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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 208
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Drittes Kapitel

1. Die Pierleoni. Ihre jüdische Abkunft. Die römische Juden-Synagoge im XII. Jahrhundert. Petrus Leo und sein Sohn, der Kardinal Petrus. Schisma zwischen Innocenz II. und Anaklet II. Innocenz flieht nach Frankreich. Brief der Römer an Lothar. Anaklet II. verleiht Roger I. den Titel des Königs von Sizilien.

Ein Schisma rein städtischen Ursprunges sollte der Kirche zeigen, daß nicht immer die deutschen Könige Kirchenspaltungen verschuldeten. Die Hoffnung der Pierleoni, einen Papst ihres Hauses aufzustellen, war durch Reichtum und Macht, noch mehr durch große Verdienste um die Kirche wohl begründet. Ihr hochangesehenes Geschlecht war jüdischer Abkunft, und diese seltsame Tatsache veranlaßt uns, einen Blick auf die Synagoge in Rom zu werfen.

Die Gemeinde der Juden, schon seit Pompejus in Trastevere und um die Inselbrücken ansässig, dauerte unter allen Stürmen der Geschichte in Rom fort. Ein Häuflein Hebräer wurde hier als ein monumentales Symbol geduldet, welches die alttestamentliche Wurzel des Christentums darstellte. Die Juden erfuhren gerade in Rom eine menschlichere Behandlung, als dies anderswo während des Mittelalters geschehen ist. Sie zeugten sich fort, unvermischt mit Römern oder Barbaren, von Kindern zu Kindeskindern; sie sahen um sich her zu Staub zerfallen die altrömische Republik, das römische Cäsarentum, die unermeßliche Marmorstadt, ein zweites fränkisches Kaisertum, aber sie überdauerten, unzerstörbarer als Bildsäulen von Erz, die furchtbare Nemesis der Jahrtausende, und sie beten noch heute in denselben Gassen am Tiber zu Jehovah, dem Gott Abrahams und Moses'. Ihre Anzahl, die seit den spanischen Verfolgungen unter Philipp II. bis heute auf 5000 Seelen gestiegen ist, betrug hier im XII. Säkulum nur einige Hundert. Zweihundert jüdische Männer zählte der Rabbi Benjamin von Tudela, als er zur Zeit Alexanders III. Rom besuchte; aber er versicherte, unter seinen Glaubensgenossen einflußreiche Leute, selbst am päpstlichen Hof, und sehr weise Rabbiner gefunden zu haben wie Daniel, Jehiel, Joab, Nathan, Menahem und andere Hebräer in Trastevere. Aus dem Dunkel, welches diese Schule der Juden bedeckt, sahen wir sie ans Licht kommen, wenn sie bei Huldigungsfesten ihre Hymnen sangen, und nur einmal wird von einer Judenverfolgung erzählt. Der geknechtete Stamm wehrte sich gegen seine Quäler durch List und Talent und die Macht des heimlich zusammengescharrten Goldes. Die besten Ärzte, die reichsten Geldwechsler Roms waren Juden; in ihren elenden Häusern wucherten sie mit Zins, und unter ihren Gläubigern zählten sie die erlauchten Konsuln der Römer und die bedrängten Päpste selbst.

