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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 209
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. St. Bernhard wirkt für die Anerkennung Innocenz' II. in Frankreich. Lothar verspricht, ihn nach Rom zu führen. Romzug des Papsts und Lothars. Mutige Haltung Anaklets II. Kaiserkrönung Lothars. Er kehrt heim. Zweite Vertreibung des Papsts Innocenz. Konzil in Pisa. Roger I. bezwingt Apulien. Zweiter Zug Lothars nach Italien. Streitigkeiten zwischen dem Papst und dem Kaiser. Heimkehr und Tod Lothars.

Unterdes befand sich Innocenz II. in Frankreich, wo er fast überall anerkannt wurde. Hier war sein Protektor ein weltberühmter Heiliger, der Abt Bernhard von Clairvaux. Mit Recht darf die Kirche auf die Fülle ihrer Kräfte stolz sein, welche sie eine nach der andern entfaltete, den langsamen Bau der Hierarchie zu vollenden, und Bernhard, ihr damaliger Genius, gehört zu ihren bedeutendsten Männern überhaupt. Nachdem die Periode Clunys abgelaufen war, fand das Mönchtum in ihm einen neuen Reformator, und dies in der Zeit, als es durch die Ritterorden Palästinas auch eine politische Macht wurde. Bernhard war 1091 zu Fontaine bei Dijon geboren; im Jahre 1113 wurde er Mönch im Benediktinerkloster Citeaux oder Cistercium, welches um das Jahr 1098 gegründet worden war. Die asketische Strenge der Zisterzienser sagte dem Sinne des Jünglings zu; er half das Kloster Clairvaux bei Châlons sur Marne stiften, dessen Abt er im Jahre 1115 wurde, und seither war er der gefeierte Wundertäter, das Orakel und der Apostel des strengsten Mönchtums. Er gründete nach und nach 160 Klöster seiner Regel in allen Ländern Europas, aber sein lebhafter Geist konnte sich nicht in einsamen Wildnissen begraben, sondern er wirkte mit praktischer Energie auf die gesamte politische und kirchliche Welt seiner Zeit.

Bernhard war es, welcher Ludwig von Frankreich für Innocenz gewann, und auch der deutsche König, den dieser Papst im März 1131 zu Lüttich aufsuchte, gab ihm nach einigem Zögern die Zustimmung. Ein Fürst voll Ehrgeiz und Genie hätte zaudern müssen, Innocenz anzuerkennen, denn er würde als Schiedsrichter über zwei Päpste den Heiligen Stuhl in die Lage versetzt haben, welche einst Gregor VII. dem Königtum bereitet hatte. Ein feiner Staatsmann hätte diese Gelegenheit ausbeuten können, um die Investitur sich wieder anzueignen, welche Lothar selbst über die Wormser Artikel hinaus von den deutschen Bischöfen schmälern ließ. Jedoch der König nahm die Traditionen des ihm feindlichen Frankenhauses nicht auf; er wollte sich in keinen Kampf mit der Hierarchie einlassen, er versprach vielmehr dem Papst, ihn nach Rom zu führen, wofür ihm Innocenz die Titel der kaiserlichen Gewalt zusicherte. Auf dem Oktoberkonzil zu Reims empfing er die Anerkennung Englands und Spaniens, und hier wurde Anaklet feierlich gebannt. Den Mittellosen rüsteten nicht ohne Murren die Kirchen Frankreichs zur Heimkehr aus, worauf er im Frühling 1132 nach der Lombardei reiste. Fast alle dortigen Bischöfe und Herren anerkannten ihn auf dem Konzil zu Piacenza am 10. April, doch Mailand nicht. Aber die Annäherung Lothars, der, von Augsburg aufbrechend, im September 1132 zum Gardasee hinabgestiegen war, zwang den Gegenkönig Konrad, die Lombardei zu verlassen, wo er sich schnell preisgegeben sah. Das Heer des Königs war nur gering an Zahl; sächsische Bischöfe und Herren begleiteten ihn. Innocenz erwartete ihn in Piacenza und zog mit ihm auf der Via Aemilia im November ins Bolognesische; dann ging der Papst nach Pisa, versöhnte diese Stadt mit Genua und bewog beide Republiken, ihm zur Unterwerfung Roms ihre Flotten zu leihen. Im folgenden Frühling rückten Lothar und Innocenz von Viterbo über Horta und Farfa fort, während Pisaner und Genuesen Civitavecchia eroberten und die ganze Maritima unterwarfen.

