausplünderten; und es sind allein die späteren einander abschreibenden Byzantiner, welche in allgemeinen Phrasen, wie wir sie bei Gelegenheit der gotischen Plünderung bemerkten, von einer Anzündung der Stadt und dem Verbrennen ihrer Wunderwerke reden. Und doch werden wir diese Monumente und die Sorge des Goten Theoderich um ihre Erhaltung noch von Cassiodor schildern und preisen hören. Wir schließen daher auch diese Untersuchung mit dem Ausspruch eines Römers: »Soviel man weiß, ist es unbegründet, daß Geiserich die Gebäude oder die Standbilder Roms zerstört habe.«

Der allgemeine Ruin der Stadt jedoch war unermeßlich; nachdem die Vandalen mit dem Besitze der großen Provinz Afrika die dortigen Latifundien der römischen Patrizier und die Patrimonien der Kirche an sich gerissen, hatten sie auch in Rom selbst die senatorischen Familien größtenteils an den Bettelstab gebracht und das Volk durch Elend, Flucht und Sklaverei gemindert. Man darf behaupten, daß Rom innerhalb fünfundvierzig Jahren, seit der Eroberung durch Alarich, um 150 000, ja vielleicht um eine größere Zahl der Bewohner ärmer geworden war. Viele alte Geschlechter waren ganz verschwunden, viele führten ein elendes Dasein fort und gingen wie die verlassenen Tempel in Ruinen. Große Paläste standen leer und ausgestorben; das verödende Leben der Römer begann sich gespensterhaft in der Stadt zu bewegen, welche zu weit geworden war, um von ihm erfüllt zu werden. Erstaunt man schon vor den großen Strecken Roms, welche zur Blütezeit des Kaisertums nur mit ungewohnten Tempeln, Basiliken, Arkaden und Lustanlagen jeder Art bedeckt, von der Volksmenge nicht immer hinreichend belebt werden konnten, so mag man sich nunmehr Rom seit der Mitte des V. Jahrhunderts vorstellen, als die feierliche Ruhe der Stadt Trajans, in deren majestätischen Räumen sich die Volksbewegung stillte, in das Schweigen des Grabes sich zu verwandeln begann.

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