Aus dieser verachteten Synagoge ging endlich ein Senatorengeschlecht hervor, welches Glück und Macht dem Wucher verdankte. Der Großvater jenes Petrus Leonis, der während des Investiturstreits eine so ausgezeichnete Stellung einnahm, war noch Jude in Trastevere gewesen, hatte mit dem päpstlichen Hof, dessen Finanznot er oft abhalf, Wechselgeschäfte gemacht und sich dann taufen lassen. Als Christ nannte man ihn Benedictus Christianus. Seinem ehrgeizigen Sohne Leo, welcher vom Papst Leo IX. den Taufnamen empfangen hatte, öffneten Reichtum und Geschicklichkeit bald die glänzendste Laufbahn. Er verschwägerte sich mit den römischen Großen, welche die goldenen Töchter Israels für ihre Söhne begehrten oder ihre eigenen Töchter den getauften Judensöhnen vermählten. Mit dem Fanatismus der Renegaten und aus kluger Berechnung schloß sich Leo an Hildebrand und die Reformpäpste an; sein kräftiger Sohn Petrus Leonis oder Pierleone, wurde hierauf in Rom ein unentbehrlicher Mann vom höchsten politischen Einfluß. Aus seiner Burg am Marcellus-Theater (ohne Zweifel hatte sie schon sein Vater Leo angelegt) beherrschte er auch die nahe Tiberinsel, und selbst die Engelsburg hatte ihm Urban II. anvertraut. Dieser Papst starb im Palast seines Gläubigers und Beschützers, und auch seine Nachfolger bemühten sich um die Protektion des gewaltigen Pierleone. Aber das Volk haßte ihn als Wucherer, der Adel als Emporkömmling, und wir sahen, daß dieser mächtige Freund Paschalis' II. seinem Sohne die Präfektur nicht erringen konnte. Die Freundschaft der Päpste, der Glanz der Familienverbindungen, ihr Geld und ihre Macht verschleierten die jüdische Abkunft dieser Emporkömmlinge so schnell, daß die Pierleoni sehr bald als das erlauchteste Fürstengeschlecht der Stadt berühmt waren. Sie führten schon seit Leo den Titel »Konsul der Römer« so stolz und gut wie die ältesten Patrizier. Sie lagen im Streit mit den Frangipani; denn diese wurden jetzt aus Egoismus und Haß gegen jene ghibellinisch und kaiserlich gesinnt, während die Pierleoni die Führer der päpstlichen Partei waren. Beide feindlichen Geschlechter hatten einen Leo zu ihrem Stifter und waren auch um dieselbe Zeit in Blüte gekommen. Später fabelte man, daß sowohl Frangipani als Pierleoni von den Aniciern abstammten, und man erzählte im XV. Jahrhundert, daß zwei Brüder eines Pierleone Massimo, sogenannte Grafen vom Aventin, nach Deutschland gewandert seien, wo sie das Haus Habsburg gründeten. Selbst die österreichischen Kaiser fühlten sich geehrt, Verwandte der Pierleoni zu sein, bis sie entdeckten, daß sie in diesem Falle ihre Ahnen im Ghetto Roms zu suchen hätten.

Petrus Leo starb, mit Ehren bedeckt, am 2. Juni 1128. Die Grabmäler der Päpste jener Zeit gingen unter, aber der Zufall hat das Mausoleum dieses jüdischen Crassus so sorglich aufbewahrt wie den Sarkophag der Caecilia Metella. Im Klosterhof zu St. Paul steht ein großer Marmorsarg schlechtester römischer Zeit, mit den Figuren des Apollo und Marsias und der Musen geschmückt; dies war das Grab Pierleones, welchen die Inschrift echt jüdisch als einen »durch Reichtum und Kinder unermeßlichen Mann ohnegleichen« preist. Er hinterließ viele Nachkommen, und so fabelhaft war deren Glück, daß einer seiner Söhne Papst, ein anderer Patricius der Römer, eine Tochter, so sagt man, Gemahlin Rogers von Sizilien wurde.

Seinen Sohn Petrus hatte der Vater für ein geistliches Amt bestimmt. Konnte man ihm das violette Kardinalskleid versagen? War der rote Papstmantel für den reichen Sohn Pierleones eine zu kühne Phantasie? Der junge Petrus wurde nach Paris geschickt, wo er ohne Zweifel Abälard hörte; nach beendigten Studien nahm er die Kutte in Cluny, noch immer das empfehlendste Kleid für einen Kandidaten des Pontifikats. Paschalis zog ihn auf seines Vaters Wunsch nach Rom und machte ihn zum Kardinaldiakon von SS. Cosma und Damiano. Er begleitete Gelasius nach Frankreich mit einem seiner Brüder, kehrte mit Calixtus zurück und wurde im Dezember 1120 Kardinalpriester von S. Maria in demselben Trastevere, aus welchem sein Geschlecht den Ursprung genommen hatte. Seither war er Legat in Frankreich, wo er Synoden hielt, und in England, wo er, vom König Heinrich feierlich eingeholt, mit fürstlichem Pomp auftrat. Selbstgefühl, Bildung und Geist fehlten dem Sohne des mächtigen Pierleone nicht, und wenn er, was ihm seine Gegner vorwarfen, als Nuntius Schätze zusammenraffte, so folgte er nur dem Beispiel fast aller übrigen Kardinallegaten. Seine wütenden Feinde überhäuften ihn später mit Schmähungen, aber wenn ihm immerhin Ehrgeiz, Habsucht und Sinnlichkeit mit Recht zum Vorwurf gemacht werden konnten, so war doch das abschreckende Bild, welches sie von seinem Charakter entwarfen, nicht der Wahrheit getreu. Dies ist sicher, daß der Kardinal Pierleone nicht nur durch seinen Reichtum und seine Familienverbindungen, sondern auch durch seine geniale Persönlichkeit der größte Mann in Rom war.