Gesandte Anaklets hatten schon bei Viterbo vom Könige gefordert, daß eine unparteiische Synode die Rechtmäßigkeit der Wahl des einen oder andern Papsts entscheide. Die deutschen Fürsten erkannten wohl die Gerechtigkeit dieser Forderung und die Vorteile, welche ein Richterspruch dem Könige darbot. Lothar selbst mußte sich erinnern, daß seine salischen Vorgänger streitende Päpste erst in Sutri vor ein Konzil geladen und dann nach gefälltem Spruch den anerkannten Papst nach Rom geführt hatten. Allein Norbert, Erzbischof von Magdeburg, und die Kardinäle mit ihm schlugen die Zweifel des Königs nieder, indem sie sich auf die Beschlüsse von Reims und Piacenza beriefen, und so gab der ängstliche Lothar diesen Vorstellungen nach und eine Gelegenheit aus der Hand, welche ihm der Kirche gegenüber eine furchtbare Kraft hätte verleihen können. Anaklet befand sich in nicht geringer Gefahr; denn sein einziger Verbündeter konnte ihm keinen Beistand leisten, weil er gerade jetzt von einer siegreichen Empörung Apuliens bedrängt wurde, wo Robert von Capua, Rainulf von Alife und viele andere Barone in Waffen standen und die Partei des Innocenz verstärkten. Unter solchen Umständen schien Anaklet verloren; doch ihn rettete die Beschaffenheit der Stadt, wo er fast alle Festungen besaß, und die geringe Anzahl des feindlichen Heeres; denn Lothar war mit so kleiner Streitmacht in Italien erschienen, daß die Städte seiner spotteten, und nach Rom folgten ihm nur 2000 Ritter.

Am Ende April lagerte er bei S. Agnese vor dem Nomentanischen Tor; sofort erschienen huldigend einige römische Große, alte Anhänger des Innocenz oder Verräter Anaklets, die Frangipani, der Stadtpräfekt Theobald und Petrus Latro vom Geschlecht der Corsen. Widerstandslos zog Lothar in die Stadt ein am 30. April 1133; er führte Innocenz in den Lateran, nahm selbst Wohnung auf dem Aventin, der seit Otto III. keinen Kaiser mehr beherbergt hatte und ließ seine Truppen bei St. Paul die Zelte aufschlagen, während die pisanischen Schiffe den Tiber aufwärts fuhren. Doch die Hoffnung, das Schisma schnell zu überwinden, täuschte Innocenz; denn Anaklet, der sich ohne Urteil verworfen sah, weigerte sich, seine Burgen auszuliefern, worauf ihn die Kurie Lothars als Reichsfeind in die Acht erklärte. Indes hinter dem Tiber sicher, konnte er in der Engelsburg der schwachen Angriffe der Feinde spotten und sie verhöhnen, daß der deutsche König wider das Ritual im lateranischen Dom die Kaiserkrone nehmen mußte. Die Festprozession konnte sich diesmal nur zwischen Aventin und Lateran bewegen, der feierliche Empfang nur auf der lateranischen Treppe geschehen, der übliche Eid nur vor den Türen dieser Basilika geleistet werden. Innocenz II. krönte Lothar und seine Gemahlin Richenza am 4. Juni 1133 mit mäßigem Pomp in Gegenwart vieler Bischöfe und Großen Italiens. Der neue Kaiser machte einige schwache Versuche, das Investiturrecht wieder zu erhalten; doch befestigte wenigstens ein Vertrag wegen der mathildischen Allode den Frieden mit der Kirche, denn Innocenz belieh damit Lothar und seinen Schwiegersohn Heinrich von Bayern aus dem Hause Welf auf Lebenszeit.

Dies waren die dürftigen Erfolge des Romzuges. Vergebens erschienen Robert und Rainulf, Hilfe gegen Roger fordernd, den sie eben erst nach Sizilien zurückgeworfen hatten. Mangel trieb den Kaiser nach dem Norden fort, und nach dem Abzuge der Deutschen in der Mitte des Juni erkannten Innocenz und Anaklet, daß ihre Lage im Grunde dieselbe war wie zuvor.