Seine Anhänger hofften, ihn unter der Papstkrone zu sehen; der Stimmen zahlreicher Klienten war er schon durch seine Geldmacht sicher; sogar der Kardinal Peter von Portus führte seine Partei im heiligen Kollegium, während die Gegner, vom Kanzler Haimerich und von Johann von Crema geleitet und von den Frangipani geschützt, Gregor von S. Angelo auf die Wahlliste stellten. Man beschloß zuerst, acht Kardinälen die Wahl zu überlassen, und unter diesen befand sich auch Petrus. Aber kaum war Honorius tot, so versammelten sich heimlich fünf von den Wahlherren in St. Gregor auf dem Clivus Scauri, wo ihnen die Nähe der frangipanischen Burgen Sicherheit gab; hier riefen sie am 14. Februar den Kardinal Gregor als Innocenz II. aus, und seine Partei, im ganzen nur sechzehn jüngere Kardinäle, einige Bürger, die Frangipani und Corsi, akklamierten ihm als Papst. Dies Verfahren war vollkommen gesetzwidrig und die Wahl Gregors durchaus unkanonisch. Die Gegner eilten daher einige Stunden später nach der Kirche S. Marco, in deren Nähe das befestigte Viertel der Pierleoni lag; die meisten Kardinäle, die Mehrzahl der Bürger und fast der ganze Adel, die Tebaldi, Stefani, Berizo, die von S. Eustachio, die Pfalzrichter erwählten unter dem Vorsitz des Dekans der Kardinäle in ganz kanonischer Form den Sohn Pierleones als Anaklet II.

Die beiden Prätendenten, an einem Tage gewählt, standen einander gegenüber wie Jakob und Esau, die um das Erstgeburtsrecht haderten. Dem Kardinal Gregor hatte seine Faktion den Erstlingssegen erschlichen, aber fast ganz Rom und die Landschaften huldigten Anaklet II. Das Schauspiel, welches zwei Päpste darboten, die einer nach dem andern sich auf den Heiligen Stuhl setzten, sobald der eine oder der andere davon hatte aufspringen müssen, war nicht neu. Man griff alsbald zu den Schwertern. Innocenz II., zwar schnell im Lateran eingesetzt, flüchtete sich noch am Tage seiner Wahl ins Palladium, die Festung der Frangipani am Palatin. Anaklet II., unterstützt von seinen Brüdern Leo, Jordan, Roger, Huguizon und von zahlreichen Klienten, zog nach dem St. Peter, sprengte diesen auf, ließ sich von Petrus von Portus zum Papst weihen, stürmte den Lateran, ließ sich auf die dortigen Stühle nieder, zog nach S. Maria Maggiore und nahm die Kirchenschätze in Beschlag. Die Stadt erscholl vom Bürgerkrieg, während tausend Hände sich gierig ausstreckten, das Glück aufzugreifen, welches das goldene Meteor Anaklet verstreute. Bei den tumultuarischen Prozessionen, die er als Papst hielt, kann unser Blick die Judensynagoge entdecken, aufgereiht am fabelhaften Palast des Chromatius, den Rabbi mit der großen, verhüllten Rolle des Pentateuch an ihrer Spitze, und wir stellen uns vor, daß die Kinder Israel mit so aufrichtigen Hymnen schadenfroher Glückwünsche noch nie einen Papst begrüßt hatten.

Rom war für Anaklet gewonnen, ja die Beistimmung so vieler ausgezeichneter Kardinäle und Großen gab ihm das volle Recht, Papst zu sein. Zwar mißglückte der Sturm aufs Palladium, aber Innocenz sah das feindliche Gold in diese Mauern dringen; er floh im April oder Mai nach Trastevere, wo er sich in den Türmen seines Geschlechts verbarg, während Anaklet ruhig im St. Peter die Ostern feierte, den Gegner bannte, die feindlichen Kardinäle absetzte und neue an ihrer Stelle schuf. Der endliche Abfall der Frangipani, welche dem Golde Pierleones nicht widerstehen konnten, machte Innocenz wehrlos; ihm blieb keine Wahl als die Flucht. Er schiffte sich heimlich auf dem Tiber ein und entwich über Pisa und Genua nach Frankreich wie Gelasius.