Die Sache Anaklets stärkten Rogers Landung und Siege in Apulien; Innocenz floh aus Rom schon im August, und zum zweitenmal nahm ihn Pisa gastlich auf, denn diese Handelsstadt sah mit Eifersucht auf die wachsende Seemacht Siziliens und blieb wie Genua der normannischen Monarchie feind. Die Zeit ging ohne Entscheidung hin; Rom, vom Adel ganz unabhängig regiert, stand größtenteils zu Anaklet, aber das Pisaner Maikonzil im Jahre 1135 befestigte Innocenz, und selbst Mailand schwor Anaklet ab. Die friedliche Eroberung dieser lombardischen Stadt war das Werk Bernhards und sein glänzendster Triumph. Der Empfang, den man ihm dort bereitete, ist eins der merkwürdigsten Schauspiele jener Zeit und zeigt die unermeßliche Gewalt religiöser Vorstellungen über die damalige Welt. Der heilige Diplomat wurde meilenweit vom ganzen Volke eingeholt; man küßte seine Füße, man riß sich um die Fasern seiner Kutte, man erstickte ihn in Liebkosungen. Jetzt huldigte ganz Italien bis zum Tiber Innocenz II., nur Rom, die Campagna und Süditalien hielten zu Anaklet. Erst wenn die Macht Rogers gebrochen war, konnte man hoffen, auch den Gegenpapst zu beseitigen, welcher in der Stadt den Frangipani noch immer widerstand. Mit barbarischer Kraft hatte der Stifter der sizilischen Monarchie den Aufstand Apuliens erdrückt; da floh der verjagte Robert von Capua nach Pisa und bewog die Republik, eine Flotte gegen Roger auszurüsten. Ein kurzer Krieg wurde ohne Entscheidung geführt. Zwar eroberten die Pisaner schon im Jahre 1136 ihre ehemalige Nebenbuhlerin Amalfi und zerstörten für immer die letzte Blüte dieser berühmten Handelsstadt; aber Robert mußte mit der beutebeladenen Flotte erfolglos zu Innocenz zurückkehren. Jetzt ernannte Anaklet den König Roger zum Advokaten der Kirche, zum Patricius der Römer und räumte ihm in seiner Not Rechte ein, welche die Unabhängigkeit des Papsttums gefährdeten.

Dagegen sah Innocenz II. seine Rettung nur in einem neuen Romzuge des Kaisers, und Lothar war töricht genug, fremden Zwecken zu dienen. Mit den päpstlichen Legaten eilte auch der letzte Herzog von Capua nach Deutschland, ihn gegen den gemeinsamen Feind aufzurufen, welcher nun auch Neapel mit Nachdruck belagerte. Die Bitten des Papsts und der apulischen Fürsten verstärkte Bernhard durch die seinigen, indem er Lothar vorspiegelte, daß es seine Pflicht sei, Süditalien einem Usurpator zu entreißen und dem Reiche wieder zu vereinigen. So wurden die Ansprüche des Reichs auf Apulien und Kalabrien von der Kirche anerkannt, wenn es ihr paßte, und geleugnet, wenn es Zeit zum Leugnen war. Ein Vernichtungskrieg gegen die sizilische Monarchie ward beschlossen; und dieser furchtbaren Liga des Kaisers und Papsts, der Pisaner und Genuesen wie der Dynasten Apuliens war Roger nicht gewachsen. Lothar, jetzt mit den Hohenstaufen ausgesöhnt, konnte im September ein großes Heer über die Alpen führen. Einige lombardische Städte fühlten diesmal die Schärfe seines Schwerts, andere huldigten voll Furcht; er zog im Frühling 1137 durch die Marken meerentlang nach Apulien, während sein Schwiegersohn Heinrich über Florenz nach Viterbo rückte. Diese beiden Heerhaufen, Städte belagernd oder zermalmend, mit Feuer und Schwert sich die Straße bahnend, glichen, wie immer die Romzüge, Lavaströmen, die sich prasselnd durch Italien wälzten, um dann schnell zu erkalten. Heinrich der Stolze, jetzt auch titularer Herzog von Toskana, geleitete Innocenz über Sutri nach Latium unter beständigem Verheeren jener Gegenden, welche Anaklet anerkannten. Aber staunend sah der Gegenpapst von den Zinnen der Engelsburg die drohenden Kriegshaufen Rom vorüberziehen; sein Gegner, der nach vierjährigem Exil wiederkehrte, konnte sich mit den Mühsalen der Stadt nicht aufhalten; er schickte nur den Abt Bernhard, diese durch seine fromme Rede zu erobern, er selbst aber zog mit Herzog Heinrich über Albano durch Latium, welches sich unterwarf, nach S. Germano und Benevent, das er am 23. Mai erreichte. Diese Stadt huldigte ihm nach kurzem Widerstande, wie auch Capua den legitimen Herrscher aufnahm, und Heinrich, Innocenz, Lothar konnten sich in dem blutbedeckten Bari freudig die Hände reichen.