Es kam jetzt darauf an, welcher der Prätendenten die Anerkennung der Christenheit erhalten würde. Innocenz war Trasteveriner von Stamm wie sein Feind, doch vom alten Hause der Papareschi, Kardinallegat schon unter Urban II. und Vermittler des Wormser Friedens; der Ruf gelehrter Bildung und aufrichtiger Frömmigkeit empfahl ihn. Die Priorität der – wenn auch unkanonischen – Wahl gab ihm Vorteile über Anaklet; seine Flucht in das Asyl katholischer Päpste machte ihn zum Vertriebenen, jenen zum Usurpator: Deutschland, England und Frankreich, ein großer Teil Italiens, alle Mönchsorden anerkannten ohne langes Zaudern Innocenz II. Die Welt erinnerte sich plötzlich voll Verachtung der Abkunft der Pierleoni und vergaß ihre Verdienste um die römische Kirche. Aber die jüdische Gesichtsbildung durfte einem Papst nicht zur Unehre gereichen, wenn man sich erinnerte, daß Petrus und Paulus und Jesus selbst jüdischer ausgesehen als Anaklet. Selbst die Zustimmung der Stadt Rom, welcher er sicherlich große Freiheiten bot, konnte für ihn eher ein Verdammungsurteil als eine Empfehlung sein. Wir lesen noch die dringenden, zum Teil würdelosen Briefe, die er in alle Welt sandte, Anerkennung zu erlangen. Schon am 1. Mai schrieb er an Lothar; der König antwortete nicht; vergebens war die Hoffnung, ihn durch Exkommunikation des Gegenkönigs Konrad zu gewinnen; er antwortete nicht. Auch die aufgeregten Schreiben der Kardinäle und der Römer blieben unbeachtet.

Die Römer baten höflich um die Bestätigung ihres Papsts; aber sie tadelten den König, daß er diesem nicht geantwortet habe, und erklärten, ihm die Kaiserkrone zu versagen, wenn er länger zaudere, Anaklet anzuerkennen. »Wenn du«, so schrieben sie, »die ruhmvollen Fasces des Römischen Reichs erlangen willst, so mußt du dich den Gesetzen Roms fügen und nicht die Eintracht deiner Bürger stören; denn noch erwecktest du uns nicht solche Sympathie, daß uns an deiner Krönung so viel sollte gelegen sein; erst seitdem wir die Gewogenheit des Papsts für deine Person erkannt haben, wollen auch wir dir wohl, und wünschen wir deinen Purpur mit würdigen Ehren zu schmücken.« Die Römer fühlten sich frei einem deutschen Könige gegenüber, der nicht das Erbrecht der Salier besaß und welchen noch ein Gegenkönig bestritt; zwar anerkannten sie mit dem Titel des »Königs der Römer« das nun herkömmliche Anrecht deutscher Könige auf die Kaiserkrone, aber sie machten diese entschieden von der Wahl des römischen Volkes abhängig. Ihre stolze Sprache atmete schon den republikanischen Geist, der sich in den lombardischen Städten machtvoll entwickelte, in Rom sich zu regen begann.

Als Anaklet aus dem Schweigen der Welt erkannte, daß sie ihn verwarf, sah er sich in seiner Nähe nach einem Bundesgenossen um. Die ehemaligen Parteien wechselten nach dem Wormser Konkordat auf sonderbare Weise: der König Deutschlands und sein alter Anhang in Italien standen nun zur katholisch-französischen Fahne, die Normannen, einst deren Träger, verließen sie als natürliche Feinde des Kaisertums. Anaklet aber folgte der alten Politik der Päpste, wenn er sich mit dem Herzog von Apulien verbündete. Der Monarchie Rogers fehlte nur der anerkannte Titel des Königtums, welchen ihm seine Landesparlamente schon gegeben hatten; jetzt bot ihm Anaklet um den Preis seiner eigenen Anerkennung auch die päpstliche Sanktion, und Roger ergriff dies Anerbieten, weil die Ideen der Zeit an die Notwendigkeit solcher Weihen glauben machten. Anaklet schloß im September zu Benevent und Avellino mit ihm ein Schutz- und Trutzbündnis; ein Kardinallegat eilte sodann nach Palermo und salbte am Weihnachtstage 1130 Roger I. als König von Sizilien, während ihm Robert II. von Capua die Krone reichte. So wurde durch die Mitwirkung eines schismatischen Papsts das Königreich Sizilien gestiftet. Dies schöne Reich bestand unter den erstaunlichsten Wechselfällen des Glücks 730 Jahre lang, bis es in unserer Gegenwart in derselben abenteuerlichen Weise vernichtet wurde, mit der es einst normannische Helden geschaffen hatten.

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