Vergebens bot Roger Frieden; als man ihn verwarf, vermochte er nicht den Fall fast aller Städte Apuliens aufzuhalten, da pisanische und genuesische Schiffe das Landheer unterstützten. Er entwich nach Sizilien, und die Triumphe Lothars dehnten die Reichsgewalt zum erstenmal wirklich über ganz Süditalien aus. Robert wurde in Capua hergestellt, Rainulf zum Herzog von Apulien erhoben, und Sergius atmete wieder frei in Neapel. Indes auch der siegreichste Erfolg deutscher Kaiser in Italien konnte nur vorübergehend sein, weil sie bald heimkehrten und keine Besatzungstruppen zurückließen; den Nutzen ihrer Anstrengungen ernteten höchstens die klugen Päpste, zu deren bewaffneten Advokaten sie sich gebrauchen ließen. Das tapfere deutsche Heer verlangte ungestüm die Heimkehr und verwünschte laut und offen den Papst, dessen Eigennutz diesen mörderischen Krieg veranlaßt habe. Lothar hatte für Innocenz genug getan und schon in Apulien und Salerno, worüber der Papst die ausschließliche Lehnshoheit beanspruchte, erfahren, daß hier nimmer Dank zu gewinnen sei, daß der Papst doch nur seiner wie eines dienstfertigen Generals sich bedienen wolle. Nur die Rücksicht auf Roger verhinderte den Bruch, aber der Kaiser zog schon im September über Monte Cassino, Ceprano, Palestrina und Tivoli nach Farfa. Rom betrat er nicht; doch die kaiserliche Partei hatte ihm schon in S. Germano die Abzeichen des Patriziats überbracht, und der mächtigste Herr in Latium, Ptolemäus von Tusculum, ihm und dem Papst gehuldigt, worauf er als Reichsfürst die Bestätigung seiner Besitzungen empfing. Der Kaiser überließ den Papst seinem Glück und setzte seinen Marsch weiter nach dem Norden fort.

Kaum war er hinweggezogen, als König Roger aus Sizilien racheflammend wiederkam: seine sarazenischen Krieger stürzten sich mit schrecklichem Verheeren auf Apulien und Kalabrien; Capua, Benevent, Salerno, Neapel, viele Kastelle ergaben sich im ersten Schreck; Robert von Capua floh, und Sergius von Neapel leistete den Vasalleneid; nur der heldenmütige Rainulf kämpfte noch einige Zeit mit Mut und Glück, aber trotz seines glänzenden Sieges bei Ragnano am 30. Oktober konnte er von seinem Herzogtum nur einige feste Städte behaupten. Der glorreiche Feldzug des Kaisers ging demnach vorüber wie ein Orkan; die so teuer erkauften Siege waren bald verlorene Taten, welche das edle Greisenalter Lothars mit einem frischen, aber unfruchtbaren Lorbeer schmückten. Dieser von Freund und Feind wegen seiner Milde, Weisheit und Tapferkeit gepriesene Kaiser nahm, wie so mancher andere seiner deutschen Vorgänger und Nachfolger, den Todeskeim aus Italien mit sich und starb in einer Alpenhütte Tirols schon am 3. Dezember 1137.

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